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Belletristik
Buch Leseprobe Das Hohelied der Steine, Peggy Langhans
Peggy Langhans

Das Hohelied der Steine


Roman

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Geschwungen ist die Linie, die das Hellgrau vom
Schwarzgrau in der Mitte des Bildes voneinander trennt.
Geschwungen, um die Konturen des Verkörperten nachzu-
zeichnen. Geschwungen, um zwischen dem Anfangs- und
dem Endpunkt zu tönen. Geschwungen, um in die Ewigkeit
zu singen.
Die Luft um Marion herum vibriert, als sie mit dem Finger
den Rand ihres Weinglases nachfährt und versunken die
Fotografie betrachtet.
„Ist das ein ‚a‘ “, überlegt sie laut. „Nein, eher ein ‚g‘ oder
vielmehr noch ein ‚f ‘. Ja, das muss es sein: ein ‚f ‘. Dein
Körper ist ein ‚f‘.“
„Mein Körper?“ blickt Annika sie verdutzt von der Seite an.
„Ja, dein Körper. Denn das bist doch wohl du, oder nicht?
Kann mir nicht vorstellen, dass Barbara von anderen
Frauen so beeindruckende Akt-Fotografien gemacht hätte“,
zwinkert sie Annika zu.
„Du entblößt auch alles“, gibt Annika zu.
„Nein, Süße, das hast du getan. Ich ... na ja, ... auch ...
früher einmal, um mir Geld damit zu verdienen ... und aus
Spaß.“
„Du?“
„Ja, das gehörte fast schon zum guten Ton, Aktmodel zu
sein, wenn frau eine halbwegs vernünftige Figur hatte.“
„Gibt’s davon noch Beweise?“
Marion tut verlegen.
„Komm schon!“, stichelt Annika.


„Wenn ich ein Glas Wein mehr getrunken hab ... und du
auch“, willigt Marion ein.
„Bon, also nachher“, beschließt Annika und nimmt dem
Servierkellner kurzerhand zwei Schoppen Bordeaux vom
Tablett. „A santé!“
Lachend stoßen sie miteinander an.
„Du meinst, mein Körper klingt wie ein ‚f ‘?“, fragt Annika
nach. „Wie kommst du darauf?“
„Die Linie“, zuckt Marion mit den Schultern. „Wenn man
mit einem Tonabnehmer darüber fährt, würde sie klingen.
Schau, sie schwingt!“
Mit der flachen Hand streicht sie den Umriss von Annikas
nacktem Körper in der Luft nach, wie Barbara damals, als
dieses Foto in ihrem Schlafzimmer entstand.
Es war der letzte Tag im September.
Ihre erste Nacht im vollständig eingerichteten Haus in
Cascais.
Durch den schwül-warmen Äther wehte die raue Stimme
Gilbert Becauds, der das Ende des Sommers und den bron-
zefarbenen Abendhimmel über dem weißen Sandstrand
besang.
Zu heiß war es Annika, die sich nackt auf das Bett gewor-
fen hatte, um sich auch nur mit einem Laken zuzudecken.
Barbara tastete mit ihrer weichen und doch kräftigen
Hand ihren Körper ab und sagte:
„Ich will ihn mir einprägen. Jeden Zentimeter. Jede seiner
Landschaften. Die langgezogene Ebene deines Rückens mit
der fingerbreiten Furche deiner Wirbelsäule, über die bei-
den Rundungen deines Pos, die zu den beiden Wellen dei-
ner Oberschenkel übergehen, durch die Senken deiner


