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Belletristik
Buch Leseprobe Flaschenpost, Rainer Güllich
Rainer Güllich

Flaschenpost


Das Ende einer Sucht

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1979 


 


1. Kapitel


 


Ich saß im Bahnhofsrestaurant meiner Heimatstadt. Vor mir stand ein erstes Bier. Gefrühstückt hatte ich schon. Zwei Brötchen, Butter, Marmelade, Wurst, Ei. Und Kaffee. Na ja, was die hier so Kaffee nannten. Ich hatte mir die schwarze Brühe in den Hals gekippt, ohne mich übergeben zu müssen. Eine echte Leistung. Mir war nämlich so was von schlecht, ich kann es gar nicht sagen. Ich hatte mir, sozusagen zur besseren Tarnung, eine Tageszeitung gekauft. Heinz Erhardt, der Komiker und Filmschauspieler, war gestorben, und die Alliierten waren heute vor fünfunddreißig Jahren in der Normandie gelandet. Ich konnte mich an einen Kriegsfilm erinnern, der das zum Thema hatte: Der längste Tag. Dass dieser Tag heute für mich mein längster Tag werden sollte, wusste ich da noch nicht.


Das Frühstück war nur ein Alibi. Eigentlich wollte ich trinken. Alkoholisches natürlich. Um besser drauf zu sein. Deswegen jetzt auch das Bier vor mir. Bier schmeckte mir zwar nicht, es war mir zu bitter. Außerdem störte mich der Schaum. Er blieb meist an der Nasenspitze kleben. Aber Bier war das, was alle Leute tranken, wenn sie was Alkoholisches wollten. Wenigstens die Leute, die ich kannte.


Im Lauf der letzten Jahre hatte ich mich an den Genuss von Alkohol gewöhnt. Ich hatte angenommen, das Trinken von Alkohol würde mir eine „herb-männliche“ Ausstrahlung verleihen. Als ich noch kleiner war, hatte meine Großmutter väterlicherseits zu meinem Vater gesagt, ich sei kein richtiger Junge, da ich nur lesen würde, statt mit anderen Jungs Fußball zu spielen. Die Aussage hatte sich schmerzhaft bei mir festgesetzt und kam immer wieder hoch.


 


Ich war heute nicht zur Arbeit gegangen. Der Job als Verkäufer in dem kleinen Lebensmittelladen, der den nostalgisch-freundlichen Begriff „Tante-Emma-Laden“ nicht verdiente, hing mir schon lange zum Hals raus. Die Regale waren nach einem undurchschaubaren System eingeräumt, überall standen ungeöffnete Kartons herum. Das hinterließ bei mir den Eindruck totaler Lieblosigkeit. Ich kam diesem Chaos nicht bei, obwohl das mit zu meinen Aufgaben zählte.


Der Chef, ein kleiner aufgeregter Springball, nervte den ganzen Tag über. Seine Frau, die noch spießiger als er war, überwachte mich misstrauisch mit ihren blassen, wässrigen Augen. Als ob es für mich in dem Schuppen was zu holen gäbe.


Ich fühlte mich saumies. Irgendwie hoffnungslos. Das Gefühl kannte ich. Zur Genüge. Ich wusste, was ich dagegen tun konnte: saufen! Deswegen saß ich hier. Ich wollte mir diese Hoffnungslosigkeit einfach vom Leib saufen. Aber etwas war anders heute. Ich hatte da so eine dumme Ahnung, dass diese Niedergeschlagenheit nicht verschwinden würde.


 


Gestern Abend hatte ich einen Zug durch Burgheims Kneipen gemacht. Zum Schluss war ich im „Kille Kille“ gelandet. Mit irgendwelchen Typen hatte ich einen Joint geraucht und noch was an Pillen eingeschmissen. Was das für’n Zeugs war? Keine Ahnung. Aber das war mir ja schon lange egal. Hauptsache, in meiner Birne knallte es. Es schien gestern mächtig geknallt zu haben, denn ich konnte mich an nichts mehr erinnern. An gar nichts! Vielleicht war es besser so.


