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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Das Bardenberg Projekt, Walter Franz Jonas
Walter Franz Jonas

Das Bardenberg Projekt



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Córdoba, Donnerstag 15. August 1968


 


»Mr. Brenner, Mr. Karl Brenner from Vienna, Austria, Pan Am Flight 656. Please contact the information desk ... Mr. Brenner, please.«


Brenner stand an der Gepäckausgabe und wartete auf seinen Koffer. Es war früher Abend, er war müde vom langen Flug und hatte den Zoll noch vor sich. Die 100-Dollar-Note hatte er in seinen Pass gelegt und konnte nur hoffen, dass der Tipp von Lehmann richtig gewesen war. Er hatte kein Interesse, die hiesigen Gefängnisse kennen zu lernen. Der Flughafen von Córdoba war sehr klein und sah ein wenig notdürftig aus. Brenner hatte eine Odyssee hinter sich. Von Wien ging es zuerst mit dem Flieger nach Frankfurt, dann weiter über Madrid nach Buenos Aires, um von dort aus endlich Córdoba zu erreichen.


Er war sommerlich gekleidet und fror leicht. Das lag zum einen an der Übermüdung und zum anderen daran, dass die Temperaturen nur bei 16 Grad lagen. In Argentinien war jetzt die Winterzeit, was er nicht wusste und erst von einer freundlichen alten Dame im Flugzeug erfahren hatte.


»Mr. Brenner ...«, erklang erneut die Ansage aus dem Lautsprecher und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass ja er damit gemeint war.


»Señor, abben Sie zu verzollen?«


Die Stimme des Zollbeamten ließ ihn zusammenzucken.


»Nein«, brachte er nur heraus und gab ihm den Pass. Der Zöllner öffnete ihn gekonnt und knallte mit fester Hand seinen Stempel auf die Seite. Brenner hatte ihn genau beobachtet, aber nicht bemerkt, wie der Geldschein entnommen wurde. Es ging zu schnell und ihm wurde klar, hier war ein Profi am Werk, der das nicht nur einmal am Tag machte.


Mit einem »Bienvenido en Argentina« gab er ihm den Pass zurück und Brenner konnte einreisen.


In der Ankunftshalle hielt er Ausschau nach dem Informationsschalter, den er auf der linken Seite in der Nähe der Ausgänge fand.


Beim Näherkommen sah er einen jungen Mann, etwa Mitte dreißig, der auf ihn zu warten schien. Er trug einen hellgrauen Anzug und machte einen leicht blasierten Eindruck.


Brenner ging zielgerichtet auf ihn zu und stellte Koffer und Tasche ab, um ihm die Hand geben zu können.


»Hallo, ich bin Karl Brenner«, sagte er, während er dem Mann die rechte Hand entgegenstreckte. Dieser sah ihn einen Augenblick konsterniert an, so als hätte er ihn nicht verstanden.


»Ach ja, natürlich ... I am Karl Brenner from Austria ... from Mr. Lehmann, you know«, kratzte er seine wenigen Englischkenntnisse zusammen.


»Oh, ich habe Sie schon verstanden«, erwiderte der Fremde in lupenreinem Deutsch, »und was kann ich bitte für Sie tun?«


»Wenn Sie wollen, können w...« Es hatte einen Moment gedauert, bis Brenner begriff, dass er wohl den Falschen angesprochen hatte.


»Entschuldigung, aber ich dachte ...«, sagte Brenner, doch der Mann hatte sich schon vom ihm abgewendet und ging auf eine junge Frau zu, die er wohl erwartet hatte.


Brenner drehte sich ebenfalls in Richtung Tür.


Da stand sie.


Sie schien ihn die ganze Zeit beobachtet zu haben, ohne ein Wort zu sagen, und schaute ihn ohne jegliche Gefühlsregung an. Sie sah umwerfend aus, wie sie da so stand in ihrer khakifarbenen Militärhose und einem grauen Rollkragenpullover. Sie war schlank und wohlproportioniert. Ihre kurzen schwarzen Haare passten sich hervorragend dem schmal geschnittenen Gesicht an. Die hoch stehenden Wangenknochen und die leicht gebogene Nase verliehen ihrem Aussehen etwas Orientalisches. Aber ihre dunklen Augen wollten nicht ganz zu diesem schönen Gesicht passen. Ausdruckslos blickten sie ihn an.




