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Belletristik
Buch Leseprobe Die Geschenke meiner dunklen Seele, Simone Gütte
Simone Gütte

Die Geschenke meiner dunklen Seele



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In der Geborgenheit des Universums


 


Eins 


 


Larry kippte ein Glas Wein auf ex und torkelte zur Garage. »Claire Sue, wo steckst du? Wir dürfen das Firmenjubiläum nicht verpassen. Das kann ich mir nicht leisten.« 


Ärgerlich sah ihm Claire hinterher. »Firmenjubiläum? Das soll wohl ein Witz sein. Dir ist klar, dass die Whiskey schmuggeln, oder? Die strecken das Zeug und liefern es an illegale Kneipen. Dafür wollen sie dich. Wenn du beim Schmuggeln erwischt wirst, wanderst du ins Gefängnis!« 


»Misch dich nicht in meine Angelegenheiten ein!«, gab Larry barsch zurück und bereute es sogleich. In etwas milderem Tonfall fuhr er fort: »Versteh mich bitte, wir brauchen das Geld. Ich tue das für uns. Vertrau mir.« Flehentlich blickte er seine Frau an. 


Er hatte Angst, das wusste Claire Sue. Sein Boss war ein hohes Tier im Whiskeygeschäft, und Larry wollte seinen Job um jeden Preis behalten. Das Haus, ihr Lebensunterhalt, sie selbst – alles war von seinem Geld abhängig. 


Schon immer hatte sie zu ihm aufgeschaut. Sie bewun­derte seine Entschlusskraft, seine Unabhängigkeit, seine Energie, die Dinge anzupacken. Larry war ihre große Liebe. Seit seiner Anstellung in Fosters Zementfabrik kamen ihm diese Eigenschaften zunehmend abhanden. Claire hatte dies mit Unbehagen beobachtet, wagte je­doch keinen Widerspruch.


»Ich stehe dir bei Larry, aber sag das ab. Wir schaffen das. Ich bitte meine Eltern um Geld.« 


»Harriet und John?«, fragte Larry und blickte an ihr vor­bei. »Bei unserer Hochzeit musste ich versprechen, für dich zu sorgen, erinnerst du dich? Und John um etwas bitten? Das kannst du vergessen. Von Anfang an hat er behauptet, ich wäre nicht der Richtige für dich. Ich ließe dir keine Freiheit und so einen Blödsinn. Nein, wir müssen das allein regeln. Ich muss das allein regeln.«


Er wandte sich um und stieg in den alten Ford V8. Claire folgte ihm widerwillig. 


So langsam komme ich mir wie ein Anhängsel vor, dachte sie missmutig. Meine Meinung zählt nicht.


Sie sah kurz zurück. Seit sie sich das Haus am Stadtrand geleistet hatten, waren sie hoch verschuldet. Dennoch, es war falsch, ja, es war verboten, Whiskey zu schmuggeln. Foster würde nie ein Risiko eingehen, war sie sich sicher. Larry mit seinem Schuldenberg würde er leicht überreden können. 


Die Weltwirtschaftskrise macht die Menschen zu Kri­minellen, wusste Claire.


Seufzend nahm sie auf dem Beifahrersitz Platz. Ohne ein weiteres Wort startete Larry den Wagen und fuhr zur Lagerhalle, die Foster eigens für das »Firmenjubiläum« gemietet hatte. 


Foster und seine Frau Jude begrüßten das Ehepaar überschwänglich. Obwohl Larry noch nicht zugesagt hatte, war sich Foster seiner Sache sicher. Er klopfte ihm auf die Schulter. »Erfreulich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind. Folgen Sie mir. Claire Sue, Sie können am Tisch meiner Frau Platz nehmen.« 


Claire spürte Judes Blicke, die über ihre Frisur und ihr schlichtes Kleid glitten bis hinab zu ihren abgewetzten Sandaletten. Claire wusste, sie war weder modisch noch dem Anlass entsprechend gekleidet. Jude entließ sie mit einem knappen Kopfnicken und begrüßte weitere Gäste. 


