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Belletristik
Buch Leseprobe From Miami with Love, Amanda Frost
Amanda Frost

From Miami with Love


Charlotte & Steven

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Kapitel 1

 


Steven


 


Bäuchlings auf dem Surfbrett liegend, paddle ich mit kräftigen Armschlägen aufs offene Meer hinaus. Vor mir steigt soeben die Sonne aus dem Atlantik empor und taucht den Morgenhimmel in ein sanftes Orange. Die Luft und das Wasser zeichnen sich durch angenehme Temperaturen aus, was den Wohlfühlfaktor in meinem Inneren erhöht.


Weit genug vom Ufer entfernt, um bei der nächsten großen Welle durch die Kraft des Ozeans zurücksurfen zu können, genieße ich für einige Minuten die himmlische Ruhe. Der Strand ist noch verlassen und auch Boote sind zurzeit keine unterwegs. Hier könnte ich stundenlang verweilen, den salzigen Geruch des Meeres einatmen und mich von dem sanften Schaukeln verzaubern lassen.


Wasser ist schlicht und ergreifend mein Element.


Würde mein Blick nicht hin und wieder den hohen Tower des Beachside Hotels streifen, das ich ab sofort leiten soll, wäre ich sicher noch euphorischer.


In diesem Moment rollt eine größere Woge auf mich zu. Ich bringe das Surfbrett in Position, paddle die Welle an und katapultiere mich mit einer routinierten Bewegung auf die Füße. Zufriedenheit und Adrenalin fluten meinen Körper, während das Wasser mich mitreißt, erbarmungslos auf den Strand zutreibt und vor Glück seufzen lässt.


Leider sind die Wellen in Miami nicht einmal annähernd so aufregend wie das in Kalifornien, Hawaii oder Australien der Fall ist. Aber für ein Jahr sollte ich damit zurechtkommen.


Eine widerliche Klausel in Vaters Testament hat mich und meine beiden älteren Brüder nämlich dazu verdonnert, zwölf Monate lang je ein Hotel der Malone Kette erfolgreich zu führen, erst dann dürfen wir uns rechtmäßig Erben nennen. Vermutlich reine Schikane, da wir uns nie für Dads Lebenswerk begeistern konnten.


Wenngleich ich nichts mit dem Hotelgewerbe am Hut habe, möchte ich mir diesen Schatz jedoch unter gar keinen Umständen entgehen lassen. Nicht zuletzt, da die Häuser bei einem Versagen unsererseits an eine Frau übergehen würden, mit der wir in diesem Leben nichts mehr zu tun haben wollen: unsere verhasste Stiefmutter Viola Malone.


Das Erbe würde mir helfen, weiterhin ein Dasein ganz nach meinem persönlichen Geschmack zu führen. Sprich: Reisen, Sport, schöne Frauen und Musik. Daher werde ich dieses Jahr durchziehen, in der Hoffnung, hinterher niemals wieder mit der Malone Hotelkette konfrontiert zu werden.


Nachdem mich die Brandung in die Nähe des flachen weißen Sandstrands gespült hat, springe ich vom Brett, klemme es mir unter den Arm und wate aus dem Meer. Am liebsten würde ich noch stundenlang über die Wellen gleiten, doch so langsam wird es Zeit, mich auf meinen ersten Arbeitstag vorzubereiten. Folglich marschiere ich auf das kleine Beachhaus in vorderster Reihe zu, das ich vor ein paar Tagen bezogen habe.


Selbstverständlich hätte ich auch in einer der abgehobenen Suiten des Hotels unterkommen können, in einer bodenständigen Hütte am Meer fühle ich mich jedoch um Längen besser aufgehoben.


Ich betrete das Cottage, das mit hellen freundlichen Möbeln aufwartet, springe unter die Dusche und stehe hinterher unschlüssig vor meinem Kleiderschrank.


Einen Anzug besitze ich nicht und bin auch nicht gewillt, mir einen zuzulegen. Aber mit Shorts oder zerrissenen Jeans kann ich den Job des Hoteldirektors unmöglich antreten.


Letztendlich entscheide ich mich für eine helle Leinenhose und ein schwarzes tailliertes Hemd. In Verbindung mit ein paar dunklen Lederschuhen sollte ich angemessen gekleidet sein.


Ich laufe zu dem runden Hotelpool hinüber, der sich in der Nähe des Strandes befindet und registriere, dass sich hier trotz der morgendlichen Uhrzeit einige junge Leute zusammengefunden haben, die in Partystimmung zu sein scheinen. Lautes Gelächter erfüllt das Gelände und zwei leicht bekleidete Frauen üben sich im Singen.


