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Belletristik
Buch Leseprobe Das Zeitlabyrinth, Ellen Esser
Ellen Esser

Das Zeitlabyrinth



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1. Und hier saßen sie nun. Die Drucker lärmten, es klapperten die Tasten, das Telefon klingelte im Zehnminutentakt. Die Etage, die aus einem einzigen großen, hohen Raum bestand, war genau das, was sich Marie immer erträumt hatte. Sie arbeitete gerade an einem Internetauftritt, Moni, die einzige Festangestellte, telefonierte, Daniel rollte mit seinem Stuhl herum und Etienne rauschte wie immer als Letzter herein, knallte die Tür und machte erheblichen Wind bevor er einigermaßen zur Ruhe kam. Die Agentur war ihr gemeinsames Kind und bedingungslose Rundumbetreuung war normal. Dabei hatten sie sich selbstständig machen wollen, um der übertriebenen Arbeitsbelastung als Angestellte zu entfliehen. Weil sie fand, ihre Chefs beuteten sie aus, hatte Marie ihren Kommilitonen Daniel vor ein paar Jahren gefragt: «Was hältst du davon, wenn wir uns selbstständig machen? Dann essen wir vielleicht mal zu regulären Zeiten», als sie halb verhungert ihr verspätetes Abendessen zu sich genommen hatten. Auf ihre Frage nach der Selbstständigkeit war Daniel ernst geworden. «Hast du was zu schreiben?» Klar, hatte sie, immer. Daniel, mit dem sie zusammen studiert hatte, hätte sie beschrieben mit sportlich gekleidet, vorne schon keine Haare mehr und hinten rasiert, Brille, netter Kerl, Kumpeltyp, Jungfrau vom Sternzeichen, mag gerne alles strukturieren. Er hatte eine Liste geschrieben, seine Lieblingsbeschäftigung überhaupt. Eine Liste mit Fragen die ihm einfielen, die ihr einfielen. Es ging zunächst gar nicht darum, die Selbstständigkeit sofort zu verwirklichen, sondern darum herauszufinden, ob sie es rein theoretisch schaffen konnten. Daniel hatte laut überlegt: «Wir bräuchten natürlich Geld. Leider hab ich nichts und du willst natürlich auf keinen Fall Geld von deinem Vater nehmen. Wir könnten vielleicht bei einem Quiz mitmachen, um Geld aufzutreiben, was meinst du?» Marie hatte sich gründlich das Kinn abgeputzt und gesagt: «Wir brauchen erst mal ein Konzept. Was ist das Besondere an uns?» Daniel hatte aufgeschrieben: Geld, Konzept. Seitdem war er nicht mehr zu bremsen gewesen. Sie hatten sich in der Mensa getroffen und er hatte gemurmelt: «Hast du schon ein Konzept?» Sie waren in eine Vorlesung gegangen und er hatte auf einen Zettel K o n z e p t gekritzelt, er hatte ihr eine E-Mail geschrieben und in das Betreff: konzePT! eingefügt. Da war Marie klar gewesen, wie ihre Firma heißen sollte: konZEPT mit der Betonung auf kon. Es war besiegelt und mit dem Namen war das Kind geboren. Alles Weitere fand sich. An einem Quiz hatten sie nicht teilnehmen müssen, sondern sie hatten günstig Existenzgründungskapital geliehen und tatsächlich bei einem Businessplan-Wettbewerb gewonnen, immerhin. Die Fabriketage war gemietet worden. Drei Monate hatten sie ohne viel professionelle Hilfe renoviert, umgebaut, einen Bereich für die Beratung der Kunden abgetrennt, auch für Küche und Klo Wände gezogen, um den Rest des lichtdurchfluteten Raumes als Einheit bestehen zu lassen. Man mag es nicht glauben, aber Marie liebte dieses Arrangement an dreihundertfünfundzwanzig Tagen im Jahr. Niemand würde bestreiten, dass sich ihr ständig Aufmerksamkeit erheischendes Heranwachsendes nicht zum Guten entwickelt hatte. Im Gegenteil, es konnte nicht nur stehen, es konnte bereits laufen. Es gab etliche freie Mitarbeiter und schon große Stammkunden, denn Daniel war ähnlich rücksichtslos gegen sich selbst wie Marie. Sein computertechnisches und betriebswirtschaftliches Denken war sein Pfund und seine Akribie bei komplizierten Zeichnungen einzigartig. Maries Gedächtnis für Absprachen mit Kunden, gepaart mit ihrem speziellen Design und der Fähigkeit, bei der Akquise alle um den Finger zu wickeln, ergänzte Daniels Stärken. Sie hatten Etienne mit ins Boot geholt, der ihnen fünf Jahre Erfahrung voraus hatte und ihren Ruf geprägt hatte, mit seinem untrüglichen Geschmack und seinen innovativen Ideen. Sie waren ein starkes Team