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Belletristik
Buch Leseprobe Gib mir meinen Stern zurück, Amanda Frost
Amanda Frost

Gib mir meinen Stern zurück



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Einmal im Leben nach Hollywood! Auf Du und Du mit den Stars! Und zur Krönung in Beverly Hills shoppen!


Wer hat sich das nicht schon gewünscht?


Wahrscheinlich jeder, bis auf Valerie, denn die sehnte sich gerade ganz weit weg von der Stadt der Engel. Seit über zwei Stunden hastete sie nun von einem hippen Designer-Laden auf dem Rodeo Drive zum nächsten, auf der Jagd nach einer American Express Platinum Kreditkarte. Nämlich der, die ihre Chefin verloren hatte.


„Irgendwo auf dem Rodeo Drive!“, war die lapidare Standortbeschreibung gewesen, die Angelina ihr mit auf den Weg gegeben hatte. Und sollte sie das kostbare Stück nicht aufstöbern, käme sie nicht umhin, die Karte erneut sperren zu lassen. Was nur die Spitze des Eisbergs wäre. Denn aus Erfahrung wusste sie, was das hieß: Tagelang Buchungen zu eruieren, da Angelina im Nachhinein keinen blassen Dunst von ihren ausschweifenden Konsumgewohnheiten hatte.


Auf der berühmtesten Einkaufs- und Flaniermeile der Welt glitzerten die protzigen Schriftzüge und goldverzierten Türen der namhaften Geschäfte um die Wette und schenkten den umherschweifenden Touristen staunende Gesichter und leuchtende Augen. Valerie hingegen nahm diese Opulenz kaum mehr wahr. Das Leben im Dunstkreis einer der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen hatte seine Spuren hinterlassen.


Die vier silbernen Buchstaben des Dior-Schriftzugs starrten sie herablassend an, als sie im Begriff war, die schwere Glastür des noblen Ladens zu öffnen. In diesem Moment läutete ihr Handy. Die Strahlen der kalifornischen Frühjahrssonne brachen sich auf dem Display, während sie es aus der Jackentasche zerrte. Ein kurzer Blick darauf genügte. Auch das noch!


„Ja, Angie, was gibt’s?“


Sogleich vernahm sie eine um Mitleid heischende Stimme. „Ach, Valerie, die Perlonstrümpfe, die ich heute Abend tragen wollte, sind grauenvoll. Schon bei der kleinsten Berührung bekomme ich Pusteln. Kannst du mir bei Victoria’s Secret neue besorgen? Du weißt schon, die exklusiven, die Heidi immer trägt.“


Valerie rollte die Augen gen Himmel, doch die Hilfe von oben blieb ihr wie üblich versagt. „Geht klar, sonst noch was?“


„Hmm …“ Die grauen Zellen ihrer Chefin schienen im Akkord zu arbeiten. „Nein, im Moment nicht. Um wie viel Uhr kommt noch mal der Friseur?“


„Vierzehn Uhr, die Kosmetikerin um sechzehn Uhr. Auf dem Rückweg hole ich dein Kleid ab, dann ist alles perfekt.“


Angelina stöhnte auf. „Ach, was würde ich nur ohne dich machen? Du bist einfach der bestorganisierte Mensch der Welt. Oh, wie ich diesen Stress hasse!“ Mit diesen Worten unterbrach sie kurzerhand die Verbindung.


Valerie schüttelte ungläubig den Kopf. Welchen Stress? Meinte Angelina den Ärger beim Herumschikanieren des Hotelpersonals oder die Problematik, den Verlockungen des Whiskeys zu widerstehen? Vielleicht war es aber auch einfach nur unsagbar anstrengend, seine Assistentin seit geschlagenen drei Tagen durch Los Angeles zu scheuchen, da es immer an etwas haperte: angefangen bei Gesichtsmasken über Zigaretten bis hin zur Unterwäsche. Und wenn Valerie erschöpft die Einkaufsliste abgearbeitet hatte, war der sauertöpfischen Diva entweder die Klimaanlage zu laut oder das Badewasser zu kalt.


