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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Das Haus am Leuchtturm, Undine Klipstein
Undine Klipstein

Das Haus am Leuchtturm



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Elf Jahre habe ich in diesem weiß getünchten Bauernhaus gelebt. Das Reetdach muss erst vor kurzem neu gedeckt worden sein. Die weißen Sprossenfenster mit den blauen Blendläden, die blauweiß gestrichene Klöntür und die Weinranken, die an den Hauswänden empor klettern, all das ist mir wieder so vertraut, dass sich die fünfundzwanzig Jahre, die zwischen damals und jetzt liegen, in Luft auflösen. Auch die alte Kastanie, die Großvater so liebte, hat die lange Zeit überlebt. Sie ist nur etwas knorriger geworden.


„Herzlich willkommen, liebe Aenne! Entschuldige, dass ich dich nicht abholen konnte, doch es ist ein dringender Notfall dazwischen gekommen.“


Da steht er strahlend vor Großvaters Haus.


„Ist das dein Freund Björn?“, meldet Sjora sich zu Wort, während sie aus dem Auto steigt.


„Ja, das ist Björn! Björn, darf ich dir meine Tochter Sjora vorstellen?“


Aus meinem Kinderfreund Björn ist ein verdammt gut aussehender Mann geworden. Seine Augen, die mich ins Stocken geraten lassen, spiegeln die jungenhafte Spitzbübigkeit wider, die mir aus unseren Kindertagen so vertraut ist. Björn hat den Schalk im Nacken, war Großvaters Kommentar, wenn es in einem unserer vielen Gespräche um Björn ging. Damals konnte ich mit diesem Begriff nicht viel anfangen und fand es komisch, dass man zu einem Kind, mit dem es nie langweilig wurde, so etwas sagte.


„Hallo Sjora, ich bin Björn und freue mich, dass ihr da seid.“


„Hallo“, antwortet Sjora kurz und knapp. Während Björn sich bei Lars für den Abholdienst bedankt und dieser sich von uns verabschiedet, gehört meine Aufmerksamkeit mehr unserem neuen Zu-hause. Beim Anblick des Hauses muss ich wohl sehr laut geseufzt haben, ohne mir dessen bewusst zu sein, da mich eine tiefe Män-nerstimme fragt, ob alles in Ordnung ist.


„Ja, schon. Doch, alles ok!“, erwidere ich etwas verwirrt.


„Du hast so laut geseufzt, da…“


„Ich?“, unterbreche ich ihn. „Nein, nein alles in Ordnung. Es ist nur so schön wieder hier zu sein.“


Ich lächle ihn verlegen an.


„Sie ähnelt dir sehr!“


Ich schaue wieder in diese Augen.


„Ja, meinst du?“


Liebend gern würde ich ihn in den Arm nehmen, doch irgendetwas hält mich davon ab.


„Ja.“


Seine Augen haben etwas Besonderes. Sie nehmen mich gefangen. Ich habe das Gefühl diese Situation, die sich mir hier bietet unter Kontrolle halten zu müssen. Es behagt mir ganz und gar nicht von Männeraugen genau betrachtet zu werden. Solche Momente, die nicht klar ihren Zweck für mich erkennen lassen, machen mich nervös, sodass ich sie stets schnell entschärfe, egal auf welche Art und Weise – Angriff oder Flucht. Kontrolle ist für mich wichtig. Ich lasse mich gefühlsmäßig nicht gern auf etwas ein, auch wenn dieser Blick hier zu einem guten alten Kinderfreund gehört. Als wir das Haus betreten, empfängt uns ein köstlicher Duft. Ein großer Blumenstrauß schmückt den liebevoll gedeckten Tisch.


„Ich dachte mir, ihr seid hungrig, wenn ihr ankommt. Und Blumen machen eine Begrüßung erst komplett, sagte meine Mutter immer.“


War da ein wenig Verlegenheit auf Björns Gesicht zu sehen?


„Danke, lieb von dir.“


Jetzt wäre der geeignete Moment gekommen ihn in die Arme zu nehmen, doch Björns Handy klingelt und kurz darauf ist er verschwunden.


„Krankheiten kommen immer unverhofft“, entschuldigt er sich lachend. „Ich melde mich später noch einmal bei euch.“


Zu spät für eine Umarmung, ich habe meine Chance verpasst. Egal, oder doch nicht?


