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> Belletristik > Das Färöer-Tuch
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Das Färöer-Tuch, Nina Lingl
Nina Lingl

Das Färöer-Tuch


Tomorrows Dawn

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Erhältlich unter: www.das-faeroeer-tuch.de und bei www.die-wollLust.de
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»Sieht ja aus wie eine große Schatztruhe«, meinte Allegra. Neugierig öffnete sie den
schweren Deckel der Eichentruhe und klappte ihn nach hinten. Im Inneren befanden
sich alte Bettlaken, Baumwollservietten und eine rot-weiß karierte Tischdecke.
Allegra faltete die Sachen wieder zusammen. »Schade, irgendwie erwartet man in so
einer massiven Truhe doch immer einen Schatz!«
»Ja, schade«, erwiderte die junge Mutter, »aber den hätte der Vorbesitzer bestimmt
auch abgeholt. Wir haben sie sogar schon auf doppelte Böden abgesucht. Und stellen
Sie sich vor – es gab einen!« Die Frau machte eine Kunstpause.
»Ja und?«, fragte Ally und blickte sie erwartungsvoll an.
»Na, das war ein Reinfall: Es war nur ein Wollschal darin. Sehen Sie . . . « Unter
der karierten Tischdecke zog sie ein gestricktes Tuch hervor, das Ally beim ersten
Durchsehen nicht beachtet hatte. Neugierig betrachtete sie das alte Strickstück und
nahm es in die Hand. Es war sehr leicht und aus einem dünnen Wollfaden gestrickt,
der Ally an das eigene Garn erinnerte, das zu Hause auf sie wartete. Wie ein Schmetterling, der seine Flügel auseinanderfaltete, hielt sie die Stola mit weit ausgebreiteten
Armen von sich. Durch das geringe Gewicht begann sie, sofort im Wind zu flattern,
und der muffige Geruch der Gefangenschaft wurde fortgetragen. Die Stola hatte eine
ungewöhnliche Form und verschiedene Lochmuster bildeten bizarre Formationen.
»Sieht aus wie eine Decke für die Katze«, unterbrach die Stimme der Frau Allys Gedanken,
die fasziniert auf die verschiedenen Rosatöne starrte, die durch Wind und Sonne wechselnd betont wurden.
[...]
Der Mann hatte beobachtet, wie die Dame des Hauses mit der jungen Frau sprach, die
mit ihrer modischen Erscheinung nicht in das Bild der beschaulichen Nachbarschaft
passte. Ruhig spazierte er den Weg zu dem Haus entlang, ungeachtet des Regens,
dessen feine Tropfen in sein Gesicht sprühten. Der Wind blies sein weißblondes Haar
durcheinander, das er zuvor sorgfältig gekämmt hatte. In seiner dunklen Kleidung,
mit dem weißen Hemd als einzigem hellen Kleidungsstück, wirkte er wie ein Geistlicher,
der mit einem feinen Lächeln seinen altruistischen Gedanken nachhing. Die
Frau, die er zuvor beobachtet hatte, hastete jetzt mit eingezogenem Kopf an ihm vorbei.
Er blickte ihr nicht nach, sein Ziel lag vor ihm. Eine kleine Information auf der
Homepage der Gemeinde Krohnstein, eingegeben von einem engagierten Bewohner
des Stadtteils, hatte ihn hierher gebracht: »Straßenfest in der Gutshaus-Siedlung«.
Die Aussicht darauf, endlich zu finden, wonach er und seine Partner schon so lange
suchten, war gering. Aber die Hoffnung, das wusste er nur zu gut, starb bekanntlich
zuletzt.


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