Doch der absolute Super-GAU stand Valerie noch bevor, falls der heiß begehrte Oscar am Abend erneut an ihrer Chefin vorbeigehen sollte. Denn mit Tiefschlägen konnte diese nur schwerlich umgehen, um nicht zu sagen: so gut wie gar nicht. Und Valerie konnte sich an fünf Fingern abzählen, wer dann wochenlang Madames unkontrollierten Wutattacken ausgeliefert sein würde.


Für logisch denkende Menschen war das Szenario, dass eine deutsche Filmgröße diesen Preis ergatterte, völlig an den Haaren herbeigezogen. Doch Angelina mit ihrem exorbitanten Ego schnallte einfach nicht, dass in der Geschichte der kleinen goldenen Trophäe erst eine einzige Deutsche ausgezeichnet worden war. Ansonsten wanderte der Pokal vorwiegend in die Hände der Schauspieler aus dem englischsprachigen Raum, was mit fast hundertprozentiger Sicherheit auch an diesem Abend passieren würde.


Entnervt schob sich Valerie eine Strähne ihres schulterlangen blonden Haars hinters Ohr und betrat den pompösen Laden. Wie aus heiterem Himmel hatte die hypochondrisch veranlagte Angelina am Morgen festgestellt, dass sie die mondänen Toilettenartikel des Beverly Hills Hotels nicht einen Tag länger auf ihrem Luxuskörper erdulden konnte, ohne Opfer schwerwiegender Allergien zu werden. So war Valerie nicht umhingekommen, loszujagen und den ganzen Krempel zu ersetzen.


Eine der Tüten, die sie mit sich herumschleppte, verhedderte sich am Griff der schweren Glastür und löste sich erst nach sekundenlangem hektischen Zerren und Ruckeln. Herrje! Heute war wohl wieder einer dieser Tage, an denen ihre Geschicklichkeit sich klammheimlich aus dem Staub gemacht hatte.


Mit einem aufgesetzten Strahlen auf dem Gesicht steuerte sie eine kleine rothaarige Verkäuferin mit Papageienfrisur an. Wie erwartet reagierte der Papagei auf die Frage nach der Kreditkarte jedoch mit einem vehementen Kopfschütteln. Und auch die hohlköpfige Kollegin, Sandy, die gerade einer in Nerz gehüllten wasserstoffblonden Krähe sündhaft teure Handtaschen anpries wie sauer Bier, antwortete nur mit einem verständnislosen Schulterzucken.


Jetzt war Schluss mit lustig! Auf der Stelle würde Valerie dieses entmutigende Unterfangen zu Ende bringen. Denn zu ihrem Leidwesen war sie gezwungen, sich ebenfalls für das abendliche Ereignis in Schale zu werfen. Den nichtsnutzigen Rockmusiker, für den der begehrte Platz neben Angelina eigentlich reserviert war, hatte die Diva kurz zuvor in die Wüste geschickt, was ihre Laune nicht gerade gehoben hatte. Denn die mannstolle Schauspielerin reagierte ausgesprochen schäbig, wenn sie längere Zeit ohne einen testosteronprotzenden Kerl auskommen musste.


Mit hängenden Schultern machte Valerie auf dem Absatz kehrt. Ihre Riemchensandalen verfingen sich bei der Aktion in einem flauschigen Teppich. Mit einem unterdrückten Aufschrei verlor sie völlig das Gleichgewicht. Knirschend brach einer ihrer Absätze ab. Wie ein entrückter Dirigent ruderte sie mit den Armen wild in der Luft herum und versuchte die unvermeidliche Bruchlandung abzuwenden. Da legten sich zwei starke Hände um ihre Schultern, fingen sie geistesgegenwärtig auf und stellten sie sicher auf den Füßen ab.


„Nicht so stürmisch!“, vernahm sie eine belustigte Stimme.


