Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Belletristik > Frühaussteiger
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Frühaussteiger, Erik J. Roberts
Erik J. Roberts

Frühaussteiger



Bewertung:
(101)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1562
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Autorenwebsite, Amazon
Drucken Empfehlen

Die Nacht vor meinem ersten Schultag an der Friedrich-Dieffenbach-Oberschule verlief miserabel. Unruhe und Albträume plagten mich derartig, dass ich mein Laken schweißdurchtränkt an die Wand quetschte. Als mich der Wecker aus dem Schlaf riss, sah ich am rechten Augenrand dieses grelle, sich wie ein Kaleidoskop drehende Licht. Ich hatte in keine Strobolampe geschaut, sondern so begannen meine regelmäßigen Migräneattacken. Es folgten hämmernde Kopfschmerzen und eine Übelkeit, die nicht selten zu schwallartigen Kotzanfällen führte. Schon der Gedanke, die Vorhänge beiseite zu ziehen und Sonnenlicht in den Raum fluten zu lassen, bereitete mir Qualen.


„Basti“, rief meine Mutter aus der Küche, „du musst endlich aufstehen!“


„Ich kann nicht“, stöhnte ich und zog mir die Bettdecke bis zur Stirn, „hab’ Migräne.“


„Das geht heute gar nicht“, brauste sie mit ihrer hellen Stimme auf, nachdem sie in Sekundenbruchteilen in mein Zimmer geflogen war. „Ich habe einen Höllentag in der Klinik vor mir und du deinen Einstand. Da führt kein Weg dran vorbei.“


Sonst erlaubte sie mir meistens, an Kopfschmerztagen zu Hause zu bleiben, was die Anfälle oft schnell besserte. Am erträglichsten verliefen sie, sobald Mum ebenfalls freinehmen konnte.


„Das kannst du mir auch netter sagen“, protestierte ich mit einem Kloß im Hals. Müssen sich Mütter laufend hysterisch benehmen und am frühen Morgen Hektik verbreiten?


„Hast ja recht, mein Schatz“, versuchte sie zu beschwichtigen, „aber der erste Tag am neuen Gymnasium ist verdammt wichtig für dich. Wir müssen das jetzt irgendwie gebacken bekommen. Ich hole dir zwei Paracetamol-Tabletten und ein MCP-Zäpfchen gegen die Übelkeit. Meinst du nicht, so wird es gehen?“


„Vielleicht“, brachte ich hervor, dessen ungeachtet sie bereits in die Küche rannte, um den Medikamentencocktail zu beschaffen. Als sie wiederkam, setzte sich meine zierliche Mum auf den Bettrand, tätschelte mir in gewohnter Weise die Wangen und flößte mir Tabletten ein, die ich hinunterwürgte. Auf das Zäpfchen verzichtete ich, weil ich es generell verabscheue, mir etwas in den Arsch zu schieben.


„Ich wünsche dir einen tollen ersten Tag, mein Schatz“, versuchte sie, mir Mut für das zuzusprechen, was mir ein paar Nummern zu groß erschien. Dann stand sie auf, doch ich zog an ihrer Bluse.


„Noch nicht“, bettelte ich und sie wandte sich wieder zu mir um. Dabei fielen ihre brünetten Seidenhaare auf ihr jung gebliebenes, aber verhärmtes Gesicht. Wir drückten uns ab und ich kämpfte mit den Tränen.


Es kostete mich extreme Überwindung, unser Haus in Pankow zu verlassen. Ich hatte Angst, am „Elitegymnasium“ FDO als Außenseiter dazustehen, weil es mir als introvertiertem Typen schwerfiel, auf andere Leute zuzugehen und mich in eine neue Umgebung einzugewöhnen. Meine wenigen Freunde waren in meinem alten Wirkungskreis Köpenick geblieben. Der Bezirk liegt zwar prinzipiell in derselben Stadt, nämlich Berlin, allerdings sind Köpenick und Pankow so verschieden wie Venus und Mars und ungefähr genausoweit voneinander entfernt. Ich fühlte mich hier überhaupt nicht zu Hause und bedauerte sogar, dass mir nicht einmal meine wunderliche Stiefschwester Sophie während des Schulwegs zur Seite stand. Nur Gott weiß, wieso sie eine Stunde vor Unterrichtsbeginn in der Anstalt sein musste.


