Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Belletristik > Gefangen! Ein Geheimnis mit Folgen
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Gefangen! Ein Geheimnis mit Folgen, Isabella Defano
Isabella Defano

Gefangen! Ein Geheimnis mit Folgen


Der de Luca Clan (Band 7)

Bewertung:
(42)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
484
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon, Weltbild, Thalia, Ebook und andere Onlineshops
Drucken Empfehlen
Prolog

 


Endlich zu Hause“, sagte Sophie leise und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie die Eingangshalle der de-Luca-Hauptzentrale in Stuttgart erreichte.


Obwohl ihr letzter Besuch bereits über ein Jahr her war, hatte sich hier rein gar nichts verändert. Noch immer waren die Wände in einem sterilen Weiß gestrichen und der Boden bestand aus einem robusten Vliesbodenbelag. Trotzdem hatte sie das Gefühl, noch nie etwas Schöneres gesehen zu haben.


Kein Wunder. Ich habe ja schon als Kind sehr viel Zeit hier verbracht, dachte Sophie vergnügt und sah sich weiter um. Dabei fiel ihr Blick auf eine Wand, die als einzige mit einer Reihe von Fotos ausgestattet war, und ging darauf zu.


27 Jahre Familiengeschichte, dachte sie versonnen, und jetzt wurde sie ein Teil davon. Endlich konnte sie sich einen Traum erfüllen, den sie bereits als kleines Mädchen gehabt hatte. Und zwar, ihr Bild neben den anderen Fotos ihrer Familie hängen zu sehen.


Na ja, ein bisschen mehr habe ich mir schon gewünscht, ging es ihr durch den Kopf und sie atmete tief durch. Sie hatte nicht nur für ihre Familie arbeiten, sondern auch ihren Vater als Chef des Unternehmens ablösen wollen. Aber daraus konnte nichts werden, das hatte sie schon früh begriffen. Schließlich stand für Victor de Luca immer fest, dass eines Tages sein ältester Sohn Alexander die Geschäftsleitung übernehmen sollte. Was er vor etwas mehr als zwei Jahren dann auch getan hatte.


Aber egal, ging es Sophie durch den Kopf und sie blickte stolz auf die Bilder ihrer Familie. Sie hatte es so weit gebracht. Hatte ihr BWL-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. In den letzten Monaten für eine große Firma in Los Angeles gearbeitet. Und jetzt konnte sie sich um den Aufbau eines eigenen Onlineshops in Wien kümmern. Was wollte sie mehr?


Außerdem gab es immer noch ihren anderen Traum, der ab sofort in Erfüllung ging. Endlich durfte sie ihr Foto neben denen ihrer älteren Brüder Alexander und Raphael an die Wand hängen. Um damit allen in der Firma zu zeigen, dass sie als weiteres Mitglied der Familie de Luca in das Familienunternehmen mit eingestiegen war. Das konnte ihr niemand nehmen.


 


„Sophie? Was machst du denn hier?“


Verwundert drehte Sophie sich um, als eine weibliche Stimme sie aus ihren Gedanken riss, und lächelte.


„Ronja“, sagte sie erfreut und ging mit schnellen Schritten auf ihre Schwägerin zu, die ihren kleinen Sohn Michael in einem schwarzen Buggy vor sich herschob.


„Es ist so schön, dich zu sehen“, ergänzte Sophie, als sie vor ihr stand, und umarmte die Frau ihres Bruders Alexander. „Ich habe euch alle schrecklich vermisst.“ Dann wandte sie sich ihrem Neffen zu, der die schwarzen Haare und braunen Augen seines Vaters geerbt hatte, und seufzte. „Er ist schon so groß.“


Ronja lachte auf und strich sich eine ihrer roten Strähnen hinter das Ohr.


„Michael ist inzwischen sieben Monate alt. Auch wenn ich es selbst kaum glauben kann, wie schnell die Zeit vergangen ist.“


Liebevoll sah sie ihren kleinen Sohn an und Sophie musste schlucken.


„Die Zeit ist wirklich schnell vergangen“, erwiderte sie traurig, kniete sich hin und berührte sanft die Wange des Kindes. „Und ich habe in den letzten Monaten so viel verpasst. Michaels Geburt, die Hochzeiten von Joel, Juan und Christian. Das ist der einzige Nachteil an meinem Aufenthalt in Amerika. Aber woher hätte ich wissen sollen, dass meine Brüder und Cousins plötzlich anfangen zu heiraten und Familien zu gründen“, ergänzte sie nachdenklich und schüttelte mit dem Kopf. „Immerhin waren sie bis vor Kurzem noch überzeugte Junggesellen.“


„Also ich bin froh darüber“, erwiderte Ronja schmunzelnd und ihre grünen Augen leuchteten auf. „Auch, wenn mich dein Bruder manchmal wahnsinnig macht, und ich ihn am liebsten aus unserem Haus werfen würde. Doch wo kommst du so plötzlich her?“, wechselte sie das Thema und sah Sophie fragend an. „Alexander war ziemlich besorgt, weil er dich nicht erreichen konnte.“


„Ich wollte euch überraschen“, sagte Sophie lächelnd und stand auf. „Dafür bin ich extra Freitagnachmittag von Los Angeles nach Frankfurt und dann weiter nach Stuttgart geflogen. Doch danach war ich so erschöpft, dass ich nur noch schlafen wollte. Die vielen Überstunden in den letzten Wochen, um das Projekt fertig zu bekommen, haben mich wohl doch mehr geschlaucht, als ich wahrhaben wollte. Daher habe ich das Wochenende bei einer Freundin verbracht. Wobei ich die meiste Zeit einfach nur geschlafen habe.“


„Und heute kommst du als Erstes in die Firma?“, wollte Ronja ungläubig wissen. „Du bist ja genauso wie Alexander“, ergänzte sie belustigt und schüttelte mit dem Kopf. „Mein lieber Mann ist sogar zu einer Besprechung gefahren, kurz nachdem ich unseren Sohn zur Welt gebracht habe. Angeblich wollte er mir Zeit geben, mich etwas zu erholen. Dabei war diese Sitzung bereits seit Wochen geplant.“


Sophie lachte auf.


„Ja, das ist mein Bruder“, sagte sie belustigt. „Er ist und bleibt eben ein Workaholic.“ Dann wurde sie wieder ernst und sah ihre Schwägerin fragend an. „Ist Alexander schon da? Ich möchte ihm mitteilen, dass ich zurück bin und mit ihm die weiteren Abläufe besprechen.“


„Er müsste in seinem Büro sein“, erwiderte Ronja nachdenklich und sah auf die Uhr. „Mist, schon so spät“, fluchte sie und wechselte das Thema. „Ich muss jetzt leider los und Michael in den Betriebskindergarten bringen. In einer halben Stunde habe ich einen wichtigen Termin. Aber wieso kommst du nicht heute Abend zu uns zum Essen?“, schlug sie ihrer Schwägerin lächelnd vor. „Deine Eltern kommen sowieso erst in zwei Wochen von ihrer Kreuzfahrt zurück. Du wärst also in dem großen Haus ganz allein.“


„Gerne“, stimmte Sophie lächelnd zu. „Ich …“


Weiter kam sie nicht, denn sie wurde sofort von ihrer Schwägerin unterbrochen, die erneut einen ernsten Blick auf ihre Uhr warf.


„Super. Und kannst du Alexander noch einmal an Michaels Arzttermin erinnern?“, ergänzte sie hastig. „Die Chipkarte ist in der Wickeltasche. Ich weiß ja, er hat viel zu tun, doch diese Untersuchung ist wichtig. Und ich weiß nicht, ob ich rechtzeitig zurück sein werde.“


Dann eilte Ronja eilig mit ihrem Sohn davon und war kurz darauf aus Sophies Blickfeld verschwunden.


Verwundert sah sie ihrer Schwägerin hinterher. Scheinbar ist Alexander nicht der einzige Workaholic in dieser Familie, ging es ihr durch den Kopf. Jetzt verstand sie auch, warum Alexander letztes Jahr diesen Betriebskindergarten ins Leben gerufen hatte. Wenn beide Eltern eine leitende Position einnahmen, konnte es ansonsten schwer werden, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen. Und so war der Kleine wenigstens in der Nähe.


Trotzdem, dachte Sophie nachdenklich, während sie auf den Fahrstuhl zuging, der sie in die oberste Etage brachte. Wäre es nicht besser gewesen Ronja hätte sich eine Auszeit genommen? Nur für ein Jahr, um in dieser Zeit ganz für ihren Sohn da zu sein. Gut, sie hatte ihre eigene Firma für Inneneinrichtung gerade erst eröffnet. Aber gerade im ersten Jahr brauchten Babys ihre Mütter doch am meisten. Aber sie schüttelte diesen Gedanken ab. Immerhin ging es sie nichts an, wie die beiden ihren Alltag organisierten. Ronja war nicht wie ihre eigene Mutter. Sie wollte nicht zu Hause bleiben, um sich nur um die Kindererziehung zu kümmern. Daraus hatte sie nie ein Geheimnis gemacht.


 


Kurze Zeit später erreichte Sophie das frühere Zimmer ihres Vaters, welches inzwischen Alexander als Büro diente, und klopfte an. Jedoch wartete sie nicht darauf, bis ihr Bruder antwortete, sondern ging einfach hinein. Und musste sich sehr anstrengen, um nicht laut aufzulachen, als er sie erst überrascht und dann fassungslos anstarrte.


„Sophie?“, fragte Alexander, als er seine Stimme wiedergefunden hatte. „Wo kommst du denn so plötzlich her? Seit Freitag versuche ich, dich zu erreichen.“


Schnell stand er auf und ging auf seine kleine Schwester zu, um sie in den Arm zu nehmen. Dabei war sein Griff so fest, dass sie fast keine Luft mehr bekam.


„Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, sprach er besorgt weiter, nachdem er sie wieder losgelassen hatte, und sah sie eindringlich an. „Dein Handy war aus und das sieht dir gar nicht ähnlich. Und als ich deinen Boss erreichte, erzählte er mir, du wärst zurück nach Deutschland geflogen. Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“


„Tut mir leid. Ich wollte euch überraschen, daher habe ich niemandem etwas erzählt“, erwiderte Sophie mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen und zuckte mit den Schultern. „Und mein Handy hat kurz vor dem Abflug den Geist aufgegeben. Scheinbar brauche ich einen neuen Akku. Was ist denn los?“


Mit einer Hand strich sich ihr Bruder durch das Gesicht und zeigte auf die Couch neben der Tür. Schweigend setzten sie sich hin.


„Es ist etwas passiert“, sagte Alexander ernst und Sophie sah ihn fragend an. „Am Freitag ist in der alten Wiener Filiale ein Feuer ausgebrochen. Noch wissen wir nicht, wie es dazu kommen konnte“, ergänzte er frustriert. „Doch die Polizei ermittelt bereits. Und im Moment stehen selbst wir im Verdacht.“


Entsetzt sah Sophie ihren Bruder an.


„Was?“, fragte sie fassungslos. „Wurde jemand verletzt?“


„Die Mitarbeiterin, die das Feuer entdeckt hat, wurde beim Versuch, es zu löschen, leicht verletzt“, berichtete Alexander angespannt und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Sie hatte großes Glück. Mehr weiß ich selbst noch nicht. Matthias hat sich bisher noch nicht wieder gemeldet. Am liebsten würde ich selbst nach Wien fahren, doch ich habe im Moment einfach keine Zeit. Ronja hat gerade einen ziemlich schwierigen Kunden und muss sich selbst um das Projekt kümmern. Daher bin ich am Nachmittag für Michael zuständig. Doch zum Glück hat Matthias angeboten, zusammen mit dem Filialleiter vor Ort alles zu regeln. So lange, bis mir eine andere Lösung einfällt. Und mich regelmäßig über den aktuellen Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten.“


„Ich glaub das einfach nicht“, flüsterte Sophie betroffen und lehnte sich auf dem Sofa zurück. „Aber wieso stehen wir im Verdacht? Warum sollten wir unsere eigene Filiale anzünden?“


„Wegen der Versicherung“, antwortete Alexander bitter und seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. „Jedenfalls hat der zuständige Polizist diesen Verdacht geäußert. Und ich muss dir ja nicht sagen, was passiert, wenn die Presse davon erfährt.“


Sophie schüttelte mit dem Kopf. Sie konnte sich vorstellen, was in diesem Fall passieren könnte. Zwar war sie im letzten Jahr nicht zu Hause gewesen, doch ihre Brüder hatten sie über die Probleme im Unternehmen auf dem Laufenden gehalten. Sie wusste also von dem Skandal, den die angebliche Tierquälerei der Angorakaninchen auf der de-Luca-Farm in Judenburg ausgelöst hatte.


