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Geboren im Dezember 1945 kann ich mich noch als Kriegskind bezeichnen, denn ich wurde ja im Krieg gezeugt, während mein Vater auf Fronturlaub zu Hause war. Ich bin mir bis heute nicht darüber im Klaren, warum meine Eltern mich überhaupt gezeugt haben, denn ich hatte ja gar keine Aussicht auf eine normale Kindheit, wenn ich das aus heutiger Sicht betrachte. Ich bin der festen Überzeugung, meine Mutter hoffte darauf, dass mein Vater bloß nicht wieder aus dem Krieg zurückkam, wie die meisten seiner Kameraden. Meine Mutter hatte sich innerlich darauf eingestellt, dass sie Kriegerwitwe würde. Wie anders ist das, was nach meiner Geburt passierte, sonst wohl zu erklären.
Auch vor dem Hintergrund, dass, wie meine Tante Else mir erzählte, meine Mutter meinen Vater betrog, während er an der Ostfront im Krieg war, und außerdem mit mir schwanger war. Beides, ihre Schwangerschaft und auch der Kriegseinsatz ihres Mannes an der Front hat sie nicht davon abgehalten, sich mit einem Italiener aus der Nachbarschaft einzulassen. Diese Hinterhältigkeit kann ich meiner Mutter bis heute nicht verzeihen. Dabei kam sie doch aus gutem Haus, und alle ihre Geschwister haben einen einwandfreien Lebenswandel geführt. Ich kann also zu Recht behaupten, dass meine Mutter das schwarze Schaf der Familie Wenzel war. Mein Opa, Johann Wenzel und seine Frau Maria wohnten in Essen-Frillendorf, „Auf der Litten", zusammen mit meinem Urgroßvater. Sie hatten sieben Kinder, auf meine Onkel und Tanten komme ich noch ausführlich zurück. Mein Opa war Bergmann in Essen-Frillendorf im Schacht Emil 1911 der Zeche „Königin Elisabeth", und zwar unter Tage.
Die Arbeit auf der Zeche hat meinem Opa gesundheitlich so zugesetzt, dass er wegen einer Steinstaublungenerkrankung schließlich und endlich diesen Beruf an den Nagel hängen musste. Man hat Johann Wenzel dann umgeschult zum Fleischbeschauer. Auch darauf werde ich später ausführlich eingehen. Zur Stadt Stolberg zurück, in der ich geboren wurde. Mein Vater war zurück nach Haus gekommen, nachdem der Krieg aus war. Warum er seinen erlernten Beruf nicht wieder aufgenommen hat, ist mir bis zum heutigen Tag nicht bekannt.
Er hatte doch Frau und Kind und dahin gehend Verantwortung oder hat er von seinen Ge-schwistern erfahren, dass seine Frau, also meine Mutter, ihn betrog? Waren es die grauenhaften Kriegserlebnisse gewesen, die ihn so traumatisierten, dass er meinte, es hätte keinen Sinn mehr, da alles in Schutt und Asche lag, überhaupt noch beruflich weiter zu machen? Oder war es meine Oma, die, wie meine Mutter im Nachhinein behauptete, ihren Sohn, also meinen Vater, dazu anhielt, jetzt zuerst einmal die Familie zu versorgen, das heißt, für Essen und Trinken zu sorgen, denn 1945, nach Kriegsende herrschte ja bittere Armut?
Jedenfalls zog mein Vater es vor, statt seine Arbeit wieder aufzunehmen, durch Hamstern und Schmuggel die Familie, also seine Geschwister, seine Eltern, meine Mutter und mich zu ernähren. Das war ihm scheinbar wichtiger, als seinem erlernten Beruf nachzugehen, denn in den dreißiger Jahren hatte er eine kaufmännische Lehre mit Abschluss absolviert bei den Licht- und Kraftwerken in Stolberg im Rheinland. Ein unverantwortlicher Schritt meines Vaters, einfach dieses Berufsleben an den Nagel zu hängen, was mir als seinem Sohn bis heute unerklärlich bleibt.
