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Belletristik
Buch Leseprobe Das Geheimnis der Muschelprinzessin, Christine Jaeggi
Christine Jaeggi

Das Geheimnis der Muschelprinzessin



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Kapitel 1


 


Bretagne


Freitag, 10. Juli 2015


Philippe keuchte und hustete. Ein Regentropfen rann ihm über die Wange, und er blickte hoch in den von dunklen Wolken verhangenen Himmel. Schon bald würde das Unwetter in all seiner Stärke über den Strand ziehen. Er hustete wieder und erinnerte sich an die Weisung des Arztes, jegliche Anstrengung zu meiden. Aber zum Teufel mit dem Arzt! Energisch setzte er seinen Gehstock in den Sand und ging weiter, kam an einem durch die Ebbe freigelegten Felsenmeer vorbei und grüßte ein paar Gezeitenfischer, die in Gummistiefeln und Regenjacken eifrig nach Krebsen und Muscheln suchten. Auch er war auf der Suche. Würde er die goldene Muschel heute finden? Obwohl ihn alle für verrückt hielten, gab er die Hoffnung nicht auf. Niemals. Seine Muschelprinzessin hatte er für immer verloren, fände er aber die goldene Muschel, könnte er abschließen und in Frieden ruhen.


Philippe blieb stehen. Genau hier an diesem Strandabschnitt, vor 52 Jahren, hatte er seine Muschelprinzessin zum ersten Mal gesehen. Wo sie jetzt wohl war? Denk nicht an sie! Konzentriere dich lieber auf die Muschel! Aber zuerst musste er etwas essen, er fühlte sich schwach. Er zog einen Apfel aus der Jackentasche und jonglierte damit. Eine Angewohnheit, die er wohl nie mehr loswerden würde, dachte er schmunzelnd.


Er nahm einen großen Bissen und beobachtete eine Schwimmkrabbe, die sich blitzschnell ein Loch buddelte und darin verschwand. Und dort! Ein Krebs! Er schaute ihm nach, bis er ihn nur noch verschwommen sah. Da spürte er einen heftigen Druck auf seiner Brust, als läge ein Stein darauf, der immer schwerer wurde und ihn zu erdrücken schien. Er ließ den Apfel fallen, sank in den feuchten Sand. Bevor er bewusstlos wurde, galt sein Gedanke ihr. Seiner Muschelprinzessin.


 


 


Kapitel 2


 


Zürich


Samstag, 11. Juli 2015


Nie hätte Nora gedacht, dass er so viel Kraft besäße. Schließlich war er dünn wie eine Bohnenstange und mindestens einen Kopf kleiner als sie. Aber er packte sie mit einer solchen Grobheit am Arm und zerrte sie mit einer Wucht nach draußen, dass sie vor Schmerzen aufschrie. Vor der Tür gab er ihr einen kräftigen Stoß. „Verschwinde, du verdammte Schlampe!“


Nora schlug hart mit dem rechten Knie auf dem Asphalt auf. Langsam hob sie den Kopf und blickte zu ihrem Boss. Sein kahl geschorener Kopf glänzte im Lichte der Sonne. „Du kannst froh sein, wenn wir dich nicht verklagen“, brüllte er. „Und jetzt hau endlich ab!“


Nora griff nach ihrer Handtasche und stand vorsichtig auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihr verletztes Knie. Sie wischte das Blut weg, zog ihre hochhackigen Sandaletten aus und humpelte davon. Mit ihrem kurzen schwarzen Rock und dem roten Glitzertop hob sie sich glücklicherweise nicht allzu sehr von den anderen weiblichen Passanten ab, die an diesem warmen Juliabend in dem beliebten Partyviertel unterwegs waren. Auch die Tatsache, dass sie mit blutendem Knie durch die Gegend humpelte, schien niemanden zu interessieren. Bloß ein paar vorbeitorkelnde Männer riefen ihr obszöne Wörter zu. Nora ignorierte sie und ging weiter, bis ihr Blick auf einen Pizzastand fiel, vor dem sich eine lange Schlange gebildet hatte. Der verlockende Duft nach Tomaten und Käse erinnerte sie daran, dass sie heute noch nichts gegessen hatte. Sie seufzte. Den Luxus einer Pizza konnte sie sich nicht leisten. Was jetzt? Sie hatte nichts mehr. Keinen Job, keine eigene Wohnung, kein Geld, keine Familie. Nichts. Ihr Vater hatte recht. Sie war eine Versagerin und hatte ihr Leben nicht im Griff.


