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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Für Amadeo, Christoph Hinkel
Christoph Hinkel

Für Amadeo



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Seduco Timid, Tagebuch – 07. Oktober 1998
Ein seltsames Geschenk für einen Jungen, ein Tagebuch. Eigentlich
hatte ich nie vor eines zu führen. Es ist hübsch. Auf dem Umschlag,
der so gestaltet wurde, dass er aussieht wie altes Leder, hat jemand
Shakespeares Handschrift geprägt. Leere Seiten, neu, jungfräulich und
strahlend. Was hält man fest, was schreibt man hinein in ein solches
Buch, auf dessen Mantel Worte eines so großen Meisters prangen,
verfasst in seiner ureigensten Handschrift? Werde ich schreiben nur um
des Schreibenwillens? Wäre dies nicht eine schamlose Ausbeute junger
Seiten? Aber mit Worten will ich suchen, die flüchtigen Gedanken,
Erlebtes, Empfundenes, Verstandenes, Schönes und Missverstandenes
einzufangen, zu bannen auf dieses Papier. Doch wie fange ich an?
Klassisch, mich vorstellend? Nun gut, heute ist der siebte Oktober
neunzehnhundertachtundneunzig, und ich bin ... ja wer bin ich? Das ist
eine gute Frage! Die eine Frage. Nicht wahr?
Mein Name ist Seduco Timid, ich bin der Autor dieses Eintrags. Ich bin
der Sohn von Constance Timid und David Timid. Aber, wer bin ich? Ich
weiß, dass ich der Sohn von Constance und David bin. Ich weiß, dass
ich Seduco Timid heiße. Ich weiß fast alles über mich, was in den fast
vierzehn Jahren meines Lebens mit mir oder um mich herum geschehen
ist. Doch wer bin ich? Bin ich eine Spielfi gur des Gottes, an den ich nicht
glaube? Ist das, was mir bis jetzt widerfahren ist, nur der langweilige
Vorspann irgendeines Buches? Was ist, wenn es so wäre? Wenn all das,
was ich tue, von einem Autor geschrieben wird? Welche Rolle habe
ich dann? Die des Helden oder vielleicht die des Bösewichts? Oder die
einer unbedeutenden Nebenfi gur, die eigentlich nur ein-, zweimal in
dem Buch auftaucht. Oder bin ich die Hauptfi gur, dessen Leben studiert
wird? Der Protagonist. Dann wäre alles, was ich mache oder tue, von
unbeschreiblicher Bedeutung. Doch was geschieht, wenn die letzte Seite
gelesen ist?
Oder bin ich doch nur eine Masse aus biologischer Technologie?
Elektrische Impulse, eine Anzahl von Blutkörperchen. So winzig klein
im Vergleich zur Erde. So winzig klein im Kosmos, dass man mich
selbst nicht erkennen könnte, wenn man sich den Kosmos als Murmel
vorstellt und mit dem besten Mikroskop der Welt versuchen würde zu
erkennen, ob irgendetwas darin wirklich existiert. Begibt man sich mit
Für Amadeo 3
solchen ubiquitären Fragen auf gefährliches Terrain? Aber wie könnte
man das? Wo sie einen doch so sehr interessieren. Wo sie mich doch so
sehr interessieren. Genauso wie die Frage: Woher kommt die Welt?
Ich weiß, was die Wissenschaft glaubt zu wissen.
Die Welt ist vor 15 Milliarden Jahren bei einer Explosion von Gas und
Materie entstanden. Doch damals war sie klein, winzig im Vergleich zu
dem, was sie jetzt ist. Und wo geschah es? Was war davor? War es laut?
Wenn noch nichts da war, konnte auch noch kein Schall existieren, oder?
Und wer bin ich in diesem Aufstieg, Bestand und Untergang? Soll mein
Leben, meine Existenz heißen, ein ganz normaler, alltäglicher Mensch
im ganz normalen und alltäglichen Lauf der Dinge zu sein? Nur hier,
dafür dass es nicht endet. Dass eben jene Flamme des Lebens nicht
herunterbrennt, und damit weiterhin aus Leben neues Leben entsteht?
Nach einem festen Plan, der dem alltäglichen folgt, wie ein Hund seinem
Herrn? So grau und gleich jedem anderen? Aber das bin ich ja gar nicht,
oder? Jeder Mensch, so auch ich, hat etwas göttliches in sich. Ich bin
Erschaffer dieses Dokumentes. Ich bin der Gott meiner Gedanken. Denn
selbst wenn jemand in mein Gehirn schauen könnte, so sehe er nie einen
einzigen Gedanken. Aber wenn ich das so sage, wäre es dann nicht auch
eine Erklärung für den Glauben an Gott? Wie oft haben wir Sonden ins
All geschickt, wie oft waren Menschen dort oben? Doch nie haben sie nur
eine Spur eines Gottes gesehen. Gut, die christliche Heilslehre zu einen
Glauben, an einen alten Mann auf Wolke zu degradieren, ist wohl auch
etwas sehr kindlich verfasst. Was ich anmerken wollte, ist folgende Frage:
Wenn man in ein menschliches Gehirn sieht, sieht man dort jemals einen
Gedanken? Nein. Und doch sind sie da und das wissen wir alle. Vielleicht
sind die Menschen des Prozentsatzes der Weltbevölkerung, welcher an
ein höheres Wesen glaubt, die klügeren und somit auch klüger als ich.
Oder? Mehrfach erwähne ich in diesem Text ein Lichtwesen, ist es damit
psychologisch nicht sehr interessant, ob ich wirklich an keine leitende
Macht glaube? Aber wer weiß, vielleicht klammern sich die Menschen,
die zu glauben im Stande sind, nur an die Vorstellung eines Beschützers,
weil sie sonst Angst empfi nden und das Gefühl haben, allein zu sein.
Doch wir sind nie allein, keiner von uns, niemals gewesen, wenn es auch
beim ersten verzweifelten Hinsehen so aussieht. Aber wer bin ich schon,
um darüber urteilen zu können?


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