Sie hob den Blick und stand einem dunkelhaarigen, ganz in Schwarz gekleideten Mann gegenüber. Eine riesige Sonnenbrille bedeckte den Großteil seines braun gebrannten Gesichts. Bedächtig ließ er die Hände von ihren Oberarmen gleiten und schob sich lässig die Sonnenbrille auf das glänzende Haar. Dann schenkte er ihr ein so entwaffnendes Lächeln, dass ihr die Knie schlotterten.


Vor ihr stand der wohl bekannteste Magier aller Zeiten.


„Danke“, nuschelte sie, bevor sie blitzartig herumwirbelte, was sie in Anbetracht des fehlenden Absatzes um ein Haar erneut zu Boden geschickt hätte. Im letzten Moment konnte sie sich fangen, ehe sie mit roten Ohren, gebückt wie Quasimodo, schnurstracks nach draußen humpelte.


Während sie auf ihren Wagen zuschlurfte, sammelte sie die Reste ihrer Würde ein. Peinlichkeit, dein Name ist Valerie!, schoss es ihr durch den Kopf. Ausgerechnet vor den Augen des legendären David Chesterfield hatte sie sich bis auf die Knochen blamiert, nur weil sie inzwischen zu dämlich war, sich auf High Heels fortzubewegen. Und das als ehemalige Stuntfrau.


„So warten Sie doch!“, riss eine sonore Stimme sie aus ihrer privaten Gardinenpredigt. Als eine Hand sich vertraulich auf ihre Schulter legte, fuhr sie ruckartig herum – und fand sich erneut Auge in Sonnenbrille mit dem begnadeten Illusionisten wieder.


„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, setzte er mit einem Seitenblick auf ihren demolierten Schuh an. „Ich befürchte, ein Fußmarsch wird sich schwierig gestalten.“


Mit einem schnellen Schritt zur Seite schüttelte sie seine Hand ab. „Was Sie nicht sagen!“, grummelte sie, zwang sich dann aber zu einem Lächeln. Er konnte schließlich am allerwenigsten etwas dafür, dass sie sich fühlte wie am Rande eines Nervenzusammenbruchs. „Das liegt auch nicht in meiner Absicht. Mein Wagen parkt da drüben.“ Mit der Hand wies sie auf eine schwarze Limousine. „Autofahren sollte auch ohne Absatz funktionieren. Aber trotzdem danke. Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen.“ Mit diesen Worten stolperte sie hastig auf den Cadillac zu, in der Hoffnung, dass ihr Retter nicht erneut die Verfolgung aufnahm.


Atemlos rutschte sie auf den weichen Ledersitz. Die Ermüdung zerrte an ihren Gliedern wie ein störrischer Hund an der Leine. Und erst als sie sich vergewissert hatte, dass Mr. Zauberlehrling endgültig die Biege gemacht hatte, begutachtete sie ihren Schuh. Der Absatz baumelte lose nach unten wie ein nicht gänzlich abgebrochener Ast. Von dem schmucken Teil musste sie sich wohl oder übel verabschieden.


Erbost feuerte sie die Sandalen auf den Boden des Beifahrersitzes. Na herrlich, jetzt war sie gezwungen, die restlichen Erledigungen barfuß durchzuführen!


Wie tief konnte ein Mensch denn noch sinken?


Sie krampfte die Hände ums Lenkrad, als wolle sie es erwürgen, und ließ verzweifelt den Kopf darauf fallen. Die Anstrengungen der letzten Tage forderten ihren Tribut. Doch das Spießrutenlaufen durch die kalifornische Metropole war beileibe nicht der einzige zermürbende Faktor. Seit drei langen Jahren tanzte sie nun nach Angelinas Pfeife. Und von Tag zu Tag steigerte sich ihre Aversion gegen diesen Job und die zu ertragenden Erniedrigungen.


Wütend hieb sie mit einer Hand aufs Lenkrad ein. Wie lange wollte sie diese Schmach denn noch erdulden? Und wie zum Henker hatte ihr Leben nur so aus den Fugen geraten können?