Schrilles Gelächter riss sie aus ihren Gedanken, und sie drehte sich abrupt um. Drei pubertierende Mädchen versuchten, ein Selfie zu schießen, und dabei war es ihnen besonders wichtig, dass man ihre T-Shirts auf dem Foto sehen konnte. Immerhin war der zurzeit angesagteste Popsänger der Welt darauf abgebildet: Berry Lee Thompson. Nora schmunzelte. Früher war sie auch so gewesen, hatte Konzerte besucht und ... Sie stutzte. Konzerte! Wie in Trance drehte sie sich um. Da stand sie, die imposante Konzerthalle mit der anthrazitfarbenen Glasfassade. Nur wenige Meter von ihr entfernt. Noras Herz schlug immer schneller, und sie spürte, wie der Schweiß aus ihren Poren drang. Wie hatte sie nur hierher gelangen können, wo sie diesen Platz schon seit Jahren mied? Um sie herum drehte sich alles, und dann wurde es schwarz.


 


„Ah! Was ist ...“ Ruckartig hob Nora den Kopf und rieb sich die Lider. Wasser! Jemand hatte ihr tatsächlich Wasser ins Gesicht gespritzt. „Was soll das?“, rief sie und schaute verwirrt in die von zahlreichen Fältchen umgebenen hellblauen Augen einer Frau.


„Sie erlitten einen Kreislaufkollaps, meine Liebe. Wir wollten soeben die Ambulanz rufen.“


Nora dachte an die Arztkosten, setzte sich schnell auf und schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ambulanz. Mir geht es schon besser. Ich war nur geschwächt wegen der Hitze.“


„Und was ist mit Ihrem Knie?“


„Ist bloß eine Schürfung, nicht schlimm. Und die Blutung hat bereits aufgehört. Tut auch gar nicht weh.“


Die Dame beäugte Nora misstrauisch und schien ihr diese Aussage nicht so recht abzunehmen. Aber sie schwieg und reichte ihr eine Wasserflasche. „Hier, trinken Sie.“ Den herumstehenden Passanten erklärte sie, dass es der jungen Frau gut gehe, woraufhin sie zögernd weiterzogen.


Nora nahm die Flasche dankend entgegen und trank sie in einem Zug leer. Sie musterte die Frau mit dem hellblonden Haar aufmerksam. Obwohl sie durch die Jeans, Turnschuhe und den blauen Rucksack einen legeren Eindruck machte, verrieten die cremefarbene Seidenbluse, die Perlohrringe und nicht zuletzt ihre gehobene Ausdrucksweise, dass sie wohlhabend sein musste. Und nur schon aufgrund ihres Alters, Nora schätzte sie auf sechzig, passte sie nicht in diese Gegend.


Als könnte sie Noras Gedanken lesen, wies die Dame auf die Konzerthalle. „Ich besuche mit meiner Enkelin das Konzert und habe uns noch etwas zu essen geholt. Dies sollen angeblich die besten Pizzen der Stadt sein.“ Sie zeigte auf die Pizzaschachtel neben sich, und Noras Magen fing unmittelbar an zu knurren.


„Wissen Sie“, fuhr die Dame fort, „das Konzert interessiert mich ehrlich gesagt nicht, aber meine Enkelin bestand darauf, dass ich sie begleite.“


Nora sah sich um. „Und wo ist Ihre Enkelin?“


„Sie hat so eine Art Pass erhalten und darf den Sänger vor dem Konzert treffen.“


„Einen Backstage-Pass?“


„Genau! So heißt das Ding! Ich kann mir diese ganzen englischen Ausdrücke nie merken ... Ach, ich bin übrigens Estelle. Und Sie sind?“


„Nora.“


„Nora. Also, Nora, Sie haben bestimmt Hunger?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach sie unbekümmert weiter und zeigte auf eine Bank unter einem Kastanienbaum. „Kommen Sie, wir setzen uns dort drüben in den Schatten, essen Pizza, und dann erzählen Sie in aller Ruhe, weshalb Sie verletzt sind und einen Kreislaufkollaps hatten.“ Sie hob spielerisch mahnend den Zeigefinger. „Und geben Sie nicht wieder der Hitze die Schuld. Das nehme ich Ihnen nicht ab.“


 


Nora genoss jeden Bissen der mit Schinken und Rucola belegten Pizza und musste sich beherrschen, die Stücke nicht gierig zu verschlingen. Estelle, die selbst nichts aß, schaute ihr belustigt zu und erzählte von ihrer Enkelin. „Louisa ist 19 und besucht andauernd irgendeine Party oder ein Konzert ... Und Sie? Gehen Sie auch gerne an Konzerte?“


„Nein“, entfuhr es Nora blitzschnell.


„Oh, warum nicht?“


Nora schloss kurz die Augen. Sie wollte nicht darüber reden. „Zu viele Leute“, sagte sie nur, und Estelle gab sich mit der Antwort zufrieden.


„Wie alt sind Sie eigentlich?“, fragte Estelle nach einer Weile.


