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Belletristik
Buch Leseprobe Endless - In einem anderen Leben, Amanda Frost
Amanda Frost

Endless - In einem anderen Leben



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Prolog
Quebec 1791
„Du bist wunderschön, Emily“, flüstert Bernard, ehe er mich sanft küsst.
Mir entfährt ein glückseliges Seufzen. Ich schmiege mich näher an den Mann, der mein Herz grundsätzlich zum Rasen bringt. Bernard ist von stattlicher Figur und wirkt mit seinem pechschwarzen Haar wie ein Pirat. Die Arbeit auf dem Feld hat ihn über die Jahre hinweg in einen wahren Adonis verwandelt. Ich liebe seine unbändige Kraft und fühle mich in seiner Nähe sicher und geborgen.
In trauter Zweisamkeit sitzen wir im hohen Gras und blicken auf den Sankt-Lorenz-Strom hinab, der sich majestätisch unter uns erstreckt. Die Breite und Urgewalt dieses Flusses faszinieren mich immer wieder. Gefährliche Stromschnellen machen ihn lebendig, vermitteln den Eindruck, er würde durch sein Flussbett tanzen.
Die Sonne versinkt gerade hinter den endlosen Laubwäldern, wirft ihre letzten Strahlen auf das Wasser und bringt es zum Glitzern. Bunte Bänder ziehen sich über den Himmel, lassen den Sonnenuntergang geradezu märchenhaft erscheinen.
Verwundert nehme ich die grünliche Färbung des Firmaments ins Visier. „Schau nur, Bernard, der Himmel leuchtet heute, als wäre er von Smaragden übersät.“
Mit sichtlichem Widerwillen reißt Bernard den Blick von mir los und sieht nun ebenfalls in die Ferne. „Erstaunlich“, haucht er. „So etwas ist mir noch nie vor Augen gekommen.“
Wir verharren ehrfürchtig und lassen das wundersame Naturschauspiel auf uns wirken.
Eine Windböe weht mir eine meiner dunklen Locken ins Gesicht und versetzt die Gräser um uns herum in Aufruhr. Die Blätter der Bäume rascheln gespenstig.
Seltsam, nichts hat bislang auf ein Unwetter hingedeutet. Ich registriere, dass die grüne Färbung mittlerweile den ganzen Himmel überzieht. Die Schattierungen schimmern jetzt dunkler, muten bedrohlich an.
Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Plötzlich hat die Atmosphäre nichts Romantisches mehr.
Ich wende mich Bernard zu. „Vielleicht sollten wir lieber zurückkehren. Ich habe den Eindruck, ein Sturm zieht auf.“
Hastig erhebe ich mich. Zu meiner Rechten nehme ich eine Bewegung wahr. Einige Meter entfernt schießt ein Streifenhörnchen hektisch um einen Baumstamm herum.
Mit der Hand deute ich in Richtung des aufgebrachten Wesens. „Oh! Das arme Tier. Es ist völlig verängstigt.“
Mit großen Schritten eile ich auf das kleine Geschöpf zu. Ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was genau ich damit bezwecke. Womöglich hege ich die Hoffnung, es allein durch meine Nähe beruhigen zu können.
In diesem Moment scheint die Luft zu vibrieren und von einem dumpfen Summen erschüttert zu werden.
Irritiert schaue ich auf.
Grelle Lichter explodieren am Himmel und legen in Sekundenschnelle einen grünlichen Schleier über die gesamte Umgebung. Wie gebannt starre ich in die Höhe, bin einfach nicht in der Lage, den Blick abzuwenden. Die Lichter werden
heller, vervielfältigen sich und rasen wie eine Ansammlung von Blitzen auf mich zu.
„Bernard, was ist das?“, frage ich noch, ehe ich von der Helligkeit geblendet werde und nur noch Lichtflecke sehe. Automatisch schließe ich die Augen.
Zeitgleich überkommt mich das Gefühl, die Welle einer gewaltigen Detonation würde mich treffen. Unbarmherzig werde ich durch die Luft geschleudert, fliege ein Stück nach hinten, bevor ich stöhnend im weichen Gras lande. Jeder einzelne meiner Muskeln steht unter Spannung, vibriert geradezu. Eine unvorstellbare Kraft scheint meinen Körper auseinanderzureißen.