und stolz darauf, nur von ,Zeit für sich haben’ konnte jetzt erst recht keine Rede mehr sein. Klar und raffiniert war die Seite aufgebaut an der Marie gerade arbeitete, genauso, wie ihr Outfit für diesen Tag: graue Hose, weißes Jackett mit einer grauen Umhängetasche, weiße Perlenohrringe und Pferdeschwanz, geeignet um auf jedem Flughafen der Welt gut dazustehen, denn zu ihrem Leidwesen, musste sie um ein Uhr die Arbeit abbrechen und ihren Bruder vom Flughafen abholen. Sie fuhr rechtzeitig los, mit der U-Bahn bis Uhlandstraße und stieg in den Bus zum Flughafen um, stimmte sich auf Ulf ein, war gespannt, ob er sich in dem Jahr, seit er weg war, verändert hatte, erwachsener geworden war. Am Kreisverkehr kurz vor dem Jakob Kaiser Platz wurden ihre Gedanken jäh von einem blechernen Knirschen unterbrochen. Genau unter ihrem Platz war ein alter VW Cabrio mit offenem Verdeck mit voller Wucht schräg in den riesigen doppelstöckigen Bus gefahren. Sie zwang sich hinzusehen und die Tränen schossen ihr hoch. Der Arm der Fahrerin war gegen das Fenster gelehnt, wie eine heraus gefahrene Tentakel, der Kopf der ungefähr Dreißigjährigen hing seltsam schräg nach hinten, und ein Blutstrom ergoss sich aus ihrem Mund. Sie war allem Anschein nach tot. Während Marie entsetzt auf die Szene starrte, stieg wie eine Erscheinung ein anderes Bild vor ihrem geistigen Auge hoch. Sie sah einen toten Kinderkörper vor sich, der das Bild der Frau überlagerte. Im Bus entstand eine große Unruhe, die der Fahrer einzudämmen versuchte, da er Zeugen brauchte, die den Unfall beobachtet hatten. Mehrere Leute konnten bestätigen, dass die Frau die Ampel auf ihrer Seite übersehen hatte und bei Rot seitwärts in den Bus gekracht war. Diese Leute behielt der Fahrer da, diejenigen, die nichts gesehen hatten, durften den Bus verlassen. Marie wäre unfähig gewesen zu reden, ein krasses Entsetzen lähmte ihre Glieder. Wenn sie einen Unfall sah oder von einem tödlichen Unfall im Bekanntenkreis hörte, reagierte sie jedes Mal so, als hätte sie gerade den elften September miterlebt. Warum wusste sie nicht. So viel sie auch schon darüber gegrübelt hatte, sie fand keine Erklärung. Und dieser Kinderkörper, was war damit? Sie hielt sich beim Aussteigen krampfhaft überall fest und ging auf der Straße in die Knie, als hätte sie die Beine einer Stoffpuppe. Sie atmete, entspannte, atmete. Übelkeit machte ihr zu schaffen. Bald hörte sie die Sirenen von Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei, die von verschiedenen Seiten heranrasten, stand langsam auf und ging mit gesenktem Blick los, den Kurt-Schumacher-Damm entlang. Je mehr sie den Sirenen entkam, desto ruhiger wurde sie. Als sie die Fassung einigermaßen wiedergewonnen hatte, nahm sie aus Zeitgründen ein Taxi, saß dort mit zusammengekrampften Händen, schwitzte, atmete tief durch und schaffte es, noch rechtzeitig am Flughafen zu sein – zittrig, aber pünktlich wie immer. Ulf war einer der letzten Fluggäste, die aus der Absperrung kamen. Sie musterte ihn kritisch, als er sich näherte, registrierte die strähnigen Haare, die bis zum Kinn reichten, sah wie dünn er war, wie deutlich sich die Narben aus der Kindheit in seinem Gesicht abzeichneten, und ging innerlich reflexartig auf Abstand. Mit seinem verfilzten, hellbraunen Strickpullover und der abgewetzten Lederjacke wirkte er wie ein Penner, der so auch in der U-Bahn hätte betteln können. ‹Oh Gott, wie ätzend. Er ist und bleibt ein Freak, egal wo er lebt›, war Maries erster Gedanke. Dann gewann die beschützende Schwester wieder die Oberhand, weil ihr plötzlich klar wurde, wie müde Ulf sein musste. Sie wurde etwas weicher und konnte wahrnehmen, wie zart er war, aber auch wie zäh. Bei der Umarmung stieg ihr der vertraute Teergeruch in die Nase, der von seiner Arbeit als Künstler herrührte, denn er hatte sich auf schräge Teerskulpturen kapriziert. «Hey, großer Bruder», sagte sie. «Na, wieder da?», und suchte nach einem Wagen für das Gepäck. «Hast du immer noch den alten Koffer?» Der Uraltkoffer aus braunem Leder hatte keine Rollen, da er ihn von Tatti, ihrer ehemaliger Kinderfrau, geerbt hatte. So war