Ihre aufregende Kindheit als Tochter eines Diplomaten hatte sie in den exotischsten Ländern der Erde verbracht. Doch seit der Rückkehr nach Deutschland gab es nur Rückschläge zu verzeichnen. Erst dieser verteufelte Unfall, der ihre Karriere als Stuntfrau in Sekundenschnelle zunichtegemacht hatte, und dann ihr Exmann mit seinen nervtötenden Marotten. Schon lange hätte sie Angelina vor den Kopf gestoßen, würde sie nicht jedes Mal ihr schlechtes Gewissen lautstark daran erinnern, dass die exzentrische Diva ihr damals mächtig aus der Bredouille geholfen hatte.


Das schrille Tröten einer Hupe riss sie aus ihrem Anflug von Selbstmitleid. Ruckartig warf sie den Kopf in den Nacken und straffte energisch die Schultern. Sie musste endlich Ordnung in ihrem Leben schaffen, vielleicht ihr Studium zum Abschluss bringen und in der freien Wirtschaft Fuß fassen. Denn ein Dasein als unterdrückte und schikanierte Assistentin war nicht ihr Wunschtraum.


Kochend vor Wut donnerte sie den Zündschlüssel ins Schloss, als sie des Strafzettels gewahr wurde, der an der Windschutzscheibe prangte. Vor Schreck rutschte ihr der nackte Fuß beim Gasgeben vom Pedal, woraufhin die klobige Limousine mit quietschenden Reifen wie ein großer schwarzer Frosch aus der Parklücke hüpfte.


 


Die Nacht der Nächte steuerte unumstößlich auf ihren Höhepunkt zu. In mörderischen silbernen Louboutins trippelte Valerie hinter Angelina her in den beeindruckend erleuchteten Saal des Dolby Theaters. Die bogenförmige Decken- und Bühnengestaltung sowie die Lichter der Balkone gaben ihr das imposante Gefühl, ein gigantisches Raumschiff zu besteigen. Unablässig wanderten die Lichtkegel der Scheinwerfer durch die Halle wie lange, schmale Finger, die vom Himmel herabgestreckt wurden.


Davon scheinbar unbeeindruckt schwebte ihre Chefin mit wogenden Hüften über den nicht enden wollenden roten Teppich, begleitet von einem Blitzlichtgewitter, das einen nahezu erblinden ließ. Souverän lächelte Angelina in die Kameras, verteilte Kusshändchen und überspielte ihre Anspannung gekonnt. Das knallenge nudefarbene Abendkleid, das ihre beeindruckenden Formen umhüllte, ließ kaum etwas der Fantasie übrig und würde vermutlich für jede Menge Gesprächsstoff sorgen. Immer wieder schüttelte sie die langen, glänzenden Locken, die ihr neckisch um die Schultern tanzten. Und selbst wenn sie den Oscar nicht einsacken würde, wäre sie mit ihrem unbestreitbaren Sinn für sensationelle Auftritte mit Sicherheit der Hingucker des Abends.


Ab und an glitten gierige Männerblicke auch über Valeries schlanken Körper in dem eng anliegenden schwarzen Abendkleid. Doch da sie sich im Einflussbereich dieses Bildes der Perfektion und Extravaganz grundsätzlich vorkam wie eine Vogelscheuche, nahm sie die Avancen nicht einmal wahr.


Minuten später schlossen sich die Türen des großen Saals wie von Geisterhand, alle Lichter erloschen und ein strahlender Billy Crystal betrat die Bühne. Das ultimative Show-Event des Jahres nahm seinen Lauf. Ein Geruch von schwerem Parfum vermischt mit unterdrücktem Angstschweiß waberte durch die Luft. Wo Valerie auch hinsah, entdeckte sie angespannt lächelnde Hollywoodgrößen. Anstatt die allgemeine Euphorie zu teilen, wollte sie jedoch nur hier raus. In den letzten drei Jahren hatte sie viel zu viel Promi-Luft geschnuppert, und diese abgehobenen, problembehafteten Botox Monster verursachten ihr Brechreiz.


