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Belletristik
Buch Leseprobe From Miami with Love, Amanda Frost
Amanda Frost

From Miami with Love


Scarlett & William

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Kapitel 1

 


William


 


„Ein Hotel! Was zur Hölle soll ich mit einem Hotel anfangen?“


Dads weißhaariger Nachlassverwalter starrt mich sekundenlang schweigend an, bevor er mit den Schultern zuckt. „Es steht Ihnen selbstverständlich frei, die Erbschaft abzulehnen.“ Sein desinteressierter Tonfall passt haargenau zu dem langweiligen mausgrauen Anzug, in dem er steckt. Auf jegliche Unterstützung seinerseits werden wir wohl verzichten müssen.


Mein Blick schweift zu meinen beiden jüngeren Brüdern, die ebenfalls an dem langen Esstisch ausharren und mindestens genauso ratlos dreinblicken wie ich. Im Hintergrund lassen die Sonnenstrahlen das azurblaue Wasser des Atlantiks verführerisch schimmern und ich gestehe, dass ich schon fast vergessen hatte, wie traumhaft schön Florida sein kann.


Der Grund unserer Zusammenkunft ist jedoch alles andere als angenehm, sodass meine Stimmung trotz des wundervollen Ausblicks und der behaglichen Außentemperatur eher zu Minusgraden tendiert. Aufgrund einer Klausel in Dads Testament, blieb uns nämlich nichts anderes übrig, als binnen kürzester Zeit im luxuriösen Penthouse eines Hoteltowers in Miami Beach anzutanzen. Dem Ort, an dem mein verhasster Vater mit seiner wesentlich jüngeren Frau bis vor wenigen Tagen residierte wie ein König. Doch leider konnten weder all sein Reichtum noch die besten Ärzte der Welt den Krebs besiegen.


„Na ja, ich könnte schon eine kleine Finanzspritze gebrauchen“, verkündet mein Bruder Steven in diesem Moment.


Ich unterdrücke ein Seufzen.


Das ist wieder so typisch für ihn!


Steven wird immer unser Nesthäkchen bleiben, hält das Leben für eine einzige Party und befindet sich aufgrund seiner ausschweifenden Hobbys stets in Geldnot.


Verdrossen suche ich nach seinem Blick. „Du hast aber schon verstanden, dass du das Hotel leiten sollst, oder?“, lege ich ihm die Situation genauer dar. „Relaxen und Partys am Pool sind nicht angesagt.“


Er winkt ab. „Dafür gibt es schließlich fachkundiges Personal.“


„Ähm“, mischt sich jetzt Dads Nachlassverwalter ein. „Es war der ausdrückliche Wunsch Ihres Herrn Vaters, dass Sie sich persönlich um Finanzen und Organisation kümmern. Ohne fremde Hilfe. Keine Berater, bei allem, was Umsatz, Expansion, Personalpolitik oder Ähnliches betreffen.“


Jetzt schüttelt Steven missbilligend den Kopf, was seine schwarzen Locken zum Tanzen bringt. „Das ist wieder so typisch für Dad, selbst nach seinem Tod versucht er noch, uns zu bevormunden.“


Ich nicke. „Nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte. Er hat uns leider nie verziehen, dass wir uns in keiner Weise für seine Hotelkette begeistern konnten.“


„Ich müsste also wieder nach Miami ziehen?“, erkundigt sich Owen, mein anderer Bruder, der seit vielen Jahren als plastischer Chirurg in der Schweiz tätig ist. Selbstverständlich kann man durch diesen Beruf auch in den Staaten erfolgreich und vermögend werden, doch genau wie ich wollte Owen Distanz zwischen sich und unseren alten Herrn bringen.


„Das wird sich wohl nicht vermeiden lassen“, stimmt der Testamentsvollstrecker zu.


