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Belletristik
Buch Leseprobe Die Schönheit der Dunkelheit, Aleksandra Sana Zubic
Aleksandra Sana Zubic

Die Schönheit der Dunkelheit



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Sorgfältig auf die ihn umgebenden Geräusche lauschend, stand ein blinder Mann an der Bordsteinkante. Er wusste, dass es an diesem Fußgängerübergang kein akustisches Signal gab, schließlich ging er diesen Weg schon seit Jahren. Umso besser lernte er die Geräusche des Frühlings, des Sommers, des Herbstes und des Winters kennen; er erkannte, ob das Auto, das an ihm vorbeifuhr, über einen Diesel- oder einen Benzinmotor verfügte, er fühlte es, wenn ihm jemand folgte und wenn ihn jemand überholte. Es war kein Problem für ihn die Stimmen der Anwohner zu unterscheiden, die ihre Freizeit in den hölzernen Wochenendhäuschen neben den Gleisen verbrachten. Ebenso war ihm das Geräusch des Güterzuges bekannt, der ein paar hundert Schritte weiter die alte Eisenbahnbrücke überquerte, die die Ufer der Donau miteinander verband. Er glaubte, dass er mithilfe des Zwitscherns der Vögel und des Geruchs der Luft die Wetterbedingungen vorhersagen könnte, die ihn erwarteten. Heute lag er falsch und der Regen überraschte ihn. Ein hartnäckiger Frühlingsregen, dessen Tropfen auf den Asphalt und seinen schon fast glatzköpfigen Schädel trommelten, und ihm über die nassen Schultern rannen. Der Wind trieb den Regen in alle Richtungen, sodass Hermann keine Ahnung hatte, wie er sich vor ihm schützen sollte. Obwohl er noch nicht weit von zu Hause weg war, hatte er keine Lust, wieder zurückzugehen. Er war sich sicher, dass ihm Greti im Klub trockene Kleidung zum Umziehen geben würde. Einst hatte er den Regen geliebt, denn er trug das Gefühl der Freiheit mit sich, das er so dringend gebraucht hatte. In solchen Momenten würde er gewöhnlich an einem ruhigen Platz stehen bleiben, an dem er nicht gestört werden würde. Dann würde er die Kapuze herunternehmen und den Kopf himmelwärts drehen, zulassen, dass ihm die frischen Regentropfen prickelnd auf die Augen und das Gesicht tropften. Nur Schneeflocken waren für ihn noch angenehmer. Während sein sich wiegender Körper auf dem festen Boden stünde, würde er in Gedanken das ganze Weltall umfassen. Jetzt senkte er nur den Kopf, um sich vor den Tropfen zu schützen, während er darauf wartete, dass der Verkehr zum Stillstand kam. Er wusste, dass nach diesem Fußgängerübergang ein weiterer kam, nur ein paar Schritte vom ersten entfernt. Danach folgten die Gleise und am Ende noch der Übergang zur Straßenbahnhaltestelle. Es fiel ihm schwer, den Unterschied zwischen den Geräuschen des ersten und des zweiten Übergangs wahrzunehmen. Deshalb würde es am besten sein, erst zu gehen wenn er das Geräusch des Motors eines stehenden Autos, oder noch besser, keine Geräusche von Autos mehr hörte. Er umklammerte den Stock fest mit der rechten Hand, während er geduldig wartete. Vielleicht wegen des starken Regens und weil er sich auf die Geräusche der Autos konzentrierte, bemerkte er sie erst als sie ihm sehr nah stand und ihn ansprach. „Kann ich Ihnen helfen?“, hörte er die unsichere Stimme einer jungen Frau. Während er darüber nachdachte, ob ihm die Stimme bekannt vorkam, hatte sie sich schon bei ihm untergehakt und ihn in Bewegung gesetzt. Weil der Niederschlag plötzlich aufhörte, folgerte er, dass sie schützend einen Regenschirm über ihn hielt. „Danke. Ist es möglich, dass wir uns schon mal begegnet sind?“ „Ich komme oft hier vorbei. Einmal wollte ich Ihnen an derselben Stelle helfen, habe Sie aber ungeschickt gelenkt und Sie haben sich an einem Verkehrszeichen den Kopf angeschlagen. Das ist mir noch immer sehr unangenehm.“ Er lächelte. Natürlich erinnerte er sich. Diese Kollision hatte zwar keine Folgen für ihn gehabt, aber anscheinend für sie. „Ah, ich erinnere mich. Führen Sie mich dieses Mal bitte nur über die Gleise, danach kann ich alleine weiter.“ Sie ging mit ihm trotzdem bis zur Straßenbahnstation, wo sich ihre Wege trennten. Er spürte, dass sie ihm nachsah, bis er auf einem für Behinderte reservierten Sitzplatz saß. In der Straßenbahn roch es nach Regen. Das Geraschel der nassen Regenschirme mischte sich mit dem Trommeln des Regens, der ans Fensterglas prasselte. Eine monotone Frauenstimme aus den Lautsprechern informierte die Fahrgäste über die nächste Station. Die Technik hielt in alle Nischen des menschlichen Lebens Einzug. Einerseits war dies für ihn eine Erleichterung, weil das Leben dank des technischen Fortschritts für sehbehinderte Menschen einfacher geworden ist. Andererseits störten ihn das Klingen und Summen der Telefone und der Musik und Videos von mobilen Geräten beim Erkennen jener Geräusche, die für ihn lebensnotwendig