er, Luxus oder Statussymbole bedeuteten ihm nichts, stattdessen hing er an irgendwelchen alten Dingen, die ihm persönlich wichtig waren, lange über die Zeit. «Hallo», grinste er verlegen. «Erst mal eine rauchen.» Er lud das Gepäck auf und drehte sich draußen eine Zigarette. «Du rauchst? Bist du lebensmüde?» «Das ist ne Kräuterzigarette, extra für Asthmatiker.» «He?» «Für Asthmatiker, die Stress haben. Hier, lies.» Sie las: ‹Die medizinische Kräuter Zigarette ist ideal, um jegliche Form von Asthma, Husten, Heiserkeit, Keuchhusten, Schluckauf bis hin zur Tuberkulose heilen zu helfen. Sie besteht nicht aus Tabak, sondern aus bewährten Kräutern. Sie können damit nikotinfrei das Raucherritual durchführen, müssen also trotz Beschwerden nicht auf den Genuss des Rauchens verzichten.› «Na, dann guten Poof.» Als sie im Taxi saßen, kam in ihr die Panik wieder hoch. Ulf flachste noch locker in den Wagen hinein: «Hallo Berlin, alles noch mal gut gegangen, kein Absturz, kein Terror.» «Aber hier gab es einen Riesenunfall auf dem Hinweg, eine Tote.» «Das hat dich also so mitgenommen.» Marie sah in den Spiegel über dem Beifahrersitz. Ihr Gesicht käseweiß, die schwarzen Haare machten sie noch blasser, und der Pferdeschwanz ließ sie schmaler aussehen. «Eine Frau ist in meinen Bus reingefahren, genau da, wo ich saß. Ich hab gesehen, wie sie tot im Wagen hing», sagte sie mit belegter Stimme nach hinten gedreht zu ihrem Bruder. «Hm.» «Dann ist noch was sehr Merkwürdiges passiert.» Als sie weiter redete blieb ihr fast die Stimme weg. «Ich sah plötzlich einen Kinderkörper, wie so eine Art flashback, das war sehr unheimlich. Ich habe sowas noch nie erlebt, wie so eine Vision.» «Lass uns mal umsteigen», verlangte er. Sie befanden sich gerade auf der Höhe des Hauptbahnhofs. Das Taxi hielt, und als sie oben am S-Bahnhof ankamen, fing Ulf an, nach Luft zu japsen. Er holte seinen Asthmaspray heraus, schüttelte ihn und atmete langsam tief aus. Dann nahm er den Puster in den Mund und drückte gleichzeitig den Sprayknopf, atmete tief ein, versuchte ein paar Sekunden die Luft anzuhalten, atmete langsam durch die Nase wieder aus, kramte in seiner Tasche, suchte eine Flasche mit Wasser, spülte den Mund aus und spuckte das Wasser auf die Gleise und so fort, bis es ihm besser ging. Marie hatte schon lange keinen Asthmaanfall von Ulf mehr miterlebt und vergessen, wie heftig diese Anfälle sein konnten. Schweigend fuhren sie weiter. An der Straßenbahnhaltestelle am Alex saßen sie wie verloren auf der Bank und starrten auf die hektisch pickenden Tauben, die den Fußboden nach Fressbarem abtrippelten. «Woher kennst du diesen Freund?» Ulf hatte beschlossen, bei einem Freund, der nicht weit vom Alex lebte, zu übernachten, denn in seiner alten Wohnung wohnten seit einem Jahr Untermieter. «Den kenn ich durch eine Aktion ‹Künstler gegen Streichung von Atelierförderung›. Er ist schwer in Ordnung, macht tolle Sachen, finde ich.» «Was denn?» «Er ist Bildhauer.» «Da bin ich mal gespannt.» Sie hatte Ulf auf keinen Fall bei sich unterbringen wollen und sich lahm damit entschuldigt, dass sie noch zu wenig Möbel besaß. Dass Ulf keine Möbel brauchte, war eigentlich klar, aber sein Teergestank und seine Unordnung, sein anderes Weltbild, das hatte sie sich nicht antun wollen. Der Freund war ihr daher sehr sympathisch. «Und ihr? Wie ist es drüben für euch?» «Na ja, Karin startet voll durch.» Karin war Ulfs Frau, mit der er nach Los Angeles ausgewandert war. «Weißt du noch, als sie gewettet hat, dass ihr Vertrag verlängert wird? Sie hat die Wette gewonnen.» Marie erinnerte sich, wie sie beim Abschied in Tegel gedacht hatte: ‹Meine Schwägerin, das Flaggschiff, läuft aus.