Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Belletristik > Crystal – Zu den Sternen fliegen
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Crystal – Zu den Sternen fliegen, Erik D. Schulz
Erik D. Schulz

Crystal – Zu den Sternen fliegen



Bewertung:
(43)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
433
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Autorenwebsite, Buchladen um die Ecke
Drucken Empfehlen

 


Aus Kapitel 3


Familie Weller wohnte im Hinterhaus eines heruntergekommenen Altbaus. Voller Vorfreude stieg Niklas die Treppen zum obersten Stock hinauf und pfiff ein Lied. Seiner aufgekratzten Stimmung vermochten weder der abblätternde Putz noch das Chaos vor der Wohnungstür etwas anzuhaben. Sich türmende Kisten und verstreute Schuhe erinnerten an eine Sperrmüllhalde. Mehrfach hatte Niklas angeboten, die Unordnung zu beseitigen, doch bei Frau Weller war sein Vorschlag stets auf Ablehnung gestoßen.


Er klingelte, die Tür öffnete sich und ohne ein Wort zu verlieren, presste Lydia ihn noch auf der Schwelle zu einer innigen Umarmung an sich, so fest, dass es fast schmerzte. Ihr kastanienbraunes Haar umspielte Niklas’ Hals. Er streichelte über ihre Mähne und fieberte dem Moment entgegen, da ihre Lippen sich zu einem Kuss zusammenfinden würden. Und dann war es soweit. Das feuchtwarme Gefühl ihrer flinken Zunge an der seinen ließ ihn bis ins Innerste erschauern. Doch als Niklas ihr in die Augen blickte, sah er, dass Lydias Blick von Resignation getrübt war. Ihre blauen Augen, die feinen Gesichtszüge und der breite Mund, alles an ihr signalisierte Niedergeschlagenheit.


„Was ist, mein Engel?“


„Sie schafft mich einfach“, erklärte sie und deutete mit einer Geste hinter sich in die Wohnung. „Aber komm doch erst mal rein.“


Hand in Hand bahnten sie sich einen Weg durch herumliegende Verpackungen, schmutzige Klamotten und alte Zeitschriften hinüber zur Küche. Lydia trug eine verwaschene Jeans mit Rissen, die ihre schlanke Taille und ihre sanft gerundeten Hüften betonte, dazu ein ärmelloses weißes T-Shirt. Niklas konnte den Blick kaum von ihren Formen wenden.


Frau Weller stand mit einer Zigarette im Mundwinkel in der vermüllten Küche und brühte sich einen Espresso. Ihr Gesicht wirkte unter dem kurz gescheitelten Haar feist und verbraucht.


„Hi“, begrüßte sie Niklas knapp. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, ging sie auf ihre Tochter los: „Ich mach den Scheiß nicht mehr mit, Lydia! Wir diskutieren das jetzt aus, ob der hier ist oder nicht!“


„Wir diskutieren überhaupt nichts“, giftete Lydia zurück in einem aggressiven Ton, den Niklas nicht an ihr kannte. „Weil es nichts zu diskutieren gibt! Ohne Geld kein Einkauf.“


„Wenn du nicht tust, was du sollst, gibt’s zum Abendbrot eben einen kleinen Streit.“


„Als ob es bei dir je was anderes gegeben hätte!“


Lydia stemmte die Hände in die Hüften, reckte sich auf und funkelte ihre Mutter an. Niklas fürchtete, dass die beiden Frauen im nächsten Augenblick mit Krallen und Zähnen übereinander herfallen würden.


„Du bescheuerte Göre!“, schrie Frau Weller. „Ja, lass mich hier ruhig alles alleine stemmen, aber werde nur nicht noch frech, sonst …“


„Was sonst?“


Die Antwort bestand aus in die Luft hackenden Händen und einem verkrampften Kinn. Während Frau Weller sich abwandte, warf sie noch hinterher: „Als wenn dein Vater hier noch wohnen würde! Sieh doch selbst im Kühlschrank nach, was es gibt!“


Dann verschwand sie im Wohnzimmer, wo sie, wie Niklas aus Lydias Berichten wusste, bis zu ihrem Nachtdienst vor dem Fernseher sitzen würde.


