Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Belletristik > Die Seehexe
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Die Seehexe, June Forsyte
June Forsyte

Die Seehexe


Die Legende der Lady Grey

Bewertung:
(29)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
286
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
erhältlich in jeder Buchhandlung, über Amazon oder beim Verlag Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin
Drucken Empfehlen

»Ach, übrigens, heute Abend brauche ich Sie nicht,« sagte Vizeadmiral Hector


de la Roche-Fouquet zu Lieutenant Auguste Corillon, seinem neuen Privatsekretär,


der ihm seit Beginn dieses Jahres diente.


 


»AberMonsieur l′amiral, heute ist doch Ihr wöchentliches Treffen imRatskeller!«


 


»Schon, aber heute werden wir nichts tun außer ein paar Runden Siebzehn


und Vier spielen. Nicht bei jedem jour fixe werden kriegswichtige Entscheidungen


getroffen.«


 


Roche-Fouquet fasste den schmächtigen, kaum mittelgroßen jungen Offizier


genauer ins Auge, der nicht älter als Anfang zwanzig war und dessen apfelrunde


glatteWangen seinen Zügen etwas nahezu Kindhaftes verliehen. Nur am


Ansatz seiner Schläfen zeigte sich der Anflug eines blonden Haarflaums, ein


wenig heller als seine dichten aschblonden Locken.


 


»Kommen Sie, Corillon, seit Sie bei mir sind, hocken Sie jeden Abend nach Dienstschluss in Ihrer Stube. Für einen jungen Mann im Vollbesitz seiner Kräfte ist das auf die Dauer nicht


gesund. Gehen Sie doch mal ins ›Matelot‹, sehen Sie zu, wie die Puppen tanzen und schnappen Sie sich eine!«


 


»Haben Monsieur l′amiral sonst noch irgendwelche Befehle für mich?«


 


»Nein. Weggetreten, Lieutenant Corillon!«


 


Corillon salutierte, machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Schreibstube seines Dienstherrn. Wenn man beim Admiralsstab eines rasch begriff, dann die Tatsache, dass die HerrenGroß-,Vize- und Konteradmiräle ihre Adjutanten fast zu jedem Anlassmitschleppten, um ihren Status und die Wichtigkeit ihres Dienstes zu demonstrieren. Und heute beurlaubte Corillons Vorgesetzter ihn vom Dienst, obwohl sich das halbe Oberkommando des Marinestützpunktes Cherbourg im Ratskeller versammeln würde? Hier konnte etwas nicht


stimmen!


 


Dasselbe dachte Vizeadmiral Roche-Fouquet im gleichen Moment von seinem


Privatsekretär, so sehr er diesen schmucken jungen Kerl auch mochte.


Warum hatte er sich in den letzten anderthalb Jahren, seit er aus britischer


Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, zweimal versetzen lassen, ohne dass


irgendein Vorgesetzter gegen ihn Beschwerde erhoben hatte, erst von Toulon


nach Brest und vor zweieinhalb Monaten von Brest nach Cherbourg? In ihm


war ein Verdacht gekeimt, der sich zusehends erhärtete, so dass er sich genötigt


sah, seinen Kollegen und Vorgesetzten vom Admiralsstab Bericht zu erstatten.


 


Sein Verdacht führte Roche-Fouquet auf die richtige Spur, und doch sollte


er zwei Tatsachen nie erfahren: zum einen, dass Lieutenant Auguste Corillon


nur zur Hälfte Franzose war und zur Hälfte dem Erzfeind Frankreichs entstammte,


und zum anderen, dass er an tanzenden Puppen keinen rechten Gefallen


gefunden hätte, denn sein wahrer Name war Lady Anne Doncaster.


 


Früh hatte Anne gespürt, dass es ein Fehler von ihr gewesen war, nach


Cherbourg zu gehen, und kurz nach ihremDienstantritt Vorkehrungen für ihre


Rückkehr nach England getroffen.


 


Ihre Mutter war die letzte Comtesse de Carency, und der Landsitz ihrer


Familie lag fünf Meilen östlich von Cherbourg. Von ihr hatte Anne den singenden


Akzent und das langsame Sprachtempo der nördlichen Regionen Frankreichs


übernommen.


 


Nicht immer waren Frankreich und Großbritannien Feinde gewesen. Zur


Zeit Ludwigs XV. und XVI. waren sogar Freundschaften zwischen britischen


und französischen Adelsfamilien entstanden, so dass der Comte de Carency sich


glücklich schätzte, als Hugh Doncaster, der jüngere Bruder des Earl of Somerset,


um die Hand seiner einzigen Tochter anhielt und sich bereit erklärte, das Schloss


und die Landgüter der Familie zu übernehmen.


 


Dies war 1784 geschehen, als sich weder die königliche Familie der Bourbonen noch irgendein ein Adeliger in ganz Europa hätte vorstellen können, dass die Französische Revolution die Monarchie und den Adel fünf Jahre später radikal ausmerzen würde; ja, dass


man den König wie auch die Königin öffentlich hinrichten und ihre Köpfe der gaffenden Menge - und damit der Welt - zeigen würde.