Mensch Junge, die Puppe da, det is ne echte Wuchtbrumme


, hätte Kalli jetzt gesagt, schoss es Brenner durch den Kopf.



»Herr Brenner, nehme ich an?« Ihre Stimme klang etwas rauchig mit einem abweisenden Unterton. »Laura Stern, ich soll Sie hier abholen.«


Ohne ihm die Hand zu geben oder eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und steuerte auf die Tür zu.


Es schien ihr egal zu sein, ob er ihr folgte oder nicht, war Brenners Eindruck.


Er nahm sein Gepäck und ging ihr hinterher.


»Na prima. Das sind ja tolle Aussichten«, murmelte er vor sich hin, während er das Flughafengebäude verließ.


Laura ging zielstrebig auf einen an der Seite parkenden dunkelgrünen Land Rover zu, öffnete wortlos die Beifahrertür und stieg dann selbst auf der Fahrerseite ein.


Brenner sah in der geöffneten Tür die Aufforderung einzusteigen. Während er sein Gepäck auf dem Rücksitz verstaute, startete sie schon den Motor und gab Gas, noch bevor er richtig auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte. Er wurde in den Sitz gepresst und konnte gerade noch die Tür ergreifen, um sie zu schließen.


Laura fädelte sich in den fließenden Verkehr ein und schaltete die Gänge so brutal, dass bei fast jedem Gangwechsel das Getriebe sich durch lautes Kratzen beschwerte.


Schon nach kurzer Zeit fuhr sie auf die Ausfallstraße, die nach Córdoba führte und die Stadt mit dem außerhalb liegenden Flughafen verband. Die Straße war, anders als Brenner es von zu Hause kannte, in keinem guten Zustand. Der Wagen wurde immer wieder durch kleinere und auch größere Schlaglöcher erschüttert und die Karosserie knarrte und klapperte an verschiedenen Ecken. Auch der Dieselmotor wollte nicht überhört werden und machte lautstark auf sich aufmerksam, so dass eine Unterhaltung im normalen Ton kaum möglich war.


»Doch ... danke ... ja, ich hatte einen guten Flug«, sagte Brenner mit lauter Stimme und startete einen Versuch, um damit das Eis zu brechen und mit Laura ins Gespräch zu kommen. Nachdem aber von ihrer Seite keinerlei Reaktion kam, sprach er einfach weiter. »Wissen Sie, man mag es kaum glauben, aber ich bin zum ersten Mal in meinem Leben geflogen und dann auch noch direkt nach Argentinien. Aber es hat mir Spaß gemacht, ja, ich könnte mich daran gewöhnen. Nur die Flugzeit ... diese vielen Stunden schlauchen einen doch ganz schön.«


Sie reagierte immer noch nicht und starrte mit ausdruckslosem Gesicht auf die Fahrbahn, als müsse sie sich voll auf den Verkehr konzentrieren, der allerdings gar nicht so stark war.


»Und wie lange leben Sie schon hier?«, startete er einen erneuten Versuch. »Was machen ...«


»Hören Sie«, unterbrach Laura und schaute ihn ablehnend an. »Ich denke, ich muss mal etwas klarstellen. Ich mache das hier nicht freiwillig, sondern ich wurde damit beauftragt. Also sollten wir unsere Konversation auf das Allernotwendigste beschränken. Und was die Sache noch erschwert: Ich kann Sie nicht ausstehen.«


»Was? So schnell schon ... andere brauchen immerhin ein paar Stunden, um zu dieser Erkenntnis zu kommen«, bemerkte Brenner scherzhaft, um die Situation etwas aufzulockern.


Aber sie lachte nicht.


Er beschloss, es dabei zu belassen, denn er sah die Sinnlosigkeit seines Bemühens ein und schaute sich nur noch stumm die Gegend an, durch die sie fuhren. Wenige Minuten später waren schon die Randbezirke Córdobas zu erkennen.


Brenner konnte kaum glauben, was er da sah.