Das Unglück nahm seinen Lauf. Mit Unglück meine ich die kommenden Jahre unserer jungen Familie. Das Erste, an das ich mich in meinem Leben erinnere, war ein Erlebnis besonderer Art. Es geschah am siebten Mai 1949. Ich war zu dieser Zeit etwa dreieinhalb Jahre alt. Meine Eltern und ich wohnten in der Eisenbahnstraße 103 in Stolberg/Rhld. Unser Schlafzimmer war vorne zur Straße hin. Mein Kinderbett stand direkt unter dem Fenster zur Straße. Für mich ist es so, als wäre es gestern geschehen. Wie von einer Tarantel gebissen fuhr ich in meinem Kinderbett hoch und schaute durchs Fenster nach draußen.
Ein furchtbarer Knall ähnlich einer Explosion hatte mich aufgeschreckt. Was war passiert? Etwa fünfzig Meter von dem Haus, das wir bewohnten, war ein Bahnübergang, und hier führten die Straßenbahnschienen der Aachener Straßenbahn über die Bahntrasse. Eine Lokomotive hatte den Straßenbahnwagen erfasst und mit lautem Knall zermalmt. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte. Die Schreie der Unfallopfer höre ich heute noch. Meine Kinderaugen sahen entsetzliche Szenen umherirrender Menschen inmitten dieses tragischen Ereignisses. Später wurde bekannt, dass der Schrankenwärter verantwortlich war für dieses Unglück. Er hatte vergessen, die Bahnschranke herunter zu drehen. Ein grausames Ereignis, mit dem ich als dreieinhalbjähriger konfrontiert wurde. Seitdem bis zu meiner Einschulung 1952 im April, habe ich so gut wie keine Erinnerungen mehr, außer der, dass meine Eltern ihren Wohnort gewechselt hatten. Wir sind von Stolberg nach Eschweiler; einer Nachbarstadt gezogen. Mein Vater war aufgrund seiner traumatischen Kriegserlebnisse nicht in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Dadurch driftete die Ehe meiner Eltern zusehends auseinander. Ein letzter Versuch meiner Mutter, meinen Vater dazu zu bewegen, in Eschweiler bei den Licht- und Kraftwerken, seiner alten Wirkungsstätte, wieder arbeitsmäßig Fuß zu fassen, scheiterte kläglich. Es kam, wie es kommen musste, die Ehe meiner Eltern zerbrach 1952.
Ich absolvierte das erste Schuljahr. Meine Mutter hatte, um über die Runden zu kommen, eine Putzstelle angenommen in Eschweiler im Hause Steinbach, Inhaber Ben Larscheid. Die Eschweiler nannten dieses Hotel-Restaurant „Steenbachs Jupp". Es lag an der ehemaligen Judenstraße direkt neben der alten Fahrradwache. Während meine Mutter bei Steinbach arbeitete, kam es zu einer folgenschweren Begegnung mit einem Mann namens Jakob Stollenwerk, seines Zeichens Malermeister in Eschweiler.
Wie ich anfangs schon erwähnte, war meine Mutter dem männlichen Geschlecht sehr zugetan, um nicht zu sagen, sie war im wahrsten Sinne des Wortes mannstoll. Jakob Stollenwerk lernte also während seiner Tätigkeit im Hause Steinbach meine Mutter kennen und man kam sich schnell näher. Dass meine Mutter mit diesem Verhältnis eine Ehe zerstörte, war ihr anscheinend egal, denn Köbes, wie Jakob auf Eschweiler Platt hieß, war schon verheiratet. Dahin gehend war meine Mutter eiskalt, wenn es um ihren persönlichen Vorteil ging. Immerhin hatte Sie hier einen dicken Fisch an der Angel, einen gut aussehenden Mann, der obendrein auch noch vermögend war. Sie (meine Mutter) hat es verstanden diesen Mann binnen kürzester Zeit so gefügig zu machen, dass er seine Frau verließ und sich meiner Mutter und mir zuwandte. Mein zukünftiger Stiefvater leitete nicht nur einen gut gehenden Malerbetrieb, sondern auch noch ein Geschäft für Farben und Tapeten an der Mühlenstraße in Eschweiler. Meine Mutter und ich zogen in das Haus, in dem das Geschäftslokal angemietet war. Ab sofort hatte sich unser Lebensstandard um 100% verbessert. Wir lebten jetzt bei einem Malermeister mit einem gut florierenden Betrieb.