„Ich werde nicht zulassen, dass es soweit kommt“, sagte Sophie entschieden und sah ihren Bruder mit ernster Miene an. „Ich hatte sowieso vor, in den nächsten Tagen nach Wien zu fliegen und Matthias abzulösen. Schließlich habe ich seine Hilfe schon viel zu lange in Anspruch genommen. Ich werde mich gleich um einen Flug für morgen kümmern und die Sache in die Hand nehmen. Außerdem wird es langsam Zeit, dass ich mit den Vorbereitungen für den Onlineshop beginne. Sonst wird sich der Termin noch weiter nach hinten verschieben. “


„Und Amerika?“, wollte Alexander irritiert wissen. „Musst du nicht zurück?“


Sophie schüttelte mit dem Kopf.


„Dort bin ich fertig“, versicherte sie ihm. „Ich kann mich jetzt voll auf unsere Firma konzentrieren.“


„Das freut mich“, erwiderte Alexander und lächelte sie an. „Ich kann deine Hilfe hier sehr gut gebrauchen.“


 


 


 


1. Kapitel

 


Fertig, dachte Mario erleichtert und stellte den letzten Ordner in den Schrank. Endlich war sein Büro wieder so weit eingeräumt, dass er sich seinen eigentlichen Aufgaben widmen konnte. In nicht einmal zwei Wochen sollte die de-Luca-Filiale in Wien hier an diesem Standort neu öffnen. Und bis dahin gab es noch viel zu tun. Denn trotz der fleißigen Hilfe von Matthias de Luca und den vielen Überstunden der letzten Wochen hinkten sie mit ihrem Zeitplan deutlich hinterher. Und das brachte den geplanten Eröffnungstermin langsam in Gefahr.


„Und alles nur, weil die Umbau- und Malerarbeiten so lange gedauert haben“, sagte er gereizt und ließ sich auf seinen Stuhl fallen.


Denn nachdem die Mitarbeiter der engagierten Firma von heute auf morgen nicht mehr auf der Baustelle erschienen waren, hatten sie sich nach Ersatz umsehen müssen. Das hatte sie fast zwei Wochen gekostet. Nur, um dann zu erfahren, dass die Arbeiten vorher ziemlich schlampig durchgeführt worden waren. Und das im Grunde nur sein Büro im Großen und Ganzen fertiggestellt war.


„Aber wenigstens kann sich das Ergebnis jetzt sehen lassen“, stellte Mario zufrieden fest und schaltete seinen Computer an.


Alle Wände im Verkaufsbereich waren in einem einladenden und warmen Orangeton gestrichen. Und der robuste Vinylboden sah optisch aus wie hochwertiges Parkett. Die Kunden würden es lieben, davon war er fest überzeugt. Denn nichts erinnerte mehr an die hässlichen Räume der alten Filiale, die so oft im Internet kritisiert wurden. Und trotzdem von seinem Vorgänger jahrelang ignoriert worden waren.


Trotzdem, ging es Mario durch den Kopf und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sie waren noch lange nicht fertig. Die Regale, Tische und Kleiderständer standen zurzeit noch planlos in dem großen Verkaufsraum herum. Denn erst gestern war er mit Matthias de Luca dazu gekommen, sie zusammenzubauen. Jetzt mussten sie verteilt und die Kleidungsstücke eingeräumt bzw. aufgehängt werden. Aber dafür war es gestern Abend einfach schon zu spät gewesen.


 


Das Klopfen an der Tür riss Mario aus seinen Gedanken und er sah verwundert auf die Uhr. Eigentlich war es noch viel zu früh für die anderen Mitarbeiter. Da sie alle in den letzten Tagen so hart gearbeitet hatten, hatte er ihnen erlaubt, heute etwas später in die Filiale zu kommen. Trotzdem schien bereits jetzt jemand zur Arbeit gekommen zu sein.


„Ja, bitte“, rief Mario laut, als es erneut klopfte, und die Tür ging auf. „Lisa?“, fragte er verwirrt, als seine Verkäuferin Lisa Farber ins Zimmer kam. „Was machst du denn so früh hier?“ Denn mit ihr hätte er am allerwenigsten gerechnet. „Wieso bist du nicht bei Fabian? Ihr hättet heute Vormittag doch etwas unternehmen können. Oder hast du vergessen, dass Matthias heute nicht da ist?“


Dass Matthias kurzfristig zur Farm seiner Familie fahren musste, war ein weiterer Grund, warum er seinen Mitarbeitern etwas Ruhe schenken wollte. Immerhin konnte er die restlichen Möbel schlecht alleine in dem Verkaufsraum verteilen, sondern musste auf seine Rückkehr warten. Somit war es für seine Leute die perfekte Gelegenheit gewesen, um etwas auszuspannen und neue Kräfte zu sammeln. Denn ab morgen würde ihnen dafür keine Zeit mehr bleiben.


„Nein habe ich nicht“, erwiderte Lisa schmunzelnd und ging auf Marios Schreibtisch zu. „Doch ich muss mich noch um ein paar Sachen kümmern, bevor die anderen heute zur Arbeit kommen. Schließlich bin ich für alles verantwortlich, solange Gabriele im Krankenhaus ist.“


Mario nickte und betrachtete die junge Frau, die so ganz ohne Make-up im Gesicht viel jünger aussah als 23. Ja, dachte er nachdenklich. Sie sieht sogar zu jung aus, um bereits Mutter eines fünfjährigen Sohnes zu sein.


„Hast du mit Frau Herzog gesprochen?“


Lisa nickte und reichte Mario die Unterlagen.


„Sie hat mir die Pläne gegeben, die sie für den Verkaufsraum gemacht hat. Wenn die Aufteilung für dich in Ordnung ist, können wir gleich morgen mit dem Einräumen beginnen.“


„Sehr schön“, erwiderte Mario geistesabwesend und studierte die Unterlagen. Dann reichte er seiner Mitarbeiterin die Papiere zurück. „Die Einteilung ist in Ordnung. Das könnt ihr so machen.“


„Gut“, erwiderte Lisa und stand auf. Doch noch bevor sie die offene Tür erreichte, drehte sie sich noch einmal zu Mario um und sah ihn fragend an.


„Hast du schon was von der Polizei gehört? Gabriele macht sich Sorgen um die Kleidungstücke, die sich noch in der alten Filiale befinden.“


„Nein, sie haben sich noch nicht gemeldet“, erwiderte Mario nachdenklich und fasste sich mit einer Hand an die Schläfe. „Doch ich habe auch nicht wirklich damit gerechnet. Es dauert eine Weile, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind. Wir können also nur abwarten. Und was die Sachen betrifft, die sich noch in dem Gebäude befinden. Sag Gabriele, sie soll sie vergessen“, ergänzte er ernst. „Seit diesem Feuer sind inzwischen drei Tage vergangen. Der Rauchgeruch hatte also genügend Zeit, sich an die Kleidungstücke zu heften. Wir werden wohl kaum noch etwas retten können.“


„Da hast du wohl recht“, stimmte sie ihm nachdenklich zu. „Zum Glück hatten wir die meisten Sachen bereits ausgeräumt.“ Dann lachte sie leise auf. „Im Grunde können wir froh sein, dass wir kurz vorher mit dem Umzug begonnen haben. Sonst würden wir jetzt auf der Straße sitzen.“


Auch Marios Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.


„Sag das nicht so laut“, sagte er belustigt. „Sonst glaubt am Ende noch jemand, wir hätten das geplant.“


„Als hätten wir so etwas nötig“, erwiderte Lisa kopfschüttelnd. „Aber es ist schön, dich mal wieder lächeln zu sehen. In letzter Zeit warst du immer so ernst.“


„Es war auch eine anstrengende Zeit“, antwortete Mario lächelnd und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Der ganze Ärger mit dem Umbau hat uns ganz schön viel Zeit und Nerven gekostet. Aber jetzt ist es zum Glück vorbei. In gut zwei Wochen können wir wieder eröffnen, dann wird hoffentlich langsam wieder Normalität einkehren.“


„Das hoffe ich auch“, stimmte Lisa ihm zu und drehte sich schnell um, als sie aus dem Verkaufsraum ein lautes Bimmeln hörte. „Scheinbar hat noch jemand beschlossen, heute früher mit der Arbeit zu beginnen“, ergänzte sie verwundert und drückte die Unterlagen, die sie in der Hand hielt, an ihre Brust. „Ich werde mal sehen, wer es ist.“


Kurz darauf war Lisa verschwunden und Mario sah seiner Mitarbeiterin lächelnd hinterher. Sie nimmt ihre neue Rolle als stellvertretende Leitung des Verkaufsbereiches wirklich sehr ernst, dachte er belustigt.


Als jedoch sein Privathandy zu klingeln begann, blendete er alle Gedanken aus und griff nach seinem Smartphone. Dabei achtete er nicht groß auf die Nummer, sondern nahm das Gespräch sofort an. Als er jedoch nur leise Stimmen im Hintergrund hörte, bildeten sich Falten auf seiner Stirn und er lehnte sich verwirrt in seinem Stuhl zurück. Soll das etwa ein Telefonstreich sein?


„Hallo. Wer ist da, bitte?“, fragte er etwas gereizt, denn für so etwas hatte er im Moment wirklich keine Zeit.


Aber erneut meldete sich niemand und Mario wollte das Gespräch beenden. Bis plötzlich doch noch eine Männerstimme am anderen Ende erklang und Mario vor Schreck fast das Telefon fallen ließ.


„Hallo Rox.“


 


Callan, dachte Mario entsetzt, während sein Herz auf einmal deutlich schneller schlug. Nie könnte er diese Stimme vergessen, in der man schon damals einen drohenden Unterton hören konnte. Und das, obwohl er sie so lange nicht gehört und sich gewünscht hatte, ihn und die anderen nie wieder sehen zu müssen.


Leider hatte sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Denn vor gut zwei Monaten hatten sie ihn hier in Wien aufgespürt und versucht, mit ihm in Kontakt zu treten. Aber er hatte keine Lust, sich noch einmal von ihnen sein Leben ruinieren zu lassen. Noch einmal zusehen zu müssen, wie sie andere verletzten. Es hatte lange gedauert, bis es ihm wenigstens halbwegs wieder besser gegangen war. Das würde er sich von ihnen nicht kaputt machen lassen.


„Sie haben sich verwählt. Hier gibt es keinen Rox“, probierte Mario sein Glück und versuchte, sich zu beruhigen.


Er wollte gar nicht wissen, wie sie an seine private Handynummer gekommen waren. Doch er wusste, dass sie ihn nie in Ruhe lassen würden, wenn er sich jetzt zu erkennen gab. Seit ihrer letzten Begegnung waren einige Jahre vergangen. Er hatte sich ziemlich verändert. Kaum noch etwas an ihm erinnerte an den kleinen verstörten Jungen von damals. Und mit etwas Glück konnte es funktionieren.


„Netter Versuch“, ertönte es spöttisch vom anderen Ende und Mario musste schlucken. „Aber ich weiß genau, wer du bist. Nachdem uns im Internet der Artikel mit deinem Foto ins Auge gefallen ist, haben wir Nachforschungen angestellt. Mir ist gleich eine gewisse Ähnlichkeit aufgefallen und wir wurden nicht enttäuscht. Beeindruckend, was aus dir geworden ist. Filialleiter der de-Luca-Filiale in Wien. Nicht schlecht für einen ehemaligen Dieb. Ich frag mich nur, ob dein Chef weiß, wer du wirklich bist.“


Kaum hatte er das gesagt, wurde das Gespräch unterbrochen und es war nur noch ein Tuten zu hören.


„Verdammt“, fluchte Mario leise vor sich hin und seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Natürlich wusste er genau, von welchem Artikel Callan gesprochen hatte.


Schon vor Monaten war dieser in der Zeitung und auch im Internet erschienen, um über die Vergrößerung der Wiener Filiale zu berichten. Und als man dafür ein Foto von ihm und seinem Team machen wollte, hatte er sich nichts weiter dabei gedacht.


Ich bin nachlässig geworden, ging es ihm durch den Kopf und er hätte am liebsten etwas gegen die Wand geworfen. Da er so lange Glück gehabt hatte, war die Angst, gefunden zu werden, mit den Jahren immer kleiner geworden. Er hatte damit begonnen, sich hier ein Zuhause aufzubauen. Hatte sich eine gemütliche ost-westorientierte Maisonette-Wohnung gekauft, statt wie früher in möblierten Zimmern aus gepackten Koffern zu leben. Und er war seit vier Jahren in keine andere Stadt mehr umgezogen.


„Ich bin so ein Idiot“, flüsterte er leise und schüttelte mit dem Kopf. „Ich hätte verschwinden sollen, als ich diesen Brief bekommen habe.“


Doch er hatte seine Leute nicht im Stich lassen wollen. Gehofft, sie würden ihn in Ruhe lassen, wenn er nicht auf ihre Kontaktversuche reagierte. Aber damit hatte er sich nur selbst etwas vorgemacht. Er hätte wissen müssen, dass Callan, Seth und Vico nicht so leicht aufgeben würden. Dafür war zu viel zwischen ihnen vorgefallen. Aber er musste einen Weg finden, sie wieder loszuwerden. Niemals durften die de Lucas von seiner Vergangenheit erfahren. Denn dadurch konnte er alles verlieren, was er sich in den letzten Jahren aufgebaut hatte.


