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> Belletristik > Das Schweigen der Mörder
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Belletristik
Buch Leseprobe Das Schweigen der Mörder, Fiona Limar
Fiona Limar

Das Schweigen der Mörder



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Es geschah genau sechs Wochen nach dem Mord, der das beschauliche Dorf Geistmoor noch immer in Atem hielt. Alles daran war rätselhaft gewesen: Das Motiv, die Ausführung und vor allem die Wahl des Opfers. Bei letzterem hatte es sich um eine hochbetagte, schwerkranke Frau gehandelt, die ohnehin nur noch wenige Wochen zu leben gehabt hätte. Außerdem war sie alleinstehend und völlig mittellos gewesen. So konzentrierte sich der Verdacht bald auf den Pflegedienst, der sie zuletzt betreut hatte. Ein Todesengel, jemand, der sich zum Herrn über Leben und Tod aufgeschwungen hatte, musste da am Werk gewesen sein. Darüber waren sich alle einig. Weil das so naheliegend erschien, wäre keiner der Dorfbewohner auf die Idee gekommen, selbst ins Visier des rätselhaften Mörders geraten zu können, am wenigsten die fünfzehnjährige Elise, die es an diesem Abend besonders eilig hatte. „Nun renn doch nicht so, Eli!“ Nele verdrehte genervt die Augen. Sie war mit Till, der sein Moped neben sich herschob, ein Stück zurückgeblieben. „Wir haben noch massig Zeit, nachher stehen wir bloß blöd an der Haltestelle herum.“ Das Argument wirkte, Elise verlangsamte ihre Schritte. Dabei verspürte sie den dringenden Wunsch, die beiden so schnell wie möglich loszuwerden. Sie hasste Nele für deren Falschheit. Der ging es doch überhaupt nicht darum, sie sicher zum Bus zu begleiten. Vielmehr genoss sie die Möglichkeit zu demonstrieren, wie glücklich sie mit Till war, den sie der angeblichen Freundin erfolgreich ausgespannt hatte. Jetzt blieben sie schon wieder stehen, um zu knutschen, oh Mann! Ein Glück, dass Till seine Hände brauchte, um das Moped festzuhalten. Elises Augen begannen zu brennen. Das fehlte noch, dass sie jetzt losflennte. Nicht vor Nele! Sie hatte ablehnen wollen, als ausgerechnet die sich angeboten hatte, Julias Geburtstagsfeier kurz zu verlassen. Allein hätte sie allerdings auch nicht gehen wollen, denn der Weg zur Bushaltestelle führte an einem einsamen Waldstück vorbei, das bei Nacht recht unheimlich wirkte. Heute kam es ihr besonders gruselig vor, weil auch noch dichter Nebel herrschte. Zwischen den Bäumen schien er sich zu bedrohlichen Gestalten zu verdichten und einmal hörte sie ein Knacken aus dem Gebüsch, als würde jemand unmittelbar neben ihr her schleichen. Sie zuckte zusammen, doch ihre schon wieder heftig miteinander befassten Begleiter schienen nichts bemerkt zu haben. Auf der gesamten Strecke begegnete ihnen kein Mensch, an der Haltestelle waren sie ebenfalls allein. „Siehst du, wir sind zu früh“, sagte Nele, um sich gleich darauf wieder an Till festzusaugen. „Sind wir nicht, da kommt er schon.“ Elise war erleichtert, als sie sah, wie die Scheinwerfer des Busses die Nebelschwaden durchbrachen. „Schade, dass du nicht länger bleiben konntest“, meinte Nele. Es klang wenig überzeugend. Sie schwang sich hinter Till auf den Sozius und hatte es nun offenbar eilig, zur Feier zurückzukehren. Elise winkte ihnen noch zu, dann betrat sie erleichtert den Bus und hielt ihre Monatskarte hoch. Der Fahrer hatte das Licht im Innenraum nicht eingeschaltet und fuhr ruckartig los, kaum dass sich die Türen geschlossen hatten. Elise wurde zur Seite geschleudert, sie konnte sich gerade noch an einem Sitz festhalten. Im ersten Moment hatte sie Mühe, sich zu orientieren. Als sie sich dann näher umschaute, weiteten sich ihre Augen zuerst vor ungläubigem Staunen, dann vor Entsetzen. Das konnte doch unmöglich wahr sein, sie schien mitten in einen Albtraum geraten zu sein! Wie gelähmt stand sie da, unfähig sich zu bewegen. Nur ihr Herz schlug einen solchen Trommelwirbel in ihrer Brust, als wollte es davon galoppieren. Kalter Schweiß, der ihr von der Stirn in die Augen rann, brachte sie zur Besinnung. Ihre Erstarrung löste sich, sie versuchte zu fliehen. Obwohl sie heftig gegen die schlingernden Bewegungen des Busses ankämpfen musste, gelang es ihr, bis zur Tür zu torkeln. Die war allerdings fest verschlossen. Draußen flog die Landschaft in rasendem Tempo vorbei, es gab kein Entkommen. Elises letzte Fahrt führte sie direkt in die Hölle.


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