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> Belletristik > Die Schattenstimme
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Die Schattenstimme, Anno Goldschmid
Anno Goldschmid

Die Schattenstimme


Roman

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Ich hatte Elisabeths Aufzeichnungen in einem Stück gelesen; meine Wissbegier hatte sich Seite um Seite beständig vergrößert, so dass ich nicht eher aufgehört, nicht einmal innegehalten hatte, bis ich am Ende des Heftes angelangt war. Jetzt, da ich mit Lesen fertig war, blieb ich auf meinem Sofa still sitzen, ich legte das Heft aus der Hand und schloss die Augen. Sie waren müde und schmerzten, überanstrengt vom schlechten Licht.
Ich verstand nichts. Gar nichts. Was ich gelesen hatte, war wie ein Fremdkörper – ein Fremdkörper in der Vergangenheit, ein gewaltiger Dorn in meinem Fleisch.
Ich hatte Bilder gesehen, die nicht in mein Leben passten. Die in kein Leben hineinpassen. Die abgesondert stehen. Bizarr, tot. Ich hatte eine Stimme vernommen, die weder Elisabeths noch meine war. Die aus dem Schatten gekommen schien. Dumpf und bodenlos klang. Ich war wie betäubt, erschlagen, blieb lange im Halbdunkel sitzen, tat nichts, dachte nichts, fühlte nichts. Sekunde um Sekunde tropfte von der Zukunft in die Vergangenheit und hallte in meinen Ohren nach, als stünde ich in einer Höhle. Es war weder laut noch leise, weder kalt noch warm, weder ange-nehm noch beängstigend. Es war nur unausweichlich. Ich wartete still und lauschte der Zeit, wie sie verrann, wie sie unwiederbringlich dahinschwand, vernahm den zarten Ruf ewiger Dunkelheit. Und wehrte mich nicht. Es war das erste Mal, dass ich es darauf ankommen ließ, mich zu verlieren.
Es war das Ende meines Wettlaufes, ich spürte es im Körper. Das Blut in den Adern war dick und zähflüssig geworden, das Herz kam nur mit Mühe dagegen an, die Muskeln waren ohne Kraft. Ich hätte mich vielleicht noch einmal aufraffen können, den Dingen zu entfliehen, ein letzter Versuch – doch mir war klar, sie würden mich ohnehin zu fassen bekommen, früher oder später.

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