Fieberhaft überlegte Mario, was er jetzt tun sollte. Leider waren seine Möglichkeiten ziemlich begrenzt. Er könnte versuchen, mit ihnen zu reden. Bezweifelte aber, dass sie sich damit zufriedengeben würden. Er hatte das Richtige tun wollen und war ihnen in den Rücken gefallen. Damit hatte er gegen das oberste Gesetz verstoßen, und das würden sie ihm niemals verzeihen. Dafür kannte er seine alten Freunde einfach zu gut.


 


Plötzlich klopfte es erneut an der Tür und Mario wurde aus seinen Gedanken gerissen. Genervt lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. Er hatte jetzt keinen Kopf für weitere Probleme und wollte im Grunde nur allein sein. Doch im gleichen Augenblick rief er sich selbst zur Ordnung. Schließlich konnten Lisa und die anderen nichts dafür, dass ihn gerade seine Vergangenheit einholte.


„Ja, bitte“, sagte er mit fester Stimme und atmete tief durch.


Mit aller Kraft versuchte Mario, den Anruf und seine Erinnerungen zu verdrängen. Und als kurz darauf seine Verkäuferin Lisa Farber lächelnd das Büro betrat, hatte er sich so weit im Griff, dass er ihr für die Störung nicht gleich den Kopf abreißen wollte.


„Lisa, was gibt es denn noch?“, fragte er ernst und griff nach einem Papier, damit es so aussah, als hätte er zu tun. „Kann es nicht warten?“


„Ich fürchte nicht“, erwiderte Lisa entschuldigend. „Gerade ist eine Frau angekommen, die Matthias de Luca sprechen möchte. Als ich ihr sagte, dass dieser heute frei hat, wollte sie mit Ihnen sprechen.“


Verwirrt sah Mario Lisa an. Normalerweise benutzte sie diese geschäftsmäßige Anrede nur, wenn jemand von den anderen Mitarbeitern in der Nähe war.


„Hat sie gesagt, wie sie heißt? Oder was genau sie will?“


„Sie heißt Sophie de Luca“, erklang eine weibliche Stimme an der Tür, bevor Lisa die Chance hatte zu antworten. „Und sie ist hier, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen.“


Überrascht setzte sich Mario in seinem Stuhl auf und sah die Besucherin ungläubig an, deren lange blonde Haare ihr offen über die Schulter fielen.


„Sie sind Matthias‘ Cousine?“, fragte er verblüfft und starrte sie ungläubig an, während Lisa leise den Raum verließ. Das kann doch nicht deren ernst sein, ging es ihm durch den Kopf. Wie bitte soll ich mit dieser Frau zusammenarbeiten? Sie sieht kaum älter aus als 18.


Das kann ja heiter werden, dachte er frustriert und ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen. Er hatte sich die Schwester seines Chefs ganz anders vorgestellt. Älter und geschäftsmäßiger. Nicht so ein junges Ding, das lieber selbst shoppen ging, als sich um den Verkauf dieser Sachen zu kümmern. Und dann auch noch ihre Garderobe, dachte er spöttisch. Weiße Hose, ein rotes T-Shirt und Sandaletten. Kaum das richtige Outfit, um bei den letzten Vorbereitungen zu helfen und eine leitende Funktion einzunehmen. Auch, wenn ihr die Sachen sehr gut standen.


„Die bin ich“, versicherte Sophie lächelnd, während sie auf Mario zuging, und reichte ihm die Hand. „Und ich freue mich schon auf unsere Zusammenarbeit.“


Schweigend ergriff Mario ihre Hand, ohne auf ihre Worte einzugehen. Was hätte er auch sagen sollen? Im Gegensatz zu ihr war er alles andere als begeistert. Diese Frau würde nichts als Ärger bringen, davon war er fest überzeugt. Und als sein Körper dann auch noch auf ihre Berührung reagierte, fühlte er sich in seiner Meinung bestätigt. Für so etwas hatte er im Moment wirklich keine Zeit.


 


Oh, mein Gott, dachte Sophie, als ein Kribbeln ihren Körper durchzog, nachdem sie die Hand des Filialleiters berührt hatte. Wieso hat Matthias mich nicht vorgewarnt? Mit seinen kurzen dunkelbraunen Haaren, dem Drei-Tage-Bart und den grauen Augen konnte sich Mario Hebbeler sehen lassen. Trotzdem konnte sie sich nicht erklären, warum sie so heftig auf ihn reagierte. Das war ihr noch nie passiert. Besonders nicht bei Männern, die sie überhaupt nicht kannte.


Schweigend ließ Sophie seine Hand los und ging ein paar Schritte zurück. So etwas kann ich im Moment wirklich nicht gebrauchen. Sie war nicht an einer Affäre oder einer Beziehung interessiert, schließlich mussten sie zusammenarbeiten. Außerdem war ihr der ungläubige Ausdruck in seinem Gesicht nicht entgangen, mit dem er sie betrachtet hatte, als sie ins Zimmer gekommen war. Auch nicht der leichte Spott in seinen Augen, als sein Blick auf ihre Kleidung fiel. Und sie verfluchte sich selbst, dass sie in diesem Aufzug hier erschienen war.


Aber was hätte ich machen sollen?, dachte sie leicht gereizt und atmete tief durch. Der größte Teil ihrer Sachen war immer noch auf dem Weg von Amerika nach Deutschland. Ihre Auswahl in ihrem früheren Kinderzimmer war somit ziemlich gering gewesen. Aus diesem Grund war sie vom Flughafen gleich zu Matthias gefahren, um dort ihren Koffer abzustellen und einkaufen zu gehen. Aber nachdem sie ihren Cousin nicht in seiner Wohnung angetroffen hatte, war ihr nichts anderes übrig geblieben, als hierher in die Filiale zu kommen. Nur, um zu erfahren, dass Matthias sich heute freigenommen hatte.


„Ihre Mitarbeiterin hat mir erzählt, dass Matthias heute nicht in die Filiale kommt“, sagte Sophie, als sie Marios prüfende Blicke und sein Schweigen nicht länger ertragen konnte. „Seltsam, davon hat mir Alexander gestern gar nichts erzählt.“


„Es war eine spontane Entscheidung, nachdem er mit seinem Bruder gesprochen hatte“, erwiderte Mario knapp, ohne eine Miene zu verziehen. „Morgen wollte er aber zurück sein.“


Überrascht sah Sophie den Filialleiter an. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. Gleich darauf schlug ihre Überraschung in Besorgnis um, denn sie kannte ihren Matthias sehr gut. Schon als Kinder hatten sie viel Zeit miteinander verbracht, obwohl Matthias fast zwei Jahre älter war. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, eine angefangene Arbeit einfach liegen zu lassen. Außer, er hatte dafür einen wichtigen Grund.


„Ist auf der Farm irgendetwas passiert?“, wollte Sophie besorgt wissen und ließ sich auf einen der Stühle fallen.


Doch Mario zuckte nur mit den Schultern.


„Das müssen Sie Matthias selber fragen“, antwortete er ernst und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Mir steht es nicht zu, mit irgendjemandem darüber zu sprechen. Er ist aber telefonisch erreichbar.“


„Ich bin nicht irgendjemand“, presste Sophie wütend hervor. „Ich bin seine Cousine. Und wir hatten noch nie Geheimnisse voreinander.“


„Dann rufen Sie ihn an“, erwiderte Mario schulterzuckend. „Lassen Sie es sich von ihm erzählen. Ich mische mich da nicht ein. Denn es geht mich nichts an.“


„Gut“, sagte Sophie schroff und griff nach dem Telefon. Von wegen freundlich und hilfsbereit, ging es ihr dabei durch den Kopf, als sie an Matthias‘ Beschreibung denken musste. Eher bissig und abweisend. „Können Sie mir dann wenigstens seine Handynummer verraten? Meins ist kaputt und ich weiß sie nicht aus dem Kopf.“


 


Prüfend sah Mario Sophie an. Sie war wütend, das war nicht zu übersehen. Und er war sich nicht sicher, ob sie ihre letzten Worte wirklich ernst gemeint hatte. Als sie jedoch nichts weiter tat, als ihn kühl zu betrachten, beugte er sich nach vorne und griff nach dem Geschäftshandy.


„Den Apparat können Sie vergessen“, sagte er mit ernster Miene und zeigte auf den Telefonhörer in ihrer Hand, während er Matthias‘ Nummer auswählte. „Wir haben hier noch keinen Festnetzanschluss. Dieser muss erst freigegeben werden.“


„Heißt das, die Filiale ist im Moment gar nicht erreichbar?“, wollte Sophie ungläubig wissen und legte den Hörer zur Seite.


Mario schüttelte mit dem Kopf und hielt sich das Smartphone ans Ohr.


„Alle Anrufe für die alte Filiale werden direkt auf mein Geschäftshandy weitergeleitet. Jedoch haben wir im Moment weder Internet noch einen Faxanschluss. Ich warte noch …“


Weiter kam er nicht, denn am anderen Ende erklang Matthias‘ Stimme.


„Mario, ist etwas passiert?“


Eine Menge, wollte Mario am liebsten sagen, doch er hielt sich zurück. Schließlich war Matthias in diesem Moment nicht sein Freund, sondern der Cousin von Sophie de Luca, der Schwester seines Chefs.


„Es ist alles in Ordnung“, erwiderte er daher nur, während er Sophie einen kurzen Blick zuwarf.


Jedoch musste er später noch mal ein ernstes Wort mit ihm sprechen. Dieser hätte ihn ruhig vorwarnen können, was da auf ihn zukam.


„Wieso rufst du mich dann an? Du weißt doch, dass ich heute zu Christian nach Judenburg fahren wollte.“


Matthias‘ irritierte Stimme riss Mario aus seinen Gedanken und er zwang sich, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren.


„Sicher weiß ich das“, erwiderte er schnell und stand auf. „Nur hier ist jemand, der mit dir sprechen möchte. Ich reich dich mal weiter.“


„Hier“, sagte er leise und gab das Handy an Sophie weiter. Dabei bemühte er sich, nicht noch einmal ihre Hand zu berühren. Dann stand er auf und verließ das Büro.


 


Schweigend nahm Sophie das Smartphone entgegen und starrte ihm wütend nach. Da er sich aber nicht noch einmal zu ihr umdrehte, bekam er es gar nicht mit und sie stöhnte frustriert auf. So hatte sie sich ihre erste Begegnung mit Mario Hebbeler nicht vorgestellt.


Dann fiel ihr Blick auf das Handy in ihrer Hand und sie hielt es sich ans Ohr. Sie konnte sich später noch mit dem Filialleiter und seiner eher unfreundlichen Begrüßung auseinandersetzen.


„Hallo Matt“, begrüßte sie ihren Cousin schnell und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.


„Sophie?“, fragte Matthias überrascht, bevor sie auch nur die Gelegenheit hatte, nach dem Grund seiner Reise zu fragen. „Was machst du denn in Wien? Ich dachte, du wärst noch in Los Angeles.“


Ist das sein Ernst, ging es Sophie durch den Kopf und sie stand auf. Angespannt ging sie im Büro hin und her. Irgendetwas Schreckliches war auf der Farm passiert. Etwas so Schlimmes, dass Matthias hier alles stehen und liegen gelassen hatte, um nach Hause zu fahren. Und das Einzige, was ihn interessierte, war der Grund, warum sie nicht mehr in Amerika war?


„Ich bin am Wochenende zurückgekommen“, sagte Sophie ernst. „Gestern war ich bei Alexander, der hat mir von dem Feuer erzählt. Ich bin froh, dass niemand ernsthaft verletzt wurde. Aber …“


Erneut wurde sie unterbrochen.


„Das hat mir dein Bruder gar nicht erzählt“, antwortete Matthias deutlich verwirrt. „Ich habe versucht, dich anzurufen.“


„Ich weiß“, gab sie zu. „Doch als du in Los Angeles angerufen hast, war ich bereits auf dem Weg zum Flughafen. Und mein Handy hat plötzlich den Geist aufgegeben. Wahrscheinlich ist der Akku kaputt“, ergänzte sie und stöhnte innerlich auf.


Das war nicht das Gespräch, das sie mit Matthias führen wollte. Aber wenn er sich dafür Zeit nahm, konnte sein Grund, nach Hause zu fahren, nicht allzu ernst sein. Was sie im Grunde noch mehr verwirrte. Denn wieso hatte er damit dann nicht bis zum Wochenende gewartet? Doch sie hielt sich mit einer Bemerkung zurück.


„Verstehe“, erklang nach kurzem Schweigen wieder die Stimme ihres Cousins. „Wann fliegst du zurück?“


Und obwohl die Situation alles andere als lustig war, musste Sophie bei diesen Worten lächeln. Es war abgesprochen gewesen, dass er sie in der Wiener Filiale vertreten würde, bis ihre Arbeit in Amerika abgeschlossen war. Und er hatte das wirklich gut gemacht. Doch statt sich jetzt darüber zu freuen, dass sie endlich nach Hause gekommen war, ging er davon aus, sie wäre nur für einen Besuch nach Deutschland zurückgekommen. Dabei hatte seine Vertretung schon länger gedauert, als ursprünglich geplant.