In Florida startet bald der Springbreak und offensichtlich sind hier bereits die ersten Partygänger zugange. Eine Begebenheit, die einen Anflug von Freude in mir aufsteigen lässt, denn bislang ging ich davon aus, in einem derartigen Luxushotel einzig auf Greise, Golfer und Spießer zu treffen.


Da mir meine beiden Brüder nahegelegt haben, wieder Veranstaltungen im Beachside durchzuführen, was Dad zu Lebzeiten häufig getan hat, schießen mir soeben ein paar glänzende Ideen durch den Kopf. Ich könnte Ravepartys, Musikevents sowie Feste für Surfer oder Taucher einführen. Das wäre dann zwar nicht mit den elitären Zusammenkünften zu vergleichen, die früher hier stattgefunden haben, würde meine Motivation aber erheblich steigern. Da das Hotel seit Dads Tod nicht mehr ausgebucht ist, könnten solche Happenings die Gästezahlen in die Höhe treiben.


Eventuell besteht ja auch die Option, die Zimmerpreise ein wenig zu senken, um von der abgehobenen Klientel wegzukommen. Doch bevor ich Derartiges durchsetze, sollte ich mich zuerst mit einem Finanzprofi kurzschließen. Obwohl ich in den letzten Monaten einige Marketingkurse besucht habe, kann ich nämlich immer noch nicht einschätzen, wie man ein Luxushotel führt. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, graut es mir mächtig vor dieser Herausforderung.


 


In diesem Moment sticht mir auf der gegenüberliegenden Seite des Pools ein junger Mann ins Auge, der gerade einen Laptop an ein Mischpult anschließt.


Sieht ganz danach aus, als ob hier gleich eine Party steigt.


Neugierig steuere ich den Typen an und sinke auf eine der Liegen in der Nähe. Da ich mich selbst häufig als DJ betätige, bin ich mit dem Equipment vertraut und gespannt, was der Kerl so draufhat.


Schon Minuten später wird die Poollandschaft von schrillen Technobeats geflutet, was die jungen Leute vor Freude aufspringen, jubeln und tanzen lässt. Mehrere ältere Hotelgäste blicken zuerst skeptisch drein, wippen dann aber im Takt der Musik mit. Ein etwas betagtes Ehepaar erhebt sich sogar und schließt sich dem Partyvolk an.


Es dauert nicht lange, bis der Poolbereich mit lachenden und tanzenden Urlaubern gefüllt ist. Schmunzelnd beobachte ich die ausgelassene Meute. Möglicherweise gestaltet sich mein Aufenthalt ja doch noch angenehmer als vermutet.


Meine gute Laune wird allerdings schnell getrübt, als zwei in dunklen Anzügen steckende Security-Männer auf den selbst ernannten DJ zueilen.


Ich schieße hoch.


Nein, unter gar keinen Umständen werden die Kerle jetzt den Leuten den Spaß verderben!


Beharrlich reden die Typen auf den jungen Mann ein. Als dieser nicht reagiert, macht einer der Sicherheitskräfte Anstalten, nach dem Laptop zu greifen.


Mit energischen Schritten stürme ich auf die drei Personen zu. „Einen Moment, bitte!“, bringe ich mich ein.


Der größere der beiden Security-Mitarbeiter wendet sich mir zu und mustert mich mit abschätzigem Blick von Kopf bis Fuß.


Schon klar, mit meinem schulterlangen dunklen Haar und der durch die Sonneneinwirkung gebräunten Haut sehe ich eher einem Latin-Popstar als einem ehrbaren Hoteldirektor ähnlich. Doch daran wird man sich hier wohl gewöhnen müssen.


„Gehören Sie dazu?“, fährt mich der Typ an.


Betont lässig puste ich mir eine Locke aus der Stirn. „Irgendwie schon, das hier ist nämlich mein Hotel.“


Meine beiden Angestellten werfen sich amüsierte Blicke zu und brechen in schallendes Gelächter aus.


Ich verziehe das Gesicht.


Wirklich sehr witzig!


„Steven Malone, mein Name. Ich leite ab sofort das Beachside und falls Sie Interesse daran hegen, Ihre Jobs zu behalten, sollten Sie mir jetzt auf der Stelle gehorchen.“ Da ich meinen Lebensunterhalt häufig als Surf- oder Tauchlehrer verdiene, bin ich es glücklicherweise gewohnt, hin und wieder Anweisungen zu geben.


Prompt geraten die zwei ins Stutzen. Einer greift nach seinem Funkgerät und spricht ein paar Worte hinein.