„Emily!“, höre ich noch Bernards entsetzten Schrei.
Dann verliere ich das Bewusstsein.
Kapitel 1
Heute – Washington D.C.
Behutsam lasse ich meine Finger über das weiche Fell des Kaninchens gleiten. Ein Zittern läuft durch den Körper des verängstigten Tieres.
„Ganz ruhig, mein Kleiner“, flüstere ich ihm zu. „Ich werde dir helfen.“
Ich setze das Häschen auf dem Labortisch ab und fixiere es mit zwei Stoffgurten. Es zappelt und lässt nichts unversucht, sich zu befreien. Doch mittlerweile verfüge ich über eine solche Routine im Umgang mit meinen Versuchstieren, dass es nicht den Hauch einer Chance hat.
Ich befestige die hohe Lampe, die ein wenig an einen Filmstrahler erinnert, an dem Tisch und richte sie auf das Kaninchen aus. Mit großen Schritten verlasse ich den Raum und schalte mit einer Fernbedienung den Strahler ein.
Durch eine Glasscheibe verfolge ich das Geschehen.
Im Bruchteil einer Sekunde wird das komplette Labor in gleißendes Licht getaucht.
Das Häschen gerät nun vollends in Panik, zerrt wie verrückt an seinen Gurten herum, bevor seine Bewegungen zuckend zum Stillstand kommen. Auf den ersten Blick wirkt es tot. Aus Erfahrung weiß ich jedoch, dass dem nicht so ist.
Das Tier leidet seit Monaten an einem aggressiven Tumor. Anhand einer von mir entwickelten Strahlentherapie habe ich die Streuung bisher verhindern können. Es ist mir gelungen, das Dasein des Tieres zu verlängern, genau wie das Leben vieler anderer Kleintiere.
In jahrelanger Feinarbeit habe ich die Strahlung von Protonen, Ionen und Elektronen so gebündelt, dass sie körpereigene Zellen stilllegt.
Denn genau das ist mit meinem Körper im Jahr 1791 passiert. Die Auswirkungen einer Sonneneruption haben meine Zellfunktionen teilweise eingefroren. Die Druckwelle muss mit Überschallgeschwindigkeit auf die Erde zugerast sein, durchdrang den magnetischen Schutzschild und setzte dabei eine gigantische Energiemenge frei. Mein Organismus wurde von der Strahlung beeinflusst, was seitdem verhindert, dass meine Zellen degenerieren oder zerfallen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin unsterblich!
Ich altere nicht, bekomme nicht einmal Fältchen. Ich bin 250 Jahre alt, gefangen im Körper einer 25-jährigen Frau.
Was sich im ersten Moment faszinierend anhört, ist bei genauerer Betrachtung jedoch ein grausamer Fluch.
Alle, die ich je geliebt habe, sind tot.
So habe ich mich schweren Herzens schon vor sehr langer Zeit entschieden, keinen Menschen mehr an mich heranzulassen. Über die Jahrhunderte hinweg ist die Einsamkeit zu meinem konstanten Begleiter geworden. Ich vermeide Freundschaften, denn lieb gewonnene Personen können nie dauerhaft an meiner Seite bleiben. Jeder erneute Abschied schmerzt und lässt ein weiteres Stück von meinem längst gebrochenen Herzen abbröckeln.
Unentwegt stellt sich mir die Frage, was ist ein Dasein wert, wenn man es nicht mit seiner Familie oder geliebten Menschen teilen kann? Demzufolge suche ich nach einer Möglichkeit, mein Leben friedlich zu beenden.
Leider erfolglos!
Jedweder Selbstmordversuch ist bislang gescheitert. Und ich habe wirklich alles ausprobiert. Angefangen beim Kopfschuss über Tabletten bis hin zum Sprung von einem Wolkenkratzer.