„Ich kehre nicht in die USA zurück, Matt“, erwiderte Sophie belustigt. „Mein Projekt dort ist abgeschlossen und ich wollte nach Hause. Gestern kurz nach deinem letzten Anruf habe ich Alexander über meine Rückkehr informiert.“, erklärte sie ihm. „Er meinte, ich solle dir bei den Problemen in Wien helfen. Also habe ich mir meine Sachen geschnappt und bin heute Morgen von Stuttgart nach Wien geflogen. Aber du warst nicht da.“


Kaum hatte Sophie ihre Erzählung beendet, musste sie über sich selbst lächeln. Zwar war die Geschichte nicht gelogen, doch ganz die Wahrheit hatte sie auch nicht gesagt. Denn sonst hätte sie noch erwähnen müssen, wie unerwünscht sie sich durch das Verhalten von Mario Hebbeler vorgekommen war. Aber sie wollte diese Geschichte nicht zu ernst nehmen. Und schon gar nicht, dass Matthias oder ein anderes Mitglied ihrer Familie davon erfuhr. Sie und der Filialleiter hatten einfach einen schlechten Start gehabt. Das würde sich mit der Zeit schon legen.


„Was ist eigentlich passiert?“, wechselte Sophie das Thema, um endlich auf den Grund ihres Anrufs zurückzukehren. „Du fährst doch bestimmt nicht grundlos so plötzlich nach Hause.“


„Es ist etwas Persönliches“, erwiderte Matthias ausweichend, ohne genauer darauf einzugehen. „Weißt du schon, wo du schlafen wirst?“


Überrascht ließ sich Sophie wieder auf einen der Stühle fallen, denn normalerweise hatten sie keine Geheimnisse voreinander. Im Gegenteil, ging es ihr durch den Kopf. Schon als Kinder waren sie enge Vertraute gewesen. Da sich ihr Bruder Domenik jahrelang die Schuld an der Entführung ihrer jüngeren Schwester Nicole gegeben hatte, wollte sie ihn nicht noch mit ihren Problemen belästigen. Und ihre anderen Geschwister waren entweder einige Jahre älter oder jünger als sie und hatten ganz andere Interessen gehabt.


Bei Matthias war es ähnlich gewesen, erinnerte sich Sophie und musste lächeln. Das hatte sie zusammengeschweißt. Fast täglich hatten sie miteinander telefoniert oder sich E-Mails und SMS geschickt, um den anderen auf dem Laufenden zu halten. Daran hatte sich auch nichts geändert, als sie älter geworden waren. Dass er ihr jetzt nicht die Wahrheit sagen wollte, verletzte sie schon ein bisschen. Obwohl, musste sie zugeben. Ich war ja auch nicht ganz ehrlich zu ihm.


„Du willst also nicht darüber sprechen, das muss ich akzeptieren“, sagte sie daher nur, ohne ihn weiter zu bedrängen. Er würde schon mit ihr reden, wenn er so weit war. „Was die Übernachtung betrifft“, beantwortete Sophie seine Frage. „Da habe ich mir noch keine Gedanken gemacht“, gab sie zögernd zu. „Ich werde wohl erst einmal ins Hotel gehen müssen.“


„Oder du wohnst bei mir“, bot Matthias ihr an. „Ich habe am Wochenende mein Türschloss ausgewechselt, da sich meine Exfreundin plötzlich in meiner Wohnung befand. Der Ersatzschlüssel liegt in meiner Aktentasche. Bitte Mario einfach darum, dir meinen Platz zu zeigen. Manuelas altes Zimmer ist so gut wie leer. Und ich weiß doch, wie ungern du im Hotel übernachtest. Außerdem komme ich heute Abend noch nach Wien zurück.“


„Danke“, erwiderte Sophie und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich nehme dein Angebot gerne an.“


Denn es stimmte, sie hatte Hotels noch nie viel abgewinnen können. Sie liebte es, flexibel zu sein. Und wollte sich nicht von den vorgegebenen Zeitplänen des Hotels einschränken lassen. Besonders, da ihre Arbeitszeiten mitunter sehr unterschiedlich waren.


„Aber du musst nicht unbedingt zurückkommen“, ergänzte sie belustigt. „Du hast schon so viel Zeit für mich geopfert und dafür bin ich dir auf ewig dankbar. Aber jetzt bin ich hier. Kümmere dich in Ruhe um dein Problem.“


„Ich habe etwas angefangen, also bringe ich es auch zu Ende“, erwiderte Matthias. „Außerdem, bei allem, was bis zur Eröffnung noch gemacht werden muss, wird gerade jede Hand gebraucht.“


Dabei klang seine Stimme so bestimmt, dass Sophie keinen Versuch unternahm, ihm zu wiedersprechen. Denn er hatte recht. Überall hatten Kartons herumgestanden, als sie vorhin angekommen war, und die meisten Regale waren noch leer gewesen. Wenn sie pünktlich fertig werden wollten, mussten sie sich beeilen. Denn so wie der Raum bisher aussah, konnten sie die Filiale auf keinen Fall eröffnen.


„Wenn das so ist, dann bis später“, antwortete Sophie mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen.“


Anschließend beendete sie das Telefongespräch und legte das Handy auf den Schreibtisch zurück. Dann stand sie auf und machte sich auf die Suche nach dem Filialleiter.


2. Kapitel

 


Das kann ja heiter werden, ging es Mario durch den Kopf, während er nachdenklich in den Verkaufsbereich ging. Diese Sophie war das Letzte, was er in seinem Leben gerade gebrauchen konnte. Bereits nach wenigen Minuten mit ihr in einem Raum war er erregt gewesen. Und das, obwohl er sich die ganze Zeit gesagt hatte, dass daraus nie etwas werden konnte.


„Verdammt“, fluchte er leise. Mit ihren blonden Haaren, den ausdrucksstarken grünen Augen, dem verlockenden schlanken Körper und ihrem strahlenden Lächeln war sie eine gefährliche Ablenkung. „Wie soll ich nur mit dieser Frau zusammenarbeiten?“


Mir fehlt einfach nur Sex, dachte Mario frustriert und atmete tief durch. Schließlich war es schon eine Weile her, seit er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen war. Ich muss einfach mal wieder ausgehen. Dann wird diese seltsame Spannung ganz schnell verschwinden.


Um sich abzulenken, ging er auf seine Mitarbeiterin Lisa Farber zu, die bereits damit begonnen hatte, Hosen in ein Regal einzuräumen.


„Lisa. Bist du immer noch allein?“, fragte Mario überrascht und sah sich suchend um.


„Sicher. Du hast den anderen schließlich erlaubt, heute erst um elf Uhr anzufangen“, antwortete Lisa belustigt. „Und vorher werden sie auch nicht kommen.“


„Da könntest du recht haben“, erwiderte Mario mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen und griff ebenfalls nach einer Jeans. „Was hältst du von unserem Neuzugang?“


„Sophie de Luca? Nun, sie scheint nett zu sein. Und sie sieht nicht schlecht aus“, sagte Lisa schmunzelnd. „Außerdem hat sie bei dir scheinbar schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen.“


„So ein Quatsch“, erwiderte Mario abwehrend und sah Lisa ungläubig an. „Wie kommst du denn darauf? Sie ist doch gar nicht mein Typ.“


„Verstehe“, antwortete sie lächelnd. „Deshalb hast du sie auch so komisch angesehen.“


„Ich war nur überrascht“, rechtfertigte sich Mario gereizt. „Ich habe mir Matthias‘ Cousine eben ganz anders vorgestellt.“


Und das ist nicht einmal gelogen, ging es ihm durch den Kopf. Trotzdem konnte Mario deutlich sehen, dass seine Mitarbeiterin ihm diese Erklärung nicht abnahm. Dafür kannte sie ihn nach all den Jahren einfach zu gut.


„Ist ja auch egal“, wechselte er daher das Thema. „Aber ich verstehe nicht, wie Alexander de Luca ausgerechnet ihr die Leitung des neuen Onlineshops übertragen konnte. Dafür ist sie doch viel zu jung.“


Lisa zuckte mit den Schultern.


„Gut, sie sieht jung aus“, gab sie Mario recht. „Doch sie ist sogar ein Jahr älter als ich. Außerdem hat sie gerade über ein Jahr bei einer großen amerikanischen Firma in Los Angeles gearbeitet. Und schon während ihres Studiums in der Versandfiliale ihres Bruders in München ausgeholfen.“


Überrascht sah Mario Lisa an.


„Woher weißt du das alles?“


„Von Matthias“, erwiderte sie lächelnd. „Ich war neugierig, und er hat mir ein bisschen was erzählt. Die beiden stehen sich sehr nahe. Seiner Meinung nach kann man mit ihr einfach über alles reden.“


Mario nickte.


„Das habe ich auch schon gehört“, sagte er nachdenklich. „Trotzdem solltest du ihr gegenüber vorsichtig sein“, ermahnte sie Mario. „Sie ist nicht Matthias und wird so schnell nicht wieder verschwinden. Und ich bin mir nicht sicher, ob dieser Onlineshop der einzige Grund ist, warum ihr Bruder sie hergeschickt hat.“


„Wie meinst du das?“, fragte Lisa verwirrt.


„Nun ja. Als Matthias hier angefangen hat, hatte er viele Fragen“, gab Mario zögernd zu. „Eine davon war meine Beziehung zu dir. Und der Grund, warum ich dich eingestellt habe.“


„Oh“, erwiderte Lisa überrascht. „Das hast du mir nie erzählt. Und wenn wir ihr einfach die Wahrheit sagen“, schlug sie mit einem schwachen Lächeln vor. „Was kann sie schon tun?“


„Eigentlich nichts“, erwiderte Mario nachdenklich. „Ich bin der Filialleiter und kann entscheiden, wer eingestellt wird. Doch wenn wir Pech haben, geschieht hier das Gleiche wie in unserer alten Filiale. Deine Kollegen werden aufhören zu reden, wenn du in ihre Nähe kommst. Sie werden Geschichten hinter deinem Rücken erzählen. Und dir einreden, du hättest diesen Job nur meinetwegen bekommen.“


„Und ist es so?“, wollte Lisa wissen und sah Mario fragend an.


„Natürlich nicht“, versicherte er schnell. „Das solltest du eigentlich wissen. Ich habe dir nach Fabians Geburt vielleicht diesen Ausbildungsplatz besorgt“, gab er zerknirscht zu. „Doch alles andere hast du dir selbst erarbeitet. Es tut mir nur leid, dass dir deine früheren Kollegen meinetwegen keine Gelegenheit gegeben haben, dies zu beweisen.“


Lisa zuckte mit den Schultern.


„Ehrlich gesagt, mir nicht“, gab sie lächelnd zu. „Die Arbeit hier finde ich nämlich viel schöner. In Gabriele habe ich eine gute Freundin gefunden. Und in letzter Zeit habe ich öfter darüber nachgedacht, ihr die ganze Geschichte zu erzählen. Ich bin sicher, sie würde es verstehen. Und das Gleiche gilt bestimmt auch für Sophie de Luca, wenn man den Worten ihres Cousins trauen kann.“ Dann wechselte Lisa das Thema und sah sich suchend um. „Wo ist sie eigentlich?“


„Sie telefoniert mit Matthias“, erwiderte Mario und seine Miene wurde ernst. „Ich hoffe, dass er trotzdem morgen wiederkommt. Mit ihm hatte ich alles sehr gut im Griff. Er hat überall dort mit angefasst, wo es nötig war. Ohne seine Hilfe dürfte es schwierig werden, den geplanten Termin einzuhalten.“


„Das stimmt“, gab Lisa traurig zu. „Ich fände es auch schade, wenn er nicht mehr wiederkommt. Bisher habe ich mich noch gar nicht richtig bei ihm bedankt, dass er mir bei diesen Männern geholfen hat.“


Sofort wurde Mario ganz weiß im Gesicht und musste schlucken. Durch die Ankunft von Sophie de Luca hatte er den Anruf von Callan ziemlich erfolgreich verdrängt. Doch plötzlich war alles wieder da. Und das vergangene Gespräch kam ihm auf einmal so sinnlos vor. Was spielte es für eine Rolle, wie alt die Schwester seines Chefs war, wie sie aussah oder ob er sie attraktiv fand. Er hatte im Moment ganz andere Sorgen. Probleme, die so groß waren, dass er dadurch auch seine Mitarbeiter in Gefahr brachte. Einmal waren sie bereits in der alten Filiale aufgetaucht und hatten Lisa in Angst und Schrecken versetzt. Und im Grunde konnte er nur froh sein, dass niemand wusste, wie eng die Beziehung zwischen ihnen wirklich war. Sonst hätten Callan und seine Jungs diese Verbindung längst für ihre Zwecke ausgenutzt.


„Versprich mir, dass du erst einmal noch mit niemandem über unsere Beziehung sprichst“, sagte Mario ernst und sah sie eindringlich an.


„Was? Wieso?“, wollte Lisa verwundert wissen, doch Mario ging nicht darauf ein.