Unauffällig schielte sie zu Angelina hinüber, die stocksteif, aber mit einem berauschenden Lächeln auf den Lippen, neben ihr kauerte.


Und dann war es endlich so weit!


In wenigen Sekunden würde das bestgehütete Geheimnis Hollywoods gelüftet werden, nämlich, wer den diesjährigen Oscar für die weibliche Hauptrolle sein Eigen nennen durfte. Da wurde auch schon der Umschlag geöffnet, der Zettel herausgezogen, und …


… der Name „Meryl Streep“ hallte durch den Saal. Valerie hatte es geahnt! Wieder hatte ihre Chefin es nicht geschafft. In diesem Moment fing die Kamera erbarmungslos Angelinas Gesicht ein. Mit statuenhaftem Blick strahlte die dunkelhaarige Schönheit von den großen Leinwänden im Saal. Nach außen hin wirkte sie unbeteiligt, aber Valerie wusste genau, was in Angelinas Innerem vorging.


Und während sich die Preisverleihung unausweichlich dem Ende näherte, nahm Valerie das Geschehen um sich herum gar nicht mehr wahr. Verstohlen wischte sie sich kleine Schweißperlen von der Stirn, betastete prüfend ihre hochgesteckten Haare und dachte verdrossen an die beeindruckende Laudatio, die sie verfasst hatte. Immer wieder hatte sie den Text redigiert, da er nicht Angelinas Zustimmung gefunden hatte. Sogar ihr Studium hatte sie in den letzten Wochen hinten angestellt, da die Showgröße sie von morgens bis abends mit ihren überzogenen Wünschen auf Trab gehalten hatte.


Alles umsonst!


Nun half nur noch eins: Der frustrierten Primadonna in den nächsten Wochen tunlichst aus dem Wege zu gehen. Welch ein Glück, dass Valerie in die Business Class nach München gebucht war, wohingegen sich Angelina wie immer in der First aalte. Die Flugbegleiter taten ihr jetzt schon leid.


Tosender Applaus riss sie aus ihrer Trance. Wie ein einziger Mensch erhob sich die Menge, während grelles Licht aufflackerte und sie einen Augenblick lang blendete. Als sie blinzelnd neben sich schaute, hatte ihre Begleiterin das Weite gesucht. Im Gedränge entdeckte sie noch das Glitzern von Angelinas Kleid, dann schien die Diva wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Na, herrlich! Irgendwann würde sie ihr doch noch den Hals umdrehen.


Wie von einer Welle mitgerissen, ließ Valerie sich nach draußen treiben und fühlte sich unsäglich verloren. Im Foyer angekommen türmte sie schnurstracks vor den lauernden Reportern in eine unbeleuchtete Ecke und lehnte sich an eine Wand.


Wie aus weiter Ferne nahm sie das Blitzlichtgewitter wahr, dann versank sie in Gedanken. Die Bilder in ihrem Kopf entstanden auf Basis dessen, was sie schon zu oft erlebt hatte: Angelina würde sich in den nächsten Tagen sinnlos volllaufen lassen, bevor sie exzessive Shoppingtrips in Angriff nähme. Gleichzeitig würde sie die Münchner Schickeria nach potenten Männern durchstöbern und sich mit orgiastischem Sex über Wasser halten, ehe die ersten lebensbedrohlichen Krankheiten ausbrachen, wie todbringender Haarausfall oder stimmbandmordender Husten. Und sobald sie diese Leiden wundersamerweise überlebt hätte, würde sie sich wie ein Aasgeier auf die nächste Filmrolle stürzen.


Valerie konnte nur beten, dass Angelina die Niederlage dieses Jahr ohne Drogen in den Griff bekam, denn letztes Jahr war ihr das nicht gelungen. Und sie clean zu bekommen, war eines der nervenaufreibendsten Unterfangen überhaupt gewesen.


„Neue Schuhe?“, riss sie gänzlich unerwartet eine Stimme zurück in die reale Welt, sodass sie beinahe vor Schreck umfiel. Ein Paar hinlänglich bekannte, tief liegende dunkle Augen, unterzogen sie einer unverhohlenen Musterung.