Knie, die nächsten Wellen deiner Unterschenkel nehmen,
um zu den schlanken Fesseln und schmalen Füßen zu ge-
langen. Ich will ihn mir einprägen, um sie nie zu verges-
sen: die Landschaft, die deine Seele prägte.“
Sie griff zur Kamera und drückte auf den Auslöser. Foto
um Foto entstand in dieser Nacht. Unter den streichelnden
Blicken Barbaras durch das Objektiv wand und wandelte
sich Annika zwischen den Laken auf ihrem Bett. Lustvoll
gab sie sich ihr hin, bis sie ihr die Kamera entriss und sie
auf das Bett zog, um beider Landschaften miteinander zu
vereinen.
„Das muss ein Rausch gewesen sein“, reißt Marion Annika
aus ihrer Erinnerung.
„Das war es. Alles. Jede einzelne Begegnung. Ein Rausch“,
sagt Annika leise.
C’est en Septembre‘“, singt Jean und umarmt Annika von
hinten dabei. „Hach, Melancholie pur. Der Sommer geht,
der Herbst kommt. Die Liebe geht, die Einsamkeit kommt.
Et voilà, nicht mehr bei mir. Wunderschöner Akt von dir,
Ka! Wär’ ich ein paar Jahre jünger, nicht vergeben und
würde ich nicht die behaarte Brust bevorzugen, hm, ja, da
könnte ich sicher schwach werden, bei diesem Anblick.“
„Charmeur“, bufft ihn Annika mit dem Ellbogen in den
Bauch.
„Spaß beiseite“, wird er wieder ernst. „Die Gäste sind voll-
zählig. Wenn du soweit bist, können wir mit der Lesung
anfangen.“
Er lässt sie wieder los und schlendert mit einem eleganten
Hüftschwung in den Saal zurück.


‚C’est en Septembre‘, denkt Annika. September. Schon
wieder ist es September. Ursprünglich der siebte Monat im
Jahr, deshalb abgeleitet von Septime. Eigentlich ein Neu-
beginn. Denn vielerorts starten nach der Zäsur durch die
Sommerpause die Lehrbetriebe in ein neues Schuljahr oder
Semester, die Theater und Opernhäuser in eine neue Spiel-
zeit und so manch einer in eine neue Lebensphase. Zumin-
dest ist es bei ihr so. Denn im September 2006 hat sie Bar-
bara kennengelernt. Im September 2007 probierte Barba-
ra, sich das Leben zu nehmen, und Annika beschloss, mit
ihr zusammenzuleben. Im September 2008 verließen sie
Südfrankreich und zogen an die Küste Portugals. Im Sep-
tember 2009 ist Barbara tot und Annika versucht, allein in
Berlin über ihren Tod hinwegzukommen. Und im Septem-
ber 2010 steht sie nun in Paris in einer Galerie, in der
Barbaras Fotos ausgestellt werden und Annika sogleich
ihren Debütroman vorstellen wird. Fünfmal der siebte Mo-
nat. Fünfmal Veränderung. Fünfmal Neubeginn.
Was wird heute neu beginnen?, fragt sie sich und lässt da-
bei, hinter einem Pfeiler gut versteckt, ihren Blick über die
Gesichter der im Raum versammelten Menschen streifen.
Menschen, die gekommen sind, um ihr zuzuhören. Men-
schen, die Barbaras Fotografien betrachten wollen. Men-
schen, die sich für sie und ihre Geschichte geöffnet haben.
Erwartungsvoll sind ihre Augen und Sinne auf den leeren
Stuhl auf dem Podest, das Jean eigens für diesen Abend
aufstellen und dekorieren lassen hat, gerichtet.
Ruhe ist eingezogen. Hier ein Räuspern. Da ein Rascheln.
Draußen ein Rauschen.
Dann das Klacken von Annikas Absätzen auf dem grauen
Steinboden. Das Knarzen des Stuhls, auf den sie sich setzt.