„Versprich es mir“, wiederholte er scharf. „Es darf niemand wissen.“ Sonst bestand die Gefahr, dass Callan und seine Jungs auch davon erfuhren. Und das durfte niemals geschehen.


„Von mir aus“, erwiderte Lisa besorgt. „Aber was ist plötzlich mit dir los?“


„Gut. Ich werde dann mal zurück in mein Büro gehen“, sagte Mario ernst, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Vielleicht ist sie inzwischen fertig mit telefonieren.“


Dann ließ er sie einfach stehen und ging in Richtung des Bürobereiches davon, während er angestrengt nachdachte. Ich muss etwas unternehmen. Irgendeine Lösung muss es doch geben. Dann fiel ihm plötzlich sein früherer Klassenkamerad Karl Altmann ein, der hier in Wien eine eigene Anwaltskanzlei aufgemacht hatte, und er blieb mitten in der Bewegung stehen. Möglicherweise kann er mir helfen, ging es ihm durch den Kopf. Schließlich ist das sein Beruf. 


 


Suchend sah Sophie sich nach Mario Hebbeler um. Und es dauerte nicht lange, bis sie ihn entdeckte. Kaum hatte sie nämlich die Tür zum Verkaufsbereich geöffnet, fiel ihr Blick auf den kräftig gebauten Mann, der sich mit einer jungen schwarzhaarigen Frau unterhielt.


Lisa Farber, ging es ihr durch den Kopf, als sie sich an den Namen der Mitarbeiterin erinnerte. Sie war die Angestellte, die bereits ein kleines Kind hatte.


Lächelnd wollte Sophie auf die beiden zugehen, um sich den Rest der Filiale zeigen zu lassen. Aber irgendetwas hielt sie zurück. Sie konnte es nicht erklären. Doch die Art und Weise, wie die beiden miteinander sprachen und sich ansahen, verwirrte sie. Irgendwie schien die beiden mehr zu verbinden als eine einfache Chef-Angestellten-Beziehung. Und sie wünschte sich, sie könnte verstehen, worüber die beiden miteinander sprachen.


Irgendetwas ist zwischen den beiden, dachte Sophie verwirrt, und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Dabei konnte sie nicht einmal erklären, warum das so war. Schließlich waren Beziehungen zwischen den Mitarbeitern in ihrem Unternehmen nicht verboten. Es gab somit keinen Grund, daraus ein Geheimnis zu machen. Jedoch hatte Mario Matthias versichert, dass es zwischen ihm und der jungen Frau keinerlei Verbindung gab. Und dass ihre frühere Anstellung in seiner alten Firma nicht der Grund war, warum er ihr hier diese Stelle als Verkäuferin gegeben hatte.


Doch wenn sie die beiden jetzt so ansah, fiel es ihr schwer, an diese Geschichte zu glauben. Sie wirkten zu vertraut, das konnte kein Zufall sein. Sie musste dieser Sache auf jeden Fall nachgehen. Dabei redete sie sich selbst ein, dass sie dabei nur das Wohl der Firma im Kopf hatte und es nichts Persönliches war. Schließlich war es wichtig, für einen reibungslosen Ablauf in der Wiener Filiale zu sorgen. Und dafür waren geeignete Mitarbeiter unerlässlich.


Als hätte der Filialleiter ihre Blicke gespürt, drehte er sich plötzlich um und kam auf sie zu. Der freundliche Blick, mit dem er bis vor Kurzem noch seine Mitarbeiterin betrachtet hatte, war einer ernsten Maske gewichen. Und Sophie lief ein kalter Schauer über den Rücken. Was hat er nur gegen mich?, fragte sie sich verwirrt. Schließlich waren sie sich heute zum ersten Mal begegnet. Trotzdem benahm er sich so, als hätte sie ihm irgendetwas getan. Und langsam wusste sie nicht mehr, ob sie wütend oder verletzt sein sollte.


„Herr Hebbeler“, sagte Sophie angespannt, als dieser, ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorbeigehen wollte. „Wir sollten miteinander reden.“


Etwas verwirrt sah Mario sie an, so als hätte er sie vorher gar nicht wahrgenommen. Das machte Sophie nur noch wütender. Schließlich sollten sie zusammenarbeiten. Leider machte er ihr diese Sache nicht besonders leicht.


„So geht das nicht“, sagte sie daher ernst. „Wenn Sie ein Problem mit mir haben, sagen Sie es einfach. Sie müssen mich nicht ignorieren.“


„Ich habe Sie nicht ignoriert“, erwiderte Mario gereizt und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Ich war nur mit meinen Gedanken woanders. Schließlich muss ich mich um die Eröffnung dieser Filiale kümmern. Und Ihr Cousin ist nicht da, um mir zu helfen.“


„Matthias wird heute Abend nach Wien zurückkommen, um weiter bei den Vorbereitungen zu helfen“, antwortete Sophie kühl. „Er wird Ihnen also morgen wieder zur Verfügung stehen. Solange werden Sie mit mir vorliebnehmen müssen, wenn es Ihnen keine Umstände macht. Ich bin ebenfalls hier, um zu helfen. Wenn es also etwas gibt, was ich übernehmen soll …“


Schweigend sah Mario sie an, ohne auf ihr Angebot einzugehen. Dann betrachtete er ihre Kleidung und schüttelte mit dem Kopf.


„Sie sehen nicht so aus, als wären Sie zum Arbeiten hier.“


Noch deutlicher hätte er es nicht sagen können, dass er in mir keine große Hilfe sieht, dachte sie wütend. Dabei war sie es, die ein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaft hinter sich hatte. Matthias war nur eingesprungen, weil sie noch in Amerika festgesessen hatte. Doch sie würde sich von diesem Mann nicht unterkriegen lassen. Auch ihre Kollegen in Los Angeles hatten sie am Anfang unterschätzt. Ihre Einstellung aber ziemlich schnell ändern müssen. Sie war kein verwöhntes Modepüppchen, das vom Geld ihrer Familie lebte. Sie war bereit, hart zu arbeiten, und das würde sie diesem Mann auch beweisen. Denn sie gehörte nicht zu denen, die schnell aufgaben.


„Ich komme gerade erst aus Amerika zurück“, erwiderte sie kühl und stemmte ihre Hände in die Hüfte. „Fast alle meine Sachen sind noch auf dem Weg nach Deutschland. Meine Auswahl an Kleidungsstücken ist im Moment daher nicht besonders groß. Und da Matthias nicht in seiner Wohnung gewesen ist, konnte ich mein Gepäck auch nicht abstellen und einkaufen gehen.“


„Es …“, versuchte Mario, zu antworten. Aber Sophie war so sauer, dass sie ihn nicht zu Wort kommen ließ, sondern einfach weitersprach.


„Natürlich ist mir klar, dass das nicht die passende Arbeitskleidung ist. Doch im Grunde geht Sie das überhaupt nichts an“, wies sie ihn wütend zurecht. „Nach allem, was mir mein Bruder und mein Cousin über Sie erzählt haben, hätte ich nie gedacht, dass Sie so kleinlich sind und andere nach ihrem Aussehen beurteilen. Ich habe mein Studium in Betriebswirtschaft als einer der Besten abgeschlossen. Habe bereits während meines Studiums in der Filiale meines Bruders in München ausgeholfen. Und diese für ein paar Wochen selbstständig geleitet. Außerdem habe ich über ein Jahr bei einem amerikanischen Modelabel gearbeitet und dort beim Aufbau einer neuen Filiale geholfen. Ich kann Ihnen also versichern, dass ich die Leitung des neuen Onlineshops nicht nur bekommen habe, weil Alexander mein Bruder ist. Ich weiß, was ich tue. Auch wenn ich einmal nicht in der üblichen Bürokleidung zur Arbeit komme.“


 


Schweigend sah Mario Sophie an, deren grüne Augen vor Wut funkelten. Ich bin zu weit gegangen, ging es ihm durch den Kopf und er verfluchte sich selbst. Zwar hatte er sie nicht absichtlich ignoriert. Doch dass er sie anhand ihrer Kleidung eingeschätzt hatte, das stimmte. Woher hätte er auch wissen sollen, dass dies nicht ihre typische Garderobe war.


Trotzdem, ging es ihm durch den Kopf. Wirklich besser fühlte er sich nach ihrer Erklärung nicht. Im Gegenteil. Jetzt fragte er sich nur noch mehr, warum sie nach Wien gekommen war. Denn für die Leitung eines Onlineshops war sie deutlich überqualifiziert.


„Es tut mir leid“, versuchte Mario es erneut und diesmal ließ Sophie ihn zu Wort kommen.


Das Letzte, was er wollte, war sie zu verärgern. Immerhin war sie die Schwester seines Chefs. Und auch wenn er noch nicht genau wusste, was seine alten Freunde von ihm wollten, seinen Job durfte er nicht verlieren. Dafür hatte er in den letzten Jahren zu hart gearbeitet.


„Durch den Brand in der alten Filiale bin ich im Moment nicht besonders gut drauf“, versuchte er, sein Verhalten zu erklären. Auch wenn es nicht ganz die Wahrheit war. „Schließlich wurde dabei eine meiner Mitarbeiterinnen verletzt.“


 


Sophie musste schlucken, als sie seine Worte hörte, und schalte sich selbst. Natürlich, ging es ihr durch den Kopf. Wie konnte ich das vergessen? Selbstverständlich war er im Moment ziemlich durch den Wind. Immerhin hätte sich diese Kollegin auch noch schwerer verletzen können.


„Wie geht es ihr denn?“, fragte sie daher mitfühlend und drängte ihren Ärger zurück.


„Schon besser“, erwiderte Mario knapp. „Ende der Woche kann sie das Krankenhaus verlassen. Sie hatte großes Glück. Soll ich Ihnen jetzt die anderen Räume zeigen?“, wechselte er das Thema und schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Ich habe später noch einen auswärtigen Termin.“


Sophie nickte, während sie mit aller Kraft ihre Neugier unterdrückte. Gerne hätte sie gewusst, um was für einen Termin es sich handelte. Doch sie wollte den aktuellen Waffenstillstand nicht sofort wieder zerstören.


„Wo fangen wir an?“, fragte sie daher nur und sah Mario erwartungsvoll an.


„Ich finde, wir sollten gleich oben anfangen“, antwortete er und deutete in die Richtung, aus der sie gerade gekommen war. „Den Verkaufsraum und das Büro haben Sie bereits gesehen.“


Sophie nickte und folgte Mario schweigend in den ersten Stock, während sie sich neugierig umsah. Es gefiel ihr, dass man die Wände nicht einfach weiß gestrichen hatte, sondern sich hier die sanfte hellorange Farbe des Verkaufsbereiches fortsetzte. Auf diese Weise wirkte selbst der Treppenaufgang einladend. Und sie freute sich schon darauf, mit ihrer eigentlichen Arbeit zu beginnen.


Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg, dachte sie fassungslos, als sie die oberen Räume erreichten. Die beiden Zimmer, von denen später der Onlineshop aus betrieben werden sollte, waren völlig zugestellt mit Kartons und anderen Möbelstücken.


Entsetzt sah Sophie sich um.


„Was …?“, begann sie zu sprechen, doch ihre Stimme versagte.


So hatte sie sich ihren neuen Arbeitsbereich nicht vorgestellt.


„Mir ist klar, dass es im Moment ziemlich chaotisch aussieht“, sagte Mario entschuldigend. „Wir haben in den letzten Tagen einfach nur alles hier oben reingestellt, weil wir im Lager keinen Platz mehr hatten. Die Verzögerungen durch die Malerarbeiten im Verkaufsbereich haben uns im Zeitplan stark zurückgeworfen. Doch in den nächsten Tagen werden die Kisten nach und nach verschwinden.“


Sophie nickte nur und seufzte auf.


„Matthias hat mir von den Verzögerungen erzählt“, gab sie angespannt zu. „Aber nicht, dass meine Räume gerade als Lager benutzt werden.“


„Wir haben nicht damit gerechnet, dass Sie so früh aus Amerika zurückkommen“, versuchte Mario, die Situation zu erklären. „Und Matthias hatte hiermit kein Problem.“


Früh, dachte Sophie ungläubig. Eigentlich hatte sie schon vor Monaten nach Deutschland zurückkehren sollen. Doch sie verkniff sich die Antwort und wandte sich wieder Mario zu.


„Schon in Ordnung. Im Moment ist die Eröffnung der Filiale sowieso wichtiger. Hier oben werde ich anfangen, wenn unten alles fertig ist.“ Dann wechselte Sophie das Thema. „Können Sie mir vielleicht noch zeigen, wo Matthias‘ Arbeitsplatz ist. Er hat mir angeboten, in seiner Wohnung zu übernachten.“


„Natürlich. Kommen Sie“, erwiderte er ernst und ging zurück zur Treppe. „Seine Tasche befindet sich im Aufenthaltsraum der Mitarbeiter. Dort befindet sich auch eine Kaffeemaschine, falls Sie etwas trinken wollen.“


Sophie nickte und folgte dem Filialleiter nach unten. Gerne hätte sie sich auch den Verkaufsraum in Ruhe zeigen lassen, doch Mario führte sie direkt in den Bürobereich zurück. Dabei sah er immer wieder auf die Uhr und wirkte mit jedem Mal ungeduldiger. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.