 


An diesem Abend fallen Sjora und ich hundemüde von der Fahrt, aber überglücklich hier zu sein, in unsere schon bezogenen Betten. Björn hat an alles gedacht.


Am nächsten Morgen wache ich schon sehr früh auf. Von einer inneren Unruhe getrieben stehe ich auf. Es ist kurz vor sechs. Sjora schlummert noch ruhig vor sich hin. Ich ziehe mich an und versuche möglichst leise die knarrende Holztreppe hinunterzugehen. Ich schleiche über die Holzdielen des Flures in die Küche. Mein Kaffeedurst meldet sich. Während die Kaffeemaschine vor sich hin gluckert und die Glaskanne sich langsam mit dem braunen, Lebensgeister erweckenden Nass füllt, öffne ich die Terrassentür der Küche und trete in den Garten hinaus. Alles ist so ruhig, bis auf vereinzelte Schreie einiger Möwen, die sich im Flug um irgendetwas streiten. Ich atme tief die salzhaltige Luft ein, und wenn ich genau lausche, kann ich das Meer hören. Großvaters Haus liegt nicht weit vom Strand entfernt. Gern würde ich zum Strand gehen, doch ich will Sjora nicht allein lassen, nicht am ersten Tag.  


Als Sjora erwacht, ist es bereits halb neun. Ich habe die ganze Zeit im Garten zugebracht, habe einige Beete vom Unkraut befreit, im Holzschuppen herumgestöbert und mit dem im Holzschuppen gefundenen Schmirgelpapier die Renovierung der alten Holzbank begonnen, die noch immer unter der großen alten Kastanie steht und langsam vor sich hin modert. Die Bank ist das Einzige, das hier renovierungsbedürftig scheint.


„Mama, wo bist du?“, höre ich Sjora rufen.


„Im Garten, mein Schatz, warte, ich komme.“


Ich lege das Schmirgelpapier zur Seite und klopfe mir auf dem Weg ins Haus den Staub aus der Kleidung.


„Guten Morgen, du kleine Schlafmütze! Aufstehen, wir wollen frühstücken gehen“, begrüße ich Sjora, hebe sie aus dem Bett und wirble mit ihr im Kreis herum.


Im Holzschuppen habe ich Großvaters und mein kleines altes Kinderfahrrad gefunden. Beide sind noch gut in Schuss. Dass Großvater all seine Gerätschaften sorgsam pflegte, ist für uns von Nutzen. So radeln wir mit den zwei Oldtimern nach Burg. Zwar hat Björn uns reichlich mit Lebensmitteln eingedeckt, doch ich muss raus, will raus. Burg, das zweitgrößte Dörfchen auf dieser Insel, ist mit dem Fahrrad in zehn Minuten zu erreichen. Ganz entspannt radeln wir auf dem Radweg unserem Frühstück entgegen.


In Burg angekommen suchen wir uns ein kleines gemütliches Café aus und bestellen ein Inselfrühstück. Tee, Orangensaft, Müsli, verschiedene Brotsorten, frische Brötchen, Marmelade und, und, und. Während die Sonne unsere Haut und unsere Seelen verwöhnt, lassen wir es uns schmecken. Nach unserem Frühstück machen wir noch einen ausgiebigen Einkaufsbummel, trotz der vorhandenen Vorräte, mit denen uns Björn eingedeckt hat.


„Warum sind wir nicht mit dem Auto gefahren?“


Sjoras Frage ist berechtigt.


„Wir sind jetzt auf der Insel, und da macht man nun mal alles mit dem Fahrrad!“, antworte ich. Mir sind auch schon mal bessere Antworten eingefallen, doch so ist es halt. Sicher, wir hätten nicht so viel einkaufen müssen, und nun haben wir eben ein paar Probleme unseren Einkauf auf unseren Rädern zu verstauen. Frauen und Planung…, würde Klaus jetzt sagen.


Von wegen Frauen und Planung! Wir können alles verstauen und radeln fröhlich pfeifend nach vier Stunden heimwärts. Fünf Minuten vom Dorf entfernt kommt mir eine Idee, die ich kurze Zeit später bereuen werde. „Komm, Sjora, wir können auch diesen Weg nehmen. Er ist zwar etwas länger, aber wir müssen nicht an der Straße entlang fahren.“ Ich zeige auf eine Abzweigung, die ein paar Meter vor uns liegt.