So zitterte ich alleine mitten im August vor der gewaltigen Eichentür der Friedrich-Dieffenbach-Oberschule, die mir wie ein Festungstor vorkam.


Selten wird man als „Neuer“ an Bildungsstätten mit offenen Armen empfangen. Bedauerlicherweise bestätigte sich dies auf der FDO. Unsere Klassenleiterin, die Mathelehrerin Frau Schietzelmann, wies mir zu Beginn der ersten Stunde einen Einzeltisch zu. Die Typen in der Reihe vor mir starrten mich herausfordernd an, sodass ich lediglich ein verunsichertes „Hallo“ hervordrückte. Nur Mark Stadler grüßte arrogant zurück, die anderen drehten sich einfach um oder schauten weg. Derweil bohrten die Kopfschmerzen in meinem Schädel munter weiter. Meine Mutter hätte mir etwas Stärkeres als Paracetamol geben sollen.


Nachdem mich Frau Schietzelmann mit wenig warmherzigen Worten der Klasse 9a vorgestellt hatte, musterten mich ihre großen Augen so mitfühlend wie nasse Steine. Gut, ich fand ihre widerspenstigen Dauerwellen, den Ochsenrücken und überhaupt ihre sperrige Figur, die mich an einen dieser Stromkästen erinnerte, auch nicht besonders anziehend. Aber warum begegnete sie mir gleich mit offener Abneigung? Später erfuhr ich, dass der giftspeiende Drache unberechenbar einigen Schülern regelmäßig das Leben zur Hölle machte.


Mich in Mathe als Leuchte zu bezeichnen, wäre allenfalls eine kühne Behauptung. Zu meinem Unglück pulverisierte Frau Schietzelmann sämtliche Normen. Sie kritzelte gleich zu Beginn eine ziemlich üble Verhältnisgleichung an die Tafel und zitierte mich mit ihrer unnachgiebigen Baritonstimme zur Leistungskontrolle vor die Klasse.


„Sebastian Fritzsche, kannst du mir das mal eben auflösen, damit ich weiß, was Schüler vom großen Einstein-Gymnasium in Köpenick für Fähigkeiten mitbringen?“


„Okay.“ Vom Sarkasmus, mit der sie das Einstein-Gymnasium betonte, hätte ich auf der Stelle kotzen können. Wer jetzt denkt, ich hätte die verfluchte Gleichung ganz locker und lässig ausgerechnet, liegt leider komplett daneben. Nichts lief zusammen und mir brach der Schweiß aus. Ich hasse es, wenn mir der Schweiß verräterisch die Stirn und die glühenden Wangen herunterrinnt.


„Du wirst doch diesen Term lösen können“, triezte sie mich und stöhnte. „Das kann ja ein Grundschüler auseinandernehmen.“


„Ich glaube, ich bin momentan etwas blockiert“, entschuldigte ich mich.


„Blockiert?“ Das Walross stieß einen Lacher aus, presste grimmig die Kiefer aufeinander und kratzte mit der verflixten Kreide, von deren Geräusch ich Zahnschmerzen bekam, den ersten Schritt der Lösung an die Tafel. „Klingelt es jetzt, Herr Fritzsche?“


„Nein, tut mir leid.“ Mein Herz raste wild und ich stand kurz davor, in Tränen auszubrechen. Glücklicherweise behielt ich die Beherrschung, fühlte mich aber, als ob sie mir die Hosen heruntergezogen und wie in düsterer Vorzeit mit dem Rohrstock den Hintern versohlt hätte.


„Und du willst bei uns das Gymnasium schaffen, ja? Kannst von Glück sprechen, dass du aufrecht laufen kannst.“ Das gehässige Gelächter der Klasse gab mir den Rest.