Sekundenlang gehen wir schweigend unseren Gedanken nach, bevor ich erneut das Wort ergreife. „Ich rekapituliere noch einmal: Jeder von uns wäre also gezwungen, mindestens ein Jahr lang eines der Malone Hotels zu führen. Währenddessen müssen wir gänzlich auf die Unterstützung von Hotelfachleuten oder Finanzexperten verzichten, dürfen die Häuser aber nicht in den Ruin treiben.“


Die graue Maus mir gegenüber nickt. „Exakt. Es handelt sich dabei um die drei umsatzstärksten Gebäudekomplexe, bei denen Ihr Herr Vater unentwegt selbst nach dem Rechten gesehen hat.“


„Wie ist es um die anderen Häuser der Hotelkette bestellt?“


„Die werden weiterhin von erfahrenen Managern betreut. Sollte jedoch eins in finanzielle Schräglage geraten, müssen Sie oder Ihre Brüder natürlich einschreiten.“


„Natürlich“, äußere ich mit zynischem Unterton. „Und falls einer von uns versagt oder sich weigert, geht die komplette Kette mitsamt Dads restlichem Vermögen an Viola Malone über, korrekt?“


Vaters Anwalt späht zu der anderen Tischseite hinüber, wo eine brünette Frau im schwarzen Kostüm sitzt. „Auch das ist richtig. Ihre Stiefmutter wäre dann die Alleinerbin.“


Mir entfährt ein frustriertes Seufzen, während ich meine Brüder abermals in Augenschein nehme, es dabei aber geflissentlich vermeide, besagte Frau auch bloß eines Blickes zu würdigen. „Jungs, wollen wir das wirklich zulassen?“


„Unter gar keinen Umständen!“, stößt Steven im Brustton der Überzeugung aus.


Owen zögert und zupft am Ärmel seines dunkelblauen Sakkos herum, das er über einer schicken Jeans trägt. Wenngleich mein Bruder Anzügen nichts abgewinnen kann, ist sein Outfit in Verbindung mit dem gepflegten Kurzhaarschnitt an Perfektion selten zu überbieten. „Auch wenn mir das einen mächtigen Karriereknick bescheren könnte, werde ich nicht akzeptieren, dass diese Person weiterhin in Saus und Braus lebt.“ Er deutet mit der Hand in Richtung unserer verhassten Stiefmutter, vermeidet es dabei aber ebenfalls, sie anzusehen.


Von ihrer Tischseite ertönt ein erbärmliches Schluchzen.


Kurz steigt Mitleid in mir auf, doch ich unterdrücke diese Gefühlsanwandlung. Zugegeben, sie hat vor wenigen Tagen ihren Ehemann verloren. Ob sie ihn jemals geliebt hat oder lediglich auf seine Millionen aus war, sei jedoch dahingestellt. Und da wir bereits vor langer Zeit entschieden haben, in diesem Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit der Nachfolgerin unserer Mutter zu wechseln, halten wir uns auch in dieser Situation daran.


Ich nicke. „Sehe ich genauso. Insofern bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als auf die Herausforderung einzugehen.“ Ich fixiere den Nachlassverwalter mit Blicken. „Sind wir gezwungen, die Jobs sofort anzutreten?“


„Nein, aber die Abwicklung muss im Lauf der nächsten zwei Jahre über die Bühne gehen, schon allein, da die drei Hotels momentan führungslos sind. Je länger die Häuser einer solchen Lage ausgesetzt sind, desto wahrscheinlicher wird natürlich die Gefahr einer Insolvenz.“


Owen atmet erleichtert aus. „Perfekt, ich kann nämlich unmöglich Hals über Kopf in Genf hinwerfen. So hat die Klinik zumindest Zeit, einen geeigneten Ersatz für mich zu finden.“


„Und Steven sollte sich zuerst mit Betriebswirtschaft und Marketing befassen, bevor wir ihm ein Hotel anvertrauen“, äußere ich rasch, ehe mein unbedarfter Bruder irgendwelche Zusagen macht, die eins der Häuser und somit das gesamte Erbe ruinieren könnten. Außer mit Sport und Musik hat er sich meines Wissens nach nämlich noch nicht mit vielen Dingen auseinandergesetzt.


