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Belletristik
Buch Leseprobe Die Suche nach dem goldenen Licht, Peggy Langhans
Peggy Langhans

Die Suche nach dem goldenen Licht


Eine Weihnachtserzählung

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Vor langer Zeit, als es in England noch Gaslaternen gab und die Herren im eleganten Gehrock und die Damen im feinen Kleid durch die Straßen flanierten, lebte Piet in einer Höhle unter einer Wurzel eines mächtigen Baumes. Dieser Baum wuchs in einem alten Park, der zu einem herrschaftlichen Anwesen gehörte, das ein Earl mit seiner Familie bewohnte.
Piet war kaum größer als ein Zeigefinger eines erwachsenen Menschen lang ist. In seinem
runden Gesicht leuchteten zwei dunkle Knopfaugen über einer Stupsnase. Seine wuscheligen
braunen Haare lugten unter einer grünen Filzkappe hervor, die kaum über seine
abstehenden Ohren reichte. Ein Shirt, so braun wie seine Haare, spannte sich über sein Bäuchlein. Auf den Hüften hielt ein breiter Gürtel die Hose, die im gleichen Grün gefärbt war, wie seine Mütze. Kräftige Waden endeten in großen Füßen, die in keine Schuhe passten.
Er war ein drolliger Geselle, wenn man ihn sah. Doch für die meisten war er unsichtbar.
Nur dann und wann, wenn er es wollte, trat er in Erscheinung. Das kam höchst selten vor.
Denn es war gefährlich. Die Menschen fürchten sich vor dem, was sie nicht kennen. Obwohl
einst diese Trennung zwischen der Welt, der Piet angehörte, und der Welt der Menschen
nicht existierte. Es gab eine Zeit, da wirkten sie alle zusammen.
Aber diese Zeit lag weit, sehr weit zurück. Selbst Piets Urgroßvater konnte sich an diese
Zeit nicht erinnern. Und für Piet war er steinalt. Waldelfen leben mehrere hundert Jahre.
Mit seinen 120 Jahren zählte Piet noch zu den jungen. Er kam zur Welt genau in dem
Augenblick, als ein Gärtner des Urgroßvaters des Earls diese Eiche gepflanzt hatte.
Seitdem bewohnte er diesen Ort und wachte über das Geschehen des gesamten Anwesens
und über die Geschicke seiner Bewohner.
Der Herbststurm riss die bunten Blätter von den Bäumen und brachte den Regen, der
sich wenig später in Schnee verwandelte und das Land mit einer dicken, weißen Matte bedeckte. Ein frostiger Wind erstarrte die Natur. Mensch und Tier zogen sich in ihre Wohnungen
und ihren Bau zurück. So auch Piet, der nur gelegentlich seine Behausung verließ, um nach
dem Rechten zu sehen. Er hielt keinen Winterschlaf, wie der Igel in der Nachbarschaft. Denn
Elfen schlafen nicht. Auch spürte er keine äußere Kälte, wie der Earl, der sich in einen schweren Mantel hüllte und dennoch fror, wenn er zur Jagd ausritt.
Dafür nahm er jedes Gefühl so intensiv wahr, dass es ihn erglühte oder erfror.
Wenn die Nebel die Luft trübten, dann näherte er sich oft den Lichtern, die aus den
Fenstern des Hauses leuchteten. Er kletterte auf einen Sims und presste seine Nase gegen das Bleiglas. Zu gern lauschte er den Gesprächen, die aus dem Inneren des Hauses an seine Ohren drangen. Doch waren es kaum die Worte, die ihn interessierten. Sie waren für ihn meist unverständliche Laute, die aus den Mündern fielen. Vielmehr bewunderte er die Farbspiele der
Emotionen, die in bunten Bändern durch den Raum schwebten.
Da gab es das kühle Blau des Butlers, wenn er fragte: „Darf ich das Abendessen servieren,
my Lord?“
Oder das grelle Gelb der Küchenmagd, die die Countess um ihre Schönheit und ihren
Besitz beneidete. Sowie das leidenschaftliche Rot des Sohnes, wenn er mit Eifer an seinem
Teleskop bastelte, um den Lauf der Sterne zu beobachten.
