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> Belletristik > Die Biedermanns und ihre Pferde
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Belletristik
Buch Leseprobe Die Biedermanns und ihre Pferde, Martina Sein
Martina Sein

Die Biedermanns und ihre Pferde


Ein Sturm kommt selten allein

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„Ich muss etwas mit euch besprechen“, verkündete Opa. Gespannt richteten sich aller Augen auf ihn, wie die ganze Familie außer Josef da beim Mittagessen beisammen saß. Opa räusperte sich. „Ich würde gerne so Ende September nach Kroatien fahren.“ „Allein?“, rief Sandra aus. Daraufhin nickte Opa. „Die Reise mit Cori und ihrer Familie hat mir echt gutgetan. Da hatte ich mir vorgenommen, dass ich zurückkommen würde. Keine Sorge, ich will weder im Zelt schlafen noch gar mit einem Wohnwagen alleine da runtergurken. Die haben wunderschöne Bungalows. So einen möchte ich mir mieten und ein bisschen zu mir selber kommen.“ „Wird es dir doch zu viel, dass du dich täglich um Merle kümmerst?“, fragte Leentje besorgt. Sofort schüttelte Opa den Kopf. „Ich habe lange überlegt, ob ich es ohne den kleinen Sonnenschein aushalte.“ Er machte eine kurze Pause. „Das Klima und die Ruhe werden mir helfen, ohne Karin durch den dunklen Winter zu kommen. Es sei denn, ihr könnt nicht auf mich verzichten.“ Mika, der finnische Haushälter und Erzieher bei den Biedermanns ergriff das Wort: „Stefan, ich habe dir immer gesagt, dass ich mich um Merle kümmere, wenn Leentje sich mit ihren Pferden beschäftigt oder sogar wieder arbeitet.“ „Was ich bis nach Merles ersten Geburtstag verschoben habe“, ergänzte Leentje. Sie war seit einigen Jahren mit Josef Biedermann zusammen und hatte ihn nach seinem Austritt aus der Sportfördergruppe auf seinen heimatlichen Hof begleitet. Da war sie bereits mit Merle schwanger gewesen. „Na also! Da gewöhnen wir die kleine Maus eh in der Krippe ein“, rief Mika aus. „Ein paar Stunden, von denen Merle sowieso einen Teil verschläft, ist das überhaupt kein Problem, dass ich sie nehme.“ „Und Großeltern hat das Kind auch“, ergänzte Mama und winkte Merle zu, die in ihrer Wippe lag und strampelte. Sie hatte herausgefunden, dass die sich bewegte, wenn sie das tat. „Gut, dann kann ich ja beruhigt Urlaub machen“, fasste Opa zusammen. Papa warf ein: „Bist du dir wirklich sicher, dass du dir die lange Fahrt zutraust, Stefan? Oder hast du dich erkundigt, ob du mit einem Busunternehmen oder dem Zug hinkommst?“ „Na hör mal!“, begehrte Opa auf. „Es ist kein Jahr her, da bin ich mit dem großen Lkw nach Warendorf gefahren, um Jos und Leentje mit ihren Pferden abzuholen. Ich werde wohl mit meinem Auto nach Kroatien kommen! Schließlich kann ich so oft Pause machen, wie ich das für richtig halte.“ Mama seufzte. „Wir werden uns Sorgen machen, bis du dich meldest, dass du gut angekommen bist, aber du wirst wissen, was du tust.“ Dazu nickte Opa bestätigend. Ein weiteres Mal ergriff Mama das Wort: „Ich gehe nach dem Essen zum Friseur.“ „Wie oft noch, bis du deine Perücke weglässt?“, erkundigte Sandra sich. Mama hatte während einer Chemotherapie ihre Haare verloren. Die wuchsen längst nach. Zweimal hatte Mama sie bereits schneiden lassen. „Wenn mir meine Frisur gefällt, dann brauche ich sie nicht mehr; so einfach ist das. Ich hoffe selber, dass es heute so weit ist.