Dabei bin ich auf ein weiteres Phänomen aufmerksam geworden. Im Augenblick meines Todes werde ich an einen anderen Ort teleportiert, wo ich Sekunden später das Bewusstsein zurückerlange. Sicher eine außergewöhnliche Art des Reisens, wenn man sich nur das Ziel aussuchen könnte. Peinliche Gegebenheiten und horrende Rückreisegebühren sind grundsätzlich vorprogrammiert. Zwar achte ich in letzter Zeit vermehrt darauf, stets eine Kreditkarte und einen Ausweis bei mir zu tragen, dennoch gibt es hin und wieder Situationen, die das völlig unmöglich machen.
Doch ich bin weit davon entfernt, diese trostlose Zukunft kampflos hinzunehmen. Daher habe ich mein Leben der Forschung gewidmet. Für gewöhnlich nutze ich die Labors von Unikliniken, Pharmafirmen und Universitäten für meine Studien. Konstant modifiziere ich die Brechung, Dosierung und Bündelung der Strahlen, versuche sie dem anzupassen, was dem gewaltigen Ausmaß einer Sonneneruption am nächsten kommt. Allerdings beiße ich mir kontinuierlich die Zähne daran aus, diesen Effekt umzukehren. Die Grundvoraussetzung, um mein Ableben endlich in die Wege zu leiten.
Da ich nicht altere, bleibt mir leider nichts anderes übrig, als ständig meine Identität und den Standort zu verändern. Mittlerweile habe ich schon auf jedem Kontinent gelebt. Auch hatte ich bereits die unterschiedlichsten Namen inne.
Seit etwa sechs Jahren befinde ich mich nun in Washington und
nenne mich Audrey Keen. Die University of Washington ist eine der modernsten der Welt. Sie bietet mir umfassende Möglichkeiten für meine Forschung.
Nachdem die ionisierenden Strahlen im Labor erloschen sind, übe ich mich einige weitere Sekunden in Geduld, erst dann betrete ich den Raum. Denn das ist der Knackpunkt der Geschichte. Neben- und Langzeitwirkungen sind bisher weitgehend unerforscht.
Nicht, dass es mich interessieren sollte. Immerhin bin ich unsterblich. Doch seit ich einmal versehentlich in die Strahlung geraten bin, was prompt einen Herzstillstand auslöste, hat sich eine gewisse Vorsicht in meinem Leben eingestellt.
In der Nähe von Buenos Aires kam ich wieder zu mir.
Es war extrem zeitraubend, von der amerikanischen Botschaft in Argentinien Unterstützung zu erhalten. Erst der Anruf meines Vorgesetzten ermöglichte mir ohne jegliche Papiere einen Rückflug in die Staaten. Es versteht sich von selbst, dass ich in ziemlichen Erklärungsnotstand geraten bin. Seitdem unternehme ich den Versuch, solche Zwischenfälle tunlichst zu vermeiden.
Ich binde den kleinen Hasen los, hauche ihm ein sanftes Küsschen auf die pelzige Nase und lege ihn behutsam in seinen Käfig zurück. Morgen wird er aller Voraussicht nach wieder putzmunter sein. Dann werde ich ihn gründlich untersuchen.
Für den Moment bin ich jedoch zu müde, um weitere Experimente durchzuführen.
Ich blicke auf meine Armbanduhr – drei Uhr morgens. Wie so üblich habe ich während der Arbeit Raum und Zeit vergessen.
Mein Magen meldet sich mit einem lauten Knurren zu Wort. Mist, um diese Uhrzeit haben nur noch vereinzelte Fast Food-Läden geöffnet. Aber ich verspüre jetzt fürwahr kein Interesse, auf der Suche nach einem Sandwich durch die halbe City zu fahren. Ich rufe mir das Bild meines leeren Kühlschranks vor Augen. Auch nicht gerade eine Bereicherung. Es wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als das Öffnen der ersten Bäckereien abzuwarten.
Ich lasse den Laborkittel von den Schultern rutschen und suche meine Sachen zusammen. Dabei fällt mein Blick auf einen Spiegel, der über einem Waschbecken hängt. Heute erstrahlen meine Locken zur Abwechslung in einem satten Blau.
