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Belletristik
Buch Leseprobe Floras Traum von rotem Oleander, Annette Hennig
Annette Hennig

Floras Traum von rotem Oleander



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Prolog
Insel Rügen, Mecklenburg-Vorpommern, 1990
Martha Dannert traute ihren Augen nicht. Sie hatte sich aufgerichtet, den schmerzenden Rücken gerade gebogen und sich endlich erlaubt, ausgiebiger hinüberzuschauen, dorthin, wo bis vor wenigen Minuten eine Beerdigung stattgefunden hatte. Dabei war ihr Blick auf eine hochgewachsene, schlanke Gestalt gefallen, die ihr seltsam bekannt vorkam – und ihr Herz rascher schlagen ließ.
Seit fast zwanzig Jahren pflegte Martha jetzt die Gräber der Eltern, und bald würde es diesen Ort der Besinnung, des Einhalts und der Erinnerung nicht mehr geben. Die Zeit war abgelaufen, sie hatte die Grabstätten nur für zwanzig Jahre reserviert. Heute Morgen, als die alten Glieder ihr wieder einmal die vielen gelebten Jahre vor Augen gehalten hatten, hatte sie gar nicht herkommen wollen, doch jetzt war sie froh, den Besuch nicht verschoben zu haben. Auch am nächsten Tag würden Knie und Rücken schmerzen. Daran änderte sich in ihrem Alter gewiss


nichts mehr.
Sie legte die kleine Schaufel, mit der sie das Pflanzloch gegraben hatte, aus der Hand. Die Rose, die noch im Topf neben ihr stand, musste warten. Schützend hielt sie ihre Hand über
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die Augen, um im Gleißen der Sonne die beiden Trauernden besser erkennen zu können, die in einiger Entfernung an dem offenen Grab standen. Als sie ihren Kopf reckte und ein Stück nach links trat, um einen besseren Blick zu haben, geriet sie ins Straucheln. An der mit Wasser gefüllten blechernen Gießkanne stieß sie sich das Schienbein, und im letzten Moment fand sie Halt am Grabstein. Erschrocken stieß sie einen spitzen Schmerzensschrei aus und presste sofort die Hand auf den Mund; die beiden Fremden sollten sie nicht bemerken. Nachdem sie etwas Atem geschöpft und sich von ihrem Schreck erholt hatte, spähte sie wieder angestrengt hinüber. Sie zweifelte noch immer und musterte aufmerksam die ganz in Schwarz gekleidete Frau.
Diese aufrechte Haltung, erhaben und distinguiert. Konnte es wirklich möglich sein? Das Haar kurz geschnitten, aber nicht gefärbt. Sein helles Grau bildete einen starken Kontrast zu der


Trauerkleidung und unterstrich den vornehm blassen Teint. Das modisch geschnittene Kostüm war von erlesener Eleganz, konnte aber ebenso wenig über das fortgeschrittene Alter der Frau hinwegtäuschen wie die knallrot geschminkten Lippen oder die hohen Pumps, die nicht recht an diesen Ort passen wollten.
wollten.
Martha blinzelte gegen die Sonne. Sollte sie sich dem Paar nähern? Nein, entschied sie, und ihr Blick streifte flüchtig den Mann, der, auf einen Krückstock gestützt, neben der Dame stand. Sie kannte ihn nicht, hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Aber diese Frau? War sie es wirklich? Vierzig, fünfundvierzig Jahre lag es jetzt zurück, rechnete Martha schnell nach. Und doch, ja, sie wurde sich immer sicherer …
Die beiden Trauernden standen eng beieinander, jeder in Gedanken versunken, keiner sprach ein Wort. Martha wünschte sich sehnlichst, die Frau möge etwas sagen, nur einen einzigen Satz. Auch nach hundert Jahren noch würde sie diese Stimme unter Tausenden wiedererkennen. Die Stimme, die sie schika7
niert und gedemütigt hatte. Wie oft war sie durch ihre Träume gegeistert, vor Hohn triefend und vor Verachtung klirrend. Nur aus Liebe zu den Kindern, die ihr anvertraut worden waren und die sie geliebt hatte wie ihre eigenen, war sie geblieben und hatte sich alles gefallen lassen.
Erst jetzt bemerkte Martha die drei prächtigen Kränze, die neben dem Grab lagen. Suchend schaute sie sich um. War nochjemand anwesend? Sie konnte niemanden ausmachen.
»Kommen Sie, Wilhelm«, hörte sie im selben Moment die Frau sagen, und ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Jetzt gab es keinen Zweifel mehr.
Martha schaute den beiden nach, bis sie den Ausgang des kleinen Friedhofs erreicht hatten. Dann bückte sie sich und pflanzte hastig die Rose an die zuvor ausgehobene Stelle. Schnell noch ein bisschen Wasser, das musste reichen. Behände, wie man es der alten Frau kaum zugetraut hätte, lief sie wenig später durch das Friedhofstor hinaus auf die Straße. Das Blut dröhnte ihr in den Ohren vor Aufregung: Sie ist es, sie ist es! Es rauschte durch ihre Adern, und Martha fröstelte trotz des warmen Sommertages.
Ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können, trugen ihre Füße sie zu der alten Villa, in die sie vor langer Zeit mit so viel Eifer, Freude und Zuversicht gekommen war, um dann nur Enttäuschung und Gram zu erleben. Jung, unbekümmert und arglos war sie damals gewesen, und schnell hatte das Leben sie gelehrt, dass es ungerecht und mitleidlos war.
Als Martha über die kleine Mauer in den Park der Villa schaute, blickten sie aus einigen Metern Entfernung ein Paar stahlgraue, kalte Augen an. An keinem Zucken in dem fein geschnittenen Gesicht, an keiner Träne, die die Wangen benetzt hätte, konnte man ablesen, dass diese Frau Trauer trug. Den edlen schwarzen Hut streng auf dem kurzen grauen Haar befestigt und einen bitteren Zug um die immer noch schönen Lippen,reckte sie den Kopf etwas höher. Dann wandte sie sich ab, als hätte sie Martha nicht erkannt.
»Wilhelm, lassen Sie uns fahren!«, rief sie herrisch dem Mann zu, der im Eingangsportal der Villa stand und sich aufmerksam umschaute.
Und Martha Dannert wusste: Flora von Langenberg hatte sich nicht verändert.


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