Tränen liefen über Lydias Wangen. Ihre Lippen bebten, während sie resigniert den Kühlschrank öffnete: Darin befand sich nichts als ein ausgekratztes Glas Senf und ein angebrochenes Röhrchen Kapern.


„So sieht Privatinsolvenz aus, wenn ein Treuhänder das Gehalt pfändet!“


Wütend schlug sie die Kühlschranktür wieder zu und ließ sich in Niklas’ Arme fallen. Minutenlang schluchzte sie stumm, überspült von einer Welle der Traurigkeit nach der anderen.


„Ist ja okay, meine Süße“, tröstete Niklas sie berührt, „heute wird alles gut.“


„Meinst du?“ Mit verheultem Gesicht sah sie ihn an. Nachdem die letzte kleine Eruption abgeebbt war, sagte sie: „Es ist alles so scheiße, Nik. Ich musste sogar schon das Geld, das ich für mein Handy zusammengespart habe, zum Supermarkt tragen, um uns was zum Essen zu kaufen. Der Weller und meine Mutter sind einfach lebensunfähig!“


In Lydias Zimmer stapelten sich Schulbücher auf dem Schreibtisch. Sie arbeitete hart in Mathematik und Physik, um sich mit einer guten Drei über Wasser zu halten. Ehrgeizig verfolgte sie ihren Studienwunsch Medizin. An den Wänden hingen zwei Ölbilder, die sie im Stil von Picasso gemalt hatte. Eines zeigte eine an der Wand hängende Geige, ein anderes eine Frau im Hemd, die in einem hohen Sessel saß. Niklas bewunderte Lydias Talent und fragte sich immer, warum sie ausgerechnet Medizin und nicht Malerei studieren wollte. Sie beantwortete die Frage stets mit dem Hinweis, dass Künstler kein Geld verdienten.


Auf ihrer Staffelei stand ein noch unfertiges abstraktes Bild.


„Was wird das?“, fragte Niklas interessiert.


„Der Kopf einer weinenden Frau. Ist einem Bild aus Picassos Guernica-Phase nachempfunden.“ Zärtlich lächelte sie ihn an und ergänzte: „Für dich.“


„Wow! Ich freue mich darauf!“


Mit leuchtenden Augen kam er zu ihr und küsste sie auf den Hals. Seine Hände streichelten ihr über den Hintern und erkundeten die zarte Haut ihres Rückens unter dem T-Shirt.


Ein paar Atemzüge lang ließ sie es geschehen, dann entwand sie sich seiner verlangenden Umarmung und sah ihn erwartungsvoll an. „Hast du an das Gras gedacht, Nik?“


Triumphierend beantwortete er ihren Blick und wies auf den kleinen Beutel in seiner Jackentasche.


„Ich habe noch was viel Besseres!“


„Was denn?“


Neugier trieb sie wie magisch zurück in seine Arme, wo sie sich sacht an ihn zu schmiegen begann und ihn, ihren warmen Körper an seinen reibend, nach dem Geheimnis abtastete.


„Sachte, sachte, Süße“, sagte er und zog ihre Finger von der Innentasche seiner Jacke weg. Er versäumte es nicht, sich bei der Gelegenheit einen Kuss zu stehlen und über ihre Schenkel zu streicheln, erst hinten auf und ab, dann mutiger auch nach innen.


„Nun sag schon, du Schuft!“


„Zeig ich dir nachher“, versprach er und genoss die vielversprechenden Berührungen. „Lass uns jetzt erst mal richtig zu Katsuku essen gehen. Dann gibt’s Party.“ Der Japaner war ihr Lieblingsimbiss.


„Dazu muss erst der Drachen ausfliegen“, sagte Lydia, schürzte die Lippen und stützte das Kinn auf Niklas’ Schulter. „Ich habe Stubenarrest. Wir haben uns gestern fast geprügelt.“


„Wann muss sie denn los?“


„In ein paar Minuten.“


Frau Weller arbeitete beim Ordnungsamt. Lukas, Lydias fünfjährigen Bruder, hatte sie für den Abend mal wieder zu ihrer Schwester nach Potsdam gegeben.