Das Knacken der Mappe, in der der Text für den heutigen
Abend abgelegt ist.
„DAS LEUCHTEN DES LABRADORITS“, schwingt der
Titel ihres Buches in den Äther dieses Abends, wird von
ihm weitergetragen, trifft auf das Trommelfell der Zuhö-
renden, dringt in ihr Gehirn und von dort ...
Ja, wohin dringen ihre Worte vor? In den Verstand? In das
Herz? In den Geist? In die Seele? Oder werden sie aufge-
halten? Prallen sie ab von den unsichtbaren Wänden des
Zweifels vor dem Verstand? Stoßen sie auf den fühlbaren
Widerstand vor dem Herzen? Wird ihnen so der Zugang zu
Geist und Seele verwehrt?
Ihr Weg liegt nicht in Annikas Hand. Sie hat diese Worte
geschrieben mit der Kraft ihres Verstandes, ihres Herzens,
ihres Geistes und ihrer Seele. Sie liest sie mit eben dieser
Kraft aus ihrem Verstand, aus ihrem Herzen, aus ihrem
Geist und aus ihrer Seele. Denn sie hat diese vier Kräfte
vereint unter einer Kraft. Der fünften Kraft. Der Kraft der
Liebe. Und aus eben dieser Kraft hat sie geschrieben. Und
aus eben dieser Kraft liest sie. Diese Kraft schwingt im
Raum. Sie führt die Linien in Barbaras Fotografien weiter.
Aufgenommen hat sie ihren Schwung, resonierend durch-
bricht sie ihre Umrahmungen und setzt sie fort. Zu Worten
geformt hat sie ihre Intention und damit neuerlich in
Grenzen gezwungen, die wiederum durchbrochen werden
mithilfe ihrer Stimme, die sie über die Begrenzungen hin-
wegträgt, um sich fortzusetzen. Doch fortzusetzen in wem?
Wer wird mit ihrem Klang in Resonanz gehen? Wer wird
sie in seine Grenzen zwingen wollen? Und wie werden die-
se Begrenzungen wiederholt durchbrochen? Was stoßen sie


an an diesem Septemberabend im Jahr 2010 in einer Gale-
rie im Quartier Latin in Paris?
Der Applaus wallt zaghaft auf, entwickelt sich zu einem
Brausen, schallt durch den Saal, bricht sich an den Säulen
und hallt von den Wänden wider, nachdem der letzte Ton
von BOTH SIDES NOW verklang und die Sängerin vom
Mikrophon zurücktrat.
Vom Licht der Scheinwerfer geblendet sucht Annika einen
Halt in diesem schwarzen Meer von Gesichtern und findet
ihn an eine Säule gelehnt am gegenübergelegenen Ende
des Raumes. Ein Augenpaar, das unablässig auf sie gerich-
tet ist. Verschränkte Arme vor der Brust. Ein Blitz, der die
Finsternis zerfetzt. Ein Fotoapparat, der den Moment
bannt.
„Wow, war das geil!“, stürzt Jean enthusiastisch auf Anni-
ka zu und drückt sie fest an seine verschwitzte Brust.
„Wenn das kein Auftakt ist! Der Verkauf wird durch die
Decke geh’n. Jetzt bist du berühmt.“
Noch benommen von dem gesamten Geschehen reagiert
Annika knapp mit einem:
„Merci, Jean!“
Händeschütteln, Umarmungen und unzählige „Cordiale-
ments“ als Signatur in ihrem Buch. Als mitten in der
Nacht Jean hinter dem letzten ihrer Gäste die Tür zur Ga-
lerie abschließt, fällt Annika erschöpft in einen der roten
Sitzsäcke und möchte am liebsten sofort einschlafen.
„Na, Ka“, nähert sich Jean ihr. „War ein Rausch, nicht?
Soll ich dir ein Taxi bestellen?“
„Nicht nötig“, sagt Marion. „Ich sack sie mir ein.“
„Ich dachte ...“, ist Jean bezüglich ihrer Erscheinung über-
rascht.


„... ich würde ohne sie gehen? Kommt gar nicht in Frage“,
protestiert Marion und streicht sich dabei ihren knöchel-
langen, knallbunten Rock glatt.
Offensichtlich kam sie gerade von der Toilette.
„Bon, dann ist das geregelt. Wir sehen uns am Montag am
Flughafen, Ka.“
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, gähnt Annika.
„Was???“, echauffiert sich Jean künstlich. „Du MUSST!“
„Gar nichts“, bietet Annika ihm Paroli.
„Das fängt ja gut an. Machst du mir jetzt die Benoit?“
„Warum nicht? Ein bisschen Diva sein ...“, reizt Annika
ihn weiter.
Marion unterdrückt sich ein Lachen in Anbetracht dieser
Szenerie und zieht sich vor einem Handspiegel die Lippen
rot nach.
„Wie wär’s, wenn du mir mal aus diesem Sack hier hoch-
hilfst? Dann kann ich nämlich mit Marion in mein Bett
gehen, mich ausschlafen und vielleicht am Montag am
Flughafen sein.“
„Merde, Ka, gewöhn dir das ja nicht an“, lacht Jean er-
leichtert und reicht ihr eine Hand, an der sie sich hoch-
zieht. „Dreißig, vierzig Jahre lang immer wieder dieses
Spiel.“
„Ein Spiel. Du sagst es selbst. Hast du es nie begriffen?“
„Was?“
„Es war ein Spiel zwischen euch. Barbara liebte es, dich zu
provozieren. Und du hast dich provozieren lassen. Du hast
dich förmlich dazu angeboten. Dabei hättest du das Spiel
jederzeit beenden können und weniger Stress gehabt.
Weißt du, mein Lieber: Du hast es mitgespielt. Und weißt