Die Behausungen erinnerten ihn in gewisser Weise an die Nachkriegsjahre in Deutschland. Aber es waren nicht die Ruinen der zerbombten Häuser, die er noch kannte. Nein, das hier war Ausdruck einer ganz anderen Art von Armut. Noch nie in seinem Leben hatte er so viele ärmlich zusammengezimmerte Hütten aus Holz und Blech gesehen, wie sie hier über eine sehr große Fläche verteilt waren. Die Straßen beziehungsweise die notdürftig angelegten oder natürlich entstandenen Wege verliefen unorthodox und waren gesäumt von kleinen stehenden Flüssen und Kloaken. Es hatte etwas Widernatürliches, geradezu Anarchisches.


Ihm fiel ein Wort dafür ein, das er bisher nur aus Fernsehberichten kannte: Slums.


Diese Eindrücke brachten seine Laune auf den absoluten Nullpunkt. Er fragte sich zum x-ten Mal, worauf er sich nur eingelassen hatte.


Dann erreichten sie Córdoba.


Es gab einen weiteren Kulturschock für ihn.


Hatten sie gerade noch die Armut gesehen, so fuhren sie jetzt in eine Großstadt mit prächtigen Häusern und großzügigen Geschäftsstraßen. Erstaunlich viele gut angezogene Menschen waren um diese Zeit noch unterwegs. Brenner sah zum ersten Mal eine Stadt mit südlichem Flair, wie er sie bisher nur von Bildern aus Illustrierten kannte. Sie fuhren über eine vierspurige Straße, die in der Mitte durch eine breite Promenade geteilt war, die voller Menschen war. Brenner schaute sich fasziniert die Umgebung an. Da waren auf beiden Seiten prachtvolle mehrstöckige Häuser mit viel Stuck und jedes Haus schien in einem anderen Stil erbaut. Natürlich ließ sich nicht übersehen, dass der Zahn der Zeit an ihnen genagt hatte. Bei einigen wäre eine Renovierung durchaus angebracht gewesen.


Aber durch die untergehende Abendsonne lag ein besonderer Glanz auf ihnen, eine Art Patina, die sie einfach schön aussehen ließ. Besonders auffällig für Brenner waren die vielen Restaurants und Straßencafés, deren Tische bis an den Rand des Bürgersteiges standen und die alle besetzt waren. Aber da war noch etwas anderes, das ihn beeindruckte, weil er es bisher nicht kannte. Es war die Lebensfreude und eine ansteckende Fröhlichkeit, die sich irgendwie auf ihn übertrug. Und obwohl es schon Abend war, spielten und tobten noch sehr viele Kinder auf der Straße oder saßen an den Tischen. So etwas kannte er aus Deutschland nicht. Wenig später bogen sie von der Hauptstraße ab und fuhren durch einige Seitenstraßen.


Der Zauber des zweiten Eindrucks von Córdoba war schnell verflogen, denn je weiter sie fuhren, desto schlechter wurde auch die Beschaffenheit der Häuser und es waren lange nicht mehr so viele Menschen auf der Straße.


Ganz plötzlich, ohne jegliche Vorwarnung, riss Laura das Lenkrad nach rechts, fuhr in eine kleine Gasse und bremste den Wagen voll ab. Brenner wurde leicht gegen das Armaturenbrett geschleudert. »Wir sind da. Dort wohnen Sie«, sagte sie ohne Umschweife, »dort werden Sie übernachten.«


Mit dort war wohl das Haus rechts von ihm gemeint, das mit blauen Leuchtbuchstaben Hostal de La Plata auf sich aufmerksam machte.


Dies war aber auch das einzige, was leuchtete, denn das Gebäude machte nicht gerade den besten Eindruck. Es eine »Bruchbude« zu nennen, wäre nicht unbedingt eine Beleidigung gewesen.


»Ich werde Sie morgen Vormittag um zehn Uhr abholen«, war Lauras einziger Kommentar und sie sagte es mit der unüberhörbaren Aufforderung, endlich auszusteigen.


Brenner wollte noch etwas erwidern, unterließ es aber, nahm sein Gepäck und trat auf die Straße.


Er hatte die Tür noch nicht ganz geschlossen, als Laura schon wieder Vollgas gab und mit durchdrehenden Rädern losfuhr.


 


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