Ein sanfter grüner Schein umgab die Frau des Earls seit einigen Monaten, denn sie erwartete
ein Kind. Und das wiederum trug ein goldenes Licht in das Haus, das alle Farben veredelte
und selbst das Herz des gestrengen Earls erweichte.
Piet konnte sich nicht satt sehen an diesem Gemälde, das ein Künstler nicht lebendiger
hätte malen können. Das zog ihn zu den Menschen und erregte ihn oftmals so, dass er
sich für einen Augenblick vergaß und sichtbar wurde.
Wie oft hatte ihn seine Mutter davor gewarnt, nicht zu den Menschen zu gehen. Sie
hielt sie für bedrohlich und graute sich vor ihren Blitzen. Schließlich hatte einer dieser
Blitze Piets Vater getötet als er sich zu nahe an einen Mann wagte, der in das Haus einstieg.
Im Sommer war die Familie auf ihren Landsitz ausgezogen und hatte das Personal sich selbst überlassen. Die Küchenmagd nutzte diese Zeit, um Männern aus der Stadt Zutritt zu
ihrer Kammer zu gewähren. Es waren dunkle Gestalten, von denen graue, braune bis zu schwarze Lichtschwaden ausgingen. Die Magd ließ des Nachts eine Tür oder Fenster offen stehen, so dass die Kerle sich in die grafschaftlichen Gemächer schleichen konnten. Von einem Ast seines Lieblingsapfelbaumes beobachtete Piets Vater das Kommen und Gehen eine Weile.
Eines Nachts stieg dieser ganz besonders finstere Geselle über das Dach in das Fenster
ein. In den Grau- und Brauntönen zuckte ein blutiges Rot. Er hatte Böses im Sinn. Also kletterte
Piets Vater von seinem Baum herunter und sprang zum Fenster des Zimmers der Magd. Schon hörte er einen unterdrückten Schrei und sah den Einbrecher fliehen. Auf seinem Weg zur Eingangstür sammelte er einen Silberteller, die verzierte Schmuckschatulle und den vergoldeten Kerzenleuchter in einen Sack und war drauf und dran, mit seinem Diebesgut zu verschwinden. Aber als er die Tür öffnen wollte, war diese fest verriegelt. Er stürzte durch die Räume zum nächsten Ausgang. Doch auch dieser war verschlossen. Wie auch die Fenster.
Piets Vater nahm alle seine Kräfte zusammen und stellte sich dem Verbrecher in den Weg, wo er nur konnte. Um diese Kraft aufzubringen, musste er sämtliches Licht zu einem einzigen Strahl in sich bündeln. Das war sehr anstrengend für einen einzelnen Elf. Die wütenden roten Blitze, die der Dieb aussandte, waren unberechenbare Geschosse, die Piets Vater in einem unachtsamen Moment mit einem Mal vernichten konnten. Er musste sich vorsehen und gleichzeitig kämpfen. Und das tat er bis der Gärtner im Schlafrock in der Eingangshalle erschien, die Jagdflinte von der Wand riss und den Gauner mit dem Kolben zu Boden streckte.
Da lag er nun bewusstlos, und Piets Vater sackte vollkommen geschwächt auf die Hand des Gärtners, der die winzige Gestalt mit großen Augen anstarrte.
„Wer bist du denn?“, fragte er ganz leise und ein goldener Schimmer ging von seinem Herzen aus. „Du bist ein tapferer, kleiner Mann.“
Piets Vater seufzte tief und verschied.
Mag sein, dass sich die Geschichte nicht in allen Einzelheiten genauso zugetragen hatte.
Denn nur zu gern malte Piet sich dieses Abenteuer und seinen Vater als Helden aus und
nahm ihn sich zum Vorbild. Keiner wusste schließlich, was der Gärtner zu Piets Vater wirklich gesagt hatte. Aber seit diesem Tag stellte der Gärtner immer ein Schälchen Milch vor die Tür und sprach mit Piet, wenn er allein im Garten arbeitete. Und dabei ging stets dieser goldene
Schimmer von ihm aus, der Piet unendlich faszinierte. Es war ein außergewöhnliches
Licht, das hell und warm wie die Sonne schien, aber niemals blendete oder brannte.
