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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Erwins letztes Stündlein, Raimund Eich
Raimund Eich

Erwins letztes Stündlein



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  Es war an einem kalten und trüben Novembertag, als Erwin Eigenwillig, wie so oft in großer Eile und ohne richtig auf den Verkehr zu achten, die Straße bei roter Fußgängerampel überquerte. Plötzlich sah er aus den Augenwinkeln schemenhaft einen dunklen Wagen auf sich zurasen, wollte ihm noch mit einem verzweifelten Sprung ausweichen, doch zu spät. Quietschende Bremsen, dann ein dumpfer Schlag. Sein Körper wurde vom Auto erfasst und durch die Luft gewirbelt. Und dann ... verlor Erwin das Bewusstsein. Absolute Finsternis und Totenstille umgaben ihn.


  Irgendwann fand er sich benommen auf dem Rücken liegend wieder. Hinter ihm kniete ein Rettungssanitäter, der ihm den Kopf stützte, während über ihm gebeugt ein Notarzt verzweifelt mit einer Herzmassage um sein Leben kämpfte. Dabei fühlte er doch überhaupt nichts, auch keine Schmerzen. Nein, Erwin fühlte sich sogar ausgesprochen wohl, nur ein wenig benommen, sonst nichts.


  Merkt dieser Weißkittel denn überhaupt nicht, dass mir gar nichts fehlt? Sicher wieder so ein selbstgefälliger Quacksalber, der hier vor den sensationsgeilen Gaffern am Straßenrand eine Show abzieht und sich auf meine Kosten profilieren möchte, dachte sich Erwin.          Er hasste sinnlosen und übertriebenen Aktionismus von unfähigen Menschen, von denen es seiner Meinung nach leider viel zu viele gab. Als Schaumschläger und Girlandenschwaller pflegte er sie gerne zu bezeichnen.


  „Hallo, Meister, nun lassen Sie es mal gut sein, sehen Sie denn nicht, dass mir überhaupt nichts fehlt?“, bemühte er sich trotzdem, möglichst höflich zu sein. Doch der Arzt reagierte überhaupt nicht darauf und drückte ihm schweißgebadet mit beiden Händen immer wieder in rhythmischen Bewegungen fest auf den Brustkorb. Erwin spürte es nicht. Wahrscheinlich ein Schock, so Erwins Selbstdiagnose. Dazu braucht man kein Arzt zu sein, so etwas weiß man einfach, dass man unmittelbar nach einem Unfall keine Schmerzen spürt. Aber dieser studierte Wichtigtuer da über mir, der versucht mit sinnlosem Aktionismus seinem Berufsstand mal wieder alle Ehre zu machen. Erwins Unbehagen wuchs zusehends.


  „Verdammt noch mal, jetzt reicht´s mir aber", fuhr er den Arzt schließlich an. „Lassen Sie mich endlich in Ruhe, ich möchte jetzt aufstehen." Doch der Arzt machte unverdrossen weiter. Erwin verlor endgültig die Fassung und versuchte, den Medizinmann wegzustoßen. Doch was war das? Seine Hände gingen ins Leere. Besser gesagt, sie gingen einfach durch den Körper des Mannes hindurch, ohne den geringsten Widerstand. Das gibt es doch gar nicht, ich bin wohl doch noch nicht so richtig beisammen. Vielleicht eine Gehirnerschütterung oder eine Halluzination?, geriet Erwin ins Grübeln. Tatsächlich, die komische Gestalt dort hinter dem Arzt, dieses Knochengestell mit dem langen schwarzen Mantel und der Sense in der Hand, der kann ja wohl nicht echt sein, dachte Erwin bei sich. „Jetzt sehe ich auch noch Gespenster", murmelte er vor sich hin. Doch die Gestalt bewegte sich langsam auf ihn zu und starrte ihn dabei unentwegt an.


  „Du irrst, Erbarmungswürdiger, ich bin kein Gespenst. Ich bin es wirklich, wie du siehst, “ sagte die Gestalt mit tiefer Stimme und merkwürdig langsam, als käme sie von einem Tonband, das mit viel zu geringer Geschwindigkeit abgespult wird.


  „Aha, dich gibt es also wirklich. Was hast du da eben zu mir gesagt? Erbarmungswürdiger? Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank. Wie siehst du denn überhaupt aus? Du kommst wohl vom Maskenball“, blaffte ihn Erwin an. Was denkt sich dieser Idiot eigentlich? Der glaubt wohl, dass er mir in dieser lächerlichen Aufmachung Angst einjagen kann. Aber da ist er bei mir an der falschen Adresse.


  „Jetzt hör mir mal genau zu, du Pappnase, mir scheint, du bist im falschen Film? Mach dich bloß vom Acker, bevor ich mich vergesse und du dir hinterher deine Knochen neu sortieren kannst.“ Erwin konnte fuchsteufelswild werden, wenn ihn einer für dumm verkaufen wollte.


  „Schweig, Elender! Merkst du denn noch immer nicht, was mit dir geschehen ist?“, erwiderte sein Gegenüber.


  „Sicher weiß ich das", gab Erwin zurück. „Ich hatte einen Unfall, aber obwohl so gut wie nichts passiert ist, spielen hier alle um mich herum verrückt. Und du in deiner lächerlichen Aufmachung machst wohl einen auf Mephisto oder was?"


  „Oh nein, du Unwissender, aber langsam kommst du der Sache näher.“


  „Na gut, dann meinetwegen den Gevatter Tod, in welchem Stück auch immer. Aber nun lass mich endlich in Ruhe.“


  „Du hast es noch immer nicht richtig begriffen.“


  „Aber klar doch, natürlich habe ich es begriffen“, grinste Erwin höhnisch. „Aber jetzt hör mir mal gut zu, mit dieser lächerlichen Maskerade bist du allenfalls eine zweitrangige Besetzung. Geh und such dir einen anderen, bei mir bist du jedenfalls an der falschen Adresse.“


  „Oh nein, ich bin schon an der richtigen Adresse. Deine Zeit ist abgelaufen.“


  Erwin wurde die Sache langsam unheimlich. „Abgelaufen, was meinst du denn damit? Doch nicht etwa ..." Dem Verrückten hier kannst du nicht trauen. Am besten lässt du ihn einfach stehen und gehst nach Hause, dachte er bei sich. Erwin stand auf und ging los. Federleicht fühlte er sich, so leicht wie nie zuvor. Ein angenehmes Gefühl. Nach ein paar Metern drehte er sich langsam um. Siehe da, der Maskierte war verschwunden. Aber der Arzt und die Rettungssanitäter waren noch immer da. Vor ihnen am Boden lag der reglose Körper eines Mannes. Merkwürdig, dachte Erwin bei sich, ist da etwa noch einer bei dem Unfall zu Schaden gekommen? Das hab ich ja gar nicht bemerkt. Wer mag denn das sein? Die Neugier trieb Erwin schließlich zurück.


  „Exitus", hörte er den Notarzt zu einem Polizisten sagen. „Verständigen Sie bitte die Angehörigen."


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