Natürlich hatte ich mich mit meinen mageren Mathematikleistungen bereits am Einstein-Gymnasium häufig bis auf die Knochen blamiert, hielt mich dort allerdings irgendwie über Wasser. Frau Schietzelmann versetzte mir einen Schock und demoralisierte mich. Meine chronische Meldeblockade flammte auf, sodass ich es fortan kaum mehr wagte, mich zu mathematischen Problemen zu äußern. Bis zur Pause grübelte ich darüber nach, warum ich mit den meisten Lehrern nie Glück hatte und immer die Monster abbekam, während sich die Parallelklasse über den hilfsbereiten, freundlichen Referendar freuen durfte. Die Welt ist manchmal echt ungerecht.


Auf dem Schulhof beschnupperten mich meine neuen Klassenkameraden. Ich kam mir vor wie ein streunender Wolf, an dem der Geruch des falschen Rudels haftete. Ein beklemmendes Gefühl, wenn man wie ich nicht gerne im Mittelpunkt steht.


„Bist ein echtes Mathegenie, was?“, lästerte Mark Stadler. „Gibt’s in Köpenick nur solche Behindis?“


Schweigend ließ ich die blöden Sprüche über mich ergehen, wohl wissend, dass mir meine Schüchternheit zuweilen als Arroganz ausgelegt wurde. Vor allem die kühle Atmosphäre, wie sie mich abzuklopfen und einzuordnen versuchten, ließ mich mit einem dicken Kloß im Hals kämpfen.


„Und, was machst du sonst so, Fritzsche?“, ätzte Giftzwerg Benjamin Strohbach, der mir irgendwie psychopathisch vorkam.


„In Archäologie und Geschichte“, brachte ich zu meinem eigenen Erstaunen trockener hervor, als ich es angesichts meiner Verunsicherung vermutet hätte. Gelächter entspannte die Situation. Nachdem sie sich noch für einen Moment bewundernd über meine Klamotten ausgelassen hatten, löste sich die Traube um mich herum so rasch auf wie eine Horde Kindergartenkinder, wenn der Erzieherin die Bonbons ausgehen. Ich atmete durch und pries den glücklichen Umstand, mich in Markenwaren-Schale geworfen zu haben. Zumindest von dieser Seite machte ich mich nicht zur Zielscheibe, ohne meine Prinzipien, mich nicht jedem lausigen Gruppenzwang unterzuordnen, völlig über den Haufen zu werfen.


Die größte Clique scharte sich um Mark Stadler und Benjamin Strohbach, um über allen möglichen oberflächlichen Müll zu labern: Alkohol, welches Mädchen „nur“ Körbchengröße A trug, Pornos, Partys und mieses Getuschel, eben die falschen Klamotten betreffend. Jedenfalls passte sich die Masse an, heuchelte Interesse oder lief Gefahr, ausgeschlossen zu werden. Mark und Ben, die Babos, schrieben vor, wie man sich zu kleiden hatte, welche Musik angesagt war und wie viel Wodka-Redbull es auf Partys zu vertilgen galt.


Vom ersten Tag an fremdelte ich in dieser Klasse, in der praktisch alle die gleichen Ansichten und Interessen teilten. Ich hätte mich vermutlich bis zum Zerbrechen verbiegen müssen, um ihnen näher zu kommen. Einsilbig palaverte ich ein wenig mit, warf manchmal ein „Cool“ oder „Mhmh“ ein, wobei ich meine Antennen nach jemanden ausfuhr, der vielleicht auf meiner Wellenlänge bezüglich Büchern, Filmen, Musik und Geschichte lag.


Schließlich richteten Mark und Ben ihren Fokus auf den schmächtigen Pascal. Hilflos stand das blasswangige Jüngelchen seinen Peinigern gegenüber, die ihn unter wieherndem Gelächter „Stinker“ nannten. Wie ich später erfuhr, erkoren es die beiden zu einem ihrer Lieblingsspielchen, ihn in Hundescheiße zu schubsen. Sei’s drum, ich hatte von der ersten Minute an genug mit mir selber zu tun und sehnte mich ans Einstein-Gymnasium zurück, wo ich solches Verhalten allenfalls vom Hörensagen kannte. Als sie ihm mit Spucke einen Zettel mit der Aufschrift „Vollidiot – kick me!“ auf den Rücken klebten, verkrümelte ich mich klammheimlich zu meiner Stiefschwester, die mit ihrer Girly-Clique aus Klasse elf ein paar Meter von uns entfernt stand.


