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Seduco Timid, Tagebuch – 07. Oktober 1998 Ein seltsames Geschenk für einen Jungen, ein Tagebuch. Eigentlich hatte ich nie vor eines zu führen. Es ist hübsch. Auf dem Umschlag, der so gestaltet wurde, dass er aussieht wie altes Leder, hat jemand Shakespeares Handschrift geprägt. Leere Seiten, neu, jungfräulich und strahlend. Was hält man fest, was schreibt man hinein in ein solches Buch, auf dessen Mantel Worte eines so großen Meisters prangen, verfasst in seiner ureigensten Handschrift? Werde ich schreiben nur um des Schreibenwillens? Wäre dies nicht eine schamlose Ausbeute junger Seiten? Aber mit Worten will ich suchen, die flüchtigen Gedanken, Erlebtes, Empfundenes, Verstandenes, Schönes und Missverstandenes einzufangen, zu bannen auf dieses Papier. Doch wie fange ich an? Klassisch, mich vorstellend? Nun gut, heute ist der siebte Oktober neunzehnhundertachtundneunzig, und ich bin ... ja wer bin ich? Das ist eine gute Frage! Die eine Frage. Nicht wahr? Mein Name ist Seduco Timid, ich bin der Autor dieses Eintrags. Ich bin der Sohn von Constance Timid und David Timid. Aber, wer bin ich? Ich weiß, dass ich der Sohn von Constance und David bin. Ich weiß, dass ich Seduco Timid heiße. Ich weiß fast alles über mich, was in den fast vierzehn Jahren meines Lebens mit mir oder um mich herum geschehen ist. Doch wer bin ich? Bin ich eine Spielfi gur des Gottes, an den ich nicht glaube? Ist das, was mir bis jetzt widerfahren ist, nur der langweilige Vorspann irgendeines Buches? Was ist, wenn es so wäre? Wenn all das, was ich tue, von einem Autor geschrieben wird? Welche Rolle habe ich dann? Die des Helden oder vielleicht die des Bösewichts? Oder die einer unbedeutenden Nebenfi gur, die eigentlich nur ein-, zweimal in dem Buch auftaucht. Oder bin ich die Hauptfi gur, dessen Leben studiert wird? Der Protagonist. Dann wäre alles, was ich mache oder tue, von unbeschreiblicher Bedeutung. Doch was geschieht, wenn die letzte Seite gelesen ist? Oder bin ich doch nur eine Masse aus biologischer Technologie? Elektrische Impulse, eine Anzahl von Blutkörperchen. So winzig klein im Vergleich zur Erde. So winzig klein im Kosmos, dass man mich selbst nicht erkennen könnte, wenn man sich den Kosmos als Murmel vorstellt und mit dem besten Mikroskop der Welt versuchen würde zu erkennen, ob irgendetwas darin wirklich existiert. Begibt man sich mit Für Amadeo 3 solchen ubiquitären Fragen auf gefährliches Terrain? Aber wie könnte man das? Wo sie einen doch so sehr interessieren. Wo sie mich doch so sehr interessieren. Genauso wie die Frage: Woher kommt die Welt? Ich weiß, was die Wissenschaft glaubt zu wissen. Die Welt ist vor 15 Milliarden Jahren bei einer Explosion von Gas und Materie entstanden. Doch damals war sie klein, winzig im Vergleich zu dem, was sie jetzt ist. Und wo geschah es? Was war davor? War es laut? Wenn noch nichts da war, konnte auch noch kein Schall existieren, oder? Und wer bin ich in diesem Aufstieg, Bestand und Untergang? Soll mein Leben, meine Existenz heißen, ein ganz normaler, alltäglicher Mensch im ganz normalen und alltäglichen Lauf der Dinge zu sein? Nur hier, dafür dass es nicht endet. Dass eben jene Flamme des Lebens nicht herunterbrennt, und damit weiterhin aus Leben neues Leben entsteht? Nach einem festen Plan, der dem alltäglichen folgt, wie ein Hund seinem Herrn? So grau und gleich jedem anderen? Aber das bin ich ja gar nicht, oder? Jeder Mensch, so auch ich, hat etwas göttliches in sich. Ich bin Erschaffer dieses Dokumentes. Ich bin der