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Belletristik
Buch Leseprobe Grenzenlos, Peter Kruse
Peter Kruse

Grenzenlos


Ein zeitgenössisches Märchen für Erwachsene

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Prolog


 


„Nun wollen wir die Kirche doch im Dorf belassen. Der Junge hat nichts als Flausen im Kopf, aus dem wird nie etwas Besonderes“.


Mit dieser, wenig Euphorie aufkommen lassenden Prophezeiung, hatte Dorfschullehrerin Käthe Kotschi seine Eltern auf den Boden der Tatsachen genagelt. Das eindeutige Urteil einer solch honorablen Respektsperson wird nicht in Zweifel gestellt. Somit war für alle Beteiligten das kurze Lehrer-Eltern Gespräch auch wenig später beendet. Max, dem eigentlichen Protagonisten der Unterhaltung, wurde lediglich eine Zuhörerrolle zugestanden.


   In vorliegender Erzählung über den schon frühzeitig von extremem Fernweh heimgesuchten Max, habe ich meine bisherige Biografie und prägende Begegnungen in den Rahmen einer fiktiven Zukunft gebettet. Dieses Buch lässt sich ganz bewusst keiner eindeutigen literarischen Schublade zuordnen. Vielmehr war mir beim Schreiben daran gelegen, genreübergreifend verschiedene Themengebiete miteinander zu verknüpfen, um eine breite Leserschaft anzusprechen. Ganz egal wie individuell wir Menschen auch sein mögen: Sinn für Humor, Neugier, Träume und Abenteuerlust verbindet uns alle. Es handelt sich bei diesem Buch sozusagen um ein modernes ″Hans im Glück″, wenn Sie so wollen. Auch alle Märchen der Gebrüder Grimm sind letztendlich die Weitergabe von Erfahrungen in unterhaltsamer Form.


   Die im Verlauf von fünf Jahrzehnten stetig in mir gewachsene Erkenntnis, dass jeder von uns selbst bestimmt wie zufrieden oder unzufrieden er ist, bildet Essenz und Rahmen dieser Erzählung. Alles was ich schreibe und beschreibe, führt stets zu dieser These zurück. Meine aktuelle Lebenseinstellung ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Reifeprozesses, genährt aus Fehlern, Enttäuschungen, Reflexionen, Lektionen und anderen Einflüssen, die ich auf meinem bisherigen Werdegang erleben und erfahren durfte. Sie haben es mir ermöglicht mein Denken und damit meine Welt zu ändern. Manchmal habe ich gewonnen, manchmal dazugelernt.


   Wie ironisch erscheint es, dass sobald man zu der Überzeugung gelangt alles Wesentliche gelernt zu haben, es bereits an der Zeit ist sich vom Leben zu verabschieden. Aber anders kann es bei uns Menschen nicht sein, denn Erfahrungen werden nicht vererbt. Um alt und weise zu werden, muss man zunächst jung und naiv gewesen sein. Dennoch besteht die Option, von den Erfahrungsberichten anderer zu profitieren, anstatt sie alle auch selbst zu durchleben. Somit beschleunigen wir unseren Reifeprozess erheblich.


   Diese Lektüre ist für den bevorstehenden Urlaub, als abendliche Bettlektüre, die Auszeit auf der Parkbank oder ein regenverhangenes Wochenende gedacht. Sie soll zum Nachdenken, in erster Linie jedoch zum Schmunzeln und Lachen animieren. Der Leser nimmt deshalb teil an zahlreichen Anekdoten aus Max’ Zeit in verschiedenen Ländern Zentralamerikas und der Karibik.


   In einer Zeit rasant stattfindender Umbrüche und spiritueller Entwurzelung kann es nicht schaden, sich von mutmachenden Menschen und deren Geschichten beflügeln zu lassen.


Inspirierende Erlebnisse und Interpretationen in diesem Buch sind daher als winziges Gegengewicht zur Masse der Krimis und Fantasy-Büchern gedacht, die es dem Leser ermöglichen sich der Realität zu entziehen, um in schillernde Pseudowelten abzutauchen. Auch der von einer imaginären Internetwelt geprägte Zeitgeist verführt dazu, sich nach innen zu wenden. Warum nicht mit Zuversicht, Mut und Freude durch das wahre Leben gehen? Es ist doch ungleich spannender, sich seiner Existenz unvoreingenommen und mit Neugier zu stellen, sich anzunehmen wie man ist und stolz auf sich zu sein. Sei ein Held in dieser Welt, nicht im Cyberspace.