“ Die Runde löste sich auf. Leentje ging in die zweite Wohnung, die über dem Pferdestall lag. Mittlerweile hatte sie Merle in einem Rhythmus, bei dem die Kleine nach dem Essen der Erwachsenen gestillt wurde. Anschließend holte Opa sie ab und ging mit ihr spazieren. Das war zum täglichen Ritual geworden. So kam er beim Grab seiner Frau vorbei, was ihm wichtig war. Die Kleine schlief unterwegs im Kinderwagen ein. Mama griff nach ihrer Handtasche, um sich auf den Weg zu machen. „Ich nehme mein Rad“, verkündete sie. Für Sandra ging es im Stall weiter. Sie holte Raya von der Weide herein. Sie war ein Sorgenkind, wie die Biedermanns die Pferde nannten, die zu ihnen gebracht wurden, weil ihre Besitzer nicht weiter wussten. Diese Stute war unheimlich schreckhaft gewesen, als sie auf den Hof gekommen war. Sandra hatte seitdem viel mit ihr an der Doppellonge gearbeitet. Damit hatte sie angefangen, die Stute mit Hindernissen zu konfrontieren. Erst waren es ganz einfache Sachen gewesen wie Stangen oder mit Sand gefüllte Würste. Die bunten Farben hatten ausgereicht, dass Raya nicht in die Nähe dieser Dinge hatte gehen wollen. Heute wollte Sandra einen weiteren Schritt wagen. Sie baute in der alten Halle zwei Schneisen auf. Auf die Banden legte sie bunte Sandsäcke. Wie Raya darauf wohl reagieren würde? Frisch geputzt und mit Longiergurt und einem gebisslosen Zaumzeug, einem sogenannten Sidepull, führte Sandra Raya in das große Gebäude. Dort hakte sie die Doppellonge ein und ließ die Stute einige Minuten vor sich laufen. Dabei forderte sie alle möglichen Hufschlagfiguren und kam immer näher an den neuen Hindernissen vorbei. Ehe Sandra Raya damit konfrontierte, ließ sie die Stute eine Weile im Trab und Galopp um sich herumlaufen. Mithilfe der Doppellonge konnte sie leicht des Öfteren einen Handwechsel einbauen. Schließlich wandten sie sich einer Bande von außen zu. Sandra dirigierte Raya so nah heran, wie diese es zuließ. Zu Beginn der Übung stieß die Stute die Luft hart aus und signalisierte damit, dass ihr das überhaupt nicht gefiel. Sobald sie sich beruhigte, lenkte Sandra sie von dem vermeintlichen Schrecknis weg. Endlich wurde Raya mutiger. Sie schnupperte an einem blauen Sandsack. Dabei stieß sie ihn mit ihrer Nase an, sodass er auf der anderen Seite herunterfiel, was ein platschendes Geräusch mit sich brachte. Entsetzt machte Raya einen Satz auf die Seite, stieß dabei mit den Hufen gegen die Bande und wollte losgaloppieren. Da Sandra ihr Pferd nicht nur an einer langen Leine hatte, konnte sie entsprechend reagieren und es in einen Kreis um sich herum lenken. Zunächst ließ sie die Sachen am Boden liegen und holte sich einen der Sandsäcke. Mit dem stellte sie sich seitlich zu Raya und warf ihn vor sich auf den Boden. Dabei war sie weit von der ängstlichen Stute entfernt. Wann immer die zeigte, dass ihr das zu viel Druck war, machte Sandra einen Schritt zurück, arbeitete sich aber sofort weiter nach vorne. Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde. Dann ertrug Raya es, dass Sandra ihr den Sandsack direkt vor die Hufe warf. „So ist es brav. Das Ding tut dir nichts. Schau es dir ruhig an!