Ich war sehr früh wach geworden, meine Zunge war angeschwollen wie ein Kuheuter kurz vor dem Melken, und ich hatte einen faden Geschmack im Mund. Und Durst hatte ich. Da war alles klar. Versackt! Was sonst? Eigentlich wollte ich die Augen nicht aufmachen, doch was blieb mir übrig, wenn ich meinen Brand löschen wollte? Ich hievte mich auf die Bettkante und musste aufpassen, dass ich mir nicht auf die Füße kotzte. Mein Hirn schwang im Schädel hin und her wie eine Schiffsschaukel auf dem Jahrmarkt.


Nachdem sich Hirn und Magen etwas beruhigt hatten, schaffte ich es bis zum Schreibtisch, auf dem das Mineralwasser stand. In tiefen Zügen leerte ich die Flasche. Dann versuchte ich, Klarheit zu bekommen. Bekam ich aber nicht.


Ich machte mir darüber weiter keine Gedanken, sondern überlegte, was eigentlich anstand. Es war Dienstag. Sicher? Jedenfalls war Werktag, hieß: Ich musste zur Arbeit. Ging in meinem Zustand überhaupt nicht.


Wenn ich aber die Wohnung nicht verlassen würde, gäbe es Ärger mit Vater und Mutter.


Ich war zwar dreiundzwanzig Jahre alt, doch war ich vor einem Monat wieder bei meinen Eltern eingezogen, weil ich die Miete für die Zweizimmerwohnung, die ich bewohnt hatte, nicht mehr bezahlen konnte. Ich verdiente in dem Lebensmittelladen eben nicht genug, um Wohnung und Alkoholkonsum zu finanzieren.


Meine Eltern hatten mich aufgenommen unter der Bedingung, dass ich keinen Alkohol mehr trinken würde. Wie es momentan aussah, konnte ich diese Abmachung nicht erfüllen. Eine Sachlage, die alle Beteiligten bisher nicht erkannt hatten.


Gut – ich musste es heute also so aussehen lassen, als würde ich zur Arbeit gehen und mich dann in verschiedenen Kneipen herumtreiben. Da durchzuckte mich ein tiefer Schrecken. Hatte ich überhaupt noch Geld?!


Ich schnappte mir die Hose vom Schreibtischstuhl, durchwühlte die Taschen. Nichts! Dann die Taschen der Jeansjacke. Auch nichts! Mann, wo war das Portemonnaie?


Langsam dämmerte es mir. Ich hatte es versteckt! Ich glaube aus Angst, mein Vater würde mir das Geld abnehmen, wenn er feststellen würde, dass ich wieder gesoffen hätte. Das hatte er schon mal gemacht. Dass ich in meiner Stammkneipe durchaus als kreditwürdig angesehen wurde, überstieg die Vorstellungskraft meines Vaters.


Irgendwann fand ich die Geldbörse unterm Kopfkissen. Ich öffnete sie … alles klar: noch genug Geld zum Trinken vorhanden. Ich war erleichtert.


 


Im Bad vollzog ich nur eine Katzenwäsche und schlich mich von meinem Zimmer, das am Ende des Flurs lag, bis zur Wohnungstür. Ich wollte jedweder Konfrontation aus dem Weg gehen. Ich musste am Wohnzimmer, in dem ich Vater seine Morgengymnastik machen hörte, und am Schlafzimmer vorbei. Die Küche lag gegenüber des Schlafzimmers. Dort brannte kein Licht. Mutter schlief also noch. Ich nahm den Schlüsselbund, der am Türschloss hing, fest in die linke Hand und drehte den Schlüssel herum. Es ging fast lautlos. Ich öffnete die Tür und verschwand im Hausflur.