Kurz darauf kommt ein weiterer Mann der Security angerannt. Ein blonder Riese, der allein durch seine Körperstatur Respekt einflößend wirkt.


Auch er begutachtet mich eingehend. „Roger Smith“, stellt er sich zu guter Letzt vor und reicht mir die Hand. „Mir untersteht die Sicherheitsabteilung des Beachside. Sie sind also Steven Malone?“


„Höchstpersönlich. Wollen Sie vielleicht meinen Ausweis sehen?“


Er schüttelt den Kopf. „Ich denke, das wird nicht nötig sein. Ich wurde darüber informiert, dass Sie heute hier übernehmen.“ Sekundenlang hält er inne und beißt sich auf der Lippe herum. „Herzlich willkommen, Mr. Malone“, presst er schließlich mit widerwilligem Unterton hervor. „Sie können sich in Sicherheitsfragen jederzeit vertrauensvoll an mich wenden.“


„Perfekt, dann sagen Sie Ihren Leuten jetzt bitte, dass sie den Menschen hier ihren Spaß lassen sollen. Schreiten Sie erst ein, falls es zu Problemen kommt.“


„Geht klar, Sir.“ Mit diesen Worten ziehen die drei ab, bleiben ein Stück entfernt stehen und stecken tuschelnd die Köpfe zusammen.


Ich ignoriere dieses Verhalten und wende mich dem DJ zu. „Darf ich mir das Equipment einmal ansehen?“


Er nickt. „Aber sicher doch! Gehört das Hotel wirklich Ihnen?“


„Allerdings. Nicht, dass ich mir das ausgesucht hätte.“


„Wie cool ist das denn!“, stößt er euphorisch aus. „Wir dürfen also weiterhin feiern?“


Ein Schmunzeln legt sich um meine Mundwinkel. „Ich bitte darum. Aber unter einer Voraussetzung: Ich will an der Fete teilhaben.“


Und dann heizen wir gemeinsam dem Partyvolk ein. Bereits nach kurzer Zeit haben sich Unmengen von Ideen in meinem Kopf festgesetzt, wie ich den Laden hier wieder zum Laufen bekommen sollte.


 


Kapitel 2

 


Charlotte


 


Beunruhigt schaue ich ein ums andere Mal auf die große Uhr, die an der Wand meines Büros hängt.


Steven Malone sollte längst hier sein!


Da ich meinen Job in dem schicken Hotel in Bal Harbour, einem mondänen Ort an der Nordspitze von Miami Beach, bereits ein paar Tage zuvor angetreten habe, konnte ich mich schon mit dem Haus und vielen Angestellten bekannt machen. Den heutigen Tag habe ich meinem neuen Boss mit Terminen gefüllt, damit auch er all seine Führungskräfte kennenlernt.


Und jetzt taucht dieser verdammte Kerl nicht auf!


Verdrossen zupfe ich an meinem Pferdeschwanz herum, den ich im Büro grundsätzlich trage. Er lässt mich streng und gesittet wirken, was in exklusiven Hotels gerne gesehen wird.


Lizzy, die Assistentin des ältesten Malone Bruders, hat mich zwar bei meiner Einstellung darauf hingewiesen, dass es mit Steven kein Kinderspiel werden würde, doch dafür werde ich extrem gut bezahlt. Obendrein hat man mir nach erfolgreichem Abschluss dieses Jahres eine Führungsposition in der Hotelkette in Aussicht gestellt.


Als gelernte Hotelkauffrau konnte ich bereits weitreichende Erfahrungen in zwei der Malone Resorts sammeln. Einige Zeit war ich am Front Desk eingesetzt, später im Marketing. Auf lange Sicht würde ich gerne selbst die Leitung eines Hotels übernehmen, wofür die Stelle als Direktionsassistentin die perfekte Voraussetzung bieten sollte.


Darauf, dass Steven nicht einmal erscheinen würde, hat mich allerdings niemand vorbereitet.


Plötzlich dringt Musik an meine Ohren, die in der weitläufigen Poolanlage ihren Ursprung zu haben scheint.


Als die Klänge auch Minuten später nicht verstummen, treibt mich die Neugier aus dem Büro, welches sich etwas versteckt im Erdgeschoß des Gebäudes befindet. Meine Schritte führen mich durch einen mit hellem Marmor ausgelegten Gang in Richtung des Gartens, der mit einem riesigen Pool sowie einer Bar und einem Restaurant ausgestattet ist. Alles in diesem Hotel ist an Luxus kaum zu überbieten und versetzt selbst mich, obwohl ich bereits in mehreren teuren Häusern gearbeitet habe, gelegentlich ins Staunen.


