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> Belletristik > Das Haus der Lügen
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Das Haus der Lügen, Yvonne Habenicht
Yvonne Habenicht

Das Haus der Lügen



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Ja, dies sollte ihre Heimat werden, ihr Werk, sie würde es schaffen und wieder zur Ruhe kommen. Ihre Finger krampften sich um das kleine Schüsselbund. Es gehörte zu der Wohnung, die sie für Peter ausgesucht hatte. Heute Abend wollte er herkommen. Sie war gespannt, wie ihm die Wohnung gefiel. Sie freute sich auf das Wiedersehen, wagte sich gleichzeitig kaum einzugestehen, wie sehr sie sich nach ihm sehnte. Eine kleine Affäre, nichts sonst. Es würde vorüber sein, bevor was draus wurde, und keiner würde je davon erfahren. In der belebten Hotelhalle begrüßten sie einander wie gute, alte Bekannte. Peter nahm seinen Zimmerschlüssel in Empfang und verschwand mit seiner Reisetasche im Aufzug. Katharina ging nach oben, und kurz darauf klopfte Peter leise an ihre Tür. Diesmal erkundeten sie einander nicht vorsichtig, sie fielen wie dürstende Wüstenwanderer übereinander her. Katharinas Kleid landete lieblos zerknittert hinter einem Sessel und war für den Rest des Abends unbrauchbar. Spät abends fuhren sie in die Stadt, aßen in einem Restaurant mit Aussicht auf die träge fließende Spree. Ein paar späte Schiffe glitten auf dem schwarzen Wasser dahin, ein erhellter Mondscheinfahrt-Dampfer, von dem leise Musik herüberklang, ein spätes Frachtschiff. Die Geräusche der Stadt verschwammen zu einem fernen Konzert aus Murmeln, Hupen, Rauschen. Immer wieder fanden sich ihre Hände über den Tisch hinweg. Jedes Mal fühlte Katharina dieses Kribbeln in Bauch und Nacken, schob gleichzeitig die Vorstellung, jemand könnte sie beobachten und erkennen, weit von sich. Sie bummelten durch die Nacht, die von tausend Leuchtreklamen, Schaufenstern, Straßenleuchen, huschenden Scheinwerfern erleuchtet war und noch die Wärme des Tages atmete, wie eine Frau, die sich nach gestillter Begierde auf den warmen Laken streckt. Sie liefen durchs Nikolaiviertel in Mitte. Die kleinen Kneipen und Restaurants, die alten Häuser mit den neuverbrämten Fassaden, bummelnde Liebepaare, Touristen, Menschen, die diesen Abend genossen wie sie beide. Später fuhren sie ins Hotel zurück, Peter nahm eine Flasche Sekt mit auf sein Zimmer, und sie liebten sich so unersättlich, als sei jede Minute die letzte ihres Beisammenseins. Am Vormittag des nächsten Tages nahmen sie die Wohnung in Augenschein. Peter war begeistert, fand auch die Miete angemessen. Die Wohnung lag im ausgebauten Dachgeschoss eines schönen alten Schöneberger Mietshauses. Die Straße war ruhig, die Häuser hatten winzige Vorgärten, mit sauber geschnittenen Hecken oder bunten Blumen. Auf dem Balkon hatte man das Gefühl, auf einem Dach zu sitzen und über die Stadt zu schauen. Die meisten Fenster waren schräge Mansardenfenster. Peter richtete in Gedanken die drei Räume ein, zwei Zimmer und eine geräumige Küche. Das Bad war klein, aber ausreichend. „Ich werde das Bett direkt dort unter das Fenster stellen, dann sehen wir geradewegs in den Sternenhimmel“, verkündete er. Wir – das Wort weckte zwiespältige Gefühle in Katharina. Es gab Wärme und gleichzeitig schloss es ihr ganzes reales Leben aus. Es hinterließ einen bitteren Vorgeschmack von Heimlichkeiten, Lügen und gestohlener Zeit.


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