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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Die Viererkette, Jannek Teuber
Jannek Teuber

Die Viererkette


Freundschaft, Fußball und das Ganze

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„Oft werde ich gefragt, warum ich Fußball-Fan bin. Wieso ich regelmäßig ins Stadion gehe, um mir anzuschauen, wie zweiundzwanzig Leute dem Ball hinterherjagen. Wieso ich mir ansehe, wie sie versuchen, mit allen erlaubten und teilweise unerlaubten Mitteln diesen Ball zwischen zwei Stangen hindurch über eine Linie zu befördern. Und vor allem, wieso ich mit so vielen Emotionen mitfiebere und meine Energie nicht für Sinnvolleres einsetze.“


David stand hinter seinem Tisch im Klassenraum und sein mittellanges, braunes Haar fiel nach vorne, während er mit glänzenden Augen auf die am Vorabend mühsam getexteten Zeilen seines Aufsatzes blickte. Er ging in die zwölfte Klasse eines Gymnasiums und gehörte zu den unauffälligen Schülern seines Jahrgangs, der öfter nur unfreiwillig durch seinen Modegeschmack für Aufmerksamkeit sorgte. Auch heute trug er ein viel zu kleines blaues Sweatshirt, das sich über seinem üppigen Bauch spannte. David schlug die nächste Seite seines Heftes auf und suchte zwischen einigen durchgestrichenen Wörtern nach dem nächsten Satz. Entgegen seines eigentlichen Naturells trug er den Text mit lauter und fester Stimme vor, was jedoch wenig nutzte. Die Mädchen im Raum hatten bereits bei der ersten Erwähnung des Wortes Fußball auf Durchzug gestellt und die meisten Jungen seines Deutsch-Leistungskurses, die auch nur wenig mit dem runden Leder anfangen konnten, hörten ebenfalls kaum noch zu. Selbst Herr Wilhelm, der vorne am Lehrerpult saß, hatte scheinbar anderes zu tun. Orientierungslos blätterte er durch das Klassenbuch und setzte hier und dort den Kugelschreiber zu einer belanglosen Notiz an.


Damit hatte David genau genommen nur noch einen aufmerksamen Zuhörer. Seinen Freund und jahrelangen Tischnachbarn Kai. Gewissermaßen waren sie wie zwei Magnete mit unterschiedlicher Polung, die sich angezogen hatten. Kai war extrovertiert, nie um einen lockeren Spruch verlegen und galt als immer gut gelaunte Überraschungstüte. Auch die Damenwelt konnte er für sich begeistern, wobei sein frecher Blick und die wild gestylten dunkelblonden Haare ihr Übriges taten. Im Augenblick wirkte er ausnahmsweise eher nachdenklich. Er runzelte die Stirn und kratze sich hinter dem Ohr, als hätte er dort einen Lautstärkeregler, den er auf Maximum stellen wollte. Zugleich rutschte er tiefer in seinen Stuhl und lauschte gebannt jedem einzelnen Wort, das David über die Lippen kam.


„Wenn ich lange und ganz genau darüber nachdenke, finde ich selbst keine Antwort darauf, warum ich Heimspiel für Heimspiel ins Stadion pilgere. Ist es die Spannung, nicht zu wissen, was im nächsten Moment geschieht? In jedem Moment kann das Spiel eine andere Wendung nehmen, keine Aktion ist vorhersehbar. Oder ist es einfach - dabei zu sein, wenn etwas Besonderes passiert. Wenn „Krummi Krummfuß“ mal wieder ein Traumtor schießt, von dem die ganze Stadt noch Wochen spricht? Ich weiß es nicht und ich kann es auch nicht erklären. Es ist einfach Faszination und Leidenschaft. Emotionen pur. Im Grunde ist es wie mit der Liebe. Sie lässt sich oft auch nicht erklären, sie ist einfach da. Und wenn man genau über sie nachdenkt, fragt man sich manchmal, warum man sie überhaupt für diesen einen bestimmten Menschen empfindet. So ist es auch mit der Begeisterung für den Fußball. Sie ist keine Kopfsache. Sie packt dich einfach, genau wie dich dein Verein packt. Kein Fan sucht sich seinen Verein selbst aus, sein Herz entdeckt ihn. Genau wie das Herz diesen einen Menschen entdeckt. Das ist einfach Liebe.“


David, der einen tiefen Seufzer gerade noch unterdrücken konnte, senkte für den Schlusssatz dramatisch seine Stimme. So hatte es ihm seine alte Grundschullehrerin immer gepredigt, um beim Vorlesen besonderen Aussagen zusätzliches Gewicht zu verleihen. Natürlich hatte sie es nicht so übertrieben gemeint, denn schließlich befand sich David nicht im Casting für eine neue Hollywood-Schnulze. Sowieso war seine rhetorische Darbietung nicht entscheidend, sondern Inhalte zählten, so dachte er. Entspannt nahm David Platz und ließ seinen immer noch glänzenden Blick zufrieden durch den Klassenraum schweifen. Einer seiner Mitschüler riss den Mund auf und gab sich keine Mühe, sein Gähnen zu unterdrücken. Einige Mädchen, die schon während des Vorlesens kichern mussten, konnten sich ihr Lachen nun kaum noch verkneifen. Kai war noch weiter unter seinen Tisch gerutscht und seine Arme hingen schlaff herab. Sein Mund stand ihm offen, fing aber schließlich an, sich langsam zu bewegen.


„Deshalb gehst du zum Fußball?“, fragte er tonlos ohne sich seinem Freund zuzuwenden.


„Glaube schon!“ David rutschte unruhig auf seinem Stuhl von einer Seite auf die andere und blickte erwartungsvoll zum Lehrerpult.


„Nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht!“ Herr Wilhelm, der nicht sofort das Ende des Aufsatzes bemerkt hatte, war noch damit beschäftigt, seine Brille zu putzen und darüber nachzudenken, ob es seine Sympathiewerte zuließen, den Schülern eine Hausaufgabe aufzugeben.


„Nicht schlecht!“, wiederholte er. „Nur leider am Thema vorbei. Liebe, David! Liebe war das Stichwort.“ Offenbar hatte auch Herr Wilhelm bereits früh die Hoffnung aufgegeben, dass der Aufsatz noch einen Bogen zum eigentlichen Thema spannen würde, und kaum noch zugehört. Die Schlagwörter zum Thema Fußball, die hin und wieder an seine Ohren gedrungen waren, reichten ihm offenbar aus, sich ein Urteil zu erlauben. „Du kannst doch nicht immer nur an Fußball denken. Hast du denn nichts anderes im Kopf? Du liebst doch keinen Fußball-Verein!“


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