Nora schluckte den letzten Bissen der Pizza runter. „Ich werde nächsten Monat 27.“ Sie warf Estelle einen Seitenblick zu. „Sie denken bestimmt, in diesem Alter sollte man nicht mehr in kurzem Rock, weit ausgeschnittenem Top und aufgeschürftem Knie irgendwo auf der Straße liegen. Nein, mit 27 sollte man sein Leben im Griff haben. Aber bei mir ist das nicht der Fall. Ich bin eine Versagerin.“


„Ach was!“, erwiderte Estelle und rückte ein Stück näher. „Sie sind bestimmt keine Versagerin.“


„Das können Sie doch gar nicht wissen. Sie kennen mich nicht!“


„Sie haben recht, ich kenne Sie nicht. Trotzdem bin ich sicher, dass Sie keine Versagerin sind. Aber jetzt erzählen Sie, was vorhin geschehen ist!“


„Müssen Sie nicht an das Konzert?“


Estelle schaute auf ihre mit kleinen Diamanten besetzte Armbanduhr. „Das beginnt erst um acht. Also, ich höre.“


Nora haderte mit sich. Sie konnte sich unmöglich dieser völlig Fremden anvertrauen. Andererseits sehnte sie sich danach, mit jemandem zu sprechen, und da sie sich ohnehin schon blamiert hatte, kam es auf eine weitere Peinlichkeit nicht mehr an. Sie holte tief Luft. „Ich habe heute meinen Job verloren. Aber es war eigentlich kein richtiger Job. Ich war ... Tänzerin in einer Bar für Männer.“


Estelle horchte auf. „Sie arbeiteten in einer Striptease-Bar?“


Nora seufzte. Genau so hatte sie es nicht ausdrücken wollen. „So kann man es auch sagen“, murmelte sie. „Jedenfalls hat mich heute ein Gast bedrängt. Er wollte mehr. Als ich ihm höflich sagte, dass ich kein Interesse habe, fing er an, mich zu begrapschen. Da verpasste ich ihm eine Ohrfeige.“


„Das hätte ich an Ihrer Stelle auch gemacht.“


„Ja, aber mein Boss sah das anders. Er warf mich raus.“ Sie zeigte auf ihr Knie. „Deshalb die Verletzung. Und jetzt habe ich keinen Job mehr. Dazu kommt, dass ich seit Wochen bei einer Freundin wohne, die mich am liebsten so schnell wie möglich loshaben möchte. Und pleite bin ich auch.“


„Was ist mit Ihrer Familie? Kann die nicht helfen?“


„Meine Familie!“ Nora lachte bitter auf. „Mein Vater hält mich für eine Versagerin. Von ihm kann ich ganz sicher keine Hilfe erwarten. Er hasst mich.“


„Er hasst sie“, wiederholte Estelle leise und presste dann angespannt die Lippen zusammen. Ein dunkler Schleier legte sich über ihr Gesicht.


Nora sah sie irritiert an. „Alles okay?“


„Ja, ich musste nur an ...“ Sie stockte und verschluckte den Rest des Satzes, straffte die Schultern und blickte Nora direkt ins Gesicht. „Nora, das wird schon wieder. Sie finden bestimmt bald einen Job. Sie scheinen ein kluges Mädchen zu sein.“


„Klug? Nein, ich bin nicht klug! Ich habe keinen Schulabschluss und schlug mich all die Jahre nur mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs durch.“


„Haben Sie nie etwas gelernt?“


„Nein. Einmal sah es ganz gut aus, ich bekam eine Praktikumsstelle als Empfangsdame in einem Hotel. Tja, aber ich hab’s vermasselt. Kam dauernd zu spät, schlief mit einem Gast und ...“


Estelle hob eine Hand. „Gut, das reicht. Mehr müssen Sie nicht sagen.“ Sie hob den Kopf und schaute einem Flugzeug nach, das weiße Kondensstreifen im Himmel hinterließ. Gleichzeitig strich sie sich das Haar hinter die Ohren, und Nora fand, dass sie mit den leicht abstehenden, ziemlich großen Ohren einer Elfenkönigin glich.


Estelle richtete den Blick wieder auf sie. „Sie haben also an einem Hotelempfang gearbeitet und wissen, wie man Check-ins und Check-outs durchführt?“


„Äh, ja.“


„Welche Hotelsoftware haben Sie verwendet?“


„Protel.“


„Sehr gut.“


Nora runzelte die Stirn. „Warum wollen Sie das wissen?“


„Angenommen, ich hätte eine Stelle für Sie, versprechen Sie mir dann, den Job ernst zu nehmen? Und dass Sie darin eine Chance sehen, Ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen?“


„Sie ... Sie wollen mir einen Job anbieten?“


„Jetzt schauen Sie nicht so misstrauisch und beantworten meine Frage!“


„Ja“, sagte Nora schnell. „Natürlich würde ich den Job ernst nehmen und die Chance nutzen.“


„Gut, dann können Sie am Montag im Grand Beaulieu beginnen.“


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