Da Sophie mit ihrer gertenschlanken, anmutigen Sexyfigur wie eine südeuropäische Rassekatze aussieht, trug mir das neidische Blicke meiner neuen Klassenkameraden ein. Vielleicht ahnten sie auch instinktiv, dass ich bei einigen Mädchen gut ankomme. Keine Ahnung, woran das liegt. Eher nicht an meinen vernachlässigten, nackenlangen Haaren und dem halben Dutzend Pickeln im Gesicht. Doch leider verfallen immer die falschen Frauen meinem nicht näher zu definierendem Charme, wirklich, aber nie jene, die ich gerade begehre. Sophie hielt unseren Smalltalk kurz und einsilbig. Ihre Clique wäre tabu, gab sie mir zu verstehen, was ich durchaus einsah, denn ein stoppelbärtiges blondes Milchgesicht aus Klasse neun hatte nichts bei den Mädchen der Elften verloren. Ich hätte mich nur gerne an jenem Tag mit ihr unterhalten. Stattdessen schlurfte ich noch tiefer deprimiert mit weiterhin klopfenden Kopfschmerzen zurück in den Unterricht.


Auf dem Heimweg kam ich mir vor, als ob ich in irgendein weit entferntes Bundesland verbannt worden wäre. Mir wollte es nicht in den Kopf, warum meine Mutter und Herr Fritzsche trotz meiner gigantischen Skepsis in den Sommerferien vor dem neunten Schuljahr nach Pankow ziehen mussten. Ich leide seit dem Umzug unter unglaublichem Heimweh und fühle mich entwurzelt, da ich in dieser Gegend niemanden kenne. Zu allem Überfluss bin ich jetzt von meinen Großeltern getrennt, zu denen ich ein sehr enges Verhältnis pflegte. Oma Marlies war im letzten Jahr die einzige Person, mit der ich offen reden konnte, die mich unterstützte und mir gute Ratschläge gab. Da wir fortan auf verschiedenen Erdhalbkugeln leben, sehen wir uns fast nur noch auf Familienfesten.


Die Wohnung meines Stiefvaters als solches ist bis auf den Umstand, dass sie mit dreieinhalb Zimmern erheblich kleiner ausfällt als unser ehemaliges Fünfzimmer-Kreuzfahrtschiff in Köpenick und man hier den Begriff Hellhörigkeit neu definieren müsste, eigentlich ganz nett. Das halbe Kabäuschen gehört immerhin mir. Die sterile Einrichtung des Wohnzimmers samt pingelig polierter Schrankwand und cremefarbener Übereckcouch verursacht bei mir freilich Brechreiz, sodass ich diesen Bereich meide. Ich vermisse die gesunde gemütliche Unordnung meiner Eltern.


Behaglicher fühle ich mich in Sophies Reich, wo stets richtiges Chaos herrscht, sich Partituren, Bücher und Klamotten wild auf dem Boden verteilen. Mit ihrem Vater liegt sie deshalb oft in hitzigem Clinch. Lediglich ihre Instrumente hegt und pflegt sie mit der Leidenschaft einer Besessenen. Sophie avanciert an der Friedrich-Dieffenbach-Oberschule zur total erfolgreichen Oberstreberin. Beinhart hat sie sich in den Kopf gesetzt, Musik zu studieren. Mit ihren Übungen für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule nervt sie mich tierisch. Querflöte, Klavier, die ganze Klassiklatte rauf und runter – extrem ehrgeizig.


Als ich heimkam, saß sie am Schreibtisch und büffelte über ihren Büchern.


„Hi“, rief ich in ihr Reich, auf Anschluss und Trost hoffend.