“ Als Nächstes versuchte Sandra erneut, ihr Pferd an eine Bande zu bringen. Diesmal geschah etwas Erstaunliches: Raya warf absichtlich mit ihrer Nase sämtliche Sandsäcke auf der anderen Seite zu Boden und schaute Sandra abschließend erwartungsvoll an, als wollte sie sagen: „Na, wie hab ich das gemacht?“ „Wenn dir die Sandsäcke keine Angst mehr machen, können wir ja zwischen ihnen durchgehen, Raya“, schlug Sandra vor. Sie dirigierte die Stute zu der zweiten Schneise, die sie aufgebaut hatte. Ehe Sandra reagieren konnte, räumte Raya beide Banden ab und marschierte zwischen ihnen hindurch. Ein wenig verblüfft folgte sie. Auf der anderen Seite angekommen, wieherte Raya. Da rief Mama vom Außentor her: „Die scheint einen Haufen Spaß zu haben.“ „Hi, du bist schon wieder da?“ „Schon ist gut! Hast du mal auf die Uhr geschaut?“ Mama öffnete das Tor und kam herein. Sogleich stellte Sandra fest: „Hey! Das sieht super aus. Also keine Perücke mehr?“ „Nie mehr, hoffe ich“, ergänzte Mama und fuhr sich durch die kurzen Haare. Sie hatte sich braune und blonde Strähnchen machen lassen, was ihr ein frisches und jüngeres Aussehen verlieh. Im Nacken und an den Seiten waren die Haare kurz. Oben wären sie lang genug gewesen, dass man sie mit einem Glätteisen hätte behandeln können. „Ihr habt scheinbar Fortschritte gemacht“, lenkte Mama ab und nickte zu Raya. „Komm mit! Wir zeigen dir, was wir heute gelernt haben“, forderte Sandra ihre Mutter auf. „Magst du vielleicht die Sandsäcke alle auf die Banden legen? Dann kannst du was erleben.“ Einen nahm Sandra und warf ihn vor Rayas Hufe. Die zuckte nicht einmal zusammen. „Am Anfang hat sie die Flucht ergriffen“, erklärte Sandra. Anschließend ging es in eine Schneise. Wie zuvor räumte Raya ab und marschierte schließlich hindurch. Entschuldigend erläuterte Sandra: „Eigentlich war das nicht so geplant.“ „Das ist super“, lobte Mama. „Sie hat nicht nur verstanden, dass ihr die Sandsäcke nichts tun, sondern gemerkt, dass sie damit machen kann, was sie will. Das ist ein bisschen wie die Geschichte, wer bewegt wen.“ „Ach so! Dann hat sie das instinktiv richtig gemacht.“ „Außerdem scheint sie große Freude an der Arbeit zu haben. Da macht ein Pferd - genau wie ein Mensch - viel lieber mit, als wenn es langweilig ist.“ „Von der Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet“, gestand Sandra. „Ich denke, hier können wir für heute getrost Schluss machen.“ Mama nickte zustimmend. „Da habt ihr gut was geschafft. Probier es morgen mit Bällen in verschiedenen Farben und Größen! Früher haben Cori und ich manchmal sogar Fußball mit den Pferden gespielt.“ Mama war gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester im Alter von fünfzehn Jahren auf den Reiterhof gezogen. „Wie cool! Das probiere ich irgendwann mit Raya aus“, nahm Sandra sich vor. Gemeinsam verließen die beiden Frauen die Halle. Draußen wurden sie von der strahlenden Sonne empfangen, wie sie Ende August schien. Im Tageslicht betrachtete Sandra die Frisur ihrer Mutter erneut. Sie nickte zufrieden. „Das gefällt mir mega.“ „Hoffentlich sehen die anderen das genauso.“ „Und wenn nicht, haben sie Pech gehabt“, meinte Sandra. „Du musst dich damit wohlfühlen.