du noch etwas: Du wolltest es so“, tippt sie ihm mit ihrem
spitzen Zeigefinger auf die Brust.
„Frauen“, sagt er und atmet tief aus. „Ich werde euch nie
verstehen.“
„Musst du auch nicht“, mischt sich Marion ein. „Dafür ver-
stehst du für uns die Männer. Die verstehen wir nämlich
nicht.“
„Bis Montag!“, umarmt ihn Annika. „Merci! Merci für alles!
Es war ein phantastischer Abend.“
Jean drückt sie fest an sich und hält sie lange in seinen
Armen.
„Nicht dafür“, flüstert er. „Ich hab sie auch geliebt. Auf
meine Weise.“
„Oui“, bestätigt ihm Annika und küsst seine Wange. „Bon-
ne nuit!“
Dann verlässt sie im Schlepptau von Marion den Ort ihrer
ersten Lesung ihres Lebens, während Jean hinter ihnen
das Licht löscht.
***
„Einen Milchkaffee, einen Orangensaft und ein Croissant
mit Butter und Marmelade bitte“, bestellt Annika bei Ma-
dame Chatel.
„Oui, Madame, Petit Dejeuner“, bestätigt sie die Aufnahme
ihrer Bestellung und wischt den silbernen Blechtisch vor
Annika mit einem nassen Lappen ab.
Madame Chatel weiß nicht, dass Annika ihren Namen
kennt. Und Madame Chatel kennt Annikas Namen nicht.
Sie kann sich mit Sicherheit nicht an den Dezembermorgen
2006 erinnern, an dem Annika ihre kleine Bäckerei im 2.


Arrondissement betrat, um Croissants zu kaufen. Auch
wird sie sich nicht daran erinnern, dass Barbara Benoit
eben an diesem Morgen eben an diesem Tisch saß, die Zei-
tungen studierte, einen Kaffee, einen Orangensaft und ein
Baguette mit Butter und Marmelade bestrichen zu sich
nahm und Annika zum Kaffee einlud. Ebenso wenig wird
sie eine Ahnung davon haben, was diese Wiederbegegnung
in ihrem Café mit ihrem Kaffee in beiden Frauen auslöste.
Sie sieht sich als Servicekraft, die den Menschen einen
Moment des Genusses verschafft, für den sie bezahlt wird.
Jedoch bedient sie nicht nur das schnöde Bedürfnis einer
Sinnesbefriedigung. Jede ihrer Handlungen führt sie ge-
schickt und mit Liebe zum Detail und zu ihrer Kundschaft
aus. Für ein herzerwärmendes Lächeln hat sie immer Zeit.
So auch zu Annika bevor sie mit dem Lappen in der Hand
zum Tresen zurückgeht, um dort die Bestellung zu bearbei-
ten.
Menschen kehren zu den Orten zurück, an denen sie etwas
Besonderes erlebten oder an denen sich etwas Bewegendes
ereignete. Das hatte Annika einmal irgendwo gelesen und
nun fällt es ihr wieder ein.
Vielleicht ist sie deshalb heute hierhin spaziert als die ers-
ten matten Sonnenstrahlen des Herbstmorgens über die
Dächer von Paris krochen. Marion hatte ihr zwar gesagt,
wo sie ihr Frühstück in der Küche findet, bevor sie zu ih-
rem Termin aufgebrochen ist, aber Annika hatte keine
Lust, allein in ihrer Wohnung zu sitzen. Nicht nach dem
gestrigen Premierenabend und den vielen Begegnungen
und Ereignissen.
„Et voilà, petit dejeuner, Madame“, sagt Madame Chatel
und baut vor ihr das Frühstück auf. „Et bon appetit!“


 


 


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