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> Belletristik > Die Prinzessin vom Leuchtturm
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Die Prinzessin vom Leuchtturm, Viktoria Grantz
Viktoria Grantz

Die Prinzessin vom Leuchtturm



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Der Sturm tobte über den Deich und peitschte Gischt auf die Häuser, die direkt an der Deichstraße standen. Christa, die Postbotin, kam auf ihrem Fahrrad kaum voran. Immer wieder musste sie absteigen, wenn der Sturm sie vom Fahrrad zu blasen drohte. Obwohl sie ihr Ölzeug trug, war sie bis auf die Haut durchnässt. Mehrmals musste sie die Klappe ihrer Posttasche zuhalten, da der Wind drohte, die-se aufzureißen. Über die ganze Straße würden die Briefe wehen und sie müsste ihnen hinterherlaufen, um sie einzu-sammeln. Eine Sturmflut war vorausgesagt worden und so beeilte sie sich, fertig zu werden. Noch drei Straßen, dann hatte sie es hinter sich. Da der Sturm stetig zunahm, stieg sie endgültig ab und schob ihr Fahrrad von Haus zu Haus. Das Risiko zu stürzen, war ihr zu hoch geworden. Als sie gegen Mittag die ganze Post ausgetragen hatte, brachte sie ihr Fahrrad zur Poststation zurück und machte sich auf den Heimweg. Der Bus quälte sich durch den Sturm und schwankte bedrohlich. Nur noch ein paar Minuten und sie würde zu Hause sein. Ihr Dorf lag ein paar Kilometer hinter dem Deich und das machte sie in solchen Momenten sehr froh. Sie hätte nie direkt hinter dem alten löchrigen Deich wohnen wollen. Oft war ihr berichtet worden, dass Männer zum Deich mussten, um ihn zu flicken. Was würde geschehen, wenn er brach? Würden die Bewohner, denen sie eben noch die Post zugestellt hatte, das überleben können? Sie zweifelte daran. Endlich erreichte der klapprige Bus ihr Dorf. Sie stieg aus und zog ihr Ölzeug fest um sich. Auch hier peitschte ihr den Regen ins Gesicht. Aber es erschien ihr jetzt weniger bedrohlich, als direkt hinter dem Deich. Sie stattete der Bäckerei einen Besuch ab, um frisches Brot zu kaufen und ging weiter zum Fleischer. Als sie alles beieinander hatte, was sie benötigte, rannte sie, die Einkaufstasche vor sich haltend, zu dem Haus, in dem sie ein paar Zimmer bewohnte. Schon hatte sie die Treppe erklommen und öffnete ihre Wohnungstür. Das Ölzeug hängte sie gleich im Flur auf, um es abtropfen zu lassen. Der Flur war gefliest und sie würde ihn in ein paar Stunden trocken wischen können. Als nächstes zog sie ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Sie holte ihren Einkauf aus der Tasche und verstaute die Wurst im Kühlschrank. Das Brot kam in die Brottrommel und die Tasche in die Abstellkammer hinter der Küche. Obwohl sie ihren Postumhang und Ölzeug getragen hatte, waren ihre Strümpfe total nass und schmutzig geworden. Das störte sie nicht sehr. Das passierte ihr immer bei so einem Wetter. Sie betrat ihr winziges Badezimmer, hockte sich auf den Wannenrand und zog sich die Stiefel aus. Sie stand wieder auf, zog ihren Rock aus, hakte ihre Strümpfe los und zog auch diese aus. Sofort stand sie wieder auf und hängte die Strümpfe über den Wannenrand zum trocknen. Dann stieg sie in die Wanne und ließ sich das wohlig warme Wasser aus dem Brausekopf über Beine und Unterschenkel laufen. Nach dem Abtrocknen streifte sie sich ihre Pantoffeln über, trug den Rock ins Wohnzimmer und hängte ihn über den Stuhl. Die Stiefel stellte sie im Flur ab. Schnell schmierte sie sich in der Küche eine Scheibe Brot, verzehrte diese und legte sich ins Bett. Sie war hundemüde und sie spürte, dass Regen und Kälte ihr zugesetzt hatten. Es dauerte eine Weile, bis ihr warm wurde. Im Bett liegend grübelte sie über ihr Leben nach. Ja, sie war ein spätes Mädchen. Alle Angebote von Männern hatte sie ausgeschlagen. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, einen Mann zu lieben. Nicht dass sie schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hätte, nein, das war es nicht. Sie hatte sich schon als Schulkind in die Lehrerin verliebt und festgestellt, dass ihr Frauen mehr zusagten als Männer. Allerdings hatte sie es nie gewagt, einer Frau die Wahrheit über sich zu erzählen. Sie hielt sich selbst für krank. Wieso konnte sie nicht Männer lieben, wie alle anderen Frauen auch? Alles wäre viel einfacher. Vielleicht hätte sie heute eine eigene Familie? Vielleicht müsste sie dann nicht mehr bei Wind und Regen die Post austragen? Manchmal war der Wunsch nach Ruhe und Frieden schon sehr stark, aber sie konnte sich einfach nicht entschließen, einen solchen Schritt zu tun. Oft wurde ihr bewusst, welch hohen Preis sie zahlen musste und sie hatte schon mehr als einmal überlegt, in die Stadt zu ziehen. Sie hatte gehört, dass es in Hamburg sogar einen Club geben sollte, in dem nur Frauen verkehrten. Frauen sollten dort in Partnerschaften leben können, ohne dass jemand Anstoß daran nahm. Ob das alles aber wirk-lich stimmte oder nur eine Ausgeburt der Phantasie war, wusste sie nicht. Ihr graute vor den tristen Nachmittagen. Sie hatte schon unendlich viele Bücher gelesen, Kreuzworträtsel gelöst, ge-strickt und gehäkelt. Wie viele Hörspiele sie in den letzten Jahren verfolgt hatte, konnte sie nicht mehr sagen. So war das Radio zu ihrem besten Freund geworden. Warum hatte sich ihr Vater auch so gegen eine Ausbildung gewehrt? Und wenn sie trotz ihrer mittleren Reife nur Ver-käuferin oder Friseuse geworden wäre. Dann hätte sie we-nigstens den ganzen Tag zutun und bestimmt auch nette Kolleginnen, mit denen sie abends oder am Wochenende etwas unternehmen könnte. Bei der Postzustellung hatte sie ausschließlich männliche Kollegen. Mit denen kam sie ganz gut klar, mehr aber auch nicht. Wenn man sich in der Poststelle traf, wurde schon über dies oder das geredet. Aber irgendwie blieb sie immer außen vor. Sie hatte keine Ahnung von Autos oder Motorrädern und konnte deshalb nicht mitreden. Eines Tages hatte sie sich sogar ein Buch über Motorräder gekauft, um mithalten zu können. Aber ihre Kollegen hatten sie trotzdem nicht mit einbezogen und ihre Äußerungen einfach überhört. Ja, die Wochenenden! Die waren besonders schlimm. Seitdem sie ihr Elternhaus südlich von Bremen verlassen hatte, war sie selten zu Hause gewesen. Die Fahrt konnte sie sich nicht oft leisten und obendrein war es auch kein Vergnügen, mit dem herrschsüchtigen Vater unter einem Dach zu leben. Selbst wenn es nur ein paar Tage waren. Sie kannte seine Ausbrüche schon seit Kindertagen und hatte sich später immer wieder zwischen ihn und ihre Mutter stellen müssen, wenn er mal wieder total besoffen nach ihr schlug. Wie konnte diese Frau das nur all die Jahre aushalten? Sie wusste, dass auch ihre Mutter auf Frauen stand. Gesagt hatte sie es nie, aber Töchter spüren so was natürlich. Auch ein paar kaum spürbare Nebensächlichkeiten hatten sie darauf hingewiesen. Sie hatte ihre Mutter einmal dabei überrascht, wie sie mit ihrer besten Freundin, der Ehefrau des Malers, Händchen hielt. Beide waren rot geworden und hatten sich sofort losgelassen. Anfangs hatte sie es nicht wahrhaben wollen, aber die Indizien häuften sich im Laufe der Jahre und verdichteten sich zu der Erkenntnis, dass es so war, wie es war.


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