„Verdammt! Sie haben mich zu Tode erschreckt“, fluchte sie unbeherrscht los. „Verfolgen Sie mich eigentlich?“


David zog eine seiner dichten Augenbrauen hoch. „Mehr oder weniger. Ich hätte vielleicht etwas anzubieten, das ein Lächeln auf Ihr todtrauriges Gesicht zaubern würde.“


„Gut, dann ziehen Sie einfach einen Oscar für Angelina aus Ihrem Zylinder.“


 Ein Schmunzeln huschte um seine Mundwinkel. „Sie hat den Preis wohl knapp verpasst?“


Valerie nickte. „Ja, leider. Und was wollen Sie nun von mir?“


„Ein Vöglein hat mir gezwitschert, dass Sie auf der Suche nach einem Bodyguard sind.“


„Woher wissen Sie das denn?“, platzte es überrascht aus ihr heraus.


David lächelte mysteriös. „Ich habe meine Augen und Ohren eben überall.“


„Sogar in Deutschland?“


Er nickte leicht. „Ich verfüge über dicht verflochtene Kontakte in dieses schöne Land. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass ich vor einiger Zeit mit einem deutschen Modell liiert war?“


Sicher, wie mit Modells aus jedem anderen Land der Welt. In dieser Hinsicht war er wahrlich kein unbeschriebenes Blatt.


Er musterte sie von oben bis unten. „Sie erinnern mich übrigens an sie. Ihr deutschen Frauen besitzt einfach etwas Überwältigendes.“


Valerie schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Sie sind ein Lügner, wenn auch ein charmanter. Denn besagtes Modell überragt mich um Haupteslänge.“


David entwich ein herzhaftes Lachen, und das Eis war gebrochen. „Wenn es zu Ihrer Beruhigung beiträgt: Bei gemeinsamen Fotoaufnahmen stand ich grundsätzlich auf einem Telefonbuch.“ Verschwörerisch legte er den Finger auf die Lippen und kam ihr etwas näher. „Aber hängen Sie das ja nicht an die große Glocke.“ Er sah sie eindringlich an. „Verraten Sie mir Ihren Namen?“


Sie zögerte einen Moment, bevor sie ihm die Hand entgegenstreckte. „Valerie, Valerie Graf!“


Flugs griff er nach ihren Fingern und hielt sie einen Augenblick länger fest als nötig. Sein angenehmer, warmer Händedruck besänftigte Valerie im Nu. Alle missmutigen Gedanken lösten sich in Wohlgefallen auf. Überrumpelt inspizierte sie sein Gesicht und versank in seinen mysteriösen dunklen Augen. Ach du grüne Neune! Besaß dieser Mann tatsächlich magische Kräfte?


„Darf ich Sie zu einem Glas Champagner einladen?“, erkundigte er sich rein rhetorisch, während er ihr schon besitzergreifend die Hand auf den Rücken legte und sie in Richtung einer der Bars schob.


Sie mochte Männer, die nicht lange fackelten, daher schmunzelte sie. „Ihnen ist aber schon klar, dass die Drinks heute umsonst sind, oder?“


„Was Sie nicht sagen?“


Binnen weniger Sekunden hielt sie ein gefülltes Champagnerglas in der Hand und schüttete, unter Davids belustigten Blicken, gierig ein paar große Schlucke in sich hinein.


Er hingegen nippte nur hoheitsvoll an der prickelnden Flüssigkeit. „Zurück zu meinem eigentlichen Anliegen. Ich kann Ihnen den professionellsten Bodyguard vermitteln, den Sie sich vorstellen können. Na, was halten Sie davon?“


Was sie davon hielt? Er machte wohl Witze? Sie würde ihn heiligsprechen. Denn seit Nils, Angelinas langjähriger Chauffeur und Bodyguard, letzte Woche das Handtuch geworfen hatte, hatte sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um adäquaten Ersatz zu beschaffen. Was sich als Mission Impossible entpuppt hatte, da der Arbeitsmarkt in Deutschland leer gefegt zu sein schien. Und ob sie es noch bewerkstelligte, innerhalb von vier Wochen fündig zu werden, wussten nur die Götter.