Die Auswirkungen der Sonneneruption haben meinem ehemals dunklen Haar dauerhaften Schaden zugefügt. Seitdem präsentiert es sich in einem blonden, nahezu weißen Farbton. Mit Indigo, Rastik und Henna habe ich damals unablässig versucht, es in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Doch vergeblich! Bereits Tage später schimmerte die helle Farbe wieder durch.
Nach einigen Monaten gab ich mich geschlagen und stand zu meinem veränderten Aussehen. Zwar wurde ich anfänglich verwundert beäugt, aber nach und nach nahm keiner mehr von meiner außergewöhnlichen Haarfarbe Notiz.
Allerdings musste ich im Lauf der Jahre die Erfahrung machen, dass mein weißblondes Haar hin und wieder zu einem Anflug von Respektlosigkeit mir gegenüber führt.
Die Menschen vermuten, ich hätte es gefärbt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der eine oder andere Mann sieht darin ein typisches Signal, dass ich flachgelegt werden will.
Keine Ahnung, wie manche Kerle auf das schmale Brett kommen. Das ausgeprägte Ego vieler Männer ist für mich trotz meines hohen Alters nicht nachvollziehbar.
Auch ist mir klar geworden, dass sich einem in manchen Berufssparten größere Karrierechancen bieten, sobald man nicht strohblond daherkommt.
Traurig aber wahr!
Demzufolge habe ich es mir zum Hobby gemacht, die Reaktion meiner Mitmenschen auf unterschiedliche Haarfarben auszutesten. Da mein helles Haar innerhalb weniger Tage prinzipiell jedwede Tönung verdrängt, bin ich über die Jahre hinweg experimentierfreudig geworden. Ein Sammelsurium von Haarfärbemitteln belagert mittlerweile mein Badezimmer, denn ich passe häufig das Haar meiner Laune oder der jeweiligen Situation an.
Hier im Labor hält man mich samt und sonders für durchgeknallt, da sind schrille Farbtöne perfekt.
Ich schnappe meine Handtasche und mache mich auf den Weg nach draußen. Der riesige Parkplatz des Universitätsgeländes ist menschenleer. Gespenstisch hallen meine Schritte auf dem nassen Asphalt wider. Den ganzen Tag über hat es geregnet, doch glücklicherweise haben sich die dunklen Wolken inzwischen verzogen. Der Mond steht hoch am Himmel und spiegelt sich in den Pfützen.
Kurz zucke ich aufgrund eines undefinierbaren Geräuschs im Hintergrund zusammen. Aber rasch schüttle ich über mich selbst den Kopf.
Hey, was soll mir schon passieren? Sogar Verletzungen heilen bei mir binnen Stunden. Wie durch Zauberhand kehrt mein Körper
konstant in den Zustand zurück, den er zum Zeitpunkt der Sonneneruption innehatte. Einzig mein Haar ist für die Ewigkeit gezeichnet.
Ich steige in meinen Wagen und schalte das Radio an. Eine gefühlvolle Ballade schallt sogleich durch den Innenraum und nimmt mir ein wenig das Gefühl der Einsamkeit.
Ich liebe Musik. Seit jeher begeistere ich mich für Klassik, aber auch Elvis und die Beatles habe ich vergöttert. Woodstock war eins der coolsten Musik-Festivals meines Lebens, was natürlich auch daran liegen könnte, dass ich tagelang zugedröhnt war. In den 70er Jahren hatte es mir die Discowelle angetan. Zu dieser Zeit habe ich die aufregendsten Diskotheken Europas unsicher gemacht. Ohne Musik kann ich einfach nicht leben. Sie lenkt mich von meiner ausweglosen Situation ab.
Früher hatte ich auch im Labor ständig die Stöpsel des iPods in den Ohren. Aber nachdem sich mir mehrfach Leute unbemerkt genähert haben, musste ich mir das abgewöhnen. Dafür ist meine Arbeit doch ein wenig zu heikel.
Routiniert steuere ich meine Schrottlaube durch die nächtliche Stadt. Washingtons breite Straßen wirken ausgestorben. Im Hintergrund ist das beleuchtete Kapitol erkennbar, das über die schlafende City zu wachen scheint.
Selbstverständlich könnte ich mir ein anderes Fahrzeug leisten als den alten Chevy, aber um nicht aufzufallen, verzichte ich auf jeglichen Luxus.