› Karin war pompös aufgebrochen zu ihrer ersten vollen Stelle beim Deutschen Generalkonsulat in Los Angeles mit einer Anstellung als Presseattaché. «Dann bist du jetzt der neue Beuys von Los Angeles?» «Nee, bloß nicht. Karin schleppt mich zwar überall mit hin. Sie kennt jetzt Gott und die Welt, aber ich pass da nicht hin.» «Kommst du denn voran?» «Ich hab jetzt ne Stelle als Hausmeister, da bin ich fast unabhängig.» «Als Hausmeister? Hmm.» Die Straßenbahn hielt direkt vor einem Friedhof, auf den Ulf zielstrebig zuging und die verschnörkelte schmiedeeiserne Tür öffnete, als wolle er in einem Grab übernachten. Marie ging hinter ihm her und dachte amüsiert: als wäre sein Freund ein Prenzlauer Vampir. Ulf steuerte auf ein kleines, von Efeu überwachsenes Häuschen aus rotem Backstein zu und betätigte den verwitterten Klopfer. Die Holztür ging langsam auf, und ein etwa fünfzigjähriger bärtiger Hüne empfing sie mit einem leichten Nicken des Kopfes. Er sah ganz sympathisch aus, fand Marie und überlegte, ob er als Mann für sie infrage käme. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, verwarf sie den Gedanken, denn das winzige Häuschen diente dem Hünen als Atelier und roch stark nach Farbe. Ulf war in seinem Element. «Schön hier auf dem Friedhof, so was könnte ich mir auch gut vorstellen», murmelte er. Seine Anerkennung war mit Neid unterlegt, denn nicht nur das Ambiente gefiel ihm, sondern auch jegliche Art von Geruchsbelästigung. Die beiden Künstler nickten einander verstehend zu. Marie beschloss, sich ein wenig hinzulegen und den Farbgeruch zu ignorieren, denn sie musste an diesem Nachmittag noch zu der Eröffnungsveranstaltung der Bank, die ihr Vater gerade fertiggestellt hatte, und da wollte sie frisch sein. Sie bekam eine braune, etwas schmuddelig aussehende Decke, in die sie sich einwickelte, um sich auf das Sofa mit den kaputten Federn und dem mindestens fünfzig Jahre alten Bezug zu legen. Dann streifte sie die Stiefelletten ab und schloss die Augen. Die Männer palaverten darüber, dass Ulf seine Wohnung endgültig auflösen musste und wie er das anstellen würde. Die tiefe Stimme des Bildhauers und Ulfs leicht knarzige bildeten den Klangteppich für Maries Gedanken. Die kreisten um den Unfall, darum, dass sie ausgerechnet in diesem Bus gesessen hatte. «Sag ihm einfach was Nettes, wenn wir da sind. Ist wahrscheinlich besser, du kommst mit, wenn du schon mal hier bist», riet sie Ulf, als sie aufbrachen, und fühlte sich unwohl. Tagelang hatte Marie sich gefragt, ob es den Vater mehr ärgern würde, wenn Ulf nicht käme, oder ob es größeren Krach geben würde, wenn er erschien. Das Verhältnis der beiden Männer zu entspannen, war hoffnungslos. Bei Maries neuer Wohnung in der Belforter Straße angelangt, kletterte Ulf folgsam mit ihr die fünf Stockwerke hinauf, denn sie wollte sich noch einmal umziehen. Die raffiniert geschnittene Dachetage im Herzen von Prenzlauer Berg, dem Ghetto der Freiberufler um die dreißig, hatte keinen Fahrstuhl. Oben angekommen, stapfte Ulf einsilbig durch die Wohnung, ohne sie wirklich wahrzunehmen, und brachte seine Schwester damit noch mehr auf. Er war noch nie hier gewesen und hätte die spektakuläre Sicht über die Dächer bewundern sollen. Aber er fühlte sich wie jemand, dem gerade eine Zwangsjacke verpasst worden war, und er hatte daher für spektakuläre Ausblicke keinen Nerv. Sich noch einmal umzuziehen, war den Aufwand aus Maries Sicht unbedingt wert, denn es galt den Vater milde zu stimmen. Sie wollte elegant wirken und auf keinen Fall wollte sie stinken. Ihr Stil blieb erhalten: ein Anzug, in dezentem klassischen Schnitt, edles Material, aber in Grau, hohe Schuhe, die tropfenförmigen Perlenohrringe – ein Geschenk des Vaters –, die Haare offen, kein großes Make-up. Ihr war klar, sie sollte Vaters Stolz sein und ‹fertig zum Vorzeigen›. Augenblicklich war die Bank der ganze Stolz des Vaters, so wie er immer, ohne Ausnahme, auf seine Arbeiten stolz gewesen war. Bernhard Hubs Architektur war nicht außergewöhnlich oder spektakulär, er vertrat kein neues Baukonzept. Aber was er anfasste, wurde gut. Die obere Liga der Auftraggeber, wie in diesem Fall die Bank, konnte sich auf ihn verlassen. Der Schöpfer des neuen Bankhauses stand, als sie ankamen, in einem Rudel wichtiger Männer, am entgegengesetzten Ende des Lichthofs, dessen Glasdach die Krönung des Entwurfs war, und nahm Huldigungen entgegen. Marie fand auch, dass ihr Vater da einen attraktiven Innenhof geschaffen hatte, in dem die Bank hervorragend Veranstaltungen durchführen konnte und in dem momentan ganz Berlin versammelt