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Belletristik
Buch Leseprobe Gingers Geheimnisse, A. L. Hed
A. L. Hed

Gingers Geheimnisse



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Ich weiß noch genau, dass es der letzte Tag im Juni war, als das Leben mich wieder einholte. Die vergangenen zwei Jahre war diese Kleinstadt in Südfrankreich meine Zuflucht gewesen, doch die Spuren, die ich auf dem Weg hierher hinterlassen hatte, waren vielleicht ein wenig zu auffällig gewesen, als dass jemand, der ernsthaft auf der Suche war, sie übersehen konnte. Es war ein sonniger Tag, wie so viele Tage in jenem Sommer, ich trug ein leichtes Kleid und bummelte. Es gab nicht viel zu tun für mich. Geschäftiges Treiben herrschte auf den Straßen, da die Kinder keine Schule hatten und die Erwachsenen Urlaub. Im Sommer strebte das halbe Städtchen hinaus in die weite Welt, umso mehr Touristen kamen jedes Jahr wie ein Schwarm hinein. Ich war nicht immer vorsichtig gewesen, glaubte, niemand würde mich hier vermuten, dabei war die Straße breit, und vielleicht hatte mich ein Mensch aus der Menge erkannt.


Wir wollten hinausfahren ans Meer, wir dachten, es würde Skip ein bisschen Abwechslung verschaffen, und Mimi wollte malen. Sie ist nicht besonders talentiert, doch sie malt mit Leidenschaft. Ich konnte diese Stadt, so schön sie war, nicht mehr ertragen. All die Tage, die mit zähem Trotz an mir vorbeizogen, ohne eine Hoffnung, ihnen zu entkommen.


Ich machte Station bei Gaston, einem Obst- und Gemüsehändler, zu dem ich in den Jahren ein gutes Verhältnis aufgebaut hatte. Ich wusste, er betete mich an, wahrscheinlich kaufte ich deshalb bevorzugt bei ihm. Eitelkeit ist eines meiner größten Laster. Er musste um die achtzig Jahre alt sein, damit fast dreimal so alt wie ich, aber er schien sich nicht zu schade, es wenigstens zu versuchen. Den Laden betrieb er immer noch eigenhändig. Seine Kinder waren vor langer Zeit fortgegangen, um ihre eigenen Leben zu führen. Mit ihm würden irgendwann sein Geschäft und unsere Gespräche an lauen Sommerabenden sterben, wenn wir zusammen in der orange werdenden Sonne vor dem Haus saßen und die Melonen aßen, die er nicht verkauft hatte.


„Jemand hat nach dir gefragt“, begrüßte er mich. Ich griff mir unbekümmert einen Apfel und biss hinein. „Aus welchem Grund?“ – „Er wollte wissen, ob du hier wohnst. Er sagte, er hätte deine Brieftasche gefunden.“ Ich runzelte die Stirn. „Ich habe keine Brieftasche verloren“, meinte ich nachdenklich. Gaston zuckte die Schultern, wie er es oft tat, wenn er glaubte, sein Gedächtnis würde ihm einen Streich spielen, es andere aber nicht merken lassen wollte. Ich verabschiedete mich, um zu sehen, ob Mimi und Skip zurück waren, und ging ins Haus.


Mir fiel sofort auf, dass Bertrand, der Concierge, nicht an seinem Platz saß. Ich klingelte deshalb an seiner Wohnung im Parterre, denn mein Abfluss in der Küche schien verstopft zu sein. Ich wollte, dass es repariert war, bevor wir fuhren. Marie, seine Frau, öffnete die Tür.


„Ah, Madame …“, sie vergaß immer meinen Namen, „jemand hat nach Ihnen gefragt.“ – „Meine Brieftasche?“ vermutete ich. Sie nickte: „Sie haben sie verloren, n’est-ce pas? Ich habe ihm gesagt, Sie würden im vierten Stockwerk wohnen. Sie sind nicht da, habe ich gesagt, er soll später wieder kommen.“


Leichtes Unbehagen überkam mich. Ich ahnte, ich würde unangenehmen Besuch bekommen, besonders, nachdem ich mich im Fahrstuhl überzeugt hatte, dass mein Portemonnaie sich sicher in meiner Handtasche befand. Über dieses ungute Gefühl hatte ich den Abfluss ganz vergessen. Erleichtert atmete ich auf, als ich niemanden auf mich wartend vor meiner Tür erblickte. Nach dem Schlüssel kramend dachte ich an den Unbekannten. Hatte mein Vater ihn geschickt? Wer könnte es sein? Joey? Cirus? Begann er jetzt, mir nachzuspionieren, um zu sehen, ob sein Geld gut angelegt war?