Gott meiner Gedanken. Denn selbst wenn jemand in mein Gehirn schauen könnte, so sehe er nie einen einzigen Gedanken. Aber wenn ich das so sage, wäre es dann nicht auch eine Erklärung für den Glauben an Gott? Wie oft haben wir Sonden ins All geschickt, wie oft waren Menschen dort oben? Doch nie haben sie nur eine Spur eines Gottes gesehen. Gut, die christliche Heilslehre zu einen Glauben, an einen alten Mann auf Wolke zu degradieren, ist wohl auch etwas sehr kindlich verfasst. Was ich anmerken wollte, ist folgende Frage: Wenn man in ein menschliches Gehirn sieht, sieht man dort jemals einen Gedanken? Nein. Und doch sind sie da und das wissen wir alle. Vielleicht sind die Menschen des Prozentsatzes der Weltbevölkerung, welcher an ein höheres Wesen glaubt, die klügeren und somit auch klüger als ich. Oder? Mehrfach erwähne ich in diesem Text ein Lichtwesen, ist es damit psychologisch nicht sehr interessant, ob ich wirklich an keine leitende Macht glaube? Aber wer weiß, vielleicht klammern sich die Menschen, die zu glauben im Stande sind, nur an die Vorstellung eines Beschützers, weil sie sonst Angst empfi nden und das Gefühl haben, allein zu sein. Doch wir sind nie allein, keiner von uns, niemals gewesen, wenn es auch beim ersten verzweifelten Hinsehen so aussieht. Aber wer bin ich schon, um darüber urteilen zu können?
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“Für Amadeo” ist eine Hommage an den vermeintlich imaginären Freund, der den Protagonisten Seduco über viele Jahre hinweg begleitet. Mit ihm taucht er in das Reich irrationaler Träume ein, in das man nur mit einer gehörigen Portion Vorstellungsvermögen vorzustoßen vermag. Pubertäre Fantasien werden wachgerüttelt und an die Grenzen des schier Unerträglichen katapultiert. Aber Amadeo ist mehr als das. Immer mehr zerrt er Seduco in die Welt der Träume und verleitet ihn zu schizophrenen Handlungen, die für Seduco zum Verhängnis werden und am Ende eine Entscheidung fordern…
In seinem Erstlingswerk lässt Christoph Hinkel erkennen, wie grenzenlos seine Fantasie ist. Seine blumige, völlig hingebungsvolle Sprache, offenbart das außergewöhnliche Talent des jungen Autors. Seine bizarren Gedankengänge lassen bisweilen das Blut in den Adern gefrieren und der Leser wird in eine Welt entführt, die er so niemals erlebt hat …
Christoph Hinkel, ein vielversprechendes Talent, von dem man sicher noch Einiges lesen wird. Sein Ruf ist ihm bereits voraus geeilt. Was nicht jedem neuen Autor passiert – er darf bereits im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2009 lesen.
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Ich hatte eines der Plakate in Bremen gesehen und fand, dass der Text darauf intressant war. Ich bestellte mir das Buch dann trotz des recht hohen Preises. Es hat sich total gelohnt. Die Sprache ist voller romantischer Schnörkel, der Text ist so gegliedert, dass man weiter und weiter lesen möchte, aber eigetlich kann man das gar nicht, weil die Geschichte unglaublich unter die Haut geht. Toll sind auch die verschiedenen Ebenen. Man kann das Buch einfach als krasse Unterhaltung lesen oder auf eine intelligente Ebene heben. Dann geht es um Maßstäbe und Kontraste im Leben und in der Psyche. Unglaublich toll und oft tief melancholisch. Die Figuren wirken alle echt und nicht bloß als Produkte der Vorstellung. ... Keine Ahnung. Mir fehlen eigentlich voll die Worte. Daher ganz kurz: Danke, dass dieses Buch geschrieben wurde! Es ist großartig!
Torben Kolb ( Bremen ) auf Amazon.de
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