Er verzieht zuerst das Gesicht, nickt dann aber. „Einverstanden.“


Entschieden straffe ich die Schultern. „Gut, da ich gerade einen Fall abgeschlossen habe, mache ich den Anfang. Je eher ich es hinter mich bringe, desto besser. Welches Goldstück wird mir denn anvertraut?“


Der Nachlassverwalter wirft einen flüchtigen Blick in seine Akten. „Sie, William, dürfen sich um diese Anlage hier kümmern: das Malone Towers & Suites in der Collins Avenue.“


War ja klar!


Das Flagship-Hotel der Kette, in dessen oberstem Stockwerk wir uns soeben befinden. Auch wenn ich mich nie groß mit Dads Häusern auseinandergesetzt habe, weiß ich, dass es sicher kein Kinderspiel werden wird, das riesige Luxusresort mit all seinen Bars, Nachtclubs und Restaurants in den Griff zu bekommen.


Aber habe ich eine Wahl? Wohl kaum.


In dieser Sekunde hasse ich meinen Vater noch stärker als zuvor, gesetzt den Fall, das ist überhaupt möglich. Er wusste haargenau, was er uns mit diesem Testament antut.


Vor vielen Jahren konnten wir gar nicht schnell genug aus Miami wegkommen. Jetzt verschlägt es uns mit aller Wucht wieder mitten ins Herz dieser quirligen Metropole.


 


 


Kapitel 2

 


Scarlett


 


„Miami?“, hauche ich fassungslos. „Aber was ist an New Orleans nicht in Ordnung?“


Meine Chefin schürzt die knallroten Lippen. „Scarlett, du bist eine meiner besten Hotel- und Restauranttesterinnen. Unser Blog soll zukünftig eine größere Reichweite abdecken, deswegen müssen wir den Wirkungskreis erweitern. In den Großräumen Los Angeles und New York verfügt Living bereits über zwei erfahrene Mitarbeiter. In Miami gibt es jedoch niemanden vor Ort.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Eine wahre Schande, bei den außergewöhnlichen Hotels und Lokalen dieser Stadt.“


Zischend stoße ich die Atemluft aus. „Aber wie stellst du dir das vor? Meine Familie lebt hier, meine Freunde. Was soll ich denn in Miami, wo ich keine Menschenseele kenne?“


„Süße, du bist die geselligste Person, die mir jemals begegnet ist. Binnen kürzester Zeit wirst du mehr neue Bekannte gefunden haben, als dir lieb ist. Ich habe auch gleich einen Wahnsinnsauftrag für dich.“ Sie trommelt mit ihren langen roten Fingernägeln auf den Tisch ein, während sie verschmitzt grinst.


Ganz klar, sie lässt mich absichtlich schmoren.


„Du hast doch sicher schon von der Malone Hoteldynastie gehört?“, legt sie los, als die Spannung in dem kleinen Büro ihrer schicken Villa im Garden District von New Orleans kaum mehr zu ertragen ist. „Walter Malone ist vor wenigen Wochen verstorben und seine drei Söhne werden dieses Imperium übernehmen. Meines Wissens nach hat keiner von ihnen auch nur den Hauch einer Ahnung vom Hotel- oder Gaststättengewerbe. Obendrein war Malone lange krank, währenddessen sind einige seiner Häuser auf den absteigenden Ast geraten. Das sollte doch ein gefundenes Fressen für uns sein. Du wirst diese Läden in der Luft zerreißen, ihnen quasi den Todesstoß versetzen, bis die Malones händeringend auf uns zukommen und um Hilfe flehen.“


„Wie kannst du ungesehen davon ausgehen, dass die Hotels heruntergewirtschaftet sind?“