In meiner kleinen Bude finde ich glücklicherweise eine Tafel Schokolade, über die ich mich gierig hermache.
Minuten später falle ich erschöpft ins Bett und versinke ins Reich der Träume, die mich einmal mehr an meinen Geburtsort
forttragen, ins wundervolle Quebec.
Nach dem vermeintlichen Blitzschlag im Jahr 1791 lag ich tagelang im Koma. Als ich in meinem Bett wieder zu mir kam, war ich völlig desorientiert. Einzig grüne Lichter und grelle Blitze waren in meiner Erinnerung präsent.
Hastig richtete ich mich auf.
Ein stechender Schmerz jagte durch meine linke Körperseite. „Autsch“, murmelte ich und griff nach der pochenden Stelle. Doch ich konnte keine Verletzung ertasten.
„Bernard!“, rief ich.
Sekunden später flog die Tür auf und mein geliebter Ehemann eilte in den Raum. „Mon amour, du lebst?“, hauchte er. „Gott, ich danke dir für dieses Wunder.“ Ehrfurchtsvoll blickte er gen Himmel, ehe er mich wieder fixierte. „Ich war in großer Sorge um dich. Wie fühlst du dich?“
„Mein Brustkorb schmerzt, und mein linker Arm fühlt sich taub an.“
Vorsichtig sank er neben mich aufs Bett. „Das ist kein Wunder, bei dem, was dir widerfahren ist. Jetzt sieh einfach zu, dass du wieder zu Kräften kommst.“ Er griff nach meinen Händen. „Ich befürchtete schon, du wärst von mir gegangen. Bitte tu mir das niemals an! Ich könnte es nicht ertragen, dich zu verlieren.“
Tränen kullerten ihm über das Gesicht und fingen sich in seinem dunklen Vollbart. Vor Rührung brach auch ich in leises Schluchzen aus.
Wie sehr ich diesen Mann liebte!
Fortan behandelte Bernard mich wie ein rohes Ei. Bestand
darauf, dass ich mich rund um die Uhr schonte. Was keinesfalls nötig gewesen wäre, denn schnell kehrte Leben in meinen Körper zurück. Bereits Tage später verließ ich gegen Bernards Willen das Bett und fühlte mich wie neu geboren.
Mein Ehemann und ich waren die glücklichsten Menschen der Welt, sahen mein Überleben als ein Zeichen des Schicksals an. Es hatte uns eine zweite Chance gegeben.
Die Jahre plätscherten dahin und die Geschichte nahm ihren Lauf. Die Stadt Quebec entwickelte sich zu einem bedeutenden Handelsplatz und der Ackerbau auf unseren Ländereien boomte.
Jede freie Minute stand ich am Hafen und beobachtete die riesigen Handelsschiffe, die mit gesetzten Segeln über den Sankt-Lorenz-Strom glitten. Die Segel bestachen durch eigenwillige Formen. Manche erinnerten mich an gigantische Möwen, andere an Lampenschirme. Meiner Fantasie schienen in dieser Hinsicht keine Grenzen gesetzt zu sein.
Seit meiner Kindheit träumte ich davon, die Welt zu bereisen. Ich las für mein Leben gerne Bücher über ferne Länder, verschlang sie geradezu. Meine Mutter war aus Frankreich nach Quebec immigriert, mein Vater hingegen kam aus England. Früher hatten sie mir häufig aufregende Anekdoten über ihre Heimat erzählt.
Obendrein waren die meisten der schnuckeligen kleinen Steinhäuser in Quebec europäisch geprägt, genau wie die römisch-katholische Kirche Notre-Dame-des-Victoires, die im Stadtzentrum residierte. Nach der Zerstörung durch die Briten befand sie sich gerade im Wiederaufbau. Ihre Umgebung lud zum Flanieren ein und ließ mich unablässig von Europa träumen.
Da Bernard seine Ländereien jedoch hütete wie seinen Augapfel, war ich bisher nicht einmal über die Grenzen Quebecs hinausgekommen. Was sich höchstwahrscheinlich auch nie ändern würde. Doch ich wollte nicht klagen, ich liebte mein Leben.