Nils hatte Knall auf Fall beschlossen, bei einer Münchner Sicherheitsfirma anzufangen, was Valerie nicht sonderlich verwunderte: Angelinas Personal unterlag häufigen Fluktuationen. Trotzdem fand sie es jammerschade, dass der Schwede sie verließ, denn er hatte die Launen der zickigen Diva stets mit stoischer Ruhe ertragen, egal wie schäbig Angelina ihn auch behandelt hatte.


Gespannt wandte sie sich David zu. „Sie sind vermutlich auch darüber im Bilde, dass wir recht schnell jemanden benötigen?“


David hob lässig eine Hand, wobei Valerie seine Hightech-Armbanduhr auffiel, die den Eindruck erweckte, man könnte damit ein Spaceshuttle navigieren. „Gar kein Problem. Mein früherer Bodyguard ist momentan noch im Weißen Haus eingesetzt, beabsichtigt jedoch aus privaten Gründen nach Deutschland zurückkehren. Ich denke, er könnte in drei bis vier Wochen bei Ihnen anfangen. Wie hört sich das an?“


Valerie war versucht, ihn zu küssen, äußerte dann aber mit geschäftsmäßig unbeteiligter Stimme. „Klingt interessant.“ Sie pfriemelte eine Visitenkarte aus ihrer kleinen silbernen Clutch und reichte sie David. „Könnten Sie mir vorab seinen Lebenslauf mitsamt Referenzen zumailen? Sobald ich alles geprüft habe, werde ich mich wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.“


David hatte die Visitenkarte noch nicht richtig ergriffen, da schien sie sich schon in Luft aufgelöst zu haben. „Hervorragend, und nachdem wir das Geschäftliche nun erledigt hätten, lassen Sie uns doch zum gemütlichen Teil des Abends übergehen“, verkündete er in einem Tonfall, der unverhohlen offenbarte, was er meinte. Dieser Mann konnte jede Frau haben, und er war sich dessen bewusst.


Valerie musterte ihn verstohlen über den Rand ihres Glases hinweg. Er war der typische Womanizer – gut aussehend und charmant. Und sie verzehrte sich dermaßen nach einem Mann, dass sie kurz in Versuchung geriet, sich in seine starken Arme zu stürzen. Trotzdem haute es sie schier um, als er nach minutenlangem Small Talk direkt zur Sache kam. „Darf ich Sie zu Ihrem Hotel begleiten?“, raunte er ihr ins Ohr.


Erneut taxierte sie ihn, wobei ihr Blick über seine vollen Lippen und seine breiten Schultern bis hin zu seiner schmalen Hüfte glitt. „Sag ja! Lass dich fallen!“, schrie jede Zelle ihres Körpers. Doch dann rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie kein Groupie war, mit dem erklärten Ziel, einen Promi ins Bett zu bekommen. Unschlüssig schüttelte sie den Kopf. „O David. Sie bringen mich da in eine Zwickmühle.“


Der Geruch seines edlen Rasierwassers umhüllte sie verführerisch, als er nach ihren Händen griff und sie näher an sich zog. Mit einer fließenden Bewegung glitt ein Arm um ihre Taille und zerrte sie an seine harte Brustmuskulatur. Auf einen Schlag fühlte sie sich sicher und geborgen, eine tonnenschwere Last schien von ihr abzufallen. Erschöpft ließ sie den Kopf an seine Schulter sinken.


Er packte sie eine Nuance fester, während seine Lippen sanft ihr Haar berührten. „Wer hat dich so verletzt?“, fragte er mit dieser samtig weichen Stimme, die einen Gletscher zum Schmelzen gebracht hätte.