Als ich die Tür ins Freie aufstoße, schlägt mir laute Technomusik und Gegröle entgegen. Mit Verwunderung nehme ich die tanzenden Menschen ins Visier. In erster Linie handelt es sich um junge, leicht bekleidete Personen, doch auch ein paar ältere Hotelgäste haben sich dazugesellt.


Verdruss steigt in mir auf.


Warum zur Hölle wurde ich nicht über diese Party informiert? Wie soll ich denn helfen, diesen Laden in den Griff zu bekommen, wenn der Lärm die wenigen Gäste, die wir zurzeit beherbergen, vertreibt?


Ich weiß, dass Lizzy bereits vor Wochen ein paar Sonderangebote geschaltet hat. Die Vermutung liegt nahe, dass die reduzierten Preise dieses Partyvolk angelockt haben.


Während ich mich auf die tanzenden Leute zubewege, fällt mein Blick auf die beiden DJs. Sekundenlang stockt mir der Atem. Ich habe schon Bilder von Steven Malone gesehen, doch in natura ist er schlicht und ergreifend umwerfend. Seine vergnügt glitzernden grünen Augen heben sich eindrucksvoll von der gebräunten Haut und den langen schwarzen Locken ab. Stevens attraktives Gesicht ist im Grunde genommen viel zu hübsch für einen Mann. Die Ladys, die um ihn herumtanzen und ihn anschmachten, scheint das jedoch nicht zu stören.


Harmonisch bewegt sich sein muskulöser Körper im Takt der Musik. Hätte ich nicht bereits gewusst, dass er ein begnadeter Sportler ist, wäre mir das spätestens jetzt aufgefallen.


Aber wie zur Hölle locke ich ihn nun von hier weg, damit er seine Termine wahrnimmt?


Ich straffe die Schultern und marschiere energischen Schrittes auf ihn zu. In meinem weißen Kostüm passe ich kein Stück zu der wilden Partymeute, doch da muss ich jetzt wohl durch. Schon nach wenigen Metern ertappe ich mich dabei, beim Laufen automatisch den Rhythmus der Musik anzunehmen. Rasch mahne ich mich zur Ordnung und stakse mit steifem Gang auf die DJs zu.


Bei Steven angekommen greife ich sanft nach seinem Arm.


Er blickt auf und lächelt. Ein Lächeln, das mich um ein Haar aus meinen Pumps haut.


Du liebe Güte, wie soll ich denn mit einem solchen Mann zusammenarbeiten, ohne unentwegt an heißen Sex zu denken?


Ehe ich es verhindern könnte, wirft er mir einen Arm um die Taille, reißt mich an sich und bewegt uns beide zu den Technobeats. Der Duft einer herben Seife steigt mir in die Nase und lässt mich um ein Haar genüsslich seufzen. Steven verfügt über einen unglaublichen Hüftschwung und als sein Becken meins berührt, schnappe ich nach Luft.


Ich muss das hier auf der Stelle beenden, wenn ich nicht den Rest des Tages mit einem feuchten Höschen herumlaufen will!


Schnell entwinde ich mich seiner Umarmung, trete einen Schritt zurück und bedeute Steven, den Kopfhörer abzulegen.


Er zögert, gehorcht dann jedoch.


Daraufhin greife ich erneut nach seinem Arm und ziehe meinen neuen Chef ein Stück beiseite. „Mr. Malone, ich bin Charlotte Masterson, Ihre Assistentin. Es liegt nicht in meiner Absicht, Ihnen den Spaß zu verderben. Aber ich möchte Sie heute Ihren Führungskräften vorstellen, die dann gleich etwaige Probleme mit Ihnen erörtern können.“


Seine entspannten Gesichtszüge verhärten sich. Es ist unverkennbar, dass er lieber den Rest des Tages hier über die Stränge schlagen würde, als sich mit den Herausforderungen eines Hotels auseinanderzusetzen.


Letztendlich nickt er und reicht mir die Hand. „Schön, Sie kennenzulernen, Charlotte. Nennen Sie mich Steven. Dann zeigen Sie mir doch bitte mein Büro. Und schreiben Sie sich gleich eins auf die Liste: Ab sofort werden wir hier regelmäßig Musikveranstaltungen durchführen. Ich stelle mich als DJ zur Verfügung. Sie können mir dabei helfen, diese Partys publik zu machen.“


Irritiert lasse ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Wenn ich mir die ausgelassene Meute so ansehe, ist die Idee vielleicht gar nicht so abwegig. Sogar einige der älteren Gäste scheinen keinerlei Anstoß an der Technomusik zu nehmen. Höchstwahrscheinlich sind die Zimmer des Beachside zudem schallisoliert, sodass man im Inneren gar nicht viel davon mitbekommt.


