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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Das Amt und... ichSina Permet
Sina Permet

Das Amt und... ich


Abenteuer Amts-Alltag

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Das Amt und ... der Fahrstuhlschacht


Zu den letzten Mysterien dieser Welt zählen bekanntermaßen das Bermuda-Dreieck und die schwarzen Löcher. Weit weniger bekannt dürfte das Mysterium des Akten fressenden Fahrstuhlschachtes in unserem Amt sein. Im Gegensatz zu durchschnittlichen Fahrstühlen, die nur Personen oder Gerätschaften transportieren, verschlingt unser Fahrstuhl, wenn man den Gerüchten trauen darf, unliebsame Akten und unbequeme Anträge in Mengen... und das ohne je zu verstopfen!


In unserem Amt gibt es natürlich, wie in vermutlich jedem Amt, Unmengen von Akten. Bei uns handelt es sich in erste Linie um Grundstücksakten, zumindest was meine Abteilung betrifft. Für jedes Grundstück in der Stadt gibt es eine Akte oder besser gesagt, sollte es geben!


In den Akten werden alle, die Bebauung des Grundstücks betreffenden Informationen wie Zeichnungen, Erlaubnisse und Briefe gesammelt. So kann man (zumindest theoretisch) jeder Zeit auf die Akten zurückgreifen, wenn auf dem Grundstück gebaut werden soll oder es vielleicht Probleme bei der Entwässerung des Grundstücks gibt. Soviel zur Theorie.


In der Praxis ist es aber so, dass im entscheidenden Augenblick immer die benötigte Akte fehlt oder nicht auffindbar ist. Bei Grundstücken, die Anfang des letzten Jahrhunderts bebaut wurden und deren Akten zwei Weltkriege, drei Umzüge und einen Archivbrand haben überstehen müssen, scheint es verzeihlich, wenn die fragliche Akte nicht (oder nicht mehr) vorhanden ist.


Aber selbst bei Bauten jüngeren Datums geschehen seltsame Dinge und die zugehörigen Akten verschwinden auf ihrem Weg durch die Abteilungen einfach und ohne jede Spur und das manchmal direkt vom Schreibtisch weg.


Akten, an denen man gerade noch gearbeitet hat, sind einen Tag später trotz intensivster Suche im ganzen Haus nicht zu finden und tauchen, wenn man Glück hat, nach ein paar Jahren wieder auf - oder eben auch nicht.


Wenn dann mal wieder ein Kollege auf der verzweifelten Suche nach einer Akte ist und jeden verfügbaren Kollegen in jeder noch so unwahrscheinlichen Abteilung nach der Akte fragt, dann kommt zunächst die standardisierte Antwort: „Welche Akte suchst Du?“ „Neee... die habe ich noch niiiie gehabt!“ gefolgt von dem immer gleichen Gerücht vom Fahrstuhlschacht... Was da wohl so alles drin ist...


Selbst mein Chef hat im Zusammenhang mit einer verschwundenen Akte schon von entmaterialisieren gesprochen.


Doch manchmal kommt es vor, das Akten (Briefe oder Anträge tun das ab und zu ebenfalls) sich tage-, wochen- oder monatespäter wieder materialisiert. Plötzlich sind sie wieder da. Wie aus dem Nichts und als seien sie nie weg gewesen, liegen sie mitten auf dem Schreibtisch.


Natürlich hat sie niemand dahin gelegt oder jemanden gesehen, der sie dahin gelegt haben könnte! Akten scheinen ein ganz eigenes Leben zu führen.


Manchmal hilft eben nur Geduld und vielleicht eine Ersatzakte, denn mit Akten ist es so ähnlich wie mit Strümpfen. Wenn man den letzten verbliebenen Strumpf, zu dem sich partout kein zweiter mehr gesellen wollte, weggeworfen und ein neues Paar gekauft hat, taucht der vermisste Zweite garantiert wieder auf. Akten scheinen nach dem gleichen Prinzip zu handeln... oder ist es der Fahrstuhlschacht, der sich einen Spaß daraus macht?


Neben dem Fahrstuhlschacht gibt es noch ein paar weitere Orte, an denen Akten vor einer Verfolgung durch die Sachbearbeiter sicher sind. Insbesondere das Büro meines Kollegen Hugo lässt einen Eindruck davon zu, wie es wohl im untersten Geschoss des Fahrstuhlschachtes aussehen muss. Hier stapeln sich die Akten der letzten zwanzig Jahre und jeder Gedanke daran, in diesem Büro eine Akte oder gar einen Antrag finden zu wollen, grenzt an Wahnsinn. Nicht umsonst ist ‚Hugos-Büro’ ein amtsübliches Synonym für ‚Fahrstuhlschacht’.


Es hat sich allerdings bewährt, gelegentlich eine geheime Expedition in dieses Chaos zu unternehmen - tunlichst aber nur, wenn der Büro-Besitzers durch eine längere Abwesenheit (vorzugsweise seinen Jahresurlaub) glänzt. Es ist schon erstaunlich, was in den Schränken und unter großen Aktenstapeln zu finden ist. Für eine allgemeine Bestandsaufnahme, ist eine solche Geheimmission immer empfehlenswert.


Vor einer ähnlichen Aktion ist der Fahrstuhlschacht allerdings sicher, denn unsere Hausmeister haben, aus verständlichen Gründen, nie gemeinsam Urlaub. So ist es noch niemandem gelungen, sich unbemerkt in den Keller, zum Fuß des Fahrstuhlschachtes, zu schleichen. Vermutlich würde man dort noch viel Wundersames finden.


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