Bedauerlicherweise lag aber auch ein Schatten über unserer so perfekten Ehe. Kinder blieben uns versagt. Bernard machte das unsagbar traurig, zu sehr hatte er sich eine große Familie gewünscht.
Eines Abends musterte er mich im Bett eingehend. „Emily, du bist wunderschön“, hauchte er. „Du wirkst nach wie vor wie ein junges Mädchen.“ Er griff sich in sein dunkles Haar, das langsam schütter wurde. „Schau mich an! Ich altere, spüre von Tag zu Tag die Zeichen der Zeit. Aber an dir scheint das Alter wundersamerweise vorüberzugehen.“
Ich rollte mich zu ihm hinüber. „Sieh dir nur Papa an! Er wirkt ebenfalls jünger, als er eigentlich ist. Dieses Geschenk hat vermutlich er mir in die Wiege gelegt.“ Ich küsste Bernard sanft auf den Mund. „Chéri, sorge dich nicht! Ich werde dich immer lieben. Auch wenn du irgendwann noch das letzte Haar verlieren solltest.“
Lächelnd beugte er sich über mich. „Ich dich auch, mon amour, das verspreche ich dir.“ Wir versanken in einem intensiven Kuss und unternahmen einmal mehr den kläglichen Versuch, vielleicht doch noch einen Nachkommen zu zeugen.
Aber Bernards Worte gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht, dass mir nicht schon selbst aufgefallen wäre, dass ich für meine vierzig Jahre viel zu jung wirkte. Von dem Tag an begutachtete ich mich häufig aufmerksam im Spiegel.
Mein Ehemann lag richtig. Keine Falte zierte mein Gesicht.
Meine hellen, krausen Locken waren seit dem Blitzschlag unverändert. Ich hatte schon immer eine üppige Figur besessen. Bernard verehrte meine Rundungen, auch wenn ich lieber ein paar Kilo weniger auf den Rippen gehabt hätte. Gottlob waren meine Brüste und mein Hintern straff wie eh und je. Offenbar hatte die Natur ein Einsehen mit mir.
Ein paar Jahre später verstarb mein geliebter Vater an einer Lungenentzündung. Der Tod meiner Mutter, die bereits vor Jahren aufgrund einer Infektion aus dem Leben geschieden war, hatte ihn gebrochen. Dennoch trug er seine letzten Tage mit Fassung.
Zwar bereitete es ihm Unbehagen, mich zurückzulassen, doch fromm, wie er war, glaubte er fest an ein Wiedersehen mit seiner Frau. Demzufolge verließ er diese Welt mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Als wir ihn zu Grabe trugen, wirkte ich erstaunlicherweise noch immer wie ein junges Mädchen. Bernards Gang hingegen war gebückt, seine Haut faltig; nur noch wenige graue Haare zierten seinen Kopf. Von mir fast gänzlich unbemerkt, war er zu einem alten Mann geworden.
Während der Beerdigung wurde ich von vielen der Anwesenden mit verständnislosen Blicken bedacht. Was sich an Intensität in den darauffolgenden Jahren steigerte. Es kam so weit, dass sich die Menschen von mir abwandten, sobald sie meiner ansichtig wurden.
Durch Zufall belauschte ich eines Tages beim Tätigen der Einkäufe das Gespräch zweier betagter Damen, die mich für eine Hexe hielten. Bis ins Mark erschüttert flüchtete ich aus dem Laden.
Als dieses Gerücht die Runde machte, hing der Haussegen zum ersten Mal bei uns schief, denn auch Bernard wusste so langsam nicht mehr, was er von meiner unvergänglichen Jugend halten sollte.
Es tat mir in der Seele weh, doch wir lebten uns von Tag zu Tag mehr auseinander. Unser glückliches Dasein ging dahin. Nachts weinte ich mich häufig in den Schlaf, stellte mir unentwegt die Frage, was mit mir nicht stimmte.
Bernard machte mich mittlerweile nicht nur für unsere Kinderlosigkeit verantwortlich, sondern für jedes andere Missgeschick, das geschah. Brach in der Nähe ein Feuer aus oder verendete irgendwo ein bedauernswertes Tier, betrachtete er mich voller Argwohn.