Nichtsdestotrotz sind die exklusiven Jacht-Clubs im Umkreis sowie die hochpreisige Shoppingmall auf der gegenüberliegenden Straßenseite für ein anderes Publikum ausgelegt. Aber ich bin nicht erpicht darauf, gleich am ersten Tag eine Diskussion loszutreten, daher behalte ich meine Bedenken für mich.


Nachdem mein neuer Vorgesetzter sich von seinem DJ-Kollegen verabschiedet hat, der weiterhin den grölenden Leuten einheizt, folgt er mir.


Wir marschieren nah am Pool vorbei, als einer der Tänzer völlig unvermittelt einen großen Schritt nach hinten macht und mich anrempelt. Ich verliere das Gleichgewicht, komme ins Wanken und stürze mit einem unterdrückten Aufschrei rücklings ins Wasser.


Als ich prustend und vor mich hin fluchend wieder auftauche, steht mein Boss grinsend am Rand des Pools und blickt auf mich herab.


Dieser Arsch!


„Sind Sie des Schwimmens mächtig oder muss ich mich als Ihr Retter in der Not betätigen?“, erkundigt er sich mit spöttischem Unterton.


„Danke, ich komme durchaus zurecht!“, kontere ich zornig.


Er beugt sich zu mir herunter und streckt mir die rechte Hand entgegen. „Lassen Sie mich Ihnen helfen. Es sei denn Sie wollen zuerst noch eine Runde planschen.“


Intuitiv will ich sein Angebot ausschlagen, doch dann siegt mein Verstand über den Stolz. Ich muss schnellstmöglich hier raus, ehe die Situation noch peinlicher wird – gesetzt den Fall, das ist überhaupt möglich.


Brummelnd greife ich nach seiner Hand, woraufhin er mich mit Leichtigkeit herauszieht. Verdrossen kicke ich meine tropfenden Pumps von den Füßen und schiele an mir hinab. Das weiße Kostüm hängt an mir wie ein nasser Sack. Von dem schicken Teil werde ich mich wohl verabschieden können.


Netterweise reicht mir einer der Lifeguards ein großes Handtuch, mit dem ich zuerst mein Haar trockentupfe, bevor ich es um meinen Leib schlinge.


Steven steht immer noch schmunzelnd daneben und hält Maulaffen feil. Nur mit Müh und Not kann ich das Bedürfnis unterdrücken, ihn ebenfalls ins Wasser zu stoßen.


„Gehen Sie doch schon einmal voraus!“, fordere ich ihn auf. „Ihr Büro befindet sich rechts vom Foyer, am Ende eines schmalen Ganges. Ich ziehe mich nur rasch um.“


Er schüttelt den Kopf. „Ich warte lieber hier auf Sie.“ Mit einer fließenden Bewegung sinkt er auf eine Liege und widmet sein Augenmerk erneut den tanzenden Leuten.


 


Nachdem ich wieder einigermaßen vorzeigbar bin, gable ich Steven am Pool auf, wo er mit zwei Bikinischönheiten flirtet, von denen er sich nur widerwillig trennt.


Ungläubig mit den Augen rollend führe ich ihn in sein Büro.


„Allmächtiger!“, äußert er, als er in den mit hellem Holz verkleideten Raum eingetreten ist. „Auf gar keinen Fall werde ich es hier ein Jahr lang aushalten.“


Verwundert nehme ich das Büro in Augenschein. Vom Ausblick auf die Rückseite des Hotels einmal abgesehen, ist es ein wahr gewordener Traum. „Was genau stört Sie?“


„Ich hasse beengte Räume ohne Terrasse oder Balkon.“


„Okay, das kann ich verstehen. Ich komme ursprünglich aus Kanada und liebe die Weiten dieses Landes ebenfalls.“ Nachdenklich lege ich die Stirn in Falten. „Nehmen Sie doch hier einzig Ihre wichtigen Termine wahr. Alles andere können Sie ja mit dem Laptop an einem schattigen Platz im Garten oder am Pool erledigen.“


Er nickt. „Hervorragende Idee. Von wo aus Kanada stammen Sie?“


„Aus der Nähe von Toronto.“


„Und was hat Sie hierher verschlagen?“


„Der Job. Ich liebe das Hotelwesen und in den Staaten eröffnen sich einem wesentlich größere Karrierechancen.“


„Verstehe. Ich mag Kanada sehr und bin hin und wieder im Winter zum Snowboarden dort. Aber jetzt lassen Sie uns das Geschäftliche besprechen, damit ich es so schnell wie möglich hinter mich bringe.“


Verdutzt starre ich ihn an. Offenbar hat er nicht den Hauch einer Ahnung vom Hotelgewerbe, sonst wäre ihm klar, dass ein derartiges Haus ständige Aufmerksamkeit benötigt. Wenn er denkt, er taucht hier gelegentlich mal auf, werde ich ihn leider eines Besseren belehren müssen.