   „Nur wer sich selbst liebt, kann auch seinen Nächsten lieben“. So soll die von Martin Luther übersetzte Bibelpassage „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ im Original gelautet haben. Die ursprüngliche Version ist also sehr viel eindeutiger im Bezug auf unsere primäre Eigenverantwortung: Liebe strömt von innen nach außen, von mir zu dir. Es fällt schwer jemanden zu lieben oder Sympatien zu entwickeln für eine Person, die sich selbst nicht mag. Und wenn es dann auch nicht unbedingt Liebe ist, so doch zumindest der gleiche Respekt, den jeder auch für sich selbst beansprucht.


   Max, die Hauptfigur dieser Erzählung, verbrachte Jahrzehnte in Ländern mit bettelarmen Bevölkerungsschichten. Dabei traf er dennoch stets auf Menschen, die es eindrucksvoll geschafft hatten, für eine Verbesserung der prekären Lebensumstände zu kämpfen, in die sie hineingeboren waren.


Zurück in Europa fiel ihm daher gleich auf, wie viele, oftmals junge Leute sich hier einreden, keine Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben zu haben. Anstatt zu handeln, beschränken sie sich darauf, das ″Glück der Anderen“ zu beneiden und das eigene Schicksal demütig hinzunehmen. Einmal vertraute ihm ein 12-jähriger Junge sogar an, sein Berufswunsch wäre Hartz-IV-Empfänger!


   Weshalb gehen so viele Menschen davon aus, dass es ohne hohes Anfangskapital, akademische Titel, einflussreiche Kontakte und das “richtige” Aussehen unmöglich ist, seine ganz individuellen Wünsche und Träume zu verwirklichen? Zahlreiche Beispiele belegen doch, dass „gutaussehende“ Menschen, die mit einem bekannten Namen oder als Kinder vermögender Eltern geboren werden, es nicht automatisch leichter haben. Ganz zu schweigen von der allseits gerne bewunderten Prominenz aus Film und Fernsehen. Im Gegensatz zum Otto-Normalverbraucher muss diese höllisch aufpassen, in einem achtlosen Moment nicht von einem Paparazzo beim sich daneben benehmen erwischt zu werden. Auch kein wirklich beneidenswertes Leben, wenn man unter permanenter Beobachtung steht. 


   Der Schauspieler Richard Gere lässt sich manchmal die Bartstoppeln wachsen und kleidet sich wie ein Landstreicher. Dann setzt er sich für einige Zeit in New York City auf den Gehsteig. Die wenigen Menschen, die ihm dann Beachtung, womöglich sogar ein Lächeln schenken, lassen ihn wieder zu sich kommen. Zurück zu dem ordinären Menschen, der er im tiefsten Innern wirklich ist.


   Doch diese Erzählung fokussiert nicht auf die ″Prominenz“ und deren ″Traumwelten″. Sie richtet sich an alle, und somit mehrheitlich an den „Menschen von nebenan“ und seine Träume. Sollte dieser es aufgrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage, seines Alters, vermeintlicher Risiken eines möglichen Scheiterns oder der fehlenden Genehmigung von Freunden und Familie auf einen Versuch, seine Träume zu verwirklichen besser gar nicht erst ankommen lassen? Muss er sich seinem Schicksal ergeben und nehmen, was er kriegen kann? Natürlich nicht! Wenn Träume und deren Realisierung nicht Teil des Lebens wären, würde es diese Wörter gar nicht geben.


   Als ich den Guatemalteken Jayro Bustamante kennenlernte, war dieser ein unbedeutender Regisseur für Werbespots, mit großen Träumen und ebenso viel Optimismus. Durch dem ihm auf der diesjährigen Berlinale verliehenen Silbernen Bären für seinen Film „Ixcanul“ hat sich dessen Leben radikal verändert. Seit seinem sensationellen Debut als Filmregisseur fliegt Jayro von Land zu Land, um immer neue internationale Auszeichnungen entgegenzunehmen. Bislang waren es 25 Preise in 19 Ländern. Seine Landsleute sind voller Stolz auf ihren preisgekrönten Sohn. Sein Beispiel wirkt wie Salbe auf dem vernarbten Selbstbewusstsein dieses gebeutelten Landes.


