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> Belletristik > Die Telefonnummer der netten Dame
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Belletristik
Buch Leseprobe Die Telefonnummer der netten Dame, Karin S. Richter
Karin S. Richter

Die Telefonnummer der netten Dame


Roman

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KAPITEL 2


 


Es hat lange gedauert bis ich begriffen habe, dass die Frage „how are you?“ nur eine Phrase ist. Eine belanglose Begrüßung ist es, oft auch eine Vertuschung der Verlegenheit, wenn man sich nichts zu sagen hat.


„Wie geht es dir?“ ist die geläufige Anführung der sich anstrebenden Konversation. Die Anteilnahme, wie es einem wirklich geht, ist selten vorhanden. „How are you?“ fragte oder sagte Kevin eines Tages, als ich an ihm vorbei ging. Man schrieb das Jahr 1984.


Jeden Tag um die gleiche Morgenzeit stieg ich an der dicht belebten Verkehrskreuzung Bay und Dundas aus dem Stadtbus aus. Links an der Dundas Straße prangte stolz das Kaufhaus Eaton Centre; ein Glaspalast in der Mitte der Stadt, ausgestattet mit allen Raffinessen eines Kundenfängers, der es versteht, dem lustgeladenen Käufer das Geld aus der Tasche zu ziehen.


An der rechten Seite der Straßenkreuzung befand sich der Anfang von Chinatown. Eine kleine Welt für sich ist es, die Hongkong Stadt, auf kanadischem Boden. Die Bevölkerung des Viertels, überwiegend Chinesen, drehten sich im Kreis ihrer Geschäfte und zahlreichen Restaurants. Ihrer Mentalität entsprechend, führten sie ein reges, gesell schaftliches Leben. Trotzdem, sie mögen es, unter sich zu bleiben. Ihre tausendjährige Kultur setzen sie in der Neuen Welt uneingeschränkt fort.


Kevin, die Beine breit auseinander gespreizt, stand an der westnördlichen Ecke der Dundas Straße. Er trug zwar den Wintermantel, der ein Teil seiner Dienstuniform war, trotzdem aber, ich kannte schon seine athletische CaliforniabeachFigur. Breite Schultern, schmale Taille, der Hintern klein und fest schabloniert. Ich ging nämlich auch im Sommer an ihm vorbei. Wie viele Sommer es bereits waren, zwei, drei, entging meiner Aufmerksamkeit.


Kevin stand regelmäßig an der Ecke. Als Inspektor der Transitstraßenordnung lenkte er, mit dem Zeitplan in der Hand und das Kommunikationsradio am Aufschlag seines Mantels angesteckt, den all zu oft ins Stocken geratenen Straßenverkehr, zwischen der drängelnden Menschenmenge und den hupenden Autos.


Kevins Kopf war leicht nach vorne gebeugt, während seine mittelgroße Gestalt in disziplinierter Haltung vor mir stand. Auffallend dichte Augenwimpern zierten die großen, braun bis goldschimmernden Augen. „How are you?“ sprach er mich noch einmal an, weil ich nicht sofort eine Antwort gab. Es war eine überraschende Situation.


Kevin sprach mich nämlich das erste Mal an. All die Zeit, die ich an ihm vorbeieilte, ob es morgens war auf dem Weg zu meinem Geschäft, oder später als ich zur Bank ging und er immer noch die Straße patrouillierte, schenkte er mir keine Beachtung. Gleichgültig streiften mich seine Augen, wenn unsere Begegnung in der dichten Menschenmenge unausweichlich war. Ich schien ein Luftloch für ihn zu sein.


Ich musste es mir selbst gestehen: Der an der Ecke stehende, attraktive Mann hegte kein Interesse für mich. Darum schaute ich ihn auch nicht an.


Trotzdem entging es nicht meiner Aufmerksamkeit, dass er anderen Frauen nachschaute. Nur, das waren andere Frauentypen, als ich es war.


Etliche Jahre später sagte mir Kevin: „Die Europäerin, die an mir vorbei ging, war mir fremd. Sie schien zu unnahbar zu sein und nicht in meinen Lebenskreis gehörend.“ Ich staunte über diese seine seltsame Auffassung meiner Person. „Wie hast du es gemerkt, dass ich eine Europäerin bin?“ fragte ich.