Ich spähe auf meine Armbanduhr. „Sie haben heute Gespräche mit den Leitern der Restaurants, Front Desk, Housekeeping, Verwaltung, Sales & Marketing, Security und Parkdienst …“


„Teufel noch mal, Charlotte!“, unterbricht er mich barsch. „Wollen Sie mich gleich am ersten Tag vergraulen?“


„Selbstverständlich nicht. Es ist nur wichtig, dass die Herrschaften Sie kennenlernen.“


Er winkt ab. „Wozu diese Hektik? Gezwungenermaßen werde ich ein schrecklich langes Jahr hier ausharren müssen. Den Security-Chef kenne ich übrigens bereits, den können Sie streichen. Außerdem möchte ich Sie bei den Meetings dabeihaben. Sie notieren sich alle Probleme und kümmern sich darum!“


Erneut glotze ich ihn an, als käme er von einem anderen Stern. „Ich kann nicht einschätzen, ob das in meiner Macht liegt.“


„Sie entstammen doch dem Hotelgewerbe, oder? Also, wo ist das Problem?“


„Damit haben Sie natürlich recht. Aber es werden Entscheidungen vonnöten sein, die ich nicht eigenständig treffen kann. Es stehen Reparaturen an, die Unmengen von Geld verschlingen, Personalbesetzungen müssen durchgeführt werden und vieles mehr.“


„Gut, dann bitte ich Sie, sich mit den Finanzen auseinanderzusetzen und mir zu sagen, welche Ausgaben wir uns leisten können.“


„Danke für Ihr Vertrauen, aber so einfach ist das nicht. Gegenvorschlag: Ich liste Ihnen die voraussichtlichen Kosten auf und wir beschließen gemeinsam, was wir durchführen wollen. Einverstanden?“


Er nickt, während er versucht, eins der Fenster seines Büros zu öffnen. „Klingt gut. Warum geht denn das verdammte Ding nicht auf?“


„Aus Sicherheitsgründen können viele Fenster dieses Hotels nicht geöffnet werden.“


„Ich werde jämmerlich ersticken“, jammert er, als er auf seinen ledernen Schreibtischstuhl fällt, sich darin zurücklehnt und die Beine auf den Tisch schwingt. „Besorgen Sie mir ein paar Pflanzen, ein Aquarium, einen Goldfisch oder Wellensittich! Irgendetwas, das den Raum gemütlicher macht und mit Leben erfüllt.“


„Ernsthaft?“


„So wahr ich hier sitze.“ Lässig verschränkt er die Hände hinter dem Kopf, was meinen Blick automatisch auf seinen muskulösen Brustkorb lenkt. „Gut, dann mögen die Spiele beginnen“, äußert er mit deutlicher Frustration in der Stimme. „Mit wem muss ich mich als Erstes auseinandersetzen?“


Ich atme tief durch, um in Anbetracht dieses offensichtlichen Desinteresses nicht die Fassung zu verlieren. „In wenigen Minuten sollte Trisha Simmons hier eintreffen. Sie ist die Küchenchefin, zuständig für die Restaurants, Bars und den Room-Service. Seit Tagen liegt sie mir damit in den Ohren, ihr Personal aufstocken zu wollen, doch ich sehe darin keine Notwendigkeit, solange das Hotel nicht ausgelastet ist.“


Steven grinst. „Danke für den Tipp. Soll ich ihr sagen, dass diese Einschätzung von Ihnen kommt? Ich möchte mich nämlich unter gar keinen Umständen mit fremden Lorbeeren schmücken.“


Ich schüttle den Kopf. „Besser nicht. Wenn die Angestellten denken, ich wäre auf ihrer Seite, werde ich auch zukünftig erfahren, was in dem Hotel vor sich geht.“


„Verstehe, wir spielen also guter Cop, böser Cop. Wissen Sie, was mir an der Sache missfällt? Dass ausgerechnet ich das Arschloch sein muss.“


„Ich gehe davon aus, Sie werden nach diesem Jahr recht schnell wieder verschwunden sein, oder?“


„Selbstverständlich.“


„Insofern sollten Sie es überleben, sich ein paar Feinde zu machen. Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich möchte mir noch einen Überblick über die Einnahmen der Restaurants verschaffen.“ Ich mache Anstalten sein Büro zu verlassen, entscheide mich dann jedoch dagegen.