Während er noch an Ixcanul drehte, saßen wir bei einer gemeinsamen Freundin in Antigua zum Abendessen und haben ihm Mut zugesprochen. Heute gehört mein charismatischer Freund zur internationalen Filmszene. In einer Hinsicht schade, denn nun müssen María Eugenia und ich vorerst auf unterhaltsame Kochabende mit ihm verzichten.


   Sollten besondere sozioökonomische Umstände allesent- scheidend sein, wie ist es dann möglich, dass es zahlreichen Menschen ohne ideale Ausgangskarten dennoch gelingt, tiefe Zufriedenheit zu erlangen? Trifft man nicht lachende Menschen in den Armutsvierteln von Bangladesch und zu Tode betrübte Selbstmordkandidaten aus westlichen ″Wohlstandsländern″? Beide Gemütszustände haben mit einer ganz persönlichen, inneren Einstellung zum Leben und sich selbst zu tun.


   Erfolg zu haben bedeutet nicht, ständig zu gewinnen. Das wäre eine Illusion und führt letztendlich zur Frustration. Zufriedenheit zu verspüren bedingt, an sich zu glauben und niemals den Mut zu verlieren. „Die Welt gehört den Furchtlosen“, hat Charles „Charly“ Chaplin - Waisenkind und lange Zeit Obdachloser - vor fast 100 Jahren manifestiert und anhand seiner eigenen Lebensgeschichte auch bewiesen. Es handelt sich also um keine Modeerscheinung, wenn man seine Befürchtungen überwindet und an sich glaubt. 


   Bereits an dieser Stelle sei angemerkt, dass Erfolg und Zufriedenheit nicht auf materielle Werte reduziert werden können. Harmonische Beziehungen, Freundschaften und soziales Engagement sind ungleich wichtiger für ein erfülltes Leben, wie die finanzielle Situation. Menschen mit einer ausgeprägten inneren Ausgeglichenheit wissen, dass Gedanken an Geld im Grunde völlig überflüssig sind. Sie führen leicht zu einer extrem hinderlichen geistigen Verkrampfung und vernebeln den Blick für das Wesentliche. Wer bei dem, was er macht, gut ist und Freude hat, generiert in den allermeisten Fällen fast unwillkürlich Geld. Ab diesem Moment verliert das Materielle auch gleich wieder an Bedeutung. Das eine zieht das andere nach sich. Warum also das Pferd von hinten aufzäumen und sich in seinem Handeln primär auf finanziellen Wohlstand fixieren? Reich ist doch bereits derjenige, der mit wenig zufrieden ist. Jayro Bustamante hat genau so gehandelt. Reichtum anzuhäufen ist nie die Triebfeder für das Erfüllen seiner ehrgeizigen Ambitionen gewesen.


   Die Antwort auf die Frage, warum der Verlauf des Lebens nur in geringem Maße von externen Faktoren abhängt, ist ganz simpel: Weil es kaum allgemein gültige äußeren Beschränkungen gibt, um unsere Fantasievorstellungen zu verwirklichen. In unseren Köpfen existieren lediglich innere Barrieren, wie Ausreden, Vorwände, Verhaltensweisen und Ängste, die jeder von uns selbst generiert oder generiert bekommt. Sie wirken wie ein Schatten vor den Augen und lähmen den Verstand. Nichts bestimmt den Verlauf unseres Lebens so sehr wie (Selbst-)Zweifel und wie wir damit umgehen. Angst darf nicht das Ende sein, sie muss am Anfang dessen stehen, was wir uns trauen.


   Wir sollten, so wie Kinder es instinktiv tun, unsere Zeit und Energie nicht mit Gedanken verschwenden, die zu nichts führen. Besser man konzentriert sich auf diejenigen Dinge, auf die wir tatsächlich Einfluss ausüben können und wollen. Obwohl man ehrlicherweise zugeben muss, dass insbesondere die ganz pfiffigen Zwerge es meisterhaft verstehen so lange Lärm zu schlagen, bis auch das Unmögliche möglich wird. Ein durchaus nützlicher Charakterzug, der uns Menschen spätestens nach der Einschulung abgewöhnt wird.