Piet suchte diesen Schein, doch war er sehr, sehr selten, wie das Metall, nach dem die Kobolde tief unten in der Erde gruben. Auch davon hatte er gehört in den Märchen, die ihm seine Großmutter an den langen Winterabenden erzählte. Denn Elfen und Kobolde gingen sich aus dem Weg. Die Kobolde liebten das Gestein, die Erze und die Mineralien. Sie wirkten im Erdreich fern der Sonne und bereiteten den Boden für die Pflanzen. Ein Elf, der sich um die Pflanzen sorgte, sollte sich mit einem Kobold gut stellen. Aber das war nicht leicht. Kobolde
waren einsam und lebten allein. Piet hatte gehört, dass sie sehr launisch und griesgrämig seien. Er war noch nie einem Kobold begegnet und legte es auch nicht darauf an, obwohl er wusste, dass unter seinem Grund ein Kobold wirkte.
Der Gärtner kannte sie alle. Den Kobold, Piet und die vielen weiteren Wesenheiten, die auf diesem Gut unsichtbar für den Menschen existierten. Er schenkte ihnen allen dieses goldene
Licht, wenn er eine Pflanze goss, einen Baum beschnitt oder ein Beet anlegte. Und alle waren sie ihm zu Diensten. Der Kobold unter der Erde schaffte Mineralien heran und schaufelte Kanäle für das Wasser, dass die Wurzeln Halt und Nahrung fanden. Piet verwob die bunten Fäden der Lüfte zu farbenprächtigen Teppichen, so dass die Blüten, Früchte und das Grün jedes Jahr in einem neuen Glanz erstrahlten. Er war ein Meister der Farben und sammelte
das Licht. Doch war es ihm bisher nicht gelungen, das goldene Licht einzufangen. Deshalb
verbrachte er viel Zeit mit dem Gärtner und studierte sein Wesen, um das Geheimnis zu entschlüsseln. Ja, und hin und wieder führte das wohlige Gefühl, das der goldene Schein in
Piet auslöste, dazu, dass er für den Gärtner sichtbar wurde. Auch wenn ihn seine Mutter davor gewarnt hatte, spürte er keine Furcht. Schließlich sah er keine zuckenden roten Blitze in braunschwarzem Licht. Die schienen sich mit dem Gold nicht zu vertragen. Diese Kombination
war Piet jedenfalls in seinen 120 Lebensjahren noch nie begegnet.
Es gab Zeiten, in denen das goldene Licht bei den Menschen zu finden war. So wie in
diesem Winter, als die Familie sich auf das Weihnachtsfest einstimmte und die Countess
ein Kind erwartete. Sie verbrachten die langen, dunklen Abende mit Spielen, Handarbeiten und Singen. Das mochte Piet besonders, wenn der Earl sich an das Klavier setzte und die Countess mit heller Stimme dazu sang. Dann tanzten die Farben und formierten
sich zu den herrlichsten Mustern. Aus der Küche duftete es nach Gebackenem
und Gebratenem. Allerlei Gewürze kitzelten Piets Nase, der sich mit der Geschwindigkeit eines Gedankens mal hierhin und mal dorthin begab. Unbeschwert und glücklich waren die Bewohner des Hauses und eine freudige Spannung lag in der Luft.
„Na, mein Lieber, stromerst du wieder herum?“, sprach ihn der Gärtner an.
Piet erstarrte vor Schreck und ließ das Apfelstück fallen, das er sich vom Küchentisch
genommen hatte.


„Keine Sorge, du bist nur für mich sichtbar. Für mich, den alten Sam“, besänftigte er Piet und streckte ihm seine flache Hand hin, so dass Piet auf sie klettern konnte.
Mit der anderen Hand las er das Apfelstück von den Fliesen auf und legte es zu Piet.
„Nun iss mal deinen Apfel. Musst ihn dir nicht stehlen. Kannst so viel haben, wie dein
Bäuchlein verträgt.“
Piet setzte sich nieder, lehnte sich gegen den gekrümmten Zeigefinger, schlug ein Bein
über das andere und kaute an seinem Apfel.
„Hast ihn dir mehr als verdient. Ohne dich gäb’s ihn wahrscheinlich nicht. Der ist vom
Baum ganz hinten aus dem Garten. Die Cox Orange. Weißt du noch, wie wir den gepflanzt
haben?“


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