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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Darjeeling bei Zeus, Jutta Schützdeller
Jutta Schützdeller

Darjeeling bei Zeus



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Feuerbälle flogen über die ansonsten so friedlich da liegende Agora. Demeter hatte gerade eine Vase mit frischen Blumen platziert, duckte sich blitzartig und musste mit ansehen, wie ein verirrtes Geschoss ihre Vase vom Tisch fegte.
Scheinbar hatte der Streit seinen Anfang genommen, als Loki versuchte, beim Kartenspielen zu betrügen. Sein Mitspieler, Atum-Re, hatte nichts bemerkt. Er sonnte sich zwar regelmäßig in dem Glauben, alles unter Kontrolle zu haben, aber eigentlich war er immer der Letzte dem auffiel, wenn etwas nicht stimmte. Allah, der gerade seine Karten ausspielen wollte, bemerkte den Versuch erstaunlich schnell, aber nur, weil Mohammed es ihm mal wieder rechtzeitig steckte. Die zwei hielten ohnehin zusammen wie Pech und Schwefel.
Odin saß mit Zeus und dem Japaner Takami-Musubi gerade bei einer Tasse Tee und blickte stirnrunzelnd auf. Ebenso wie Thor, dessen Hammer auf seine Rüstung flog, um ein paar Dellen darin zu glätten.
Er hob den Blick und donnerte los: „Jetzt hört aber auf, das ist ja furchtbar!“.
Odin blickte zu Zeus, dann zu Takami-Musubi und meinte seufzend: „Ich fürchte, die Herren  brauchen Abwechslung, sonst drehen sie noch durch. Schaut euch an, was sie jetzt wieder anrichten. Ich gebe zu, mir geht dieses Herumsitzen auch an die Nerven. Wie lange sollen wir hier eigentlich noch untätig rumhängen?“
Der Gott der Christen nahm ein kleines Radio vom Ohr und schaute ihn verständnislos an.
„Ich weiß gar nicht, was du meinst? Ist dir etwa langweilig? Ich finde es ganz unterhaltsam.“ Er grinste. „Hört doch mal mit, jetzt gerade wird es spannend, sie wählen einen neuen Papst!“
Odin schenkte ihm einen bitterbösen Blick. „Ja, du hast gut reden! Ich meine, an dich glauben die Leute ja wenigstens noch! Oder an ihn da…“, und wies auf eine Ecke des Platzes, wo Buddha im Schneidersitz hockte und kleine goldene Kugeln vor seinem Gesicht schweben ließ. Er hatte die Augen geschlossen und schien mit sich und dem Universum im Reinen.
Das, was von den Sterblichen oftmals als Himmelsgewölbe, Nirwana oder Paradies bezeichnet wurde, sich letztlich aber ausschließlich am Geschmack der Anwesenden orientierte, war das Zuhause der Götter und bot dem unwissenden Betrachter ein Wirrwarr an Geschmacksrichtungen, denn ein jeder der Gottheiten hatte dazu beigetragen, den Ort zu etwas Außergewöhnlichem zu machen.
Zeus hatte Säulen importiert, während sich die Ägypter nicht hatten nehmen lassen, etliche Pyramiden herbeizuschaffen, argwöhnisch beäugt von den Südamerikanern, die das als Anmaßung verstanden und sofort eine Replik der Stufenpyramide von Tikal installiert hatten. Gegen diese Monstrositäten wirkten die Teehäuser der Japaner nahezu zerbrechlich, in der Größe wurden sie lediglich von den Tipis der amerikanischen Ureinwohner unterboten, die gemeinsam mit einigen Totems und einem Stück Prärie, auf der friedlich Büffel grasten, einen harmonischen Gegensatz zu den gigantischen Bauten der Europäer bildeten.
Da im Allgemeinen jedoch niemals mit einem unwissenden Betrachter gerechnet werden musste, da Sterbliche an diesem Ort schlichtweg nichts verloren hatten, konnte man sich getrost in den selbst geschaffenen Wohnwelten aufhalten, ohne in Erklärungsnot zu geraten. Obwohl jeder sein eigenes Ambiente bevorzugte, traf man sich doch gelegentlich auf der Agora von Zeus, sie lag ziemlich zentral und war von allen anderen Wohnwelten gut zu erreichen. Was sie aber zudem besonders attraktiv machte, war die Tatsache, dass Zeus ein phantastischer Gastgeber war. Seine Ambrosia war wirklich nicht von schlechten Eltern.