Meine Mutter war aufgestiegen vom Putzdienst zur Tapeten- und Farbenfachverkäuferin. Man sollte meinen, wir hätten das große Los gezogen, denn unsere Zukunft sah mehr als gut aus. Es gibt Eschweiler Bürger, die die Wohngegend Mühlenstraße als drittklassig abtun. Dem war nicht so. Neben uns in dem Geschäftshaus war die angesehene Heißmangel Rauch, auch unter dem Namen „Frauenlob" bekannt und daneben, im Haus Nr.6, war die bekannte Spedition Pütz, weiterhin die Bäckerei Coppeneur, um nur einige zu nennen.
Man kann den Umzug in ein anderes Wohnviertel innerhalb Eschweilers auch so beschreiben: Die Wohngegend um die Kaiserstraße, in der wir Anfang der fünfziger Jahre wohnten, konnte man ohne Übertreibung gediegen nennen, zudem wir auch noch im Haus eines evangelischen Geistlichen wohnten in unmittelbarer Nähe des städtischen Schwimmbads. Was die Bewohner rund um die Mühlenstraße betraf, sah es hier ganz anders aus. Von Arm bis Reich wohnte hier eine Vielfalt an Gegensätzen, Geschäftsleute mit ihren Tante Emma Läden, Unternehmer und sozial schwache Familien mit zum Teil vielen Kindern. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Familie Stiel, die neben uns an der Ecke Kochsgasse und Mühlenstraße wohnten. Dort hörten mindestens sieben oder acht Kinder auf diesen Namen. Aber auch andere Familien, wie Johnen, Schleip oder Stürtz, um nur einige zu nennen, waren mit Kinderreichtum gesegnet. Es gab also viele Großfamilien in der damaligen Zeit. Die Mühlenstraße hatte ihren Verlauf von der Ecke Kochsgasse bis zum Dreieck, wo die Aachener Straße begann. Am ehemaligen Dreieck war auch ein Haltepunkt der Aachener Straßenbahn. Die nächste Haltestelle stadtauswärts war die Leder-fabrik, bevor die Straßenbahnen von dort weiterfuhren nach Kinzweiler und Alsdorf rechts abbiegend oder geradeaus Richtung Pumpe und weiter nach Stolberg Atsch.
Da wir nun in einem anderen Stadtteil Eschweilers wohnten, besuchte ich fortan die Schule an der Hehlrather Straße. Die folgenden Jahre meiner Kindheit haben mich weitestgehend geprägt. Mein Umfeld, meine Schulkameraden, die Nachbarskinder die Trennung meiner Eltern, die harten Erziehungsmethoden, die Gefühlskälte meiner Mutter, dass alles hat mir, dem damals Sechsjährigen schon einiges abverlangt. Aber ich habe es damals schon verstanden, wegen meiner unverrückbaren, starken Selbstdisziplin damit umzugehen. Der Teufel weiß, woher ich dieses angeborene, disziplinierte Verhalten hatte. Ich vermute, es sind die Gene, vererbt von meinem Opa mütterlicherseits, der auch so war in seinem Verhalten.
Gegenüber der Schule „An der Glocke", wo ich mein erstes Schuljahr verbrachte, war die Schule an der Hehlrather Straße eine Knochenmühle. Unser Lehrer Helten war ein Sadist, der sich an unseren Qualen, wenn er uns schlug, weidete. Obwohl die Prügelstrafe nach dem zweiten Weltkrieg in Westdeutschland abgeschafft war, durfte dieser Lehrer Helten mit Billigung unseres Rektors Wydinski seine Schüler verprügeln. Die Schläge wurden ausgeführt mit einem dünnen Bambusstock auf die nicht schreibende Hand. Das heißt, wenn ein Vergehen seitens eines Schülers vorlag, wie etwa das Reden mit dem Nachbarn oder das Stören des Unterrichts, musste der betreffende Schüler nach vorne bis zur ersten Bank kommen, wo der Lehrer Helten ihn mit dem Stock erwartete. Man musste dann die Hand ausstrecken, mit der man nicht schrieb, und es gab je nach Schwere des Vergehens einige Schläge, entweder fünf oder zehn an der Zahl mit voller Wucht auf die Handinnenfläche. In der Regel wurden täglich mehrere Schüler geschlagen. Anschließend waren die Handflächen angeschwollen und rot angelaufen.