„Sie können ruhig zu Ihrem Termin fahren“, sagte Sophie lächelnd, als er ihr eine Tasse Kaffee reichte. „Ich komme schon klar. Ich werde mich einfach an Ihre Mitarbeiterin hängen.“


Mario nickte und sah noch einmal auf die Uhr.


„Tun Sie das“, erwiderte er geistesabwesend. „Solange sich Frau Herzog noch im Krankenhaus befindet, kümmert sich Frau Farber um die Arbeiten im Verkaufsbereich. Wenden Sie sich einfach an sie, wenn Sie irgendwelche Fragen haben. Wir können uns ja morgen noch einmal in Ruhe unterhalten. Dann ist auch Matthias wieder da.“


Ohne ein weiteres Wort verließ Mario den Aufenthaltsraum und Sophie sah ihm fragend nach. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Zwar hatte er sich für sein schlechtes Verhalten ihr gegenüber entschuldigt. Trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sie loswerden wollte. Außerdem hatte er teilweise so abwesend gewirkt, als würde er mit seinen Gedanken ganz woanders sein. Irgendetwas beschäftigte ihn, da war sie sich ganz sicher. Und auch wenn sie dafür keine Beweise hatte, schien es nichts, mit seiner Arbeit zu tun zu haben.


„Und wenn schon, es geht mich nichts an“, sagte Sophie leise und nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.


Sie musste sich endlich diese Neugierde abgewöhnen. Schließlich war dieser Mann nicht dazu verpflichtet, ihr alles zu erzählen. Auch, wenn er für ihre Familie arbeitete.


 


Um sich abzulenken und um nicht länger über Mario Hebbeler nachgrübeln zu müssen, stand sie auf und ging in den Verkaufsbereich zurück. Suchend sah sie sich nach Lisa Farber um, doch sie war nirgendwo zu sehen. Verwirrt machte sie sich auf die Suche. Bis sie im Lager schließlich fündig wurde.


„Verdammt, hier muss es doch irgendwo sein.“


Schon von Weitem hörte Sophie die Verkäuferin fluchen und ging lächelnd auf sie zu. Sie schien etwas zu suchen, denn sie hatte bereits einige Kartons geöffnet und anschließend zur Seite gestellt.


„Na endlich“, erklang erneut ihre Stimme. „Ich wusste doch, dass es hier oben ist.“


„Kann ich Ihnen helfen?“, wollte Sophie vorsichtig wissen, um die Mitarbeiterin nicht zu erschrecken.


Doch sie hatte keinen Erfolg. Denn kaum hatte Sophie ihre Frage gestellt, zuckte die junge Frau zusammen und sah sich erschrocken um. Dabei ließ sie die Hose fallen, die sie gerade noch in der Hand gehalten hatte.


„Frau de Luca“, sagte Lisa, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Ich habe Sie gar nicht kommen hören.“


„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken“, entschuldigte sich Sophie und ging näher auf die junge Frau zu. „Eigentlich wollte ich nur meine Hilfe anbieten. Herr Hebbeler meinte, ich solle mich an Sie wenden.“


„Also, ich …“, erwiderte die Verkäuferin stotternd und sah Sophie irritiert an.


Sie schien sich mit dieser Aufgabe nicht wohlzufühlen. Und das konnte man ihr auch nicht einmal verdenken.


„Tun Sie einfach so, als wäre ich eine Ihrer Kolleginnen“, kam Sophie ihr daher entgegen. „Sagen Sie mir einfach, wo noch Hilfe benötigt wird.“


„Na ja“, sagte Lisa immer noch verunsichert. „Ein paar der Kartons müssen nach unten gebracht werden, damit wir die Sachen später einräumen können. Aber …“ Wieder stockte die junge Frau mitten im Satz und betrachtete Sophie skeptisch. „Dafür sind Ihre hellen Sachen nicht besonders gut geeignet.“


Sophie sah an sich herunter und musste der Mitarbeiterin recht geben. Ich hätte etwas anderes anziehen sollen, ging es ihr durch den Kopf. Aber wie hätte ich ahnen können, dass mein erster Arbeitstag gleich heute beginnt.


„Eigentlich wollte ich heute einkaufen gehen“, erklärte Sophie der jungen Frau. „Fast alle meine Sachen sind noch auf dem Weg von Amerika nach Deutschland. Das hier stammt noch aus meiner Schulzeit.“


Ein schwaches Lächeln huschte über Lisas Gesicht.


„Von mir aus können Sie gerne einkaufen gehen. Ich bekomme das schon hin“, versicherte sie. „Meine Kollegen müssten jeden Moment eintreffen und es stehen sowieso noch nicht alle Möbelstücke an ihrem endgültigen Platz. Daher können wir noch nicht alles einräumen. Morgen wollten sich Matthias und Herr Hebbeler als Erstes darum kümmern. Jedenfalls war das so geplant, bevor …“


Lisas Stimme brach ab und sie sah Sophie verwirrt an.


„Matthias ist morgen auf jeden Fall wieder da“, versicherte Sophie mit ernster Miene und atmete tief durch.


Sie fühlte sich schlecht. Scheinbar legte nicht nur der Filialleiter mehr Wert auf die Anwesenheit ihres Cousins als auf ihre.


Ich muss ihn fragen, wie er das geschafft hat, ging es ihr durch den Kopf und sie sah sich unschlüssig um. Vielleicht sollte sie sich wirklich erst einmal etwas Vernünftiges zum Anziehen kaufen. Etwas, was man auch während der noch anstehenden Arbeiten tragen konnte. Dann würde sie sich bestimmt auch besser und nicht mehr ganz so nutzlos fühlen.


„Gut“, sagte Sophie schließlich und schenkte der Verkäuferin ein schwaches Lächeln. „Dann besorge ich mir jetzt etwas anderes zum Anziehen und wir sehen uns morgen.“


Lisa nickte und bückte sich, um die hinuntergefallene Hose aufzuheben.


„Dann bis morgen“, erwiderte die junge Frau und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.


Schweigend verließ Sophie das Lager und ging wieder nach unten.


3. Kapitel

 


Das kann doch nicht wahr sein“, fluchte Mario laut, als vor ihm erneut eine Ampel auf Rot umschlug.


Irgendwie hatte er heute kein Glück. Erst der Anruf von Callan. Dann tauchte diese Sophie de Luca plötzlich auf. Und nun hatte sich auch noch das Ampelsystem gegen ihn verschworen. Dabei musste er sich wirklich beeilen. Wenn die Informationen im Internet stimmten, hatte er bis zum Ende der Öffnungszeit nur noch eine halbe Stunde Zeit. Sonst müsste er einen weiteren Tag warten, bis er die Chance hatte, mit seinem ehemaligen Schulkameraden zu sprechen. Und das wollte er auf gar keinen Fall.


Wütend klopfte Mario mit den Fingern auf das Lenkrad und starrte die Ampel an.


„Jetzt werde endlich grün“, schrie er sie an, obwohl es natürlich überhaupt nichts nützte.


Doch er wusste genau, wozu Callan und die anderen fähig waren. Er hatte es oft genug miterlebt. Und nur weil seit ihrer letzten Begegnung ein paar Jahre vergangen waren, hatten sie sich bestimmt nicht geändert. Umso wichtiger war es daher, jetzt keine Zeit zu verlieren. Sie hatten bereits seine private Handynummer herausgefunden und wussten, wo er arbeitete. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich für seinen Verrat von damals rächen würden.


Endlich, ging es Mario durch den Kopf, als die Ampel umschlug, und er fuhr schnell weiter. Dabei überlegte er, was genau er Karl erzählen wollte. Er konnte ihm nicht die ganze Wahrheit sagen. Nur wenige Menschen wussten, was er als Kind durchgemacht hatte und dabei sollte es auch bleiben. Trotzdem musste er ihm genug Informationen geben, damit er ihm helfen konnte. Und hoffentlich würde das ausreichen, seine alten Freunde loszuwerden. Ohne dass die Familie de Luca von seiner Vergangenheit erfuhr.


 


Erleichtert atmete Mario auf, als er schließlich sein Ziel erreichte.


„Gerade noch rechtzeitig“, flüsterte er nach einem kurzen Blick auf seine Uhr und stieg aus dem Auto aus.


Ohne auf die Umgebung zu achten, eilte er in das Gebäude hinein und stieg die zwei Treppen bis zur Kanzlei hinauf. Dort angekommen fiel sein Blick sofort auf eine Frau Mitte 20, deren blonde Haare zu einem Zopf nach hinten gebunden waren. Und die einen schwarzen Hosenanzug trug.


Schweigend ging Mario näher auf sie zu. Doch da die Rechtsanwaltsfachangestellte damit beschäftigt war, Gegenstände in ihre Aktentasche zu werfen, hatte sie sein Hereinkommen gar nicht bemerkt.


„Hallo“, sagte Mario ruhig, als er direkt vor dem Tresen stand und die junge Frau drehte sich erschrocken um.


„Ich …“, stotterte sie kurz, dann atmete sie tief durch. „Kann ich Ihnen helfen? Brauchen Sie einen Termin?“


Mario schüttelte mit dem Kopf.


„Ich möchte gerne noch heute mit Dr. Altmann sprechen“, erwiderte er ernst. „Ist er noch da?“


„Ja“, antwortete die junge Frau zögernd. „Doch wir machen jetzt Mittagspause. Und am Nachmittag hat Dr. Altmann mehrere Mandantengespräche. Ich kann Ihnen aber einen Termin geben“, ergänzte sie lächelnd und blätterte in dem Terminplaner herum, der vor ihr auf dem Tresen lag. „Zum Beispiel am Freitag, um elf Uhr.“


„Danke, aber ich muss sofort mit ihm sprechen“, erwiderte Mario angespannt und sah sich suchend um. „Es ist wichtig. Ich kann nicht noch drei Tage warten. Bitte“, ergänzte er mit einem schwachen Lächeln. „Sagen Sie ihm, dass ich hier bin. Mein Name ist Mario Hebbeler. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Er wird sich freuen, mich zu sehen.“


Unschlüssig sah die junge Frau Mario an und warf dann einen Blick auf ihre Uhr. Schließlich nickte sie knapp und griff nach dem Telefon. Nur wenige Sekunden später konnte Mario durch den Hörer die Stimme seines alten Schulkameraden hören.


„Loreen, was gibt es denn? Ich dachte, Sie wären schon weg.“


„Ich wollte auch gerade gehen“, erwiderte die junge Frau, ohne Mario aus den Augen zu lassen. „Hier ist aber noch jemand, der Sie sprechen möchte. Er sagt, sein Name sei Mario Hebbeler und Sie seien zusammen zur Schule gegangen.“


„Mario?“, erklang die überraschte Stimme des Anwalts. „Das ist ja eine Überraschung. Sagen Sie ihm, dass ich gleich komme. Und dann gehen Sie in die Pause.“


„Natürlich“, versicherte sie lächelnd. „Bis später.“


Dann legte sie auf und wandte sich wieder Mario zu.


„Dr. Altmann ist gleich da. Nehmen Sie doch solange im Wartebereich Platz“, ergänzte sie und zeigte auf die Stühle auf der anderen Seite.


Mario nickte.


„Danke.“


„Kein Problem“, erwiderte die Rechtsanwaltsfachangestellte höflich und griff nach ihrer Tasche. „Mich müssen Sie jetzt aber entschuldigen. Ich möchte in meiner Mittagspause noch etwas erledigen.“


Anschließend nickte sie ihm noch einmal höflich zu und verließ dann die Kanzlei, während sich Mario auf einem der Stühle niederließ.


 


Mario musste nicht lange warten. Nur wenige Minuten später ging die Tür neben dem Tresen auf und Karl Altmann kam lächelnd auf ihn zu.


„Mario, das ist aber eine Überraschung. Was führt dich zu mir?“


Schwach erwiderte Mario das Lächeln und stand auf.


„Ich habe da ein Problem und könnte deine Hilfe gebrauchen. Hättest du etwas Zeit für mich?“


Karl Altmann nickte und sah auf die Uhr.


„Für einen alten Klassenkameraden habe ich immer Zeit“, versicherte er lächelnd. „Außerdem ist es schön, dich wiederzusehen. Vor sieben Monaten während unseres Klassentreffens warst du plötzlich einfach verschwunden. Dabei wäre es schön gewesen, deine Nummer zu bekommen. Immerhin leben wir in der gleichen Stadt. Wir könnten uns auch einmal so zu einem Kaffee treffen.“


„Im Moment ist es eher ungünstig. Die Arbeit frisst mich auf“, erwiderte Mario entschuldigend. Obwohl er nicht wirklich an einem privaten Treffen interessiert war.


Schließlich waren sie nie enge Freunde gewesen. Was vor allem daran lag, dass er nach seinen Erlebnissen in Berlin lieber auf Abstand geblieben war.


