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> Belletristik > Gehe ich auf meine Beerdigung?
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Buch Leseprobe Gehe ich auf meine Beerdigung?, Pamela Menzel
Pamela Menzel

Gehe ich auf meine Beerdigung?



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Stille. Von einer Sekunde auf die andere herrschte eine paradiesische Stille. Meine eben noch so heftig vorhandenen Schmerzen waren wie weggeblasen und ich fühlte mich unglaublich leicht und gut. Verflucht noch mal, was war denn hier überhaupt los?


Irritiert versuchte ich, meine Gedanken zu sortieren. Aber das, was mir nach und nach wieder einfiel, gefiel mir überhaupt nicht.


Eben saß ich doch noch im Auto und war auf dem Weg nach Hause. Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir und wollte nur noch ein entspannendes Bad nehmen und mich gemütlich auf meine Couch vor den Fernseher kuscheln. Ich war schon so gut wie zuhause, nur noch über die letzte Kreuzung und einmal abbiegen und schon hätte meinem relaxten Abend nichts mehr im Weg gestanden.


Jetzt fiel es mir wieder ein. Ich hatte grün und wollte über besagte Kreuzung, als mir ein entgegenkommendes Fahrzeug die Vorfahrt nahm und einfach vor mir links abbog und wir frontal zusammenstießen.


Oh Shit, ich war tot …! Ich war tatsächlich eben gestorben. Hey verdammt noch mal, das ist doch noch viel zu früh für mich. Ich war doch gerade erst 32 geworden, startete beruflich endlich voll durch und verdiente eine Menge Kohle. Ich hatte seit vier Jahren eine feste Beziehung, die zwar Mal wieder einen Kick vertragen könnte, aber trotzdem! Was sollte der Unfug? Hey, hier musste sich jemand gründlich vertan und mich verwechselt haben!


Ne, ne, Leute nicht mit mir. Ich musste ganz schnell irgendwie und irgendwas unternehmen. Ob es hier so was wie eine Reklamationsabteilung gab? Hoffentlich galt hier nicht »vom Umtausch ausgeschlossen«.


Ich fing an, mich umzuschauen. Um mich herum standen unglaublich viele Menschen. Alte und Junge, Männer und Frauen und einige wenige Kinder. Fast alle machten einen ähnlich verwirrten Eindruck wie ich.


Zwischen all den Menschen sah ich unzählige kleine Häuschen, die mich an Kassenhäuschen vor Freizeitparks oder Fußballstadien erinnerten. Vor diesen Häuschen hatten sich lange Schlangen gebildet. Offensichtlich war dies der Eingang in »die andere Welt«.


Okay Leute, sorry, aber ich hatte echt keine Zeit, mich in eine der Schlangen anzustellen und Zeit zu vergeuden, schließlich musste ich das Missverständnis mit meinem Todesfall aus dem Weg räumen. Ich versuchte mich vorzudrängeln, murmelte immer wieder etwas von einem Notfall und keine Zeit zum Warten. Doch irgendwie reagierten die Menschen ziemlich erbost auf meine Drängelversuche.


»Hey hinten anstellen«, »Du hast von nun an mehr Zeit als Dir lieb ist«, »zieh gefälligst eine Nummer, wie wir alle anderen auch« war noch mit das netteste, was ich zu hören bekam.


Moment Mal, Nummer ziehen? Hatte ich richtig gehört? Ich musste eine Nummer ziehen, um in den Himmel zu kommen? Jesus war der Himmel etwa deutsch? Hoffentlich verteilten die hier keine Bettdecken an die Himmelsbewohner, damit sich diese ihre Betten im Kampf gegen verstorbene Engländer reservieren konnten.


Eine Nummer musste her, so schnell wie möglich. Ich musste mich beeilen, sicher konnten die hier oben ihre Fehler auch nur in einem bestimmten Zeitfenster korrigieren.


Aha, ganz am Ende der schier endlosen Schlangen stand ein Nummernautomat. Nur EIN Nummernautomat für all diese Menschen. Und man bekam den Eindruck, dass es sekündlich immer mehr wurden. Ob das hier der Eingang für alle Verstorbenen war oder ob es mehrere gab? Wie auch immer, ich wollte ja überhaupt nicht bleiben und hatte daher auch kein Interesse, mich mit dem ganzen Himmelsgedöns hier zu beschäftigen, geschweige denn, es bis ins Detail kennenzulernen.


Endlich erreichte ich den Nummernautomaten. Noch vier Leute waren vor mir, jetzt noch drei, noch zwei noch eine Frau und dann war ich an der Reihe. Ich drückte den roten Knopf, meine Nummer endlich zum Greifen nah. Aber anstatt einer Nummer gab es ein freudiges Sirenengeheul, so als ob ich den Jackpot an einem einarmigen Banditen in Las Vegas geknackt hätte. Die Menschen um mich herum starrten mich an, hinter mir wurde geschimpft, weil es nicht weiter ging. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ein junger, großer und gut aussehender Mann, etwa in meinem Alter, auf mich zu gelaufen kam. Toll, jetzt gab es Ärger, weil ich offensichtlich den Automaten kaputtgemacht und damit den ganzen Ablauf im Himmel durcheinandergebracht hatte.


Obwohl, richtig verärgert, sah er nicht aus, wie er so strahlend auf mich zu gelaufen kam. »Herzlichen Glückwunsch« lachte er mich an. »Du bist heute der 100.000ste Ankömmling bei uns.« Hä? Was ist los? »Freu Dich, Du musst Dich heute nirgendwo mehr anstellen und kannst überall sofort durchgehen. Mein Name ist übrigens Nick und ich werde Dich heute begleiten und Dir alles zeigen.«


Oh, offensichtlich hatte ich so was wie den heutigen Hauptpreis gewonnen. Dabei hatte ich doch noch nie etwas gewonnen. Na ja, gut, ich musste dafür offensichtlich erst den Löffel abgeben, also sollte man vielleicht doch eher von einem Trostpreis sprechen.


Nick zog mich leicht an seinem Arm hinter sich her in Richtung Kassenhäuschen. Wir bahnten uns einen Weg vorbei an denen, die immer noch in den Schlangen warteten, und mich noch vor wenigen Minuten nicht vor lassen wollten. Ich konnte mir ein hochnäsiges Grinsen nicht verkneifen.


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