war. Und er, der diesen Hof erdacht hatte, kannte alle persönlich, man sah von weitem, dass er glänzte. Sein Konzept ging auf, das Gebäude war eine ausgezeichnete Visitenkarte für die Bank – und ihren Architekten; das musste selbst Ulf anerkennen, als Marie wissen wollte, wie es ihm gefiel. Der Sohn war sich der Gefahr, die von seinem Vater für ihn ausging, bewusst. Er reagierte darauf, indem er sich erst mal rauchend in eine Ecke des großen Innenhofs stellte, wie ein sechzehnjähriger Schüler, der den aufsichtführenden Mathelehrer provoziert. Marie registrierte alles punktgenau, wollte sich aber nicht öffentlich als Hüterin ihres Bruders aufführen. Sie ging mit energischem Schritt an das Buffet, um sich einen Prosecco und etwas zu Essen zu holen, und vergaß das Problem kurzzeitig, denn das Nahrungsangebot war so malerisch drapiert, dass sie kaum wagte, einzelne Köstlichkeiten aus der edlen Dekoration zu entfernen. Es gab sensationelle Kuchen, aber auch Carpaccio vom Rind, Pilzragout, Garnelen, die besten italienischen Vorspeisen und etliche Salate zur Auswahl, sodass sie erst einmal etwas naschte, um Zeit zu gewinnen. Marie beeindruckte es immer wieder, wie gut sich ihr Vater vermarkten konnte. Auch diesmal war die PR gelungen, ein Tross von Fotografen und Journalisten wurde, begleitet von Vertretern der Bank, persönlich herumgeführt. Hinterher las man nur Lobeshymnen in der Presse. Der Vater wurde gerade fürs Fernsehen interviewt und unterstrich seine Ausführungen mit den für ihn charakteristischen eleganten Gesten wie ein Stardirigent, der dem Orchester seine Interpretation näherbringen will. Mit seinen einundsechzig Jahren war er schon gänzlich weißhaarig, was ihm zusätzliches Charisma verlieh. Seine Augen wirkten groß, weil sie durch die ein wenig auftragenden Tränensäcke optisch betont wurden. Der Mund war eher schmal, die Kleidung leicht unkonventionell, aber nicht übertrieben gewollt. Immer wieder entdeckte Marie einen ranghohen Politiker, der mit gefülltem Teller an ihr vorbeilief, einen bekannten Sänger oder Schauspieler. Alle sahen sehr vorteilhaft aus, denn die Herbstsonne, die durch das gläserne Dach fiel, verlieh der Feier ein mildes schmeichelndes Licht, was durch klug positionierte Lampen unterstrichen wurde. Sie hörte von den Umstehenden, dass es nach dem Essen einige Festreden geben würde, eine kurze Lesung und Musik. Die Büros und auch die Schalterhalle waren zur Besichtigung geöffnet und die kleinen Grüppchen, die aus dem Gebäudeensemble in den Hof strömten, äußerten nur Anerkennendes. Marie fand den Bau sehr gelungen und ging erfreut zu ihrem Vater, um ihm zu gratulieren. «Meine gut geratene Tochter», rief er den ihn Umgebenden zu, «und da hinten sehen Sie den missratenen Sohn. Raucht in meiner neuen Halle. Kommt extra aus Amerika hierher, um meine neue Halle voll zu rauchen. Liebes Kind, geh hin und sag ihm, dass man hier nicht raucht. Das soll er mal in L.A. versuchen, da wird man ihn sofort einbuchten. Hier sind die anderen vielleicht toleranter, aber ich nicht.» Marie wurde rot und fing an zu schwitzen, es war genau das passiert, was sie befürchtet hatte. Sie ging lächelnd, als sei das alles kein Problem, zu Ulf und richtete ihm in abgeschwächter Form die Botschaft ihres Vaters aus, was wahrscheinlich ein Fehler war, denn sie sagte ihm, dass der Vater ihn sehen wolle, dass er aber mit dem Rauchen unbedingt aufhören solle. Pflichtschuldigst suchte Ulf umständlich eine Untertasse, die er zum Aschenbecher umfunktionierte, und ging zu seinem Vater, um ihn zu begrüßen und etwas Anerkennendes über das Gebäude zu sagen. Er war noch nicht ganz bei ihm, als dieser schon tönte: «Ein fertiges Gebäude ist wohl zu sauber für dich? Es fehlt der Teer, der Schmutz, kannst gar nicht abwarten, dass es vollgesprayt ist, vollgemüllt. Dies ist mein Sohn, der Teerkünstler, der am liebsten alles mit einer schwarzen Kruste überzieht. Dann erst passt es für ihn. Was, Ulf?» Ulf lächelte schief. «Nee, ist auch so schön. Wusste ich nicht, das mit dem Rauchen.» Der Chef der Bank stand neben seinem Architekten. «Lassen Sie meinen Sohn mal ran», sprach