Sie warf ihren Kopf zu mir herum, wodurch ihre wilden schwarzen Haare durch die Luft wirbelten. Aus ihren glühenden, etwas zu weit auseinanderstehenden Augen sah sie mich an und fragte gereizt: „Was gibt’s, Kleiner?“


„Wollte fragen, wie es war und so?“


Wie eine Furie sprang sie auf, wodurch ihr flacher Bauch, ihre sanft gerundeten Hüften und ihre reizend aufrecht stehenden Brüste wunderbar zur Geltung kamen. In rein physischer Hinsicht bin ich darin richtig vernarrt. Nicht, dass ich jetzt in Sophie verliebt wäre oder so, doch das Körperliche geht ganz klar in Ordnung. In dem Augenblick hasste ich sie allerdings, denn unbarmherzig knallte sie die Tür zu. Manchmal ist sie eine furchtbare Ziege. Am liebste hätte ich ihr eine Cola über ihre verdammten Klamotten gekippt, den Impuls hatte ich wirklich.


„Toll, wenn man so willkommen ist“, brüllte ich sarkastisch und trottete in mein Zimmer, wo ich den Inhalt meiner Tasche und damit ein Gebirge Arbeit auf den Boden kippte. Schon am Einstein-Gymnasium war meine Notenlage zur Notlage geworden. Der Traum vom Archäologie-Studium scheint ausgeträumt, was den Enthusiasmus meiner Erfolg erwartenden intellektuellen Familie deutlich abkühlte. Der Dauerdruck um die heiligen Noten und die ständige Angst zu versagen oder sogar sitzenzubleiben fraß mich auf. Ich hatte keinen Bock, ständig erst wieder um fünf zu Hause zu sein, kaum Freizeit zu haben und für gefühlte zehntausend Klassenarbeiten lernen zu müssen. Ausgelaugt schmiss ich mich aufs Bett, um eine Runde zu chillen und nachzudenken. Ich versank im Morast von Motivationsschwierigkeiten und schlief eine halbe Stunde ein.


Als ich aus dem Koma erwachte, stiefelte ich in die Küche und brühte mir einen sündhaft starken Kaffee. Anschließend schnappte ich mir mein Handy, um Jasper in Köpenick anzurufen. Unter keinen Umständen wollte ich den Kontakt zu meinen besten Freunden verlieren. Doch es war zu spät. Es klingelte an der Tür – das frisch vermählte Paar traf ein.


Meine Mutter lernte Herrn Fritzsche, meinen so genannten Stiefvater, auf einer Kur kennen. Ein Psychiater hatte ihr eingeredet, dass die Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters eine Depression wäre und sie Medikamente sowie eine Psycho-Reha bedürfe. Sie hoffte, dass sie ihr Leben danach endlich wieder besser auf die Reihe bekäme. Vermutlich verfiel sie in eine Art Torschlusspanik, fand einen neuen Mann, womit nicht nur für sie ein völlig neuer Abschnitt begann. Vorbei die Zeit, in der wir eine „heile“ Familie waren. Herr Fritzsche, der aus Sachsen stammt, leidet untere einer Zwangsstörung. Grundgütiger! So eine Psychoanstalt ist meiner Meinung nach wirklich nicht das geeignete Pflaster zur Anbahnung neuer Partnerschaften, Kurschatten hin oder her. Stößt vermeintliche Depression auf Zwang, kann das kaum gutgehen, oder? Der Realität dieser neuen Verbindung sehe ich nicht gerne ins Gesicht. Mein Hals ist davon so fett wie der eines Walrosses. Zu allem Überfluss sächselt unsere halbe Patchworkfamilie. An den Dialekt werde ich mich vermutlich nie gewöhnen. Zu Beginn dieses Jahres heirateten sie überstürzt und wir nahmen den bescheuerten Namen Fritzsche an. Mum ließ mir in diesem Punkt keine Wahl. Früher hießen wir Conrad und ich liebe diesen Namen noch immer. Sebastian Conrad – das klang so wunderbar harmonisch.