Ich muss das jetzt einfach loswerden, ehe ich daran ersticke!


Beherzt suche ich nach Stevens Blick. „Ach, eine Kleinigkeit noch: Könnten Sie bitte zumindest versuchen, sich wie ein Geschäftsführer zu benehmen? Andernfalls tanzen Ihnen die Angestellten nämlich recht schnell auf der Nase herum. Die Menschen hier benötigen einen Manager, der ihnen ihre Arbeitsplätze sichert, keinen DJ oder Surferboy.“ Ich straffe die Schultern. „Also Füße vom Tisch, auf der Stelle!“


Der verdutzte Blick meines Chefs geht mir runter wie Öl.


Ehe er kontern kann, wirble ich herum und verlasse eiligst den Raum. Falls wir uns nicht in den nächsten Tagen gegenseitig zerfleischen, könnte der Job hier definitiv interessant werden. Stevens Gleichgültigkeit ermöglicht es mir, jetzt schon die Aufgaben eines Managers zu übernehmen. Sollte es uns wirklich gelingen, das Beachside zu retten, steht mir hinterher gewiss die Welt offen.


 


„Sie wollen die Restaurants, Bars und Läden rund um die Uhr geöffnet lassen?“, erkundigt sich Trisha Simmons einige Zeit später ungläubig bei Steven.


Auch mich hat diese Ankündigung kalt erwischt und ich kann für den Moment nicht einschätzen, ob ein solches Vorgehen Sinn machen würde. Außerdem scheint dem Herrn Hoteldirektor nicht bewusst zu sein, dass man hierfür Lizenzen und Genehmigungen benötigt, die sich der Staat gut bezahlen lässt.


Seit ein paar Minuten sitzen wir jetzt zu dritt an dem gepflegten hellen Holztisch seines Büros. Vom ersten Augenblick an war mir klar, dass mein neuer Boss und seine Restaurantchefin in diesem Leben keine Freunde mehr werden würden.


Steven nickt. „Was spricht dagegen? Ich habe häufig morgens um vier Hunger, Durst, Lust auf einen Saunagang oder einen Sprung in den Pool. In einem derartigen Luxushotel sollten alle Einrichtungen 24 Stunden am Tag zugänglich sein.“


„Aber für Speisen und Getränke bieten wir doch den Roomservice an“, kontert Trisha prompt.


Steven zuckt lässig mit den Schultern. „Wer will schon mutterseelenallein in seinem Zimmer essen?“


„Viele Menschen in anspruchsvollen Hotels“, insistiert die schwarzhaarige Restaurantleiterin. Die gebürtige Mexikanerin arbeitet bereits seit einer Ewigkeit hier, hat Haare auf den Zähnen und setzt jede noch so winzige Veränderung mit einem Angriff auf ihre Person gleich. Ungeachtet der Tatsache, dass sich die Kommunikation mit ihr grundsätzlich schwierig gestaltet, scheint sie ihren Job jedoch zu verstehen und ihren Bereich im Griff zu haben.


Gelangweilt blickt Steven aus dem Fenster. „Logisch, die armen Schweine haben ja keine Wahl, wenn alle Lokale geschlossen sind. Darf ich mal einen Blick auf die Speisekarten werfen?“


„Selbstverständlich.“ Trisha Simmons tippt auf ihr Handy ein, bevor sie es ihm reicht. „Die Auswahl ist sehr exquisit.“


Ein Bauchgefühl sagt mir, dass sie damit bei Steven nicht punkten kann.


Dieser studiert das Angebot an Speisen stillschweigend, ehe er die Stirn runzelt.


Ich ahne Fürchterliches.


„Du liebe Güte, wer soll denn dieses ganze abgehobene Zeug essen?“, stößt er letztendlich aus. „Und die Preise erst! Das ist ja Wegelagerei. Das werden wir auf der Stelle ändern.“


Trisha schnappt hektisch nach Luft. „Bisher hat sich noch niemand darüber beschwert“, blafft sie erbost zurück. „Im Gegenteil, die Gäste lieben das Angebot. Lesen Sie doch einmal die lobenden Rezensionen im Internet, wenn Sie es mir nicht glauben.“ Ihre Stimme vibriert und sie steht augenscheinlich kurz vorm Explodieren.