Bernhard Hub ihn direkt an. «Er wird Ihnen eine tolle Skulptur in den Hof stellen, Blöcke aus Teer oder das vergrößerte Logo der Bank, das er mit Teer übergießt. Man muss aufpassen, dass er einen nicht selbst erwischt. Ich glaube, er würde seinen Vater sehr gerne hier verewigen, in einem Teermantel. Wär das nichts, Ulf?» Die Umstehenden lachten, um die Situation zu entschärfen. «Würdest lieber alles hier abfackeln, hab ich nicht Recht?» Bernhard Hubs Stimme zog eher noch an, während Ulfs Stimme gewaltig knarzte, als er erwiderte: «Hab ich doch gar nicht gesagt. Ich hab doch gesagt, dass ich’s schön finde.» «Diese Künstler glauben, dass es nur darauf ankommt, eine Handschrift zu haben, egal wie, aber dass da Können dahinterstehen muss, davon haben sie keinen blassen Schimmer.» Ulf murmelte etwas, kehrte um, holte sein Asthmaspray heraus und ging. «Oje, Vater. Jetzt muss ich mitgehen, muss mich um ihn kümmern», murmelte Marie. «Tut mir leid, ich komm wieder. Entschuldigung, könnte ich vielleicht mal durch?» Wütend setzte sie sich in Bewegung, um ihren großen Bruder zu trösten. Die Situation erinnerte sie an ihre Kindheit. Schon da stellte Ulf ständig was an. Er zündelte im Garten, hörte so laut Musik von Nirwana oder 1986, dass die Bässe durch die Wände schallten und die ganze Familie reizten. Damals bewunderte sie ihn und war zugleich heilfroh, dass sie nicht die Wut und Aggressionen zu Hause abkriegte. Die Rollenverteilung in der Familie war geblieben, nur hatte sie jetzt einen Erwachsenen am Hals und die Bewunderung war einer unterdrückten Abscheu gewichen. Ulf saß auf einer Bank auf dem Mittelstreifen von Unter den Linden und versuchte, Luft zu kriegen. Sie wollte sich nicht mit ihm solidarisieren. Für sie war dieser Event wichtig, um Kontakte für die Werbeagentur zu knüpfen, denn Klappern gehört zum Handwerk. Das hatte der Vater ihr schon früh eingebläut, und unter diesem Gesichtspunkt durfte sie sich so eine Gelegenheit auf gar keinen Fall entgehen lassen. Sie setzte sich also stumm neben Ulf auf die Bank und wartete, bis es ihm wieder besser ging, hielt dann ein Taxi an und gab dem Fahrer das Geld, um Ulf zum Friedhof zu fahren. Ulf wusste nicht, wie er reagieren sollte, ob er das Angebot annehmen oder doch besser mit der Straßenbahn fahren sollte. Er entschied sich für die Bahn, stand auf und sagte: «Nicht deine Schuld», und stiefelte davon. Marie entschuldigte sich bei dem Taxifahrer, der ihr verärgert das Restgeld wiedergab. Sie lief mit eiligen Schritten über den neuen Marmorfußboden im Lichthof, als könne sie die versäumte Zeit aufholen, rutschte dabei mit ihren neuen Schuhen unsicher herum und wäre um ein Haar hingefallen. Ein sehr konservativ wirkender junger Mann stoppte sie und fragte: «Brauchen Sie Hilfe?» Sie lachte. «Das Parkett ist so glatt hier, könnte man sagen.» Er sah auf den Boden: «Das Parkett?» In dem Moment kam Vater Hub angesegelt. Er sträubte sein Gefieder wie ein Pfau, weil sein Liebling wieder da war. Sie riss sich zusammen, setzte ein charmantes Lächeln auf, dann hakte sie sich bei ihm unter, schüttelte leicht mahnend den Kopf und runzelte die Augenbrauen, was er mit einem aufgesetzten Lachen quittierte. Er stellte beide einander vor. Der junge Mann machte die Öffentlichkeitsarbeit für die Bank – Maries erster wichtiger Kontakt heute Abend. Bernhard Hub begann nun gezielt, ihr die Bälle zuzuwerfen, damit sie keine Zeit verlieren musste, um weitere Kontakte zu knüpfen. Er stellte ihr jemanden vor und entfernte sich dann. Wenn sie länger mit dem entsprechenden VIP reden und ihm sogar ihre Visitenkarte geben konnte, war die Vermittlung erfolgreich, und sie musste hinterher zu ihm gehen und ihm einen Kuss geben. Diese Art, Geschäfte anzuleiern, war Freude pur für ihn, und sie schaffte es nicht, ihm diese Freude zu verweigern. Zum Beispiel der große Auftrag, an dem sie gerade arbeitete, eine Kampagne für ein Modelabel, war aus einer solchen Hol-das-Stöckchen Dressur entstanden. Natürlich war sie dankbar für seine Hilfe, aber wozu hatte sie sich selbstständig gemacht, wenn sie sich jetzt doch von ihm abrichten ließ – das fragte