   Vor dem Verlangen etwas ändern zu wollen oder zu müssen, steht immer ein quälendes Gefühl der Unzufriedenheit. Wer zu lange in diesem Stadium verharrt und sich scheut den ersten Schritt zu tun, kommt gar nicht oder nur noch humpelnd voran. Früher oder später wird er sein Zögern bereuen, denn keine Entscheidung zu treffen ist auch eine Entscheidung. Man ist nämlich nicht nur verantwortlich für was man macht, sondern auch für was man nicht macht.


Herausragende Persönlichkeiten waren auch „normale“ Menschen, bis sie schließlich den Mut aufbrachten, außergewöhnliche Entscheidungen zu trefffen. Doch um zu bekommen was man nie hatte, muss man tun, was man nie zuvor getan hat, egal wie abstrus es einem zunächst anmutet. Jeder verrückte Plan war nur solange verrückt, bis er umgesetzt wurde.


   Wir besitzen alle nur ein einziges Leben, mit der Option eher kreativ oder passiv zu sein, zu warten, dass etwas passiert oder sich zu holen, was man möchte. Die Frage, die jeder sich stellen sollte lautet: Will ich leben, oder lasse ich zu gelebt zu werden?


Bei all denjenigen, die sich nicht auf eine Wiedergeburt und damit auf eine zweite Chance verlassen wollen, um die Dinge anders oder besser zu machen, beschränkt sich das Leben auf den Zeitraum zwischen Geburt und Tod. Dieses Zeitfenster ist nicht selten kürzer als man annimmt. Warum also Pepsi trinken, wenn man eigentlich Lust auf Coca-Cola hat?


   Jeder Mensch ist so einzigartig wie sein Fingerabdruck oder seine DNA. Es gibt unter uns niemanden, der nicht über ganz bestimmte individuelle Talente und Fähigkeiten verfügt.  Diese bei sich zu erkennen und aktiv zu nutzen, ist nicht nur für jeden von uns machbar, sondern höchst empfehlenswert. Solch ein bewusstes Handeln führt zu persönlichem Erfolg und dem daraus resultierenden Selbstbewusstsein. Je mehr wir darauf eingehen, desto mehr Spaß bereitet es. Und je früher man anfängt, desto besser. Gleichzeitig ist es nie zu spät.


   „Der beste Moment einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren. Der zweitbeste Moment ist heute!“


   Eines Tages kam eine Frau zu Konfuzius. Sie beklagte sich, dass ihr Sohn vom Lehrer zwar ausgezeichnete Noten im Zeichnen erhielt, in Mathematik hingegen immer nur miserabel abschnitt. Konfuzius hörte aufmerksam zu und fragte die Frau:


   ″Was glaubst du, was du jetzt tun solltest?″


   „Ich werde ihn unverzüglich Nachhilfe in Mathematik nehmen lassen“, antwortete diese.


Konfuzius schüttelte den Kopf und erwiderte:


   „Sei nicht unklug, Frau. Finde lieber einen Meister, der deinem Sohn hilft, sein Talent für das Zeichnen zur vollen Blüte zu entfalten“.


   Auf die heutige Zeit übertragen bedeutet dies: Vergiß den Wettbewerb, mach was dir Spaß bereitet und mach es so oft wie möglich. Niemand wird langfristig erfolgreich sein in etwas, an dem er keine Freude verspürt. Und wenn dir die Erfüllung deiner Zukunftswünsche Angst macht, dann mach es halt mit Angst. Wer niemals seine Furcht überwindet, wird viel verpassen. Kleine und große Erfolgserlebnisse fördern und stärken unser Selbstvertrauen. Sie lassen uns und andere an uns glauben. Letztendlich bilden sie den Schlüssel zu tief empfundener Zufriedenheit und führen zu Respekt und Anerkennung seitens unserer Umwelt. In letzter Instanz bescheren sie uns das, was wir gemeinhin als ″Glücksgefühle″ bezeichnen.