„Hier gleich links.“ Es ist ein wunderschöner Waldweg. Das Sonnen-licht malt Sonnenflecken auf den Weg, die Sjora zu einem Spiel auffordern.


„Mama, wer auf einen Sonnenfleck fährt, bekommt Strafpunkte! Wer zehn Strafpunkte hat, hat verloren!“ Mit artistischer Leichtigkeit weicht sie auch dem kleinsten Lichtfleck aus. Eine Niederlage bleibt mir erspart, obwohl es schon sieben zu drei gegen mich steht. Der Wald lichtet sich und der Weg liegt im Schein der Sonne. Sjoras Teilsieg feiern wir mit unserem Lieblingslied. Wir trällern das Pippi Langstrumpf-Lied und radeln heimwärts.


„Mama, schau mal!“ Sjora bremst so plötzlich, dass ich befürchte, sie wird vornüber fallen. Schräg vor uns sitzt ein kleines Kätzchen.


„Oh, ist das süß!“ Sjora hat kaum die nötige Ruhe ihr Fahrrad abzustellen. Ich kann es gerade noch auffangen und in Position bringen, bevor es mitsamt der aufgeladenen Obsttasche umzukippen droht. Nun warte ich geduldig.


„Mama, das Kätzchen ist ganz allein, ohne seine Mama!“


„Das ist ein kleiner Streuner, der kommt schon durch“, erwidere ich. Ich halte Sjoras Fahrrad nun fest, da es erneut umzukippen droht.


„Können wir es mitnehmen? Es ist noch so klein! Bitte, Mama!“


„Sjora, das geht nicht. Schau wie bepackt wir sind. Das Kätzchen gehört schon irgendwo hin.“


„Aber wenn es ganz allein ist, wenn es sich verletzt, wenn es stirbt, weil es nichts zu fressen hat?“


Sjoras Vorliebe für Tiere ist mir bekannt. Auf dieselbe Art und Weise haben wir unseren Hasen bekommen. „Sjora, du hast einen Ha


sen. Was willst du mit einer Katze?“ Gott, blöder hätte ich nicht fragen können. Warum sage ich nicht klipp und klar nein?


„Der Hase ist jetzt bei Kim. Ich habe hier gar kein Tier“, entgegnet Sjora zu Recht. Während ich akrobatisch unsere Fahrrädern manövriere, quengelt Sjora weiter.


„Mama, bitte. Ich pass auch gut auf Tipsi auf!“ Jetzt hat diese Katze also schon einen Namen!


„Bitte Sjora, jetzt komm! Ich...“ Bevor ich den Satz beenden kann, rutscht die auf meinem Gepäckträger befestigte Pappkiste herunter: Eier, Mehl, Margarine und vieles mehr verteilen sich gleichmäßig auf dem Weg. „Jetzt hast du sie vertrieben!“, ist der treffende Kommentar meiner Tochter.


Genervt fahre ich Sjora an: „Jetzt komm hierhin und halt dein Fahrrad fest.“ Mein Rad lehne ich an einen Baum und beginne das Chaos vom Weg in den Pappkarton zu verfrachten. Dann legen wir den restlichen Weg schweigend zurück.


Sjora verzieht sich schmollend in den Garten, während ich versuche in das heillose, matschige Durcheinander der Einkäufe Ordnung zu bringen. In mir brodelt es. Ich versuche mich mit Musik aus dem Küchenradio abzulenken. Doch es ist unmöglich einen vernünftigen Sender zu finden, der mich in diesem Moment in bessere Stimmung hätte versetzen können. Ich bin wütend und fühle mich zugleich schuldig. Oh, wie hasse ich dieses Gefühl. Meine Mutter hat es so oft in mir erzeugt. Schuldig, ich bin schuldig für so vieles in ihrem und meinem Leben. Oft genügte nur eine Geste, ein Blick von ihr und in jedem Winkel meines Körpers regten sich diese würgenden Schlangen. Treffende Worte taten dann ihr übriges. Schuldig!


 


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