sie sich insgeheim immer öfter. Nach einiger Zeit hatte sie das Bedürfnis, sich hinzusetzen, um aus der Schusslinie zu kommen, und traf dabei auf ihre Mutter. Die sah gestresst aus, weil sie permanent damit beschäftigt war, Gruppen durch das Gebäude zu führen. Zwar hätte ein Fremder der eleganten Erscheinung ihre Erschöpfung nicht angesehen, nur Marie bemerkte ein paar verrutschte Haarsträhnen, die sich aus der perfekten Frisur befreit hatten, und dass der Gesichtsausdruck nicht ganz so strahlend und eifrig war wie sonst. Sie organisierte zwei der frei herumstehenden Stühle, und beide zogen sich gleichzeitig die Schuhe aus. Von dem Krach hatte die Mutter nichts mitbekommen, und Marie wollte auch nicht darüber reden. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war, seit sie denken konnte, distanziert. Sie war von einer unpersönlichen Schönheit, hatte diese perfekte Hülle, aber was in ihr vorging, wusste keiner. Das machte sie mit sich selbst aus, im abgedunkelten Zimmer, wo sie viel Zeit mit ihrer Migräne verbrachte. Es gab wenig Vertrautes, wenig Mütterliches, wenig Herzliches von ihrer Seite. Marie hatte sich immer am Vater orientiert. Sie empfand eher so etwas wie Konkurrenz ihrer Mutter gegenüber, als wäre sie die bessere Frau für den Vater gewesen, und sie nahm es ihr übel, dass sie nicht liebevoller zu allen war. Das Einzige, was gut zwischen ihnen funktionierte, war Mode. In diesem Fall mochte Marie die Schuhe ihrer Mutter nicht besonders, weil sie ihr zu flippig waren – die schwarzen Schuhe hatten Strass Steinchen um den Rand. Aber sie lobte sie trotzdem: «Todschick, allerdings nichts für mich», worüber sich die Mutter sichtlich freute. Renate Hub hatte etwas kleinere Füße, eine halbe Nummer etwa, aber wenn ihre Schuhe getragen waren, passten sie Marie manchmal. An diesem Tag waren sie aber geschwollen. «Ich müsste mir eigentlich die Zehen abhacken», scherzte sie, «mit so großen Füßen finde ich nie einen Prinzen.» «Mir sind meine schon ganz von alleine abgefallen», seufzte ihre Mutter. Sie war zwar jünger als der Vater, aber nicht mehr ganz so fit, besonders was das Laufen betraf. «Dein Prinz ist heute zum König avanciert.» «Den Job der Königin hätte ich mir anders vorgestellt. Nicht so anstrengend.» Der König winkte ihr. «Ich muss wieder», sagte die Mutter und zog sich die Schuhe an. Aber auch Marie riss sich zusammen, machte sich nützlich und sammelte brav Kontakte. In solchen Situationen spürte sie nicht mehr, wie es ihr ging, sondern sie funktionierte einfach. Sie trank ein Gläschen mit dem Vertriebsleiter des Autohauses von nebenan, nahm wahr, dass eine Besucherin eine Serviette brauchte, um den Mayonnaise Fleck von der Krebssoße aus ihrem Jackett zu wischen, und eventuell über Hilfe und tröstende Worte dankbar wäre. Diese und andere Situationen führten unweigerlich dazu, dass man über die Arbeit sprach. Die Erfahrung, wie wichtig eine gute Werbeagentur ist, hatten inzwischen schon viele gemacht, und sie fragten oft von sich aus nach Visitenkarten. Viele Männer machten ihr Komplimente, kamen aber weder als Liebhaber noch als ernste Beziehung in Frage. Sie war eine trainierte Diplomatin und konnte sich immer geschickt aus der Affäre ziehen, ohne sie zu verärgern. Und selbst wenn es nicht gleich zu einem Auftrag kam, waren diese Kontakte der erste Schritt, aus dem sich erfolgreiche Geschäftsbeziehungen entwickeln konnten. Sie galt als die erfolgreiche, schöne Tochter und glänzte an diesem Abend in Höchstform. Um sich an einem normalen Arbeitstag, der bei Marie von neun Uhr morgens bis elf Uhr abends dauerte, und das sechs bis sieben Tage die Woche, wenigstens stundenweise zu entspannen, genehmigte sie sich hin und wieder unverbindlichen Sex. Am Morgen nach der Eröffnung entsprach sogar die Garderobe ihrem Doppelleben. Das sichtbare Outfit wirkte seriös: graue Strümpfe, grauer Rock, schwarzes Jackett mit einer grauen Umhängetasche. Aber unter dem klassischen Ensemble lauerte eine geile Marie mit einem weißen BH, der die Brustwarzen frei ließ, und weißen Strapsen für die halterlosen Strümpfe mit schwarzem Rand. Der Slip fehlte ganz, der