Niklas löste sich aus der Umarmung und fläzte sich auf einen der beiden Rattansessel. „Wie viel Geld brauchst du eigentlich noch für dein Smartphone?“


„Siebenhundert Euronen.“


„Siebenhundert?“, fragte er ungläubig, was sie mit einem Nicken bestätigte. „Das ist ja der verdammte Neupreis!“


„Ja, meine Vierhundert sind bei Aldi draufgegangen.“


Das Ausmaß des finanziellen Desasters der Familie Weller erschütterte Niklas so, dass er sofort in die Innentasche seiner Jacke griff.


„Ich habe hier … noch eine Kleinigkeit für dich“, sagte er aufgeregt und mit einer Prise Stolz in der Stimme. „Heute wird dein Glückstag, Süße.“ Er zog siebenhundert Euro aus seinem Portemonnaie, formte sie bedeutungsvoll zu einem Fächer und hielt ihn ihr entgegen. „Für dein Phöny.“


„Um Gottes Willen, Niklas, das kann ich unmöglich annehmen“, sagte sie und hielt sich die Hand vor den Mund. „Woher hast du so viel Geld?“


„Lag bei Menzel rum“, erklärte er und fächelte mit den Scheinen in der Luft herum. „Der wird in der Klapse nicht mal merken, dass was fehlt.“


„Ach, du Scheiße! Niki-Schatz, du hast das geklaut?“ Ein Beben huschte über ihr Gesicht und auf ihren Wangen bildeten sich rote Flecken. Demonstrativ verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Sag mal, bist du noch zu retten?“


„So würde ich das nicht sehen“, verteidigte er sich. „Ist eher eine Art Unkostenbeitrag für seelische Grausamkeit. Immerhin hat der Typ mich fast erwürgt!“


Theatralisch fasste er sich an den Kragen seines Sweatshirts, verdrillte ihn und schielte, als würde er stranguliert. Lydia kicherte und entspannte sich etwas. In der Tat hielt sich Niklas’ schlechtes Gewissen in dieser Angelegenheit in Grenzen. Er tippte mit dem Zeigefinger auf sein Knie. Sie kam der Aufforderung zum Sitzen auf dieser Stelle nach.


„Ist er dir wirklich an die Kehle gegangen?“


Er nickte bestätigend und kam sich dabei vor wie ein Held. Ihr Mund öffnete sich ihm für einen langen, sanften Kuss.


Doch dann zuckte sie zurück und schüttelte den Kopf. „Hör mal, ich kann das nicht annehmen. Nicht in hundert Jahren.“


Er umfasste ihre Taille, wies mit dem Blick auf die Bilder und fragte: „Darf ich dir vielleicht ein Bild dafür abkaufen?“


„Ich will dir doch eins schenken. Das geht nicht.“


„Ich will dir das Geld auch schenken!“


Ihr Schmollmund ließ das Argument nicht gelten.


„Und wenn ich dir das Moos borge?“


„Hör bloß auf mit borgen – ich bekomme schon Krätze bei dem Wort!“


„Scheiße … ja.“ Niklas fühlte sich peinlich berührt. Er wiegte sie auf den Knien hin und her, stupste mit der Nase an ihren Arm und bettelte: „Nun komm schon! Ich liebe dich doch und will es dir schenken … unbedingt!“ Er drehte ein kleines Fernrohr aus den Scheinen und spähte hindurch in das linke Auge seiner Freundin, das sich langsam mit Tränen füllte.


„Damit wir uns immer Nachrichten über WhatsApp schicken können.“


Zwischen Hoffnung und schlechtem Gewissen hin- und hergerissen, begann ihr Widerstand zu bröckeln. Schließlich ergriff sie das Geldbündel, umarmte ihn und küsste wild sein Haar, seine Stirn, seine Augen.


„Danke!“


Minutenlang lagen sie einander liebkosend in den Armen und lösten sich erst, als die Haustür ins Schloss krachte. Frau Weller war zum Nachtdienst aufgebrochen.


Der Mond schien durch dicke Nebelschwaden zu ihnen herunter. Die Kälte zog Lydia und Niklas durch die Glieder. Sie hielten sich an den Händen und gingen durch nächtliches Grau, das die Konturen der Stadt verschluckte. Lydia trug eine weinrote Jacke und ließ die aufgenähten Fellbommeln durch die Finger gleiten. Niklas versetzte die Aussicht auf den Rest des Abends in Erregung.