Wenn die Eltern zu Hause nach der Ursache fragten und man sagte die Wahrheit, dann war die lapidare Antwort: „Wenn du Schläge vom Lehrer bekommen hast, waren diese Schläge auch verdient. Wer weiß, was du wieder angestellt hast". Und dann bekam man von einem Elternteil noch eine gepfefferte Ohrfeige dazu. „Damit du weißt, wie du dich in Zukunft zu verhalten hast". Im Zusammenhang mit der Prügelstrafe unseres Lehrers Helten fällt mir Folgendes ein.
Es gab wieder einmal Schläge für einen Schüler, und als der Lehrer den Stock niedersausen ließ, zog der Schüler aus Angst seine Hand zurück. Der Stock schlug auf die Klassenbank und zersplitterte derart, dass er nicht mehr zu gebrauchen war. Der Lehrer war außer sich vor Wut und rief in die Klasse: „Wer bringt morgen einen neuen Stock mit"? Es meldeten sich einige Schüler, und einer wurde bestimmt, am nächsten Tag einen neuen Bambusstock mitzubringen. Den gab es damals bei Troniseck auf dem Langwahn, das war ein großer Blumenhändler. Gesagt, getan, am nächsten Morgen bei Schulbeginn, der Schüler brachte den neuen Stock mit, legte ihn auf das Lehrerpult und wollte sich an seinen Platz setzen. Da erschall die Stimme des Lehrers: „Nichts da, hier geblieben, den neuen Stock muss ich zuerst an dir ausprobieren, also streck deine Hand aus". Dann bekam der arme Schüler einige Schläge mit Schmackes. Danach der Lehrer: „Der Stock ist gut, setzen". Während meiner Schulzeit hatte ich zwei Freunde, auf die ich mich hundertprozentig verlassen konnte. Manfred Esser, der allein mit seiner Mutter im gleichen Haus wie wir lebte, da der Vater von Manfred im zweiten Weltkrieg gefallen war, und Willi Maus, der mit seinen Geschwistern und Eltern in der Kochsgasse wohnte. Wie das unter Freunden nun mal so ist, es gab Tage, da verstand man sich gut, aber es gab auch Tage, an denen man sich nicht so grün war, und es gab Knatsch.
Auf jeden Fall hat sich Folgendes ereignet, wenn mein Erinnerungsvermögen mich nicht im Stich gelassen hat. Mein Freund Willi Maus und ich, wir hatten uns wieder mal gezankt. Am nächsten Morgen in der Schule, der Unterricht war im vollen Gange, unser Lehrer Helten stand an der Tafel und einer der Schüler hatte mit einem Gummi eine Papierkrampe nach vorne auf den Lehrer abgefeuert. Das Papier verfehlte den Lehrer nur knapp und schlug neben ihm an der Tafel ein. Unser Lehrer Helten war außer sich und schrie in die Klasse hinein:
„Wer war das"? Mein Freund und Spezi Willi Maus zeigte auf und erwiderte: „Der Mommertz Herr Lehrer". Ich durfte nach Aufforderung vorne beim Lehrer antreten, um fünf Stockschläge in Empfang zu nehmen. In der Pause habe ich meinen Freund, nachdem ich ihm als Dank eine Ohrfeige verpasst hatte, gefragt, warum er mich beim Lehrer angeschwärzt hätte, obwohl ich doch gar nicht der Schuldige gewesen bin mit dem Papierkrampenschuss. Willi Maus antwortete mit ernster Mine: „Dass war die Rache für unseren Krach gestern, jetzt sind wir quitt". Ja, wir Jungs in der Schule Hehlrather Straße waren nicht zart besaitet. Prügeleien auf dem Schulhof waren alltäglich. Und an Folgendes kann ich mich...
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