   Als Jugendlicher las Max in der Lokalzeitung seines Heimatortes einen bemerkenswerten Bericht über eine 64-jährige Rentnerin und deren Enkel. Beim Spaziergang durch den Wald jonglierte der Junge auf einem Stapel Holzstämmen. Plötzlich kam der Stapel in Bewegung. Der Junge stürzte und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht unter einem der Stämme eingeklemmt. Seine Großmutter kam ihm sofort zur Hilfe, indem sie einen etwa 100 kg schweren Baumstamm anhob, um ihren Enkel zu befreien. Zunächst war sie nicht bereit, sich über dieses, von ihr eher zu verdrängen versuchte Ereignis zu äußern. Erst nachdem es ein Journalist nach einigem Drängen geschafft hatte, sie zu interviewen, gestand sie, wie wehmütig sie ihre unglaubliche Rettungsaktion im Nachhinein gestimmt hatte. Seit diesem Vorfall fragte sie sich, wozu sie sonst noch in ihrem Leben imstande gewesen wäre. Hätte sie doch nur zuvor auch jedes Mal so vorbehaltlos an das Gelingen ihrer Vorhaben geglaubt, wie im Fall der Rettung ihres Enkels. 


In diesem präzisen Augenblick war keine Zeit gewesen, Pro und Kontra abzuwägen, Dritte zu konsultieren oder jemand anderen vorzuschieben. Sie handelte instinktiv. Dadurch brachte sie genau das zustande, was durch längere Bedenkzeit mit absoluter Sicherheit von ihr selbst als absurdes Vorhaben abgetan worden wäre.


Um die immense Bedeutung, an seine individuellen Möglichkeiten zu glauben, ohne sie gleichzeitig infrage zu stellen, geht es im letzteren Teil dieses Buches.


   Träume, Sehnsüchte und Illusionen gehören schon immer zum Menschsein und sie unterscheiden uns von anderen Lebewesen. Man kann sie aufleben oder verkümmern lassen. Jedoch ist das Realisieren von Träumen nichts für Tagträumer. Wer das eine will, muss das andere mögen. Der Träumer muss bereit sein, alles Notwendige beizusteuern und mutige, manchmal auch unrealistisch anmutende Entscheidungen zu treffen. Geduld, Ausdauer, Risikobereitschaft sowie das Verkraften von Nackenschlägen und Enttäuschungen sind gefordert. Ein steter Tropfen hölt den Stein, weil er ausdauernd ist, nicht wegen seiner Stärke.


   Der erste Schritt ist der schwierigste. Er bedingt, seinen Verstand zu ignorieren und dem Herz zu folgen. Später allerdings nicht vergessen, ersteren ab und zu wieder einzuschalten! 


   Das Buch welches allen gefällt, existiert nicht. Ich wünsche mir daher auch nur das es mir gelingt, meine Lebensphilosophie anhand dieser Erzählung an möglichst viele Menschen weitergeben zu können, die für kleine und große Veränderungen im Alltag empfänglich sind.


 


Es gibt auf dieser Erde mehr Menschen mit Hunger nach Liebe und Anerkennung, als nach Brot.


             (Mutter Theresa von Kalkutta) 


 


 


Das Strandhaus in Kalifornien


 


′Kaum zu glauben, wie einfach alles gewesen ist′, dachte Max, als er am Tag nach seinem 58. Geburtstag gemütlich im Schaukelstuhl auf der Veranda seines schönen Strandhauses am La Jolla Beach in San Diego Platz nahm. 


   Es war der 8. März 2021 und die Morgensonne erhob sich gerade erst zaghaft über dem vor ihm schimmernden Pazifik. Das zu dieser Zeit noch sanfte und gleichmäßige Rauschen des Meeres wurde nur für einen kurzen Augenblick von den Schreien einer vorbeifliegenden Schar von Zugvögeln übertönt. Er fragte sich, wo zum Teufel die so früh morgens schon so eilig hinwollten. 


   Seine Frau Jetzenia lag noch tief und fest schlafend im Bett. Die Geburtstagsparty der letzten Nacht und alle damit verbundenen Vorbereitungen hatten ihr einiges abverlangt. Max selber konnte nicht länger schlafen. Zu viele Gedanken kreisten an diesem Morgen in seinem Kopf. 