steckte in ihrer Handtasche für den seriösen Teil des Tages. Bevor die Arbeit begann, wollte sie sich ein kurzes Auftanken genehmigen, bei Hassan, ihrem derzeitigen Liebhaber. Sie verließ das Haus wie immer rechtzeitig, mit Vorfreude im Bauch auf den erotischen Abstecher. Hassan wohnte in Kreuzberg in der Skalitzer Straße, Parterre Vorderhaus. Obwohl seine Bleibe nur zwei UBahn-Stationen von ihrem Arbeitsplatz, der eleganten Werbeagentur konZEPT, entfernt war, fühlte sie sich in dieser Ecke vor Entdeckung sicher. Es schien ihr unwahrscheinlich, hier jemanden aus ihrer Welt zu treffen. In dieser Straße dominierten Männer, die dunkel gekleidet herumstanden und palaverten, während Frauen mit Kopftuch und Kinderwagen ihre Einkäufe erledigten, flankiert von zwei bis drei Kindern, die nebenher liefen. Hassan selbst war ein Fremdkörper, kam aus Ägypten, war erst seit einem Jahr in Berlin und fest in eine ägyptische Parallelwelt eingebunden. Als Marie sich an diesem Tag seinem Haus näherte, spürte sie deutlich den fehlenden Slip. Sie wurde zunehmend erregter, auch weil sie sich vorstellte, wie schockiert viele der konservativ-religiösen Menschen dieser Umgebung wären, wenn sie wüssten, dass sich ihr Treffen ausschließlich auf Sex bezog. Auf ihr Klingeln um halb elf Uhr morgens rührte sich zunächst nichts. Hassan, der so ungeduldig mit ihr war, hatte gar kein Zeitgefühl. Marie befürchtete, er würde das Läuten im Schlaf nicht hören, klingelte Sturm und spürte, wie bereits die Wut in ihr hoch kroch. Schließlich wurde der Riegel umgedreht, und da stand er: verschlafen, nur mit Shorts bekleidet. Ein verführerischer Anblick, mit seiner schönen, leicht getönten Haut mit den schwarzen Augen, dem etwas rundlichen Gesicht und den verstrubbelten üppigen Haaren. Aller Unmut war verflogen, denn sie fand ihn äußerst verlockend. «Marie …» Er sagte etwas auf Arabisch, die deutschen Worte fielen ihm nicht ein, weil er noch im Halbschlaf war, dann sah er sich vorsichtig um und zog sie in die Wohnung. «Keine Mensch da, komm!» Schwere Gerüche von arabischer Küche hingen in der Diele. Die vielen Jacken, Schuhe, Plastiktüten mit Flaschen verrieten, dass hier nur Männer wohnten, und die Poster einer Moschee und anderer islamischer Symbole, dass es Muslime waren. Für Marie war sie etwas unheimlich, diese andere Welt, in der es keine Frauen gab, aber zugleich steigerte es ihre Lust, weil sie wusste, dass sie etwas Verbotenes tat. Obwohl Hassan absolut scharf auf sie war, irritierte ihn ihre Lust, denn er konnte die Motivation einer Frau, die nur Sex will, nicht einordnen. «Will ich nix hier treffen mehr, Marie, alle schlimm – mit Frau – ohne Ehefrau, nix geht das.» Hassan hätte sich schon wegen seiner Cousins, die im Nebenzimmer wohnten, lieber in ihrer Wohnung getroffen, denn ihr Verhältnis war aus islamischer Sicht Sünde, weil sie nicht verheiratet waren. Marie wollte ihn aber aus ihrem Leben heraushalten, sie war da ganz kategorisch. «Weiß nicht, was machen wir. Aba rede später. Jetzt du Strip!» Sein winziges Zimmer war durch die Matratze fast komplett ausgefüllt, die wenigen Anziehsachen lagen in einem Koffer oder hingen an Nägeln an der Wand, neben einem Bild von Mekka. Ihr war nur wichtig, dass er lüftete, bevor sie kam, und wöchentlich ein frisches Laken aufzog. Mehr brauchte sie nicht. Hassan hatte sie in sein Zimmer geschoben, arabische Musik angestellt, die Shorts ausgezogen und sich nackt auf die Matratze gelegt. Während sie ihm seinen Stripwunsch erfüllte, erigierte sein Schwanz und platzte schließlich fast. Sie ließ sich mit dem Ausziehen Zeit, schwelgte, genoss sich selbst. Diese heimlichen Treffen erlaubten ihr, die eigenen Fantasien ganz unzensiert auszuleben. Der BH war so ein Versuch, und als Hassan ihn sah, entfuhr ihm ein Ah der Bewunderung. Als er sie nahm, stöhnte sie so laut, dass Hassan das Radio vorsichtshalber noch lauter aufdrehte. Um Punkt zwölf sah Marie auf die Uhr, duschte, zog sich an, küsste Hassan nochmals, ging zur Wohnungstür, schlüpfte aus dem Haus und kehrte in ihr Alltagsleben zurück.


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