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Belletristik
Buch Leseprobe Durchgebrannt, Anna Buchwinkel
Anna Buchwinkel

Durchgebrannt


Der Tag, an dem Quentin den Verstand verlor

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Es war Heiligabend, als Quentin seinen Verstand verlor. Verlieren ist im Grunde nicht der richtige Ausdruck, denn einen Verstand verliert man ja nicht, wie man einen Schlüssel aus einer löchrigen Jackentasche verliert. Nein, Quentins Verstand brannte durch – und zwar an einen Traumstrand. Aber ich greife vor. Die Geschichte beginnt am Nachmittag, und zwar knapp eineinhalb Stunden vor Ladenschluss in einem Einkaufszentrum. Quentins Verstand war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich angespannt, denn er hätte die Geschenke am liebsten schon vor einem halben Jahr gekauft - aber leider hatte Quentins Schwester Trudi diesem die Liste mit den Sachen, die er für die Familie besorgen sollte, erst um kurz vor zwölf gegeben. Als Verstand war es natürlich seine Aufgabe dafür zu sorgen, dass Quentin seinen üblichen Beitrag zu einem harmonischen Weihnachtsfest leistete, und so hatte er gute Miene zum bösen Spiel gemacht und ihn ins Einkaufszentrum gescheucht. So irrte Quentin nun hektisch durch die Gänge - verloren inmitten umherströmender Menschenmassen und blinkender Weihnachtsbeleuchtung - und war den Bazillen diverser verschnupfter Mitmenschen und dem blechernen Getöse der Lautsprecher ausgesetzt, die Weihnachtslieder und Ansagen für die aktuellsten Angebote herausplärrten. Bei den Haushaltswaren walzte ihm eine dicke Dame mit Pelzkragen über den Fuß und beschwerte sich lauthals darüber, dass er im Weg stand. Sein Verstand riet ihm, höflich den Mund zu halten und keinen Aufruhr zu provozieren. In der Spielwarenabteilung lieferte Quentin sich dann einen Stellungskampf mit einem kleinen Mädchen, dass sich in den Kopf gesetzt hatte, ihm das letzte rosa Plüschkrokodil mit grünen Punkten zu entwinden, das für seine kleine Nichte gedacht war. Das Mädchen zerrte an dessen Schwanz, sodass Quentin mit all seinen Tüten und Taschen ins Wanken geriet und als er nicht nachgab, fing die Kleine lauthals an zu kreischen. Quentins Verstand gab ihm in einem Anflug von Panik die Order, sich davonzumachen, bevor die besorgte Mutter auftauchte. Und so riss Quentin sich samt Krokodil los und tat genau das. Das Geschrei verfolgte ihn noch drei Gänge weiter und Quentin brach der Schweiß aus. Zu guter Letzt schob er sich vollgepackt mit einer Flut anderer verzweifelt dreinblickender Panik-Weihnachtseinkäufer in die Multimedia-Abteilung, wo ihn Wände aus flimmernden Bildschirmen und eine Kakofonie aus Piepsen und Sirren empfing. Nach einigem Suchen fand er die neue PlayStation, die er für seinen Neffen kaufen sollte, musste allerdings feststellen, dass die gewünschte Sonderedition mit inbegriffenem Spiel schon ausverkauft war. Sein Verstand stöhnte, doch die einzig verantwortungsvolle Alternative war jetzt, einen Verkäufer zu einer altersgerechten Auswahl der einzelnen Spiele zu befragen. Also klemmte Quentin sich den Karton des Basismodells unter den Arm und reihte sich in die Schlange vor dem Servicepoint ein. Und dort wartete er, dem Lärm, der Hektik und den unablässig leiernden Weihnachtsliedern hilflos ausgeliefert. Dreiundzwanzig lange Minuten des Wartens später lagen bei seinem Verstand die Synapsen blank. Der wollte nur noch eins: hier raus. Aber selbst, wenn er Quentin gesagt hätte, dass sie einfach gehen sollten, stand als Höhepunkt des Grauens ja noch die obligatorische Weihnachtsfeier mit der Familie an. Alleine bei dem Gedanken daran drehte sich dem Verstand alles um. Wie sollte er das bloß überstehen? Aufgesetztes Lächeln, Geschenke, Völlerei, Fotos von vorgegaukelter Familienidylle, Konsum von was auch immer für ein glückliches Leben als notwendig erachtet wurde. Das ganze Fest, ach was, das ganze Leben hatte sich tagein, tagaus nach den anderen und ihren Vorstellungen zu richten - es war nicht zum Aushalten! Der arme Verstand sehnte sich nach Stille, einfach nur einem Augenblick, in dem keine Erwartungen an ihn gestellt wurden, in dem er keinen Konventionen zu folgen und keine Konsequenzen zu bedenken hatte; in dem er die Verantwortung für Quentin und dessen Verpflichtungen einfach los wäre … Quentin, der von all dem nichts bewusst mitbekam, fühlte indessen, wie sich ein grässlicher Kopfschmerz hinter seinen Schläfen zusammenbraute und ihm schier das Hirn zerreißen wollte. Ein leichter Schwindel befiel ihn, alles verschwamm und er musste immer wieder die Augen zukneifen, damit die Welt um ihn herum nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Sein Blick klammerte sich an das Bild eines Traumstrandes, der riesengroß und in Ultra High Definition auf einem Curved TV zu sehen war. Eine Oase des Friedens inmitten des blinkenden Irrsinns. Er saugte sich daran fest - fast so, als würde er die Sehnsucht seines Verstandes spüren. ...


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