Kurze Zeit später lehnte Claire an einem Eisenträger der Lagerhalle, hielt ein Rotweinglas in der Hand und beobachtete die Männer. Sie standen abseits der übrigen Gäste. Larry war vom Wein zum Whiskey übergegangen und unterhielt sich hitzig mit seinem Boss. 


»Etwas Wein?«, fragte ein Kellner und präsentierte ihr die Flasche. 


»Nein, danke. Ich habe noch«, entgegnete sie. Sie be­mühte sich, Larry und Foster nicht aus den Augen zu ver­lieren, denn das Gedränge in der Halle nahm zu. 


»Kein schöner Umgang, nicht wahr, Mrs. Claire?« 


Erstaunt sah sie den Kellner an. »Woher kennen Sie meinen Namen?«


Der Kellner lächelte nur und hob die Schultern. Dann wandte er sich anderen Gästen zu, schlenderte langsam durch die Halle und sah gelegentlich zu ihr herüber. 


Obwohl sie sich geschmeichelt fühlte, erfasste sie ein unterschwelliges Unbehagen. Das »Firmenjubiläum« nahm an Lautstärke zu. Die Gäste grölten umso lauter, je betrunkener sie wurden. 


Sie blickte zu Larry und Foster, die an einem Tisch Platz genommen hatten und sich eifrig besprachen. Naiv, als würde sie nichts im Schilde führen, gesellte sie sich dazu. 


Die beiden blickten auf, das Gespräch erstarb. 


»Geht’s gut?«, plauderte sie und nahm einen kräftigen Schluck Rotwein. 


»Madam, wäre es für Sie nicht angenehmer, sich mit den anderen Damen der Gesellschaft zu unterhalten?«, fragte Foster. 


Claire schüttelte den Kopf. »Ich kenne hier nieman­den.«


»Larry, seien Sie so freundlich, geleiten Sie Ihre Frau zum Tisch meiner Jude. Sie kümmert sich um alles Weitere.«


»Ich mag Jude nicht«, wandte Claire ein, ermutigt vom Rotwein. Sie sah die wütenden Blicke der Männer und drehte ihnen den Rücken zu. 


»Halten Sie sie an der Leine, wenn Sie wollen, dass unser Geschäft zustande kommt«, hörte sie Fosters ärgerliche Stimme. 


Larry packte Claire am Arm und zog sie hinter sich her. »Du machst alles kaputt«, zischte er. »Ich stehe kurz vor dem Abschluss. Hol dir noch ein Glas, wenn du dich nicht zu Jude setzen magst. Aber verschwinde.« Er ließ ihren Arm los und ging zurück. 


»Ich würde alles tun, damit Sie auffliegen, Foster!«, rief Claire. 


Alle halbwegs nüchternen Blicke richteten sich auf sie.


»Dann war Ihr Mann die längste Zeit hier angestellt ge­wesen«, brüllte dieser zurück.


Wütend schlug Larry mit der Faust auf den Tisch. 


»Raus!«, schrie er Claire an. »Geh zum Wagen!« Seine Stimme klang rau und alkoholgeschwängert.


Claire starrte ihn wütend an. 


»Unglaublich Larry, das lassen Sie sich gefallen? Was sind Sie für eine Memme?« Foster lachte und wollte gar nicht mehr aufhören. 


Er verstummte abrupt und machte eine auffordernde Kopfbewegung. Einen kurzen Moment später spürte Claire einen Schlag auf dem Kopf und fiel zu Boden. 


Als sie zu sich kam, saß sie auf dem Beifahrersitz des Ford V8. Ihr Kopf schmerzte. Neben ihr bewegte sich jemand. Sie blickte zur Fahrerseite und erkannte den Kellner, der ihr den Rotwein angeboten hatte. 