Den Schlüssel noch in der Hand betrat ich das Appartement. Skips Schuhe standen nicht da, sie schienen noch fort zu sein. Ich warf den Schlüssel auf das kleine Tischchen im Korridor und wollte das Wohnzimmer betreten. Angewurzelt blieb ich stehen. Einen Augenblick dachte ich, der Boden würde unter mir nachgeben. Gedanken. Panik. Flucht. Tyrone! Hatte ich es laut gesagt oder nur gedacht? In mir tobte es. Luftholend zog ich die Wut aus der Tiefe hervor. Sie gab mir Sicherheit. „Was tust du hier?“


Tyrone bemerkte wohl, dass die Überraschung des ersten Schreckens einem verschlossenen, misstrauischen, fast feindseligen Ausdruck wich. Ich hatte mich aber wieder unter Kontrolle. Mit nichts hatte ich weniger gerechnet, als ihn hier zu finden. Hätte ich auch nur annähernd geahnt, dass er der Fragen stellende Unbekannte war, ich würde ihn sicher mit einer gleichgültigen Miene empfangen haben. So hatte er jeden Vorteil auf seiner Seite. Lässig streckte er sich in dem Sessel, in dem er es sich gemütlich gemacht hatte, setzte dann sein so vertrautes Lächeln auf und antwortete ohne jede Regung: „Ich habe auf dich gewartet.“


Eine Sekunde ob seiner Unverfrorenheit verblüfft, schwieg ich, bis er sich erhob und einen Schritt auf mich zu machte. In automatischer Abwehrreaktion ballte ich meine Hände zu Fäusten. Er tat so, als wäre das alles normal, seine Anwesenheit in meiner Wohnung, sein ironisches Gesicht, seine Augen, die wirkten, als würden nicht mehr als drei Jahre zwischen unserer letzten Begegnung und diesem Tag liegen, seine Selbstverständlichkeit, seine Antwort auf meine Frage.


„Wie bist du hineingekommen?“ „Du weißt, dass Türen kein Hindernis sind.“ „Was willst du?“ Tyrone zögerte. Es schien, als hätte er für eine winzige Zeitspanne das Selbstvertrauen verloren. Vielleicht konnte er auch einfach nur meine Reaktion auf seine Erwiderung nicht einschätzen und fürchtete sie. Er kannte mich zu genau, um nicht ständig auf der Hut zu sein. „Wir möchten, dass du wieder für uns arbeitest“, informierte er mich schließlich.


„Nein!“


Tyrone sah sich um. „Schöne Wohnung hast du. Du wohnst mit Mimi zusammen? Ihr habt euch ja schon immer gut verstanden. Wer finanziert das alles? Dein Vater?“


Es war im eigentlichen Sinn keine Frage. Als er meinen Vater erwähnte, wusste ich, dass ich verloren hatte. Er hatte meinen wunden Punkt getroffen, und er war sich dessen bewusst. Einen Augenblick später konnte ich das nicht mehr mit Gewissheit sagen. Sein Gesichtsausdruck war nicht echt. Hinter dem aufgesetzten Du-kannst-Dich-nicht-wehren-Lächeln erkannte ich die Unsicherheit. Er ahnte es eher, als dass er es überblickte. Oder hielt ich mich nur an diesem Strohhalm fest? Ich wagte nicht, die Informationen, die er besaß, auf ihre Tiefe zu testen. Angst vor der Wahrheit spielte eine Rolle ebenso wie die Furcht, mehr zu verraten als selbst zu erfahren. Ich musste nachdenken.


Vorher musste er gehen. Seine Anwesenheit zerrte an meinen Nerven. Mir fehlte nur jedes Wissen, wie ich ihn zum Gehen veranlassen könnte. Ich erinnerte mich an seine Hartnäckigkeit und an seine manchmal widerborstige Art. Es würde nicht einfach sein.


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