Aus Furcht verließ ich das Haus nur noch von Zeit zu Zeit. Bei diesen gelegentlichen Ausflügen versteckte ich mein Gesicht unter einem großen Hut mit Schleier.
Als ich eines schönen Tages zu unseren Feldern eilte, vertrat mir wie aus heiterem Himmel eine korpulente ältere Dame den Weg.
Mit ausgestrecktem Finger deutete sie auf mich. „Du bist des Teufels!“, kreischte sie.
Erschrocken sprang ich beiseite, unternahm den Versuch, an ihr vorbeizuhuschen, doch sie packte mich am Arm.
Auf der anderen Straßenseite wurden Passanten auf den Tumult aufmerksam.
Keinesfalls wollte ich weiteres Aufsehen erregen. „Bitte, lassen Sie mich in Frieden!“, flehte ich sie leise an.
Doch sie dachte gar nicht daran. Stattdessen griff sie in ihre Tasche und zerrte etwas daraus hervor.
Ich sah das Aufblitzen des Messers erst in dem Moment, als sich meine Brust aufgrund des mörderischen Schmerzes zusammenzog.
„Stirb, du Hure des Teufels!“, vernahm ich noch die bösartigen Worte der Frau, bevor ich röchelnd zusammenbrach.
Kurz darauf geschah das Unfassbare: Ich kam wieder zu mir, Tausende von Kilometern entfernt, in der Nähe von Melbourne, Australien.
Als ich am nächsten Morgen erwache, habe ich noch sekundenlang die Weiten Australiens vor Augen. Ich habe dieses Land lieben gelernt und viele glückliche Jahre dort verbracht. Immerhin ist mein Kindheitstraum, ferne Länder zu bereisen, wahr geworden. Auch wenn ich es mir auf eine andere Art und Weise gewünscht hätte.
Meine Gedanken fliegen zu Matt, einem australischen Farmer. Er war der zweite und letzte Mann, dem ich in meinem langen Leben meine Liebe geschenkt habe. Nach und nach verblasst sein Aussehen jedoch in meinem Kopf, ist nur noch schemenhaft vorhanden. Ich befürchte, die Erinnerung an ihn irgendwann vollständig zu verlieren.
Wenn ich bloß wüsste, wie ich das Bild seines Antlitzes für alle Zeiten in meinem Schädel festzementieren könnte. Denn das ist leider das Einzige, was mir von ihm geblieben ist.
Wehmütig klettere ich aus dem Bett. Mein knurrender Magen zwingt mich, endlich einen Lebensmittelladen aufzusuchen. Auch wenn ich Appetit verspüre und leckeres Essen durchaus genieße, ist es für mich nicht lebensnotwenig. Demzufolge ernähre ich mich unregelmäßig, häufig von Fast Food oder Süßigkeiten.
Kaum bin ich mit meinen Tüten zurückgekehrt, läutet es.
Ein Einschreiben!
Voller Überraschung öffne ich den Brief des CDC, der amerikanischen Seuchenschutzbehörde.
Mit gerunzelter Stirn überfliege ich die Zeilen.
Offenbar ist das CDC auf meine Strahlenforschung aufmerksam geworden und lädt mich zu einem Vorstellungsgespräch ein.
Gedankenverloren falle ich aufs Sofa und frage mich, was die Seuchenschutzbehörde sich von meiner Forschung verspricht.
Natürlich, es sollte machbar sein, Ansteckungskrankheiten mit Strahlen zu bekämpfen. Aber das ist absolut nicht das, was mir vorschwebt. Obendrein muss ich vorsichtig sein, mit wem ich das Know-how teile, das ich mir über Hunderte von Jahren hinweg angeeignet habe. Denn wie passt dieses Wissen zu dem Erscheinungsbild einer 25-jährigen Frau, die gerade ihr Medizinstudium beendet hat?
Ich verstaue den Brief in meiner Handtasche und mache mich auf den Weg zur Uni. Ich werde jetzt erst einmal sehr genau abwägen, ob ich dieses Vorstellungsgespräch wahrnehmen will


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