„Na, wie ist der erste Tag gelaufen?“, fragte mich meine Mutter, als wir zusammen am Küchentisch saßen und ekliges Fisherman’s Pie löffelten, Herrn Fritzsches Lieblingsgericht.


„Beschissen“, brummte ich. „Eine Horde Kotzbrocken, die andere Leute in die Scheiße schubst.“


„Wie meinst du das?“


„Da geht es nur um Markenklamotten, Leute fertigrühren und Babokram“, antwortete ich gereizt. Am liebsten wäre ich in mein Zimmer geflüchtet, weil mir das Reinzwängen des Pamps Übelkeit verursachte.


„Willst du nicht erst einmal abwarten?“ Sie biss sich auf den Lippen herum. Eine komische Angewohnheit, wenn Mum nachdenkt.


„Ich will vor allem zurück nach Köpenick, zu Jasper und Konstantin.“


Augenlider klimpernd stand sie auf, um mir vom Pie nachzureichen, dessen Rezept mein Stiefvater von einer seiner Dienstreisen mitgebracht hatte. Ich lehnte dankend ab. Als Vertreter für Werkzeugmaschinen ist er oft in England. Er liebt die Insel und die Royales.


„Du bist doch sonst immer gut mit deinen Mitschülern ausgekommen“, versuchte sie, mich zu beruhigen.


„Du weißt genau, wie lange ich gebraucht habe, bis in der Grundschule und am Einstein-Gymnasium der Damm brach“, entgegnete ich. „Eine halbe Ewigkeit.“


„Sophie hat damals auch erscht Mühe mit der Eingewöhnung gehobt“, warf mein Stiefvater sächselnd ein, „kam dann aber wunderbar zurecht.“ Er wirkte beim Sprechen dermaßen komisch gehemmt, als stünde jemand auf der Leitung.


„Toll“, höhnte ich und sah in seine ruhigen, steingrauen Augen, in denen Flecken kalten Lichts schimmerten. Ich vermochte nicht, sie zu durchdringen. Vielleicht liegt es an seiner Erkrankung, dass ich bis heute keinen Draht zu ihm aufbauen konnte.


Sophie bereicherte unsere Abendbrotrunde anschließend mit einem zehnminütigem Monolog, wie super alles liefe und welches Glück sie mit ihren Lehrern hätte, dass sie neben ihrer besten Freundin säße und solches Zeug, dass es mir die Därme zusammenzog. Mindestens seit dem letzten Zeugnis verglich mich Mum ständig subtil mit meiner „klugen Schwester“, die mit glänzenden Zensuren durchs Gymnasium segelt. Sie steht eins Komma zwei, ich drei Komma vier. Angesichts der unerträglichen Nähe zu den Fritzsches wird das vermutlich zur Dauernerverei werden. Darüber könnte ich vor Wut kotzen.


„Wie auch immer deine Klasse gestrickt sein wird“, begann meine Mutter ihre Schuljahresanfangspredigt, „wichtig ist, dass du mehr Ehrgeiz entfaltest und ungeachtet der Umstände deine Leistungen verbesserst. Denke an unseren Schlachtplan, dann wist du auch die Disparität zwischen mündlichen und schriftlichen Leistungen auflösen.“


Disparität – dieses scheiß intellektuelle Geschwafel. Ich schluckte meinen Ärger hinunter, konnte hingegen ein spöttisches Grinsen nicht unterdrücken.


„Zu lachen gibt es da überhaupt nichts“, stauchte sie mich zusammen, sodass es mir in alle Glieder fuhr. „Ich werde dir den Stoff nicht mehr länger vorkauen können. Da muss zukünftig mehr von dir alleine kommen, Sebastian.“ Wütend presste sie die Lippen aufeinander und schmollte.