„Nicht so schlimm. Das kann ich doch verstehen“, antwortete Karl lächelnd, dann wurde er ernst. „Ich habe von dem Feuer in deiner alten Filiale gehört. Bist du deshalb hier?“


Mario schüttelte mit dem Kopf.


„Nein. Bisher steht noch nicht fest, wie es zu diesem Brand gekommen ist. Außerdem kümmert sich unser Firmenanwalt in Stuttgart um alle rechtlichen Angelegenheiten der Firma. Mein Anliegen ist privat“, ergänzte Mario nach kurzem Zögern. „Jedoch befürchte ich, dass es sich auf meine Arbeit auswirken könnte. Deshalb wollte ich mit dir sprechen.“


Fragend sah der Anwalt Mario an, dann warf er erneut einen Blick auf seine Uhr.


„Bis zu meinem nächsten Termin habe ich noch etwas Zeit. Lass uns in mein Büro gehen. Dort kannst du mir alles in Ruhe erzählen.“


Dankbar sah Mario seinen ehemaligen Schulkameraden an und folgte ihm in sein Büro. Dort zeigte er auf eine Sitzecke, die sich gleich neben der Tür befand und sie setzten sich hin.


„Also, wie kann ich dir helfen?“, wollte Karl neugierig wissen und sah Mario fragend an.


„Ich werde von drei Männern verfolgt“, begann Mario zu berichten. „Am Anfang war es nur ein Brief, der für mich abgegeben wurde. Dann tauchten sie in der Filiale auf und versetzten eine meiner Mitarbeiterinnen in Angst und Schrecken. Und heute Morgen bekam ich einen kurzen Anruf auf meinem Privathandy. Keine Ahnung, wie sie an die Nummer gekommen sind.“


Schweigend starrte Karl Mario an und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.


„Kennst du diese Männer?“


Mario nickte zögernd.


„Jedoch haben wir uns viele Jahre nicht gesehen“, ergänzte er ernst. „Sie haben durch einen Zeitungsartikel erfahren, wo ich mich aufhalte.“


„Und sie haben dich bedroht?“


„Nun ja, vielleicht nicht mit Worten“, musste Mario zugeben. Denn bisher hatten Callan und seine Jungs ihn nur wissen lassen, dass sie ihn gefunden hatten. „Aber ich kenne sie. Ich weiß, dass sie irgendetwas vorhaben. Und das ist bestimmt nichts Gutes.“


„Wie kommst du darauf?“


Mario stöhnte leise auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.


„Callan, Seth und Vico gehörten früher zu einer Straßengang. Sie kamen wegen schweren Raubes mit Todesfolge fünf Jahre ins Gefängnis. Damals waren sie 16.“


Ungläubig sah Karl Mario an.


„Woher kennst du solche Leute?“


„Das spielt jetzt keine Rolle“, wich Mario der Frage aus. Und bereute es fast, nicht zu einem fremden Anwalt gegangen zu sein. „Wichtig ist nur, dass die drei gefährlich sind. Ich möchte sie nicht in meiner Nähe haben. Oder in der Nähe der Filiale. Kann man da irgendetwas machen?“


„Ich fürchte, das wird schwierig“, musste Karl zugeben. „Ich nehme mal an, sie haben ihre Gefängnisstrafe abgesessen. Somit können sie dafür nicht mehr belangt oder bestraft werden. Und nur, weil du dich von ihnen bedroht fühlst, wird die Polizei nichts unternehmen. Auch eine gerichtliche Verfügung wirst du unter diesen Bedingungen nur schwer erhalten. Du bist weder angegriffen worden, noch wurdest du direkt bedroht. Und ein Brief, ein Anruf und ein Besuch zählen noch nicht als Stalking. Du kannst ihnen aber Hausverbot für die Filiale erteilen.“


Frustriert stand Mario auf.


„Das ist alles?“, fragte er fassungslos. „Gibt es sonst keine Möglichkeit, mich vor ihnen zu schützen?“


„Mario“, sagte Karl ruhig und stand ebenfalls auf. „Solange sie nicht irgendetwas Gesetzwidriges tun, wird es schwer werden, etwas gegen sie zu unternehmen.“


„Verstehe. Ich muss also warten, bis sie mir den Kopf einschlagen“, erwiderte Mario sarkastisch. „Nur ist es dann zu spät. Sie haben zwei Menschen getötet, Karl“, ergänzte er wütend. „Sind in Dutzende von Häusern eingebrochen. Und sie haben sich bestimmt nicht geändert, nur weil sie ihre Strafe abgesessen haben.“


„Mario, glaub mir. Ich würde dir wirklich gerne helfen“, versicherte Karl entschuldigend. „Auch wenn ich es kaum glauben kann, dass du mit solchen Leuten Kontakt hattest. Während unserer Schulzeit bist du fast immer für dich geblieben und hast dein eigenes Ding gemacht. Es war unmöglich, an dich heranzukommen.“


Schweigend sah Mario Karl an. Seine Einschätzung war gar nicht so falsch. Er hatte auf die harte Tour lernen müssen, wie zerstörerisch Freundschaften sein konnten. Oder wie weit man bereit war zu gehen, nur um die Anerkennung der anderen nicht zu verlieren. Das hatte ihn verändert.


Aber Karl konnte die Wahrheit nicht wissen. Denn nur wenige Menschen wussten, wie groß die Schuld war, die er auf sich geladen hatte. Und er konnte nicht zulassen, dass die Geschichte nach all der Zeit an die Öffentlichkeit kam.


„Es hatte nichts mit euch zu tun“, sagte Mario daher nur. „Die Pflegefamilie, die neue Umgebung. Ich musste damals mit vielen Dingen klarkommen. Außerdem war ich schon immer ein Einzelgänger.“


Was nicht einmal gelogen war. Denn nachdem er auf diese schmerzhafte Weise erfahren musste, dass es besser war, niemanden zu vertrauen, hatte er es vorgezogen, alleine zu sein. Eine Einstellung, die er bis heute nicht abgelegt hatte. Daher ließ er sich auch nur selten auf Freundschaften oder Beziehungen ein. Wobei selbst diese in der Regel ziemlich oberflächlich blieben.


Karl nickte.


„Da hast du wohl recht“, erwiderte er nachdenklich. „Trotzdem solltest du nicht vergessen, ich bin für dich da. Wenn irgendetwas passiert, auch nur die kleinste Drohung, sag mir Bescheid. Dann werde ich sehen, was ich für dich tun kann.“


„Danke“, antwortete Mario angespannt und reichte seinem ehemaligen Schulkameraden die Hand. „Ich weiß das zu schätzen.“ Auch wenn es kein großer Trost war.


Dann verabschiedete er sich von Karl und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Wagen.


Mario hatte keine Lust, zurück zur Filiale zu fahren, daher fuhr er nach Hause. Dabei ging er das Gespräch mit Karl in Gedanken immer wieder durch und suchte nach einer Aussage, die er anders hätte formulieren können. Irgendetwas, was als Drohung durchgehen würde. Aber egal wie lange er auch grübelte, ihm fiel nichts ein.


„Ich frage mich nur, ob dein Chef weiß, wer du wirklich bist.“


Das war die einzige Drohung gewesen, die Callan direkt ausgesprochen hatte. Doch damit konnte er schlecht zu einem Anwalt oder zur Polizei gehen, ohne dass seine Vergangenheit ans Licht kam. Und damit hatte seine alte Gang ganz bestimmt gerechnet.


 


Schon deutlich besser gelaunt verließ Sophie das Modegeschäft und brachte die Tüten zu ihrem Mietwagen. Jetzt wo sie sich ein paar neue Kleidungsstücke zugelegt hatte, fühlte sie sich gleich viel wohler in ihrer Haut. Denn, anders als heute, musste sie morgen nicht in völlig ungeeigneten Sachen an ihrem neuen Arbeitsplatz erscheinen. Was hoffentlich nicht nur Mario Hebbeler, sondern auch seine Angestellten davon überzeugte, dass sie ihren Job durchaus verstand.


Kaum schweiften ihre Gedanken ab zu ihrer eher kühlen Begrüßung in der de-Luca-Filiale, legte sich Sophies gute Laune. Gerne hätte sie noch einmal in Ruhe mit dem Filialleiter gesprochen, bevor sie morgen durch die Arbeit eingespannt wurden. Nach allem, was sie heute gesehen hatte, gab es bis zur Eröffnung noch genug zu tun. Und sie hielt es für besser, einen genauen Plan zu erarbeiten, wann welcher Arbeitsschritt erledigt werden sollte. Statt alles in die Hände einer Mitarbeiterin zu legen, die erst gut ein Jahr im Unternehmen tätig war.


„Auch, wenn sie sich gut mit dem Filialleiter versteht“, flüsterte Sophie leise.


Leider kannte sie jedoch weder Marios Handynummer noch seine Adresse, sodass das klärende Gespräch bis morgen warten musste. Es sei denn …


Ohne noch einmal darüber nachzudenken, griff Sophie nach ihrem Handy, welches dank des neuen Akkus wieder funktionierte, und wählte die Nummer ihres Cousins. Es klingelte eine ganze Weile und sie wollte schon aufgeben, als Matthias das Gespräch dann doch noch annahm.


„Ja, was gibt’s?“, fragte er belustigt. Gleich darauf wandte er sich jemand anderem zu. „Schatz warte, ich muss kurz telefonieren. Vielleicht ist etwas passiert.“


Überrascht hörte Sophie zu, wie kurz darauf das Lachen einer Frau erklang, das immer leiser wurde. Bis schließlich eine Tür zuschlug. Seltsam, ging es ihr durch den Kopf. Matthias hatte ihr gar nicht erzählt, dass seine Freundin Rahel auch mit zur Farm gefahren war. Oder hatte er schon wieder jemand Neues?


„Matthias, bist du noch dran?“, fragte sie zögernd, als am anderen Ende nichts mehr zu hören war.


„Ja, ich bin noch da“, erwiderte Matthias lachend. „Ich habe nur gewartet, bis Rahel das Zimmer verlassen hat. Jetzt können wir uns in Ruhe unterhalten. Wie war dein erster Tag?“


Also ist Rahel doch noch aktuell, ging es Sophie durch den Kopf. Und sie überlegte kurz, was sie auf seine Frage antworten sollte. Dann entschied sie sich für die Wahrheit.


„Es war eine Katastrophe“, gab sie stöhnend zu und stieg in den blauen Mietwagen ein. „Ich sah aus wie 18, und so wurde ich auch behandelt. Und das nur, weil ich gezwungen war, Sachen anzuziehen, die ich während der Schulzeit getragen habe. Außerdem ist dieser Mario Hebbeler gar nicht so nett, wie du ihn beschrieben hast. Jedenfalls nicht zu mir. Im Gegenteil, ich kam mir vor wie ein Eindringling.“


„Oh“, war alles, was Matthias dazu sagte. „Dann hattest du also keinen guten Start.“


„Das kannst du laut sagen“, erwiderte Sophie bedrückt. „Obwohl die Bezeichnung erster Tag ziemlich übertrieben ist. Ich war höchstens ein oder zwei Stunden dort, dann konnte ich wieder gehen. Für die noch anfallenden Arbeiten war ich nämlich nicht richtig angezogen. Dabei hatte ich alles so gut geplant“, ergänzte sie frustriert. „Ich wollte zu dir fahren. Meine Sachen abgeben. Passende Kleidungsstücke einkaufen. Und dann morgen zur Filiale fahren, um mit der Arbeit zu beginnen.“


„Stattdessen musstest du erfahren, dass ich nach Hause gefahren bin“, ergänzte Matthias belustigt.