Entschuldigend hob er die Schultern. »Ich hatte Sie ge­warnt, Mrs. Claire. Kein guter Umgang hier.« 


Claire starrte ihn an und fuhr sich über den Hinterkopf. Sie spürte Feuchtigkeit zwischen den Fingern. Der Schlag hatte eine schmerzende, blutende Platzwunde verursacht. Wer ihr den Schlag verpasst hatte, wusste sie nicht.


»Mein Name ist Howard Wyland, Mrs. Claire«, stellte sich der Kellner vor. »Wenn Sie möchten, fahre ich Sie nach Hause. Larry hat sich für seinen Weg entschieden. Aber Sie können immer noch umkehren.« 


Irritiert von seinen Worten und der vertraulichen An­sprache, suchte Claire nach einer Antwort. 


In diesem Moment gab es einen Knall und die Front­scheibe des Wagens zersplitterte. Claire duckte sich instinktiv. Howard sank lautlos neben ihr zusammen. 


Claire wollte schreien, aber sie brachte keinen Laut her­aus. Zitternd und stumm starrte sie ihn an, bis jemand sie aus dem Auto zerrte. Es war Larry, der sie aus trüben Augen anblickte. 


»Du machst alles kaputt. Die ganze Welt verlacht mich wegen dir. Dabei habe ich dir immer jeden Wunsch er­füllt!« Eigenartigerweise sprach er glasklar und ohne zu lallen, dann machte er kehrt und wankte davon. 


Wie habe ich dich einst geliebt, Larry. Mir gegenüber spielst du den Boss, aber anderen ordnest du dich unter! 


Sie betrachtete Howard, der aussah, als schliefe er nur, wäre da nicht das rote Rinnsal, das ihm über die Stirn lief. Sie fing an zu schluchzen. 


Wie kann ich umkehren? Ich kenne meinen Weg nicht, machte sich ein Gedanke in ihrem Kopf breit.


 


Stoßweise nehme ich meinen Atem wahr, als ich die Augen aufschlage. Ich stütze mich hinterrücks an einer dehnbaren Außenhülle ab und komme wackelig auf die Beine. Meine dunklen Haare hängen wirr im Gesicht und nehmen mir die Sicht. Fahrig wische ich sie beiseite. 


Das war ein Traum, denke ich dankbar, nur ein Traum.


Weder Larry noch Foster oder Howard sind in meiner Nähe. Es gibt kein Firmenjubiläum und keine zerschos­sene Windschutzscheibe. Ich lebe nicht mehr im Chicago der 1920er Jahre. Ich lege eine Hand auf meinen Brust­korb, um mich zu beruhigen.


Mein letztes Erdenleben war eine Katastrophe. Als Seele hatte ich die simple Aufgabe, mithilfe meines licht­hellen Kleides meine Claire Sue auf ihrem Lebensweg zu leiten. Stattdessen bin ich vorzeitig ergraut: Ich konnte ihr Herz nicht mehr erreichen, mein Kleid war erloschen. Claire Sue verlor ihr Selbstvertrauen, das Vertrauen in ihre Seelenführung. Sie musste sich allein durchschlagen, als sich Gatte Larry aus dem Staub gemacht hatte. Über Howard Wylands Tod kam sie nie hinweg. Ohne Selbst­vertrauen durchs Leben zu gehen, ist wie auf einem Bein zu hopsen und zu hoffen, irgendwie im Tritt zu bleiben. Es funktioniert nicht. 


Wie schön ist da die Weite des Universums. Gemein­sam mit anderen Seelen kreise ich durchs All. Wir sehen aus wie ein Teppich flirrender Staubteilchen. Aber halt, hier stimmt etwas nicht. 


Ich stecke in einer Blase! Und Blasen bilden sich nur, wenn eine Trennung von den anderen Seelen bevorsteht. Außerdem sind Träume kein gutes Vorzeichen. Erinnert sich eine Seele an ihr Vorleben, steht ihr eine Neubesee­lung bevor. Ich zucke zusammen, als mir dieser Zu­sammenhang bewusst wird. Nervös schaue ich mich um. Wie geht es anderen Seelen im All? Vereinzelt schweben bereits ein paar der dehnbaren, durchsichtigen Seelen­fahrzeuge umher, aber es gibt keine Hektik, keine Auf­bruchsstimmung. 