„Mit dem richtigen Zeitmanagement lässt sich alles bewältigen“, ergänzte Herr Fritzsche. „Und wenn das alles nicht ausreichen sollte, müssen wir eben professionelle Nachhilfe organisieren.“


„Nicht nötig“, entgegnete ich bissig, weil Nachhilfesprüche traditionell meine Ehre kränkten. Hielt der mich für einen gottverdammten Idi? Sophie sah mich mitleidig an. Ein paar Worte am Nachmittag wären mir lieber gewesen, ganz ehrlich. Wütend sprang ich auf und verschwand in meinem Zimmer.


Zum Abreagieren klampfte ich Rockriffs auf meiner Gitarre und tanzte irrsinnig wie ein ekstatischer Rockstar dazu. Jasper erreichte ich unglücklicherweise nicht. Zu gerne hätte ich mit einem vernünftigen Menschen gesprochen, der zuhören und Neuigkeiten aus der Heimat berichten kann, vielleicht sogar ein bisschen Klatsch über Sandra, in die ich seit einem halben Jahr unglücklich verliebt war. Die Gedanken an sie trugen den Sommer über nicht eben zur Stimmungsaufhellung bei. Von wegen aus den Augen aus dem Sinn und so.


 


Ich riss das Fenster meines Zimmers auf, sodass brütende Augusthitze hineinströmte und mir den Atem nahm. Ich ließ mich aufs Bett fallen und döste in einen unruhigen Schlaf. Ein wirrer Traum führte mich zu einer riesigen Fabrikhalle, in der ich fürchtete, irgendeine Art Folter zu erleiden. In der Mitte gab es einen Strudel, den ich mit Mum in Verbindung brachte. Sie sagte nach Papas Tod, die Trauer hätte etwas von einem Strudel, dem man nicht entkommen könne. Die letzten Energien sauge er auf und am Ende würde man in die Tiefe gerissen werden. Klar, dass ich dem ausweichen wollte. Ich floh nach draußen, wo ein höllisches Gewitter tobte. Blitze fuhren vom Himmel, der Donner drohte meine Trommelfelle zum Zerbersten zu bringen. Da ich präzise vor solchen Wetterkapriolen Schiss habe, rettete ich mich auf einen U-Bahnhof. Mitten in der Nacht herrschte dort Totenstille. Ewig fuhr kein Zug und ich irrte alleine über die Gleise, bis ich völlig überraschend drei Mädchen in meinem Alter traf. So etwas Verrücktes. Wir sahen uns an und ich vermutete, sie hatten mindestens genauso viel Angst wie ich, wenn nicht mehr. Irgendwann durchbrach ich unser Schweigen mit einer trockenen, witzigen Bemerkung und wir lachten uns scheckig. Unsere Lachorgie beendete erst ein blitzend und dröhnend einfahrender Zug.


Zitternd erwachte ich und keuchte wie ein Vieh. Draußen toste ein gewaltiges Sommergewitter, das die Schwüle des Tages entlud. Diese Realität hatte ich in meinen Traum eingebaut. Merkwürdig, was das Gehirn uns manchmal für Streiche spielt. Mehr noch, das Erlebte weckte Assoziationen zum Tod meines Vaters.


Barfuß tippelte ich zum Schlafzimmer, um mich davon zu überzeugen, dass Mum in ihrem Bett regelmäßig atmete. Das kam in den letzten Monaten häufiger vor.


Nachdem ich in meinem Traum fast erstickt war und mitten im Hochsommer mit dem kalten Schweiß am Leib fror wie ein Hund, sehnte ich mich nach einer heißen Dusche. Der zehnminütige Schauer ließ wohlige Wärme durch mich fluten und erdete mein Gedankensurren, aber weiteren Schlaf hakte ich um 4:27 Uhr für den Rest der Nacht ab. Von meinem Stiefvater stibitzte ich mir einen ordentlichen Humpen Cognac und schlich in mein Zimmer zurück. Der Regen hatte nachgelassen. Ich setzte mich ans Fenster, drehte mir einen Joint, nippte abwechselnd am Cognac und sog den Rauch tief ein. Allmählich ließ ich die Erinnerungen an jene Ereignisse zu, die mein Leben zum Schlechteren gewandt hatten.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Anzeige

Anzeige

© 2008 - 2017 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 2 secs