“ Da kam Papa aus dem Stall. Er führte ein Pferd am Zügel, das er vor wenigen Tagen übernommen hatte, um es an das Springen zu gewöhnen. Auf der Zufahrt übte Paulina, Sandras jüngere Schwester, mit ihren Inlinern zu fahren. Bei ihr war auch Janni, Mikas Tochter. Sie war ein Jahr älter als Paulina. Papa steuerte sofort auf die beiden Frauen zu und begutachtete Mama. Anerkennend nickte er. „Jetzt ist es endlich wieder echt.“ „Hat dich die Perücke so sehr gestört?“ „Gestört nicht, aber man hat halt gewusst, dass das nicht wirklich du bist.“ Paulina hatte Papa entdeckt und kam heran. Obwohl Raya gerade einen großen Fortschritt gemacht hatte, war ihr ein Mensch, der auf Rollen stand, höchst suspekt. Sie zog an dem Führstrick, gegen den Sandra die Doppellonge ausgetauscht hatte, um die Stute zum Stall zu führen. „Paulinchen! Du solltest wissen, dass man nicht so auf ein Pferd zukommt“, schimpfte Sandra. „Sorry“, entschuldigte die Jüngere sich und ließ sich auf der niedrigen Begrenzung neben der Zufahrt nieder. „Papa, springst du mit Elebert?“ „Du weißt, dass er nicht so weit ist, Paulinchen, aber ich will ihn Freispringen lassen. Wiebke und Klaus kommen gleich und bauen mir was auf.“ „Kann ich dir helfen?“ Da kam Janni heran. „Magst du nicht mehr Inliner fahren?“ „Im Moment nicht. Später nochmal, wenn Papa mit Elebert fertig ist. Das ist voll interessant.“ Seit Paulina sich in den Kopf gesetzt hatte, selber Springreiterin werden zu wollen, vergötterte sie ihren Vater und nutzte jede Gelegenheit, ihm bei der Arbeit zuzusehen. „Sicher kannst du ein bisschen mit anpacken“, stimmte Papa zu. „Aber horchen musst du, dass du mir nicht unter die Hufe kommst.“ Das versprach Paulina hoch und heilig. Zunächst verschwand Mama oben in der Wohnung. Dort zog sie sich allerdings bloß um und tauchte kurz darauf im Stall auf. Sie hatte sich vorgenommen, heute endlich ein anderes Pferd als Don Santa zu reiten. Dafür hatte sie dessen Halbschwester Donna Luisa ausgesucht. Mama hatte einen Unfall gehabt und wandelte seither mit einer künstlichen Hüfte durch das Leben. Aus diesem Grund hatte Sandra die Sorgenkinder übernommen. Natürlich war Mama eine ausgezeichnete Reiterin, aber niemand wollte riskieren, dass sie doch einmal von einem unberechenbaren Pferd fiel. Jeder, der Mama über den Weg lief, bewunderte ihre neue Frisur. „Dann habe ich mich wohl richtig entschieden“, stellte sie fest. Sandra hatte an diesem Tag ihre eigene Stute Gina noch nicht geritten. Daher ging sie zum Offenstall, um sie zu holen. Dort fand sie Schlappi, ihren Beagle. „Schlappi, hol mir Gina!“, forderte sie die Hündin auf, die postwendend losrannte. Da Mama mit Donna Luisa auf den Sandplatz gehen wollte, richtete Sandra es genauso ein. Am Ende waren sie sogar zu viert. Corinne und ihre Tochter Yvonne erschienen auf dem Hof und gesellten sich mit ihren Pferden Gandalf und Gimli dazu. Das wiederum fand Schlappi toll, denn Amadeus, der Hund der Danningers, war wie immer mit von der Partie. Wie selbstverständlich es geworden war, dass die beiden, die einst als Zwillingsfohlen kaum Überlebenschancen gehabt hatten, unter dem Sattel gingen. Über so kleine Wunder staunte Sandra immer wieder, obwohl sie ihr ganzes Leben mit Pferden arbeitete und in dieser Zeit vieles gesehen hatte.


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