„Was hast du noch?“, fragte sie kribbelig und fingerte an seiner Jacke herum.


„Erst Huhn in Teriyakisauce“, versuchte er sie hinzuhalten, „dann die Überraschung.“


Übermütig sog Lydia die kalte Luft ein. „Es ist so herrlich, endlich frei durchzuatmen! Dieser Mief bei meiner Alten bringt mich noch um.“ Unvermittelt blieb sie stehen, umarmte ihn stürmisch und bedeckte sein Gesicht mit Küssen. „Sag schon … mach schon!“ Rastlos wanderte ihre Hand an seiner Hüfte entlang und landete knetend an seinem Hintern.


Zärtlich löste er sich von ihr. Das Geräusch des Reißverschlusses seiner Jacke durchschnitt die Stille. Aus der Innentasche zog er mit bedeutungsvoller Miene das Päckchen mit den Kristallen und wedelte damit vor ihrer Nase herum.


„Crystal. Eine Probe aus Menzels Schatzkästchen. Der Typ scheint ein Dealer zu sein.“


„Geil!“, rief sie, machte einen Hüpfer, zog die Brauen empor und betrachtete gierig das Tütchen. „Das wollte ich schon immer mal probieren!“


Niklas überließ ihr die abgepackte Ekstase, und Lydia prüfte sie zwischen ihren zarten Fingern. Entschlossen packte sie seine Oberarme und schüttelte ihn.


„Los, lass uns gleich zu dir gehen!“


„Aber ich hab Hunger. Wir wollten doch erst zu Katsuku.“


„Essen kannst du morgen wieder. Heute brauchen wir kein Essen mehr.“ Sie betonte das Wort voller Sarkasmus, als hätte ihre Mutter soeben Kapern und Senf aufgetischt. Vehement zog sie ihn in Richtung seiner Wohnung. Ihre Hand umklammerte seine, zerrte an ihm, jagte ihn durch den Park.


„Willst du das wirklich probieren? Ich meine, hast du denn gar keinen Schiss? Das ist hartes Zeug!“


Angesichts ihrer Gier keimten Zweifel in Niklas auf. Und die üblichen Sprüche rumorten in ihm: von dem Teufelszeug, das schon so viele Menschen dahingerafft hatte. Einmal genommen – nie mehr weggekommen. Auf der anderen Seite suchte auch er selbst nach dem perfekten Gefühl, dem idealen High. Nach dem Schlüssel, mit dem sich die Tore in andere Dimensionen seines Unterbewusstseins öffnen ließen. Bislang hatte er schließlich immer alles unter Kontrolle gehabt, hatte jederzeit mit jeder Droge aufhören können. Das erwartete er auch von Lydia, die mit Cannabis besonnen umzugehen schien. Und sie kannte sich etwas mit Speed aus, nahm es sporadisch auf Partys. Vielleicht machte er sich zu viele Sorgen.


„Mal ist das schon okay, Nik … Das wird endgeil! Marlene hat’s neulich auch genommen – ein Wahnsinnsflash!“ Marlene ging in ihre Klasse und war ihre beste Freundin.


Die letzten Meter vor dem Ziel kam Lydia ins Rennen und schnaufte wie eine aufgeregte Stute. „Die Nacht unseres Lebens … Danach habe ich schon so lange gesucht …!“


„Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Kontrolle nicht verlieren. Es darf uns nicht kaputtmachen.“


„Ach, hör auf, du Spießer! Heut Nacht will ich richtig high werden - sonst will ich gar nicht mehr weiterleben!“


Sie kamen in die Wohnung. Anni war nicht da, sie gab ein Konzert in einem Klavier-Workshop. Lydia riss sich ihre Jacke herunter und schmiss sie auf den Boden. Ihre Schuhe, die sie ohne sich zu bücken von den Füßen streifte, flogen hinterher. Besonnen hob Niklas die Jacke auf und hängte sie an die Garderobe.


„Na los!“, drängelte Lydia.


Angespannt schob er sie in sein Zimmer, in der Hand das Nasenziehset und das Päckchen mit dem Meth.