Hatte er nur geträumt oder war wirklich alles genauso gekommen, wie er es vor vielen Jahren geplant hatte?  ′Ist es tatsächlich so einfach, den Verlauf seines Lebens zu bestimmen? Oder bin ich nur ein vom Schicksal verwöhntes Sonntagskind?′, fragte er sich, in Gedanken versunken. 


   Der letzte Gast, der sich am gestrigen Abend von ihm verabschiedet hatte, war sein ältester und bester Freund Theo. Max und Theo kannten sich schon solange sie denken konnten. Beide waren in der kleinen Gemeinde Langförden im ländlichen Norddeutschland groß geworden und zur Schule gegangen. Gemeinsam hatten sie die erste Zigarette hinter einem großen Stapel alter Obstkisten geraucht, den hübschen Mädchen des Ortes nachgestellt und mehr als einmal große Pläne für die Zukunft geschmiedet. 


   Obwohl sich ihre Wege Jahre später immer wieder trennen sollten, zum ersten Mal, als sie an verschiedenen Universitäten in unterschiedlichen Städten angenommen wurden, haben sie den Kontakt zueinander nie abbrechen lassen. Beiden war es wichtig, ihre enge Jugendfreundschaft ein Leben lang beizubehalten, egal, was auch passieren sollte. 


Dies war kurioserweise, wie sich später noch zeigen wird, gerade aufgrund der großen örtlichen Distanz die sie voneinander trennte, leichter zu gestalten als anzunehmen. 


   Bevor Theo am Vorabend die Party verließ, vertraute er seinem Freund Max noch an, wie sehr er ihn um das große Glück beneide, mit einer so wunderbaren Frau an seiner Seite an einem so traumhaften Ort leben zu dürfen. Es erschien ihm, als ob die beiden genau das sorgenfreie und spannende Leben genießen, wovon viele nur träumen. Max dankte ihm dafür und dachte für einen kurzen Moment, wie froh er selbst über den Verlauf der Dinge war. 


   Als Theo gegangen war, legte Max sich neben seine Frau ins Bett und genoss es, als diese im Halbschlaf wie jede Nacht ihren Arm auf seine Brust legte, um gleich darauf ihren warmen Körper an den seinen zu schmiegen. Er musste unwillkürlich lächeln und verspürte tiefe Dankbarkeit für das, was sein Freund Theo kurz zuvor als „großes Glück“ definiert hatte. 


   Aus irgendeinem Grund konnte er nicht gleich einschlafen. Da war etwas gewesen, das ihn störte. Als er frühmorgens aufwachte, wusste er plötzlich, was es gewesen war. Es waren eben diese Abschiedsworte von Theo, die nicht in das hineinpassten, was er selbst tief im Inneren empfand. 


   ″Glück gehabt″ war, worum sein Jugendfreund ihn beneidete. Max konnte nicht verstehen, warum jemand, der ihn am längsten und besten kennt, behaupten konnte, dass Glück ihn dahin geführt haben sollte, wo er heute war. Je mehr er darüber nachdachte, umso mehr ärgerte er sich sogar über diese so leichtfertig aufgestellte Behauptung. 


   Wie konnte Theo so etwas sagen?! Was hatte Glück damit zu tun, wie sich die Dinge über die Jahre entwickelt hatten? War es nicht in erster Linie die konsequente Verfolgung ganz klarer Ziele und eben nicht der pure Zufall gewesen, die ihn dahin geführt hatten, wo er sich heute befand? Nicht Glück, sondern Glaube, vielleicht auch noch das Vertrauen in die empirische Wahrscheinlichkeitsrechnung und die eigene Intuition, so erschien es Max, war wohl der treffendere Grundstein für sein bisheriges Leben gewesen. Wer nicht aufgibt, eines ums andere Mal an immer neue Türen zu klopfen, selbst wenn er permanent abgewiesen wird, dem wird sich aufgrund des mathematischen Wahrscheinlichkeitsprinzips früher oder später einmal eine davon öffnen. Diese bringt den Ausdauernden anschließend wieder ein Stück weit seinem Ziel entgegen. Gleichzeitig hatte er gelernt, dass Beharrlichkeit vor dem Erfolg steht. 