Du liebe Güte! Dieser Kerl schien obendrein über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen, denn die Frage stellte sich ihr seit Jahren. War es ihre Jugendliebe Marcel gewesen, den sie immer noch anbetete, obgleich er sie hatte fallen lassen wie eine heiße Kartoffel? Oder doch eher ihr Exmann Alex, der ihr unablässig im Nacken saß und die Personifizierung von allem darstellte, was in ihrer Welt falsch lief? Sie hatte keine Antwort auf diese Frage.


Tatsache war, dass sie nach diesen zwei verkorksten Beziehungen entschieden hatte, in Zukunft einen großen Bogen um feste Bindungen zu machen. Einem gelegentlichen Abenteuer hingegen war sie nicht abgeneigt. Wenngleich es eine Ironie des Schicksals war, dass sie sich nach jedem One-Night-Stand einsamer fühlte als zuvor. Wie auch immer! Um nichts in der Welt würde sie ihr Herz erneut verschenken. Schon gar nicht an einen millionenschweren Magier, der für seine zahlreichen Affären bekannt war.


Na prima! Was stand ihr noch im Wege? Sie war eine erwachsene Frau von siebenundzwanzig Jahren, und ihr Körper hatte Bedürfnisse. Und in dieser Nacht würde sie ihm zuteilwerden lassen, was er so begehrlich forderte.


„Beverly Hills Hotel“, flüsterte sie ohne weitere Umschweife.


Ein triumphierendes Lächeln huschte über seine Lippen, während er nach ihrer Hand griff. Da unterbrach ein Läuten den vertraulichen Moment. Valerie erstarrte mitten in der Bewegung. „Entschuldige bitte.“ Sie kramte ihr Handy aus der Tasche. Beim Blick aufs Display stöhnte sie entnervt auf. „Ja, Angie, was ist jetzt wieder? Und wo steckst du überhaupt?“


Unverzüglich drangsalierte ein lautes Schluchzen ihr Trommelfell. „Ich bin ganz alleine, der Whiskey in meiner Suite ist lauwarm, und meine Zigaretten gehen zur Neige“, schniefte die Diva bemitleidenswert. „Ich brauche dich, Valerie, bitte! Komm schnell!“


Valerie zögerte einen kurzen Moment, begegnete Davids magischen Augen, die vor Leidenschaft dunkel glänzten, senkte dann aber resigniert den Kopf. „Geht klar. Ich bin sofort bei dir.“ Ihre Lippen bebten vor Enttäuschung, als sie das Handy einsteckte. „Es tut mir leid, David. Ich kann nicht. Angelina braucht mich. Vielleicht ein anderes Mal.“


Er sah sie an wie ein Kleinkind, dem man seinen Lieblingsteddy weggenommen hatte. Ruckartig machte sie auf dem Absatz kehrt und flüchtete nach draußen auf die Straße. Dort eilte sie schnurstracks auf ein wartendes Taxi zu.


Frustriert ließ sie sich in die vergammelten Lederpolster des alten Chevys sinken und schloss die Augen, während die Schrottlaube schaukelnd durch das nächtliche Los Angeles rumpelte. Vorbei an den Millionen funkelnder Lichter der gigantischen Großstadt, welche Valerie nicht einmal wahrnahm.


Nur mit Müh und Not widerstand sie der Versuchung, laut aufzuschreien und den Kopf gegen die Plastikscheibe zu schlagen, die sie vom Fahrer trennte. Noch immer vibrierte ihr ganzer Körper, wenn sie an Davids lodernde Blicke dachte.


Aber nein!


Anstatt sich nach Strich und Faden von einem Mann durchvögeln zu lassen, der sie aller Voraussicht nach zum Glühen gebracht hätte, würde sie eine stinkreiche, hysterische Schauspielerin verhätscheln, bis diese irgendwann sternhagelvoll ins Delirium fiel. Sie selbst hingegen würde in dieser Nacht wahrscheinlich kein Auge zutun.


Das Einzige, was sie einen kurzen Moment lang mit Freude erfüllte, war, dass sich zumindest das leidige Thema Bodyguard gelöst zu haben schien.


 


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