Als einziger hatte sich Buddha auf dem harten Boden der Tatsachen niedergelassen, ein Platz, den er bevorzugte und der ihm anscheinend, ihm Gegensatz zu allen anderen, nicht das geringste Unbehagen zu bereiten schien. Die Anderen bevorzugten Sitzpositionen wie „über alles erhaben“ und „fernab von allem Weltlichen“ und hatten ihre Plätze im Reigen der Kollegen bewusst gewählt.
Hera schlenderte herein, Isis am Arm. Die beiden sahen verstört auf das Chaos, das die Kartenspieler angerichtet hatten und richteten fragende Blicke auf den Hausherrn. Dessen tiefe Stimme war nun aus dem Wirrwarr seines üppigen Bartes zu vernehmen.
„Mmh, ja, ich gebe Odin Recht, es ist nicht so einfach zu vergleichen, ich meine, eure und unsere Situation. Das ewige Warten macht einen schon irgendwie mürbe, findest du nicht, Hera, meine Liebe?“, er brummte zufrieden und rührte liebevoll mit einem kleinen Löffel in seiner Tasse, in der goldener Darjeeling schwappte, „Aber so schlimm ist es doch nun auch wieder nicht, finde ich.“
Hera setzte zu einer Erwiderung an. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, brach es aus Isis heraus.
„Oh, großer Zeus, Göttervater, tu doch etwas. Wir kommen um vor Langeweile! Ich frage dich, wie oft soll ich Osiris noch zusammensetzen, bloß damit Seth ihn wieder zerreißt? Mal ganz davon ab, dass ich den wichtigsten Teil immer noch suche.“ Sie ließ ihren Blick scheinbar erzürnt über die Anwesenden schweifen und deutete auf einen scheinbar friedlich dasitzenden Gott. Unter dessen Hocker quollen kleine Rauchwölkchen hervor.
„Schau Dir Loki an, er ist meiner Meinung nach schon lange nicht mehr als zurechnungsfähig zu bezeichnen! Der legt überall Feuer, wo er steht und geht! Hat jemand in letzter Zeit Zarathustra gesehen? Oder Jahwe, Manitou? Von Quetzalcoatl und Morrígan ganz zu schweigen. Was meint ihr, wo die stecken? Das gibt bald Ärger, ich verspreche es euch!“
Zeus stellte vorsichtig die Tasse mit seinem geliebten Darjeeling-Tee ab, dann erhob er sich raschelnd.
„Wer ist hier unzufrieden?“, blitzte er seine Umgebung an und seine Stimme schwoll zu einer Lautstärke an, die jeden Sterblichen augenblicklich in die Knie gezwungen hätte. Aus allen Richtungen ertönten nun mürrische Kommentare. Selbst Buddha öffnete vorsichtig ein Auge.
„Uns ist langweilig!“, wurden dann Stimmen von allen Seiten laut, „Tu etwas, oh Zeus!“
Der Göttervater war fassungslos. Er blickte von einem zum anderen. Eine Mischung aus Trauer und Mitleid schlich sich auf seine Züge.
Das ihm. Ausgerechnet jetzt. Er seufzte und schenkte seiner Tasse Darjeeling einen sehnsuchtsvollen Blick. Da setzt man sich einmal im Jahrtausend mit einer gemütlichen Tasse Tee hin und schon kam jemand und störte das Idyll. Für einen winzigen Augenblick huschte ein Gedanke durch seinen Kopf. Ob er nicht doch lieber die Tasse Tee…? Unsicher drehte er sich um. Luzifer lehnte maliziös grinsend hinter ihm an der Wand.
„Lass das!“, herrschte Zeus ihn an. „Meine Entscheidungen treffe ich alleine, ist das klar? Mach das gefälligst mit Menschen, aber nicht mit mir, oder ich schicke dich dahin, wo dich ohnehin alle vermuten!“
Betroffen senkte der Fürst der Unterwelt den Blick.
Bis auf seine waren jetzt alle Augen erwartungsvoll auf Zeus gerichtet. Der zuckte resigniert mit den Schultern und setzte sich.
„Meinetwegen!“, dröhnte er, „Aber macht nicht wieder so viel kaputt. Keinen Weltkrieg dieses Mal, verstanden? Lasst euch was Gutes einfallen, etwas…“, er zögerte, „etwas Herausforderndes! Überrascht mich, macht es spannend!“
Jubel brandete auf. Selbst Buddha erhob sich schwerfällig und klatschte Beifall. Nur der Gott der Christen war ein kleines Bisschen beleidigt. Er hatte doch Unterhaltung! Was sollte das jetzt wieder? Schmollend zog er seine Unterlippe vor. Seine Gedanken wandten sich Allah zu, der sicherlich schadenfroh grinsen würde, wenn er das hier sehen könnte. Der Gott der Christen setzte eine betont gleichgültige Miene auf, nein, diese Genugtuung würde er dem Kerl nicht geben! Interesse heuchelnd begab er sich zu den anderen, die bereits wild diskutierten.


 


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