Danach ging es schnurstracks ins Bahnhofsrestaurant. Wo hätte ich um diese Uhrzeit auch sonst hingehen können?


Irgendwas ließ mir heute aber keine Ruhe. Meine Gedanken kreisten und fanden keinen Frieden. Als kleines Kind hatte man meinetwegen das Kinderkarussell anhalten müssen, weil ich sonst vor lauter Angst runtergesprungen wäre. Hier war kein Runterspringen möglich. Das Kreiseln war in meinem Kopf, und es waren meine Gedanken.


Was sah ich da vor meinem inneren Auge in großen Lettern stehen? ALKOHOLIKER. Alkoholiker? Wer? Ich?


Tja, wer saß sonst noch hier am Tisch und trank in aller Herrgottsfrühe Bier und wollte schon den ersten Schnaps bestellen?


Der Alkoholiker. Es war doch wirklich klar. Ich lebte bei meinen Eltern, weil ich die Miete versoffen hatte, und war heute nicht zur Arbeit gegangen. Ich saß hier in der Bahnhofskneipe, die echt das Letzte vom Letzten war, und war dabei, mich zu betrinken. Ich war Alkoholiker. Stimmte. Und? War nicht schlimm. War okay. Ich ging aufs Klo, aber nicht um zu pissen, sondern um zu heulen. Echt. Ich hab geheult. Ich heulte den ganzen verdammten Alkohol, den ich die letzten Monate gesoffen hatte, aus mir raus. Und danach war ich erleichtert. Ich war echt erleichtert. Vorbei die verschissenen Tage, an denen ich mich gefragt hatte, ob ich denn nun Alkoholiker wäre oder nicht. Diese Dreckszweifel nicht mehr haben zu müssen, war wirklich super.


Das war nämlich absolut schlimm gewesen. Wenn ich gesoffen hatte, war mir klar gewesen, dass ich suchtkrank war und mit dem Saufen aufhören musste. War ich einige Tage „alkoholfrei“, war ich fest davon überzeugt, kein Trinker zu sein. Ich hatte vielleicht einen an der Klatsche, aber Alkoholiker? Nein.


Bisher hatte ich mir das nicht zugestehen können. Ich hatte zwar vor drei Jahren schon mal eine Entwöhnungsbehandlung gemacht, wurde aber in der Erfolgsstatistik nicht geführt. Die Therapeuten hatten es nicht geschafft, mich davon zu überzeugen, dass ich süchtig war. Die Therapie hatte ich auf Druck des Arbeitsamtes gemacht. Ich wollte eine Umschulung, und die sollte es für mich nur ohne Spirituosen geben.


Ich bin wirklich zur Entziehung gefahren, weil ich dachte, die würden mich nach vier Wochen wieder nach Hause schicken, da die erkennen würden, dass ich kein Alkoholiker wäre. Weit gefehlt. Nach vier Wochen hatte ich erkannt, dass mit meinem Trinken was nicht stimmte. Das hatte mich aber noch lange nicht davon überzeugt, suchtkrank zu sein.


Aber diese Situation in der Bahnhofskneipe machte mir endlich klar, dass ich krank war. Und ich hatte auch keinen Bock mehr, diesen ganzen Mist, der mir sowieso nicht schmeckte, weiter in mich hineinzuschütten.


Erst mal bezahlen! Ich warf einen Blick in den Geldbeutel. Erschreckend, was ich dort sah. Das Geld reichte allemal für einen Vollsuff, so einen mit allen Schikanen. Wenn ich das Geld morgen noch in der Tasche hätte, würde ich nicht widerstehen können und müsste es vertrinken. Ich weiß, hörte sich total verblödet an, aber ich war süchtig. SÜCHTIG!


Hieß also für mich, ich musste noch mal in den sauren Apfel beißen beziehungsweise den Apfelkorn trinken und heute auf Sauftour gehen.