 


Anlässlich der Vermählung mit der Comtesse de Carency hatte Charles Doncaster seinem Bruder als Geschenk einen Korb mit zehn Brieftauben überreicht, und dieser hatte ihm jedes Jahr eine zukommen lassen und vom Los und Gedeihen seiner Familie berichtet. Die letzte Taube hatte er nicht mehr losschicken können, denn 1793, im Jahr des »terreur«, hatte Charles seinem Bruder geraten, Frankreich sofort zu verlassen, und ihm angeboten, in eine Jagdhütte zu ziehen, die zu den Ländereien der Doncasters gehörte.


 


Mit seiner Frau, seiner Tochter und seinen beiden kleinen Söhnen hatte Hugh gerade noch fliehen und die Seinen vor der Guillotine retten können, so wie ganze Scharen französischer Adeliger, die alleine oder mit ihren Familien nach England geflohen waren und Aufnahme gefunden hatten: als Tanzlehrer, Fechtmeister oder Köche die Herren, als Schneiderinnen, Gesellschafterinnen oder Gouvernanten die Damen, und so zog bei manch einer britischen Familie unversehens ein Hauch französischer Lebensart ein.


 


Erst im Zuge des Aufstiegs Napoleon Bonapartes und infolge seiner Eroberungsgelüste


wurden Frankreich und Großbritannien erneut zu Feinden und lieferten sich einen erbitterten Krieg, der mittlerweile fast zehn Jahre andauerte.


 


Bevor Anne zu ihrer Mission in Frankreich aufgebrochen war, hatte ihr Vater sie gebeten, Carency aufzusuchen und ihm mit der letzten Brieftaube ihre Rückkehr nach England kundzutun. Und als Anne sich unerkannt und heimlich auf dem Landsitz ihrer Familie umsah, blieb ihr nichts als die Feststellung, dass die früheren Bediensteten die neuen Herren von Schloss und Land waren, die Carencys als Familie und Geschlecht nichtmehr existierten und außer einer Brieftaube nichts von ihnen übrig geblieben war.


 


Anne steckte die Taube in einen Vogelkorb und nahm sie zur Vorbereitung ihrer Rückkehr nach England mit. Ihre Seekiste und ihren Überlandkoffer hatte Anne in einemWerftdock in Calais deponiert, so dass sie sich nicht mehr um das große Gepäck zu kümmern brauchte; sie musste nur noch eine Garnitur Leibwäsche, ein wenig Proviant und Geld in ihren Leinenbeutel packen.


 


Noch am selben Abend bezahlte sie ihre letzte Miete für das Zimmer, in dem sie logierte und strich ihren Namen aus der Gästeliste. Dann holte sie die Taube aus ihrem Korb und brachte sie auf ihr Zimmer, nahm Papier, Feder und Tinte aus einem Schubfach und schrieb die


vereinbarte Nachricht an ihren Vater. Sie drehte den Briefbogen um und fügte auf der Rückseite eine Notiz an Liz hinzu:


 


»Komme zurück. Bin ab 16. März im Gasthaus zum Hirten in Bristol.


Gib den anderen Bescheid, dass sie sich bereithalten sollen!


Anne.«


 


Sie rollte das Papier zusammen, nahm Kerze und Wachs zur Hand und versiegelte


ihre Botschaft. Dann band sie der Taube die Papierrolle mit einer festen Kordel um den Fuß, trat an das Fenster, stieß beide Flügel auf und warf die Taube in die Luft. Sobald Annes Vater ihren Brief erhielt, würde er Liz die ihr zugedachte Nachricht bringen, denn die Ländereien der Doncasters of Somerset lagen in der Nachbarschaft der Greys of Anstey′s Manor. Daraufhin würde Liz ihre Botschaft an die »Loge der 70« senden, das Startsignal für ihre geheime


Mission, die neun Jahre lang nur in den Köpfen ihrer Mitglieder und auf dem Papier existiert hatte und nun endlich in die Tat umgesetzt werden sollte.


 


Als sie ihre letzte und wichtigste Aufgabe erledigt hatte, entkleidete sie sich und gönnte sich ein Bad im Holzzuber mit Duftseife aus Paris, schlüpfte in ihr Nachthemd und kroch unter die weiche Daunendecke. Schade, dass es so etwas Behagliches in einem englischen Bett nicht gab! Dort hatte man nur Woll- oder Flanelldecken, die man ringsherum in den Bettkasten stopfte, so dass man jeglicher Bewegungsfreiheit beraubt war.


 


So ein Unsinn! Bewegungsfreiheit und eine kuschelige Daunendecke, etwas Schöneres gab es kaum, und zu zweit war es darunter noch tausendmal schöner! Zu zweit...Philippe...


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Anzeige

Anzeige

© 2008 - 2017 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 5 secs