Ich beschließe, es mir in meiner Blase bequem zu machen, denn ich kann, muss aber nicht zur Erde zurück­kehren. Das entscheide ich. Bereits in vielen Erdenleben habe ich an den unterschiedlichsten Orten als Mensch Erfahrungen gesammelt. Das reicht vorerst. Ich habe keine Lust auf eine Neubeseelung. 


In der Geborgenheit des Universums fühle ich mich wohl. Ich lehne mich in meiner Blase zurück und verfolge den Lauf der Gestirne, die durch das tintenblaue All zie­hen, beobachte die mannigfachen Sonneneruptionen, die aufblitzenden Lichter und flirrenden Farben meiner Heimat. 


Um mich von meinem Albtraum abzulenken, betrachte ich das Sternbild Orion, das nur wenige Lichtmomente von mir entfernt liegt. Schon von Weitem blinken mir die strahlenden Riesensterne des schönsten Sternbilds im Universum entgegen: Sirius, der hellste Stern am Nacht­himmel, Rigel im kühl eisblauen Gewand und Betelgeuse, die linke Schulter des Jägers Orion. Dem Roten Über­riesen steht bald eine Supernova bevor. Mit seinem gran­diosen Schauspiel aus pulsierendem Feuer und glei­ßenden Lichtexplosionen unterhält er die gesamte Milch­straße. 


Allerdings kann ich meine Blase nicht in diese Richtung steuern. Als ich mich umdrehe, erkenne ich auch, warum. Ein Wesen mit einer dunklen Wallemähne bis zu den Hüften hängt frei im Raum und hat seine Griffel in meine Blase geschlagen. Es hält mein Fahrzeug fest. 


»Hüte dich vor Dunkelseelen! Es ist ihre Zeit«, flüstert es. 


Es zieht eine Hand heraus und zeigt zu meinen Füßen. Unterhalb meiner Behausung rauschen Myriaden von Sternschnuppen vorbei. Und nicht nur das. Mein Kleid beginnt milchig-weiß zu flackern ebenso wie das Gewand des geisterhaften Wesens. Kein Zweifel, es ist – genau wie ich – eine Seele, der eine Erdenrückkehr bevorsteht.


Worauf sie mich hinweisen will, ist klar. Albträume, die vergangene Fehler zeigen, Sternschnuppen, die Glück auf Erden ankündigen und mein aufflammendes Kleid als Wegweiser durchs Hier und Jetzt eines Menschen – das alles sind Vorboten, die auf eine Neubeseelung hin­deuten.


»Ich habe mich entschieden, nicht zur Erde zurück­zukehren«, sage ich. 


Die Seele lächelt. Kleine, rund anmutende weiße Zähne blitzen in ihrem Gesicht auf.


»Wir müssen aufpassen, dass keine mit uns fliegt«, warnt sie mich, ohne meinen Worten Beachtung zu schenken. Sie schaut über die Schulter zurück. »Dunkelseelen verstecken sich inmitten der unzähligen Lichtquellen, hüllen sich in Nebel und Staubwolken. Eine Blase ist für sie überhaupt kein Problem, daher reise ich ohne dieses Gefährt. Sie piken sich mit ihren Fingern durch – und schwupp – hat man eine am Kleid. Schmerz­seelen werden sie genannt, weil sie frühere Fehler und Schmerzen aufpoppen lassen. Sie ernähren sich von Ängsten und verletzten Gefühlen.« 


Reflexartig schaue ich auf mein Kleid. Ein Glück, es hat sich keine verfangen. Als ich den Kopf hebe, ist die Seele verschwunden. Meine Blase schwebt frei im Raum.


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