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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Gesichter der Gewalt, Tamara Pirschalawa (Hrsg.)
Tamara Pirschalawa (Hrsg.)

Gesichter der Gewalt


Kraftvolle Geschichten von Macht und Ohnmacht

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 Der Kurier


 Meddi Müller


„Jawoll, Herr Leutnant“, rief der Soldat Alfred Meyer mit EY, salutierte und bahnte sich seinen Weg durch den Schützengraben, vorbei an den Soldaten der deutschen Wehrmacht, die hier im Schlamm ausharrten.


Meyer war ein gerade mal sechzehn Jahre alter Bursche aus einem Kaff in Südhessen. Die Hitlerjugend hatte ihm den Schneid, den Stolz aufs Vaterland und den Hass auf alles Nichtarische eingetrichtert. Vor drei Wochen war er eingezogen worden. Seine Mutter hatte sich beinahe die Augen aus dem Kopf geheult. Aber er wollte dem Führer dienen. Auch wenn es jetzt, Anfang Januar 1945, nicht danach aussah, als könnten die Deutschen den Sieg noch erringen. Doch das interessierte den jungen Meyer nicht. Er wollte seinen Teil dazu beitragen, das Vaterland zu verteidigen. Hier an der Ostfront, wo man ihn hingeschickt hatte, wollte er seinen Mann stehen. Als Gefreiter versah er vor den Toren Warschaus seinen Dienst. Sie lagen in einem Schützengraben, direkt an vorderster Front. Meyer war stolz darauf, im Kampfeinsatz zu sein. Er fühlte sich wichtig dabei. Der ganze Matsch und Dreck um ihn herum war zuerst schon ein wenig schockierend gewesen, genauso die leeren Gesichter derjenigen, die bereits länger hier waren. Doch er gehörte jetzt zur kämpfenden Truppe.


Der Leutnant hatte einen Auftrag für ihn. Er sollte sich zum nahe gelegenen Regimentshauptquartier durchschlagen und dort Bericht erstatten.


Meyer war stolz darauf, als Kurier eingesetzt zu werden, denn das bedeutete, dass ihm sein Leutnant vertraute.


In Wirklichkeit wollte dieser den grünen Jungen von der Front entfernt haben, da er schon lange wusste, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, und er es auf das Schärfste verurteilte, dass junge Kerle wie Meyer als Kanonenfutter an die Front geschickt wurden.


Der Gefreite Meyer mit EY machte sich also auf den Weg zum Regimentshauptquartier. Der Weg war eigentlich unter Kontrolle der deutschen Wehrmacht. Allerdings waren die Linien hier und da vom Feind durchbrochen worden. Meyer war auf der Hut. Er würde sich nicht töten lassen. Er nicht!


In geduckter Haltung schlich er sich im Schutze der Nacht aus dem Schützengraben. Er rannte in Richtung des nahe gelegenen Waldstückes. Ihm war mulmig zumute bei dem Gedanken, dem Feind den Rücken zuzukehren. Er sah sich bestätigt, als, kaum dass er den Graben verlassen hatte, auch schon die ersten feindlichen Kugeln um seinen Kopf zischten. Er rannte wie der Teufel auf die Bäume zu. Zwischen den dicht stehenden Tannen würde ihn niemand erwischen.


Tatsächlich hatte er es nach unendlichen Sekunden der Angst geschafft, seinen Häschern zu entkommen. Er lehnte sich an einen Baum und schnaufte angestrengt.


„Das war knapp“, sagte er sich und überprüfte seine Ausrüstung auf Vollständigkeit. Alles war da. Auch die wichtige Nachricht für das Regimentshauptquartier. Er würde das Vertrauen seines Leutnants rechtfertigen.


Nachdem er verschnauft hatte, holte er seinen Kompass heraus und peilte die Richtung an, in die er gehen musste, um das Hauptquartier am schnellsten zu erreichen. Süd-Südost. Wenn er sich beeilte, würde er gegen Morgen dort sein und bestimmt eine Belobigung bekommen. Und das würde eine schnelle Beförderung bedeuten. Schließlich wollte er nicht ewig Gefreiter bleiben.


Geschickt schlich er durchs Unterholz und bahnte sich seinen Weg in Richtung Regimentshauptquartier.


Als er nach etwa einer Stunde am Waldesrand angekommen war, kniete er sich hinter einen Baum, der ihm ausreichend Deckung gab. Meyer holte seinen Feldstecher hervor und sondierte das Terrain. Es war zwar dunkel, aber der Mond schien hell genug, um Meyer einen Blick in die Ferne zu gönnen. Etwa fünfhundert Meter vor ihm lag ein Bauernhof. Drei Gebäude, angeordnet wie ein U.


Auf dem Hof bewegte sich etwas.


Meyer sah genauer hin.


„Verdammt“, zischte er leise, als er bemerkte, dass der Hof dem Anschein nach vom Feind besetzt war. „Was mach ich denn jetzt?“


 


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