Steven zeigt sich von dem verbalen Angriff jedoch völlig unbeeindruckt. „Das Publikum in diesem Haus wird sich zukünftig ein wenig verändern, daher müssen wir auch die Speisekarten und Preise anpassen. Kleine Snacks und antialkoholische Getränke könnten wir eventuell sogar gratis anbieten. Die Gäste zahlen doch gewiss horrende Summen für die Übernachtungen, da ist es ja schon unmoralisch, ihnen für eine Flasche Wasser zusätzliche zehn Dollar abzuknöpfen.“


Zwanglos lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bedenkt Trisha mit einem herausfordernden Blick. „Ich möchte Sie daher bitten, das Speisenangebot umzustellen. Fügen Sie weitere Salate und Fisch hinzu. Auch ein paar italienische Gerichte, sowie Sandwichs und Burger. Diese elitären Delikatessen braucht doch auf Dauer kein Mensch.“


Die Restaurantleiterin schluckt vernehmlich. „Ihr Vater war damit mehr als zufrieden.“


Stevens Augen verengen sich leicht. Zum ersten Mal zeichnet sich eine Gefühlsregung auf seinem Gesicht ab. Die Dame hat soeben definitiv einen Nerv getroffen, denn seine Fassade der Lässigkeit bröckelt. „Wie Ihnen vielleicht bereits aufgefallen ist, weilt er jedoch nicht mehr unter den Lebenden. Und entweder Sie halten sich jetzt an meine Anweisungen oder Sie suchen sich einen Job in einem Hotel, das von einem verbitterten, alten Mann geführt wird.“


Seine harten Worte lassen mich zusammenzucken und kurzzeitig die Luft anhalten.


So denkt er also über seinen Dad! Zu schade.


„Ich glaube, ein wenig neuer Schwung würde den Restaurants in der Tat guttun“, versuche ich zu vermitteln, ehe die Situation völlig eskaliert. „Jüngere Leute können sich kaum mit Kaviar, Schnecken, Austern oder Lammbäckchen identifizieren.“ Lächelnd wende ich mich Trisha zu. „Aber wir können ja von Glück reden, über zwei Gaststätten zu verfügen. Warum bieten wir nicht in einer davon leichtere Kost an? Wenn Sie möchten, können wir die Karte gerne gemeinsam überarbeiten.“


„Das wird mir schon allein gelingen!“, zickt sie jetzt mich an. „Falls wir die Restaurantzeiten wirklich verlängern, benötige ich zusätzliches Personal.“


Ich verdrehe innerlich die Augen.


War ja klar!


„Lassen Sie uns darüber reden, sobald das Hotel stärker ausgelastet ist“, bestimmt Steven in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, springt auf und marschiert in Richtung der Tür. „Entschuldigung, ich brauche jetzt dringend frische Luft.“ Mit diesen Worten ist er auch schon verschwunden und lässt mich mit einer erzürnten Küchenchefin zurück.


 


Die Gespräche mit den restlichen Bereichsleitern gestalten sich ähnlich schwierig. Hatte ich anfänglich vermutet, meinem Boss wäre alles gleich, werde ich schnell eines Besseren belehrt. Steven ist clever, ein Sturkopf und geht keinen Millimeter von der Meinung ab, dass die Gäste im Beachside abgezockt werden.


Zwar folgt er im Großen und Ganzen meinen Empfehlungen, beabsichtigt jedoch darüber hinaus einen ziemlich unkonventionellen Weg einzuschlagen. Er strebt ein komplett neues Konzept an, mit dem sich weder ich noch die Führungskräfte dieses Hauses auf Anhieb anfreunden können.


Kosten für Internet, Pay-TV und Parkgebühren sollen entfallen. Paaren mit Kindern, jungen Leuten sowie Gruppen werden Vergünstigungen angeboten. Zudem schlägt er vor, die Preise der kleineren Räume massiv zu senken.


Auch dürfen die Zimmermädchen nicht länger am frühen Morgen ihren Dienst antreten, da das die Gäste aus ihrem wohlverdienten Schlaf reißen würde. Und zu guter Letzt sollen Sport- und Musikveranstaltungen etabliert werden.


Die Verantwortung für die Umsetzung dieser ganzen Neuerungen überträgt er großzügigerweise mir.


Als ich am Abend der ersten Woche in mein weiches Bett sinke, das sich in einer beschaulichen Hotelsuite befindet, brummt mir der Schädel. In gerade mal fünf Tagen habe ich die verquere Welt des Steven Malone kennengelernt. Und auch wenn ich nicht einzuschätzen vermag, inwieweit seine Ideen in einem derartigen Luxushotel umsetzbar sind, beeindrucken mich viele seiner Prinzipien.


 



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