Sie lehnt sich in ihrem Schreibtischsessel zurück und fährt sich mit der rechten Hand durch ihre perfekt sitzenden blonden Locken. „Das spielt doch überhaupt keine Rolle. Du wirst auf jeden noch so winzigen Missstand hinweisen. Sollte meine Rechnung aufgehen, werden wir schon bald mit den Malones zusammenarbeiten und uns dadurch in Florida etablieren können. Eine derartige Kooperation wird uns Tür und Tor in den Sunshine State öffnen. Dann können wir endlich mit den ganz Großen, wie TripAdvisor, Yelp und wie sie alle heißen, konkurrieren. Bislang haben wir uns viel zu sehr auf Louisiana konzentriert.“


Ich ziehe es vor zu schweigen, denn überzeugt hat mich das euphorische Gerede meiner Chefin nicht. Gerade habe ich mir ein süßes Häuschen in Kenner, einem Vorort von New Orleans, gemietet und eingerichtet. Ich dachte, ich wäre endlich dort angekommen, wo ich hinwollte. Und nun das.


„Ich muss darüber nachdenken“, äußere ich.


Delilah zieht eine Schnute. „Ich lege dir das Angebot deines Lebens zu Füßen und du musst nachdenken. Ernsthaft?“


„Allerdings. Für wie lange wäre dieser Einsatz in Florida geplant?“


„Das kann ich im Moment nicht sagen, wir müssen ja zuerst dort Fuß fassen. Gerade in Miami gibt es viele Clubs oder Restaurants, die einzig der High Society Einlass gewähren. Will heißen, du musst auf dich aufmerksam machen und ein paar einflussreiche Menschen kennenlernen. Ich werde auf dem Blog auf unsere erweiterten Wirkungskreise hinweisen. Und am besten verpassen wir dir auch gleich ein neues Pseudonym.“


Sie hält einen Moment inne und wickelt sich versonnen eine ihrer Locken um den Finger. „Oder noch besser: drei Decknamen. Keiner soll wissen, dass nur eine einzige Person dahintersteckt.“ Sekundenlang mustert sie mein rotes Haar. „Was hältst du von Fire für die Hotels, Rouge für die Nachtclubs, und für die Gaststätten hätte ich gerne einen Namen, hinter dem sich ebenso gut ein Kerl verbergen könnte. Keine Ahnung, warum das so ist, aber Männern traut man in dieser Hinsicht einfach mehr zu. Eventuell Harley? Was denkst du?“


Eigentlich war ich mit meinem bisherigen Alias Voodoo voll und ganz zufrieden. Da mystische Dinge neben dem Kochen eins meiner größten Hobbys sind, passte das wunderbar. Doch ich weiß genau, sobald sich meine Chefin etwas in den Kopf gesetzt hat, ist ihr das nur schwer wieder auszureden.


„Du musst so bekannt werden, dass alle vornehmen Restaurants, Clubs und Hotels in Florida an dich herantreten“, setzt Delilah erneut an. „Ab sofort sind wir nämlich nicht mehr nur ein Bewertungsportal, sondern obendrein Influencer.“ Euphorisch wirft sie die Hände in die Luft. „Glaube mir, Süße, das wird ein Millionengeschäft werden“, schwärmt sie in den höchsten Tönen.


„Und wenn ich Nein sage?“


Sie schürzt erneut die Lippen. „Das wirst du nicht. Lass dir diese Chance nicht entgehen. In ein paar Jahren bist du vermögend und kannst hierher zurückkehren. Gesetzt den Fall, du hegst dann überhaupt noch ein Interesse daran.“ Sie wendet sich ihrem PC zu und signalisiert mir damit, dass unser Gespräch beendet ist. „Sag mir bis morgen Bescheid, einverstanden?“


 


Niedergeschlagen betrete ich am Abend mein entzückendes gelb gestrichenes Häuschen mit dem Spitzdach und der gemütlichen Veranda. Die Einrichtung ist noch unvollständig, dennoch wird es von Tag zu Tag behaglicher. Nach heutigem Stand der Dinge hätte ich mir die wunderschöne hellgraue Sofalandschaft, die ich mir vor einigen Wochen gegönnt habe, allerdings sparen können. In Miami werde ich wohl kaum eine bezahlbare Wohnung finden, in der sich die ausladende Polstergarnitur platzmäßig unterbringen lässt.