   ′Glück′, dachte Max erneut, ′was ist denn eigentlich Glück?′  


Es fiel ihm schwer, sich Beispiele aufzuzeigen, in denen so etwas wie Glück der entscheidende Faktor gewesen sein konnte. 


War es Glück, welches den jungen William „Bill“ Gates zu dem Entschluss verleitete, sein Jurastudium an der Eliteuniversität Harvard nach 2 Jahren abzubrechen? Nur, um mit seinen Studienfreunden Steve Ballmer und Paul Allen zusammen in der elterlichen Garage technische Geräte zusammenzulöten. Apparate, von denen bislang niemand auch nur ansatzweise geahnt hatte, dass ein Leben ohne sie bald undenkbar würde. Wohl kaum! 


   Selbst der Jackpotknacker der Staatslotterie vom letzten Samstag, hatte der einfach nur Glück gehabt? Darf man den Umstand, dass dieser von vielen beneidete Mensch heute eine Million Euro mehr auf seinem Konto hat, wirklich einfach nur als reinen Glücksfall abtun? 


Nein, sprach Max zu sich selbst. Er hat sich dieses Geld in gewisser Weise verdient, weil er daran geglaubt hat, das große Los zu ziehen. Indem er sich die Mühe machte, einen Lottoschein auszufüllen und bereit war, einen Preis dafür zu zahlen, als er ihn am Kiosk abgab. Andere haben den gleichen Betrag an diesem Abend vielleicht in ein paar Bierchen in ihrer Eckkneipe ″investiert″ und nicht mehr dabei gewonnen als einen kurzfristigen Rausch. Hatten diese Zeitgenossen denn keine Chance auf das vermeintliche Glück? Waren sie Pechvögel? 


Glück hatte der millionenschwere Neureiche, so schlussfolgerte Max, vielleicht gehabt, wenn er sich beim Ankreuzen der sechs Zahlen versehen hatte und nur dadurch alle Ziffern korrekt angekreuzt waren. Doch selbst in diesem Fall waren die alles entscheidenden Faktoren für den Gewinn trotzdem der Glaube an den Erfolg, die Bereitschaft alles Notwendige zu tun und zu investieren. 


   Überhaupt mochte Max bezweifeln, ob den frischgebackenen Lottokönig sein plötzlicher Reichtum langfristig so rundum glücklich und erfüllt machen würde, wie er es in diesem Moment von ganzem Herzen für sich selbst empfand. Jedenfalls lassen die haarsträubenden Geschichten derjenigen Lottomillionäre, die nur wenige Jahre später finanziell wieder genauso dastanden wie zuvor, dies bezweifeln. Plötzlicher Reichtum ohne die dazugehörige, im Laufe der Jahre erworbene charakterliche Reife, hält nicht lange an. Extremfälle berichten sogar von Lottomillionären, die irgendwann Privatinsolvenz anmelden und Sozialhilfe beantragen mussten. Gleichzeitig waren die vielen neuen Freunde und Bewunderer urplötzlich auch nicht mehr erreichbar. Was blieb, war die uralte Erkenntnis, dass Geld nun einmal nicht glücklich macht. 


   Glück, das stand für Max in diesem Moment ganz fest, ist nur äußerst selten der entscheidende Faktor. Glück hatte bestenfalls der auf sich selbst fluchende Wolfsburger Bandarbeiter gehabt, als er seinen über Monate hinweg ersparten Flug in den Jahresurlaub verpasste. Als er aus den Abendnachrichten von dem Absturz genau dieser Maschine erfuhr, bei dem keiner der Insassen das Inferno überlebte, konnte man ihn in der Tat als Glückpilz bezeichnen. 


 


Hatte Max es also lediglich dem puren Glück zu verdanken, dass er heute Morgen völlig entspannt und zufrieden auf seiner Veranda sitzend aufs Meer schauen konnte? Nein, das war ein Gedanke, den er einfach nicht akzeptieren konnte, der ihn sogar in höchstem Maße irritierte. 


 


Es muss so etwas wie Glück geben. Wie sonst würden wir uns den Erfolg derjenigen erklären, die wir nicht mögen? 


  (Jean Cocteau) 




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