waren. Heute würde er mit der Straßenbahn nur bis zum Bahnhof fahren. Von dort benötigte er zwar länger bis zum Blindenverein, aber der Durchgang war überdacht, sodass er nicht nass werden würde. An der Eingangstür erwartete ihn schon die piepsige Stimme der Sozialarbeiterin Greti. „Oh, Hermann, Sie sind ja vollkommen durchnässt! Kommen Sie, kommen Sie schnell herein und gehen Sie in die Küche. Ich bringe Ihnen sofort etwas zum Umziehen“, sagte sie, während sie zum Schrank eilte. Die anderen begrüßten ihn kurz und laut und führten die begonnene Diskussion fort. Ohnehin konnte ihn niemand von ihnen sehen. Ein paar Minuten später gesellte er sich zu ihnen, glücklich, dass er trockene Kleidung und eine warme Tasse Tee bekommen hatte. Es tat gut, wieder in der gewohnten Umgebung zu weilen und mit den Menschen zu reden, die mit den gleichen Defiziten zu kämpfen hatten. Zwar waren sie nicht immer einer Meinung, aber wenigstens musste er nicht ihr Mitleid ertragen und auf unangemessene Fragen antworten. Und Greti hinterließ durch ihre eigenen Probleme oft den Eindruck einer Person, die viel dringender Hilfe benötigte als ihre Klienten. Sie war ihre getreue Begleiterin und das schon seit zwölf Jahren. Sie kümmerte sich um die Organisation der Ausflüge und Reisen, informierte über kostenlose oder vergünstigte Konzertkarten, besorgte Kaffee, Tee und Kekse für ihre Treffen. Nicht zu vergessen die Fürsorge und den Trost, die sie ihren Schützlingen selbstlos zukommen ließ. Manchmal schickten sie vom Zivildienst einen Jugendlichen, damit er ihr helfe, aber sonst erledigte sie mit Schwung alle Arbeiten selber. Ohne Greti wäre ein Funktionieren des Klubs undenkbar. Nachdem sie in der Gruppe über die Themen wie etwa die Probleme an den Fußgängerübergängen und das schlechte Wetter diskutiert hatten, kamen sie zum Hauptthema der heutigen Versammlung: den schon am Anfang des Jahres geplanten Wanderausflug. Hermann freute sich über jeden Ausflug in die Natur, Wandern begeisterte ihn besonders. Er verfügte über mehr Energie als die anderen in der Gruppe und ging deshalb oft vor ihnen her, so lange, bis er in irgendeinem Busch landete. Sie wählten stets geeignete Routen, die nicht zu steil waren, und solche ohne steinige Wege, aber sie konnten nicht jedem Baumstumpf und jeder Wurzel, die aus der Erde herausschauten, ausweichen. Hermann spazierte am liebsten über weiche, blühende Wiesen. Während ihm das hohe Gras sanft um die Knie strich, lauschte er dem Gebrumme und Gesumme der Hummeln und Fliegen, das sich, wenn man nur genau zuhörte in ein musikalisches Konzert verwandelte. Verzückt von der Natur wälzte er sich auf der ungemähten Wiese und blieb liegen, bis ihn Gretis Stimme zum Weitergehen aufrief. Eine Zeit lang überkam ihn sogar der Wunsch, in einen ruhigen Gebirgsort zu ziehen, weit weg vom Lärm der städtischen Autobusse und Straßenbahnen, aber als er über alle Probleme mit dem Wohnen außerhalb der Stadt und mit dem öffentlichen Verkehr nachdachte, verwarf er diesen Gedanken wieder. Heute wurde beim Treffen abgesprochen, wer von ihnen einen eigenen Begleiter zum Wandern haben würde und wem noch ein Begleiter zugeteilt werden müsste. Hermann war bisher immer von seiner Tante geführt worden, aber dieses Mal würde sie ihn wegen ihrer Knieschmerzen nicht begleiten können. Er konnte nicht gerade sagen, dass ihn das traurig stimmte. Zwar war sie die einzige Begleiterin, die er bekommen konnte, aber mit ihrem langsamen Gang hatte sie ihn mehr aufgehalten, als dass sie ihm geholfen hätte. Er brachte es jedoch nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass sie nicht mit ihm gehen müsse. Sie hatte mehr als genug für ihn getan, indem sie seine Betreuung übernommen hatte, als seine lieben Eltern diese Welt verlassen mussten. Noch immer kam sie beinahe wöchentlich zu ihm, um zu sehen, ob er etwas brauchte, obwohl sie selbst mit Haus- und Gartenarbeit alle Hände voll zu tun hatte. An den Tagen, an denen sie nicht bei ihm war, rief sie ihn an, um sich davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung war, und er war ihr für ihre Aufopferung auf ewig dankbar. Da fiel ihm ein, dass er das Mädchen, das ihm heute über den Fußgängerübergang geholfen hatte, bitten könnte, ihn zu begleiten. Natürlich nur, wenn sie sich nochmals bei ihm melden würde. Schnell verwarf er diesen Gedanken aber als wenig zielführend, denn wer wusste, ob sich ihre Wege jemals wieder kreuzen würden. Außerdem hätte sie vielleicht weder Zeit noch Lust seine Begleiterin zu sein. Und womöglich würde sie ihn erneut gegen ein Hindernis lenken. Bei diesem Gedanken musste Hermann lächeln und er sagte: „Ich werde dieses Mal wahrscheinlich keine Begleitperson finden“.


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