Nachdem ich Tasche und Pumps entnervt in eine Ecke gefeuert habe, steige ich aus meinem Kostüm und schlüpfe in Shirt, Jeans und Sneakers – meine bevorzugte Kleidung. Schicke Sachen trage ich einzig, wenn ich in Hotels und Restaurants unterwegs bin, oder meiner anspruchsvollen Chefin einen Besuch abstatte.


Rasch verlasse ich das Haus wieder und eile über die Straße zu meiner Freundin Jenna, die dort mit ihrem Mann und den drei Kids einem rundum erfüllten Leben nachgeht.


„Was ist geschehen, Liebes?“, erkundigt sie sich prompt, nachdem sie mir die Tür geöffnet hat. Sie war schon immer in der Lage, in meinem Gesicht zu lesen.


Kopfschüttelnd trete ich ein.


„Tequila?“, will sie wissen.


„Literweise.“


„O mein Gott, so schlimm? Ist etwas mit deinen Eltern?“


„Nein, nein, keine Sorge.“ Wie üblich wandere ich durchs Haus und nehme in einem der bunten Schaukelstühle auf der überdachten Veranda Platz. Ich entdecke einen Pulk aus Armen und Beinen, der sich auf dem darunter befindlichen Rasen wälzt. Jennas Mann spielt mal wieder mit vollem Körpereinsatz mit den Kids.


Meine Freundin setzt sich mir kurz darauf gegenüber. Sie öffnet eine Flasche Tequila und schenkt uns zwei Gläser ein. Erwartungsvoll starrt sie mich an.


Ich schnappe mir den Drink und nippe daran. „Miami“, hauche ich.


„Bestimmt eine coole Stadt. Leider war ich noch nie dort.“


„Meine Chefin will mich dorthin versetzen.“


Jenna schluckt vernehmlich. Zuerst wirkt sie traurig, doch dann blitzt ein Fünkchen Wagemut in ihren treuen braunen Augen auf, die so ziemlich genau die gleiche Farbe haben wie ihr schulterlanges glattes Haar. „Für wie lange?“


„Keine Ahnung. Ich soll unser Restaurant- und Hotelbewertungsportal ausbauen.“


„Wow“, flüstert meine Freundin ehrfurchtsvoll. „So eine Chance hätte ich mir früher auch einmal gewünscht.“ Sie blickt in Richtung ihrer drei Kinder, die sich gerade laut grölend auf den Vater stürzen. „Bevor das da geschah.“


„Und, hast du es jemals bereut, dass das da geschah?“


Sie schüttelt den Kopf. „Selbstverständlich nicht.“


„Siehst du. Ich würde auch lieber auf der Stelle eine Familie gründen, als in Miami zum It-Girl zu mutieren.“


„Es gibt da nur einen kleinen Haken, die in Betracht kommenden Kerle im Umkreis hast du alle durch. Und nicht einem konntest du das Prädikat geeigneter Ehemann und Familienvater verleihen, richtig?“


„So würde ich das jetzt nicht sagen.“


Sie greift über den Tisch hinweg nach meiner Hand. „Scully, du hast so viele Qualitäten. Gut, das mit dem Schwimmen musstest du wegen deiner Schulter aufgeben. Aber dir bleibt doch noch einiges: kochen, schreiben, Tai-Chi oder wie heißt das?“


„Tarot.“


„Sage ich doch.“


„Aber ich will hier nicht weg“, beharre ich.