„Das ist nicht witzig“, wies Sophie ihn zurecht. „Was war denn nun so wichtig, dass es nicht warten konnte? Heute Morgen wolltest du nichts sagen. Und erzähl mir nicht, du wolltest einfach nur ein bisschen Zeit mit deiner Freundin verbringen“, ergänzte sie ernst. „Dann schreie ich. Immerhin hättet ihr dafür auch in Wien bleiben können.“


„Sorry. Aber es ging wirklich um Rahel“, gab Matthias entschuldigend zu. „Ich habe dir doch erzählt, dass meine Ex in meiner Wohnung aufgetaucht ist. Sie hat sich einen Nachschlüssel anfertigen lassen und auf mich gewartet. Leider genau an dem Tag, wo mich meine Freundin mit einem Besuch überraschen wollte. Das hat Valentina natürlich ausgenutzt, um mich bei Rahel schlechtzumachen.“


„Und deine Freundin hat ihr geglaubt?“, fragte Sophie ungläubig. „Jeder weiß doch, dass Valentina eine Lügnerin und Stalkerin ist.“


„Rahel nicht. Ich habe ihr nämlich nie von ihr erzählt“, erwiderte Matthias frustriert. „Ich dachte, es wäre nicht notwendig, da meine Ex mich schon eine ganze Weile in Ruhe gelassen hat. Das war ein Fehler, der fast meine Beziehung zerstört hat. Aber jetzt haben wir uns ausgesprochen und alles geklärt“, ergänzte er glücklich. „Wir werden morgen früh zusammen nach Wien zurückkommen, um beim Einräumen zu helfen.“


„Morgen?“, fragte Sophie überrascht. „Ich dachte, du kommst heute Abend schon zurück?“


„Das hatte ich vor“, gab Matthias belustigt zu. „Aber meine Eltern haben uns alle zum Abendessen eingeladen. Sie wollen Rahel gerne noch etwas besser kennenlernen, bevor wir wieder verschwinden. Da konnte ich nicht Nein sagen. Immerhin ist sie die erste Freundin, die von meiner Mutter ohne Schwierigkeiten akzeptiert wird.“


„Na ja, sie ist ja auch die Erste, mit der du länger als ein paar Wochen zusammen bist“, spottete Sophie. „Noch keine Langeweile?“


„Nein“, versicherte Matthias lachend. „Im Gegenteil. Ich möchte sie am liebsten jeden Tag um mich haben.“


„Dann hat es dich wirklich ganz schön erwischt“, erwiderte Sophie lächelnd. „Und das freut mich für dich. Viel Spaß heute Abend und grüß die anderen von mir. Wir sehen uns dann morgen.“ Dann fiel ihr ein, warum sie Matthias eigentlich angerufen hatte, und sie atmete tief durch. „Warum ich aber anrufe“, ergänzte sie mit ernster Miene. „Kennst du die Adresse von Mario Hebbeler? Ich möchte gerne noch einmal in Ruhe mit ihm sprechen.“


„Jetzt?“, fragte Matthias überrascht. „Kann das nicht bis morgen warten?“


„Nein“, versicherte Sophie entschlossen. „Es gibt noch so viel zu tun und die Eröffnung ist in wenigen Tagen. Was wir jetzt brauchen, ist ein Plan, wann welche Arbeiten durchgeführt werden sollen. Und von wem.“


„Aber Lisa Farber kümmert sich …“, versuchte Matthias zu sagen, wurde aber sofort von Sophie unterbrochen.


„Frau Farber ist erst seit einem Jahr im Unternehmen“, erwiderte sie ernst. „Die anderen Kolleginnen haben vor wenigen Wochen angefangen. Meiner Meinung nach sind sie so einer großen Verantwortung gar nicht gewachsen. Solange Frau Herzog ausfällt, muss daher eine andere Lösung gefunden werden. Sonst besteht die Gefahr, dass wir es nicht pünktlich zum 1. November schaffen.“


Dazukommt, ging es Sophie durch den Kopf. Dass sie nicht wusste, was genau da zwischen dem Filialleiter und der Verkäuferin ablief. Und sie wollte kein Risiko eingehen.


„Wahrscheinlich hast du recht“, gab Matthias nach kurzem Zögern zu. „Du kennst dich mit diesen Dingen besser aus als ich. Trotzdem, ich weiß nicht, ob es so klug ist, Mario damit in seiner Wohnung zu überfallen. Er hat nicht gerne Besuch, und selbst mich hat er noch nie zu sich eingeladen.“


„Aber du weißt, wo er wohnt?“, hakte Sophie nach, die trotz der Warnung ihres Cousins an ihrem Vorhaben nichts ändern wollte.


„Ja“, erwiderte Matthias unschlüssig. „Seine Wohnung liegt in Währing, in der Nähe vom Pötzleinsdorfer Schlosspark. Ich schick dir die genaue Adresse gleich per SMS. Trotzdem“, ergänzte er ernst. „Denk noch einmal darüber nach. Ihr beide müsst in Zukunft eng zusammenarbeiten. Nicht dass es dadurch zu Spannungen zwischen euch kommt.“


„Das wird es nicht“, versicherte Sophie und legte auf. Denn schlimmer als jetzt konnte es nicht mehr werden.


 


Deutlich schneller als gedacht hielt Sophie vor dem weißen Gebäude, in dem sich laut Matthias SMS die Wohnung des Filialleiters befand. Doch, statt auszusteigen, blieb sie im Auto sitzen und dachte noch einmal gründlich über ihr Vorhaben nach. Sie fühlte sich im Recht. Ohne eine gewissenhafte Planung konnte ein Projekt nicht fehlerfrei fertiggestellt werden. Das hatte sie am eigenen Leibe zu spüren bekommen, als sich durch kleine vermeidbare Fehler die Fertigstellung ihres Auftrags in Amerika um Monate verzögert hatte.


Trotzdem, sie konnte Matthias Bedenken nicht von der Hand weisen. Anders als sie kannte er das Team. Er hatte sich vor Ort um alles gekümmert und wusste, wozu die einzelnen Mitarbeiter fähig waren. Sie hingegen hatte die Filiale heute zum ersten Mal gesehen. Hatte nur wenige Worte mit Frau Farber gewechselt und die anderen Mitarbeiterinnen noch gar nicht kennengelernt. Was wusste sie also schon vom Stand der aktuellen Arbeiten? Außerdem waren nicht Mario Hebbeler und sein Team Schuld daran, dass sich der Umzug um Wochen verzögert hatte. Oder, dass es in der alten Filiale zu einem Feuerausbruch gekommen war.


Tief atmete Sophie durch und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Vielleicht sollte ich wirklich noch etwas warten, bevor ich Verbesserungsvorschläge mache, ging es ihr durch den Kopf. Schließlich war nicht sie für die Filiale verantwortlich, sondern Mario Hebbeler. Und sie hatte auch nicht vor, ihm seinen Platz streitig zu machen.


„Aber genau das wird er annehmen, wenn ich jetzt zu forsch rangehe und alles in die Hand nehmen möchte“, sagte sie nachdenklich und atmete tief durch. Und das wollte sie auf keinen Fall. Schließlich hielt ihr Bruder Alexander große Stücke auf ihn.


Plötzlich fiel ihr Blick auf eine junge schwarzhaarige Frau, die langsam in ihre Richtung kam.


„Lisa Farber“, flüsterte Sophie überrascht, als sie die Person erkannte. „Was macht sie denn hier?“


Die Antwort darauf sollte sie bald bekommen. Denn die junge Frau ging genau auf das Haus zu, indem sich die Wohnung des Filialleiters befand.


„Ich wusste doch, dass zwischen den beiden etwas läuft“, sagte Sophie und spürte einen Stich im Magen. „Kein Wunder, dass er Matthias nicht in seine Wohnung lässt.“


Bedrückt setzte Sophie das Fahrzeug in Bewegung, um zur Wohnung ihres Cousins zu fahren. Dabei verstand sie selbst nicht, warum sie sich auf einmal so schlecht fühlte. Schließlich konnte es ihr egal sein, mit wem sich der Filialleiter in seiner Freizeit traf. Trotzdem bekam sie die Gefühle nicht aus dem Kopf, die seine Berührung in ihrem Körper ausgelöst hatte. Und sie fragte sich, wie sie es schaffen sollte, mit ihm zusammenzuarbeiten.


 


„Man“, stöhnte Mario auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.


Bereits seit Stunden versuchte er, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, aber es wollte ihm nicht gelingen. Ständig schweiften seine Gedanken ab. Dabei gab es bis zur Eröffnung noch so unglaublich viel zu tun.


Doch es half nichts. Er konnte an nichts anderes denken als an seinen Besuch bei seinem ehemaligen Schulkameraden. Er hatte sich von seinem Besuch so viel erhofft. Stattdessen stand er mit seinem Problem ganz allein da. Aber das ist ja auch nichts Neues, dachte Mario sarkastisch und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Schon damals hatte die einzige Hilfe, die er bekommen hatte, darin bestanden, ihn von Berlin nach München zu schicken. Als könnte er damit seine Vergangenheit auslöschen.


Gut, ging es ihm durch den Kopf. Er bereute es nicht. Seine Pflegeeltern hatten ihm ein liebevolles Zuhause gegeben, das er so vorher noch gar nicht kannte. Doch niemand hatte sich um seine seelischen Wunden gekümmert. Ihm geholfen, seine Schuldgefühle zu verarbeiten. Ständig hatte er nur gehört, es wäre nicht seine Schuld gewesen. Doch für ihn waren es bis heute nur leere Worte. Denn er wusste genau, was er getan hatte. Nur seinetwegen hatten zwei Menschen ihr Leben verloren. Und das konnte er sich einfach nicht verzeihen.


Als es plötzlich an der Wohnungstür klingelte, wurde Mario aus seinen Gedanken gerissen. Gereizt, aber auch etwas verwirrt stand er auf, denn er erwartete niemanden. Zwar lebte er schon seit einigen Monaten in dieser Wohnung, doch er kannte seine Nachbarn nicht. Und Besucher konnten das Gebäude nur betreten, wenn man ihnen unten die Eingangstür öffnete.


Nach einem kurzen Blick durch den Türspion riss Mario die Wohnungstür auf und zog die verblüffte Lisa Farber herein, noch bevor sie ihn begrüßen konnte.


„Lisa, was machst du hier?“, fuhr er sie an und sah sich kurz im Treppenhaus um, bevor er die Tür zumachte. „Hoffentlich hat dich niemand gesehen.“


Besonders nicht die drei Männer, denen im Moment seine ganze Aufmerksamkeit galt. Denn auf keinen Fall wollte er riskieren, dass Lisa oder ihrem Sohn etwas passierte.


„Ich habe mir Sorgen gemacht und wollte mit dir reden“, rechtfertigte sich Lisa und sah Mario verletzt an. „Oder ist das jetzt schon ein Verbrechen? Schließlich bist du plötzlich abgehauen.“


„Tut mir leid, Lisa“, entschuldigte er sich schnell. „Du kannst ja nichts dafür. Ich bin im Moment einfach nicht gut drauf.“


„Das ist mir klar“, erwiderte Lisa besorgt. „Doch du musst auch mal abschalten. Seit Wochen vergräbst du dich in deiner Wohnung und lässt niemanden an dich ran. Selbst an meinem Geburtstag bist du nicht aufgetaucht. Fabian fragt jeden Tag, wann du wieder einmal vorbeikommst. Und langsam weiß ich nicht mehr, was ich meinem Sohn sagen soll. Natürlich ist mir klar, dass du gerade viel zu tun hast“, ergänzte sie lächelnd. „Die neue Filiale, das Feuer und jetzt auch noch Sophie de Luca. Aber ist dir klar, dass wir uns heute auf der Arbeit zum ersten Mal seit Wochen überhaupt unterhalten haben? Du bist kaum noch du selbst.“


Schweigend sah Mario Lisa an. Auch wenn er es nicht gerne zugab, sie hatte mit ihrer Einschätzung völlig recht. Seit Callan, Seth und Vico in sein Leben zurückgekehrt waren, hatte er sich noch mehr zurückgezogen als früher. Besonders von Lisa und ihrer Familie. Denn sie war es gewesen, die damals den drei Männern in der Filiale ganz allein gegenüberstehen musste. Die panische Ängste durchlitten hatte, weil niemand da gewesen war, um ihr zu helfen. Und das alles nur seinetwegen. Nur weil er sich nicht dazu durchringen konnte, das Richtige zu tun und zu verschwinden.


„Es tut mir leid“, erwiderte er aufrichtig und nahm Lisa fest in die Arme. „Ich will einfach verhindern, dass dir etwas passiert.“


„Wie meinst du das?“, wollte Lisa verwirrt wissen und schob ihn von sich weg. „Warum sollte mir etwas passieren?“


Mario schüttelte mit dem Kopf.


„Ich kann es dir nicht sagen“, antwortete er frustriert und seine Hände verkrampften sich zu Fäusten. Sie durfte niemals erfahren, was er damals getan hatte. „Nur, dass es im Moment in meiner Nähe nicht sicher ist. Ich habe ein paar Probleme, um die ich mich kümmern muss. Bis dahin möchte ich dich bitten, dich von mir fernzuhalten. Das Gleiche gilt auch für Fabian und deine Eltern“, ergänzte er bedrückt. „Versprich es mir.“


Er musste Callan und die anderen dazu bringen, einen Fehler zu machen. Doch auf keinen Fall sollte dabei jemand anderes als er selbst verletzt werden. Er hatte es nicht anders verdient. Lisa, ihre Eltern und vor allem ihr kleiner Sohn waren völlig unschuldig. Sie hatten nichts weiter getan, als ihn in ihrer Familie aufzunehmen. Ganz egal, wie sehr er sich auch dagegen gewehrt hatte.


Schweigend sah Lisa ihn an. Mario konnte sehen, wie sehr sie mit sich kämpfte. Für sie war er immer ein Held gewesen. Jemand, auf den sie sich verlassen konnte. Noch nie hatte er so etwas von ihr verlangt. Aber im Moment war es die beste Lösung.


„Gut“, sagte Lisa schließlich und sah ihn traurig an. „Wenn das deiner Meinung nach das Beste ist. Doch du solltest mit jemandem reden. Wenn schon nicht mit mir, dann wenigstens mit meinem Vater. Auf Dauer machst du dich so nämlich kaputt.“


 


Mit diesen Worten ließ sie Mario stehen und verließ die Wohnung.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Anzeige

Anzeige

© 2008 - 2017 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 1 secs