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> Belletristik > Der Schattenhändler
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Der Schattenhändler, Ilka Hoffmann
Ilka Hoffmann

Der Schattenhändler


Roman

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Eine Weile lang verharrte ich in der halb geöffneten Tür wie ein Schauspieler, der seinen Text vergessen hat. In solchen Situationen pflegt dann meist irgendjemand eine frotzelnde Bemerkung zu machen, über die - ob sie komisch ist oder nicht - alle lachen, weil so das peinliche Schweigen durchbrochen wird. Nicht zuletzt erhält dadurch der Betroffene selbst die Gelegenheit, seine Unsicherheit mit einer entsprechenden Entgegnung zu überspielen.
Damals jedoch geschah nichts dergleichen. Alle starrten mich nur an, mit jenem Blick, den ich seitdem noch öfters zu sehen bekommen sollte und dessen Ausdruck ich am ehesten als eine Mischung aus Abscheu und moralischer Empörung beschreiben würde. Auch Frau Z. hatte nach ihrer spontanen Bemerkung fortgefahren, mich anzustarren. Ihre anfängliche Freundlichkeit schien mir dabei rasch in ein feindseliges Misstrauen umzuschlagen.
Damals begegnete ich diesem Blick zum ersten Mal. Entsprechend unerträglich war es mir, ihm - zumal aus elf Augenpaaren gleichzeitig - ausgesetzt zu sein. Mein erster Impuls war, den Raum rückwärts wieder zu verlassen und einfach nach Hause zu gehen. Heute frage ich mich, ob das nicht in der Tat das Beste gewesen wäre. Natürlich hätte sich dadurch nichts Grundlegendes an meiner Situation geändert, aber ich hätte so doch einen allzu traumatischen Zusammenstoß mit meiner neuen Wirklichkeit vermeiden können.
Wie auch immer, ich folgte meinem Impuls nicht, sondern schloss - um überhaupt etwas zu tun - die Tür hinter mir und trat zwei Schritte vor. Warum ich dann innehielt, anstatt einfach auf den noch freien Platz zuzugehen, kann ich selbst nicht sagen. Wahrscheinlich haben mich die forschenden Blicke verunsichert, die sich nun nicht mehr in mein Gesicht bohrten, sondern mit angestrengtem Entsetzen einen Punkt schräg hinter mir fixierten, wo der Lichtkegel des Deckenstrahlers meinen Schatten auf das Whiteboard hätte zeichnen müssen.
Ich habe später lange gebraucht, um über diesen Moment hinwegzukommen. Beim Gedanken daran scheint es mir stets, als wären Vergangenheit und Zukunft hier von einem schwarzen Loch aufgesogen worden und hätten dem Rauschen einer ewigen, zeitlosen Gegenwart Platz gemacht. Noch heute ist es mir deshalb kaum möglich, mich detaillierter an die Ereignisse unmittelbar vor und nach meinem Gang durch das Spalier der Blicke zu erinnern.
Sicher ist, dass ich irgendwann der Blickrichtung der anderen gefolgt bin und mich umgedreht habe, um den Grund für ihre Beunruhigung zu erfahren. Ich weiß nicht, ob mir das Unfassbare gleich bewusst geworden ist oder ob ich erst wie die anderen ungläubig die bewusste Stelle in meinem Rücken angestarrt habe. Schließlich muss ich aber doch erkannt haben, dass dort, wo gemäß den physikalischen Gesetzmäßigkeiten mein Schatten sich hätte abzeichnen müssen, der weiße Lack des Whiteboards genauso unberührt war wie an den anderen Stellen auch. Das Licht missachtete mich ganz einfach, es fiel mitten durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht da.
Ja, war ich denn vielleicht wirklich nicht da? Träumte ich das alles nur, oder war ich etwa selbst ein Teil des Traums der Kollegen, die mich anstarrten wie eine Gruppe von Schlafwandelnden, die von ihrem Erwachen träumen? Aber seit wann begaben sich Schlafwandelnde denn in Gruppen auf ihre nächtlichen Streifzüge?


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