„Das muss ja nicht für immer sein. Ich verspreche dir, dass wir dich besuchen kommen. Dann schaffe ich es vielleicht endlich auch einmal nach Miami.“ Sie springt auf, hüpft von der Veranda und tanzt durch den Garten. „Going to Miami“, singt sie derweil in bester Will Smith-Manier und bringt mich zum Schmunzeln. Jenna ist die totale Musik- und Filmfanatikerin, was mir schon vor langer Zeit den Spitznamen Scully eingebracht hat, da sie jede Akte X-Folge auswendig kennt.


Rasch wird Robin, ihr Größter, auf ihre Tanzeinlage aufmerksam und vermutet wohl, sie würde mit ihnen spielen wollen. Denn er kickt einen Ball in ihre Richtung, der Jenna am Kopf trifft und sie mit einem gurgelnden Geräusch zu Boden gehen lässt. Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich verletzt haben könnte, stürzen sich ihre drei Kinder jetzt unter lautem Gelächter auf sie.


Kopfschüttelnd beäuge ich das Geschehen. Ich werde mich wohl nie an den rauen Umgang gewöhnen, der in diesem Haus herrscht.


Nachdem ich mich vergewissert habe, dass meine Freundin unversehrt ist, leere ich mein Glas in einem Zug, schnappe mir vorsichtshalber die Tequilaflasche und mache mich damit vom Acker, was kaum jemandem aufzufallen scheint.


Vielleicht liegt Jenna ja richtig, wenn ich hier schon keinen Mann finde, sollte ich es wirklich einmal in der Großstadt versuchen. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich das Mom und Dad klarmachen soll.


 


Ein Klingeln ertönt, als das antike Türglöckchen beim Eintreten meinen Besuch ankündigt. In der Nähe des French Quarter gelegen ist der kleine Souvenirladen meiner Eltern ihr Heiligtum. Sie betreiben ihn seit einer Ewigkeit und könnten sich ein Leben ohne das Geschäft nicht vorstellen. Im Vergleich zu vielen anderen Läden gibt es hier allerdings nicht nur den üblichen Kitsch, sondern obendrein ausgefallene Unikate wie Tassen, Teller und Tischdecken, die Mom in liebevoller Handarbeit anfertigt.


Früher war der Shop von morgens bis abends gut besucht, doch dann kam Katrina. Der Wirbelsturm legte die Stadt lahm und nahm meinen Eltern um ein Haar ihre Existenzgrundlage. Mit den letzten verbleibenden Geldmitteln konnten sie sich über Wasser halten, bis endlich wieder Besucher und Geschäftsleute in die Region kamen.


Zwar boomt der Tourismus seit einigen Jahren wieder, doch zeitgleich wurden jede Menge neue Läden eröffnet, sodass meine Eltern konstant ums Überleben kämpfen müssen. Was erschwert wird, seitdem Mom aufgrund einer Diabeteserkrankung regelmäßig an die Dialyse muss und auf viele Untersuchungen und Medikamente angewiesen ist. Folglich entschied ich vor einigen Jahren, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen, da die Arztkosten fast ihr gesamtes Einkommen verschlingen.


Dahingehend wäre es natürlich hilfreich, wenn ich zukünftig mehr verdienen würde. Was aber den Nachteil hätte, dass ich nicht mehr andauernd nach meinen geliebten Eltern sehen könnte. Einen Tod muss ich jetzt wohl sterben.


Während ich durch den Shop wandere, schweifen meine Blicke über die T-Shirts und Basecaps mit New Orleans Aufdruck, die Mardi Gras Puppen sowie das Sammelsurium an venezianischen Masken und Federboas. Skelette und Plastikfledermäuse hängen von der Decke herab und geben dem Laden den leicht schaurigen Touch, der einfach zu New Orleans dazugehört. Auf der rechten Seite glitzern die Beads. Bunte Perlenketten, die während der Mardi Gras Paraden in die Menge geworfen werden und bei Touristen hoch im Kurs stehen.