Ich bezahlte die Rechnung und wanderte von Kneipe zu Kneipe durch die Innenstadt zu meinem Stammlokal. Das machte um ein Uhr mittags auf, ich war pünktlich zur Stelle.


Dort traf ich wohlbekannte Mittrinker, die mir gerne halfen, mein letztes Geld zu verflüssigen. Gegen sieben Uhr abends war es so weit. Das Geld war alle und ich war nicht in der Lage, auch nur noch einen Tropfen herunterzubringen.


Den ganzen Tag hatte ich gebechert, hatte aber nicht das Gefühl, betrunken zu sein. Es war eher so, dass ich dachte, ich hätte noch nie einen so klaren Kopf gehabt. Was definitiv nicht so gewesen sein kann.


 


Ich wankte die Treppe hoch und stützte mich an der Wand ab. Vor der Wohnungstür fummelte ich unter viel Mühe meinen Schlüssel aus der Hosentasche. Bevor ich ihn jedoch ins Schlüsselloch stecken konnte, öffnete sich die Tür, und Mutter stand vor mir. Sie zog mich in den Flur hinein.


„Wie wir uns gedacht haben. Besoffen. Wieder mal. Was tust du nur? Was sollen wir denn nur mit dir machen?“ Hilflos hob sie die Hände. „Dein Chef hat heute Morgen angerufen und gefragt, wo du bleiben würdest. Da war mir alles klar. Was denkst du denn, wie das weitergehen soll?“


„Kleinen Moment.“ Mein Mageninhalt wollte raus. Ich musste würgen. Ich stürzte ins Bad und übergab mich ins Klo. Mehrmals. Dann war mir besser. Ich ging ins Wohnzimmer, in dem mein Vater saß, mich ansah und nur mit dem Kopf schüttelte. Mutter kam hinterher.


„Ich muss mit euch reden. Und zwar ernsthaft. Und was ich euch zu sagen habe, müsst ihr mir glauben. Auch wenn ich euch schon oft mit meinen Versprechungen enttäuscht habe.“


Mein Vater verschränkte die Arme vor der Brust. „Willst du uns wieder erzählen, dass du mit dem Trinken aufhören willst?“


Ich schaute ihm gerade in die Augen. „Ja, will ich. Diesmal klappt es. Ich habe heute kapiert, was mit mir los ist. Dass ich Alkoholiker bin. Und das nicht nur vom Kopf her, sondern auch hier drinnen.“ Ich klopfte mir mit der rechten Faust auf die Brust. „Glaubt mir bitte.“ Ich schwieg.


Mutter nahm mich an beiden Schultern und sah mir ins Gesicht. „Ich will dir gern glauben, wenn du nur wüsstest, wie sehr.“ Sie fing an zu weinen.


Was hatte ich hier nur wieder angerichtet? „Bitte wein doch nicht. Ich höre wirklich auf. Ich habe heute das letzte Mal getrunken. Ich brauche aber euer Vertrauen und eure Hilfe. Ich will morgen zur Suchtberatung gehen und eine Therapie beantragen. Und da brauche ich deine Hilfe, Mama.“


Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. „Meine Hilfe? Wie denn?“


„Du musst mich begleiten. Ich brauche Unterstützung. Wenn ich morgen nüchtern allein dahin gehen soll, mache ich das nicht. Dann habe ich viel zu viel Angst, um überhaupt auf die Straße zu gehen, geschweige denn zur Suchtberatung.“


Sie nahm meine Hände in die ihren. „Gut mein Junge, ich werde mit dir gehen. Ich lasse dich nicht im Stich.“


Ich war erleichtert.


 


Meine Eltern schienen mir zu glauben, obwohl ich sie mit dem Versprechen, nichts mehr zu trinken, oft enttäuscht hatte. Ich muss aber auch sagen, dass ich mir selbst glaubte … und das war verdammt noch mal das Allerwichtigste!


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