„Es war meine Vermutung“, erwiderte er. „Nichts an dir war aus dem Rahmen des Üblichen. Auch deine bedacht raffinierte Eleganz war es, die selten bei den hiesigen Frauen zu sehen ist. Fremdartig hast du gewirkt.“ Kevins sonderbare Beurteilung über mich, als Frau mit fremden Eigenschaften, war mir lange Zeit unverständlich. Außerhalb des üblichen Rahmens war ich in seinen Augen. Viel zu spät in der Beziehung erkannte ich, dass ich auch aus dem Rahmen seiner Gewohnheiten fiel. Ich harmonierte nicht mit der Kultur seiner kanadischen Abstammung. Die Fremde blieb ich in seiner Gefühlswelt, trotz der tausend Nächte und tausend Tage, die wir immerhin, nach dem ersten Rendezvous, zusammen verbracht haben.


Es sollten neun lange Jahre werden, vom Anfang bis zum Ende. Eine viel zu lange Zeit für eine Beziehung, die vom Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Kevin. Ich stand ihm ganz nah und blickte in sein Gesicht. Er strahlte. Er kokettierte. Verführerisch mit dem goldenen Glanz seiner Augen. Sein männliches Flair umwehte mich; er beugte seine Gestalt näher heran zu mir.


Ich fühlte es. Es erfasste mein Gemüt. Das gewisse Etwas verspürte ich, das ich seit Jahren nicht gespürt habe. Die fesselnde Anziehungskraft zum Mann, das Trachten nach seiner Gier, die gleichzeitig meine eigene Lust stillen würde.


„Wie heißt du?“ fragte er. Meine Überraschung hielt an. Er will meinen Namen wissen. Er, der Mann an dem ich, weiß ich nicht, wie oft ich schon an ihm vorbei ging.


Aus heiterem Himmel war er plötzlich interessiert, mich kennen zu lernen. Das habe ich nicht erwartet. „Sonja“, sprach ich schlicht meinen Namen aus. „Kevin“, stellte er sich genau so schlicht vor, wie ich es getan habe. Ein liebes Lächeln umspielte seine Lippen. „Dort drüben ist mein Geschäft“, sagte ich und deutete auf das schräg im Hintergrund stehende Hotel, um den Grund meines dicht an ihm Vorbeigehens zu erklären; unausweichlich in dem Gedränge der Menschen auf der Straße lief ich beinahe in seine Arme. Ein wenig verlegen war ich trotzdem, als wenn es an meiner Stirn zu lesen wäre, dass ich einen tatkräftigen Mann im Bett brauchen würde.


Mit meinem Wolfgang tat sich schon lange nichts. Kein Kuscheln. Kein Liebesakt im Bett. Nur ab und zu. Wie ein an einer Melancholie und Weltschmerz krank gewordener Ehemann ist Wolfgang mit der Zeit neben mir geworden. Lustlos und uninteressiert an mir und der Welt, hat er sich in den sieben Jahren verändert die wir bereits zusammen leben. Er war nicht mehr der Wolfgang, der er am Anfang unserer Beziehung war. Kevin gefiel mir. Der fremde Mann an der Straßenecke. Trotzdem, Wolfgang zu verlassen, kam mir nicht in den Sinn.


„Kevin“, wiederholte ich seinen Namen, „das klingt sehr englisch.“ „Meine Oma mütterlicherseits war eine Französin. Mein Vater stammt aus Irland. Ich wurde in Kanada geboren“, sprach Kevin in kurzen Sätzen, als wenn es das einzige wäre, was er zu seiner Person zu berichten hätte.


Plötzlich entstand eine chaotische Verkehrssituation. Die aus der östlichen und westlichen Richtung angekommenen Straßenbahnen kreuzten vor dem Eaton Kaufhaus aneinander vorbei. Entlang der Waggons drängelten Fußgänger und Fahrzeuge. Kevins dienstlicher Einsatz war nötig. „Bye, bye!“ verabschiedete ich mich. „I see you later“, rief mir Kevin nach. Ich sehe dich später, hat er gesagt. War es wieder nur eine gesellschaftliche Floskel, oder ein ernst gemeinter Wunsch? Ich wusste es nicht. Die Nuancen der englischen Sprache waren mir immer noch nicht geläufig.


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