Die Alligatorenköpfe ignoriere ich geflissentlich, da ich Souvenirs, die aus toten Tieren hergestellt worden sind, noch nie etwas abgewinnen konnte. Leise Jazzmusik läuft im Hintergrund und es riecht nach den scharfen Cajun-Gewürzen und Soßen, die hier ebenfalls angeboten werden.


Mein Vater steckt den Kopf durch den dunkelroten Samtvorhang, hinter dem sich das Lager und ein kleiner Aufenthaltsraum befinden. Als er mich entdeckt, erhellt ein Strahlen sein Gesicht und er eilt mir mit großen Schritten entgegen. Mit seinen 55 Jahren ist er nach wie vor ein stattlicher Mann, auch wenn er in letzter Zeit ein paar Haare verloren hat.


„Scarlett, wie schön, dich zu sehen.“ Überschwänglich zieht er mich in seine Arme. „Rose!“, brüllt er indessen nach hinten. „Unsere Tochter ist da.“


Sekunden später erscheint auch meine Mutter. Ihr knallrotes Haar trägt sie aus Gründen der Bequemlichkeit mittlerweile kurz geschnitten, was sie pfiffig und jugendlich wirken lässt. Sie hat in den letzten Jahren einige Kilos zugelegt, doch außer den Ärzten stört das in unserer Familie niemanden, denn gutes Essen stand bei uns schon immer hoch im Kurs.


„Ich muss euch etwas fragen“, komme ich gleich zum Punkt, nachdem mich auch meine Mutter ausgiebig gedrückt hat. „Was würdet ihr dazu sagen, wenn ich für einige Zeit nach Miami ginge?“ Ich beobachte die Reaktion meiner Eltern genau.


Die Schatten, die ihre Mienen fast zeitgleich verdunkeln, signalisieren mir, dass sie darüber alles andere als erfreut sein würden. Dessen ungeachtet sind beide versucht, sich ihr Missfallen nicht anmerken zu lassen.


„Um was zu tun?“, erkundigt sich Dad.


„Living will das Bewertungsportal auf Florida ausdehnen. Ich soll dort Aufbauarbeit leisten.“


 Mom greift nach meiner Hand. „Möchtest du das denn, mein Mädchen?“


„Ich bin mir nicht sicher. Sollte ich erfolgreich sein, könnte es uns gutes Geld einbringen.“


„Du machst das aber nicht nur meinetwegen, oder?“, erkennt sie scharfsinnig.


„Im Grunde genommen lässt mir meine Chefin keine große Wahl. Dass ich dabei vielleicht mehr verdienen würde, wäre ein erfreulicher Nebeneffekt.“


„Dann geh, mein Kind, und mach das Beste daraus. Versprich mir aber, dass du zurückkehrst, falls du dich dort nicht wohlfühlen solltest. Mit deiner Tüchtigkeit und Intelligenz bist du nicht auf Living angewiesen. Du würdest auch hier rasch einen anderen Job finden.“ Sie blickt mir eindringlich in die Augen. „Unter einer Voraussetzung, du besuchst uns, wann immer möglich.“


„Oder ihr kommt zu mir nach Miami. Ein paar Tage werdet ihr hier doch mal zusperren können, oder?“ Demonstrativ lasse ich meinen Blick durch das Geschäft schweifen.


Ihr Zögern ist Antwort genug. Sie können es sich schlicht und ergreifend nicht leisten, auch nur einen Tag auf die mageren Einnahmen zu verzichten, die der Laden abwirft.


In dieser Sekunde fasse ich einen Entschluss.


Ich wage den Schritt, versuche in Miami erfolgreich zu werden und kehre schnellstmöglich zurück.


 


Nachdem ich mich unter Tränen von meinen Eltern verabschiedet habe, packe ich am nächsten Tag meine Koffer.


Delilah hat mir bereits in der Nähe des Malone Hotels ein kleines möbliertes Apartment angemietet. Da es jedoch im Moment noch renoviert wird, quartiert sie mich fürs Erste direkt im Hotel ein. Ihrer Meinung nach sollte das sogar von Vorteil für den zu erledigenden Job sein.


Ein ungutes Gefühl bleibt dennoch, da ich die Südstaaten bisher kaum verlassen habe. Gut, einmal war ich in New York und danach bei Verwandten in London. In keiner der beiden Städte habe ich mich wohlgefühlt. Ich bin eher ein Landei und habe nicht die geringste Ahnung, wie ich auf Dauer mit dem Stress und der Lautstärke einer richtigen Großstadt klarkommen soll.


Allerdings ist das Angebot wirklich interessant. Neben dem Gehalt steht mir ein kleines Budget zum Shoppen zur Verfügung, da meine Klamotten - Delilahs Meinung nach - nicht für Miami geeignet wären. Obendrein das Apartment, zwei Heimflüge pro Jahr sowie eine Erfolgsbeteiligung, gesetzt den Fall, es sollte mir gelingen, die Plattform in Florida zu etablieren und zum angesagten Influencer zu werden.


Doch darüber will ich mir jetzt noch nicht den Kopf zerbrechen, zuerst muss ich den Umzug bewältigen.


Nachdem ich alles Notwendige eingepackt habe, lege ich mir mehrmals selbst die Karten. Leider vermitteln sie mir widersprüchliche Hinweise, was mich zugegebenermaßen verwirrt. Zwar steht der Narr im Tarot für einen Neuanfang, doch er kann ebenso eine Warnung sein, den Blick auf die Realität nicht zu verlieren. Genau wie das Rad des Schicksals, das mir verdeutlicht, gerade die Kontrolle über mein Leben abzugeben.


Ein Seufzen entfährt mir. Als wäre mir das nicht schon bewusst gewesen, als ich Delilahs Büro verlassen habe. Über die Karte der Liebenden will ich jetzt gar nicht erst nachdenken, sonst packe ich meine Sachen postwendend wieder aus.


Um nicht noch nervöser zu werden, verzichte ich auf weitere Hellseherei und stopfe das Deck in den Koffer, denn ganz ohne meine treuen Karten will ich die Reise dann doch nicht antreten.


Zum Tarot und zum Kochen kam ich durch meine Oma. Sie betrieb ein kleines Restaurant in der Nähe der bekannten Bourbon Street in New Orleans, ein paar Häuserblocks vom Laden meiner Eltern entfernt. Dort servierte sie ihren Gästen nicht nur köstliche Südstaatengerichte, sondern legte ihnen obendrein die Karten. Omi glaubte fest an die Macht des Tarots, und als junges Mädchen war ich ebenfalls davon fasziniert. Allerdings konnte meine Großmutter ihren eigenen Herzinfarkt nicht vorhersehen, seitdem zweifle ich ein wenig an dieser Magie.


Nach ihrem Ableben unternahm ich den Versuch, das Lokal weiterzuführen, doch völlig auf mich gestellt, war das eine Mission Impossible, denn für gutes Personal fehlte mir das nötige Kleingeld. So schloss ich die Gaststätte schweren Herzens nach einiger Zeit und wurde durch eine zufällige Begegnung mit Delilah Restauranttesterin. Da diese mit meiner Arbeit höchst zufrieden war, dehnte sie meinen Verantwortungsbereich schon bald auf Hotels sowie Clubs aus. Und bislang war ich damit glücklich.


Doch ich will jetzt nicht länger mit meinem Schicksal hadern, denn ich habe entschieden, dem Job in Florida eine Chance zu geben. Zurückkehren kann ich allemal.


So besteige ich ein paar Tage später ein Flugzeug, das mich nach Miami bringt. Ich lasse jetzt einfach alles auf mich zukommen und versuche, das Beste daraus zu machen.



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