Bevor sie sich auf sein Bett setzten, legte er eine CD ein, Bitches Brew von Miles Davis. Er fand den komplexen, schwer verdaulichen Jazz irgendwie passend für den Anlass. Sofort pulsierten verwirrende, graziös-schöne Klänge aus den Boxen. Elektronische Pianos zauberten eine exotische Atmosphäre, und die Rhythmusinstrumente unterlegten alles mit einem tiefen Groove.


„Was ist denn das Schräges, Nik?“


„Miles Davis – eine Jazz-Legende. Hör zu und lass dich von deinen Gefühlen überraschen, wenn du erst mal was geladen hast!“


Auf dem Bett hockend sahen sie einander an und mussten grinsen. Niklas nahm Löffel, Spiegel und Rasierklinge aus Menzels Set und legte den letzten Hunderteuroschein daneben. Dann holte er das Tütchen hervor, nahm einen der eigenartig funkelnden Kristalle heraus und positionierte ihn auf dem Spiegel. Sorgfältig zerdrückte er ihn mit dem Löffel zu einem feinen weißen Pulver und legte mit der Rasierklinge die erste Line Crystal zurecht. Hell schimmerte sie auf dem Glas, winzig, fast lächerlich klein, doch respekteinflößend. Er rollte aus dem Hunderter ein Röhrchen und reichte Lydia das Arrangement, die es voller Neugier entgegennahm.


Ohne Zögern senkte sie den Kopf, hielt sich ein Nasenloch zu und steckte den gerollten Geldschein in das andere. Ein kurzer, konzentrierter Blick auf die Line und … zack! Kräftig und vollständig zog sie das Pulver hinauf.


„Wow, Nik … fett … Scheiße!“, jammerte sie und hielt sich mit beiden Händen die Nase. „Mir hat jemand eine Glasscherbe in die Nase gerammt, wow, wie das brennt, Hilfe!“ Wie ein glückliches, unschuldiges Kind ließ sie sich nach hinten fallen; Tränen schossen ihr in die Augen. „Los, zieh dir auch was!“


Nun Niklas, dieselbe Prozedur. Anspannung – auch er hatte noch nie Crystal genommen. Vor dem Schniefen begann er zu zittern. Er sah sein Gesicht im Spiegel, sah seine verwirrten Augen unter der Line, die Überraschung, dass er das hier wirklich durchziehen wollte. Einen Moment lang ein letzter Kampf mit den Zweifeln, mit der Angst, dem schlechten Gewissen – dann gewannen die Neugier und das Meth. Zack!


Seine Nase brannte wie Feuer. Das mörderische Ätzen überlagerte alle anderen Gefühle. Tränen flossen. Nur langsam ließ der Schmerz in der Nase nach, lief glühend weiter in den Hals, bitter-säuerlich. Er trank eine halbe Cola. Besserung. In seinem Hinterkopf breitete sich ein Stechen aus. Während die Missempfindungen abklangen, spürte er, wie sein Herz schneller zu schlagen begann, seine schweißigen Hände zitterten und seinen Körper ein angenehmes Kribbeln durchzog.


„Der Vorhang geht auf, Nik“, sagte Lydia selig. „Alles wird so klar … und so mächtig, verdammt mächtig!“


Sie zog ihn an seinem Sweatshirt zu sich aufs Bett, krallte sich in den Stoff, erforschte spielend die Haut darunter. Ihre Lippen fanden sich, ihre Zungen schoben sich ineinander und verschlangen sich.


„Du hast recht“, sagte er, „es ist nicht einfach nur stark. Es ist mächtig.“


„Ich hab dir so viel zu erzählen, so viel!“


Alles war im Rush-Modus, geradeaus und durch. Es gab kein Zurück mehr. Niklas’ Körper fühlte sich genial an. Ein nie gekanntes Wohlgefühl durchflutete ihn, Schmetterlinge im Bauch. Wo es eben noch unangenehm im Hinterkopf gestochen hatte, lagen jetzt ein anregendes Vibrieren und ein Gefühl von Unbesiegbarkeit. Gedanken zuckten wie Blitze durch sein Gehirn. Die absolute Gewissheit, alles zum Guten regeln zu können.


„Ihre Depressionen kotzen mich so an, Nik! Sie verbringt den ganzen Tag vor der Röhre, und wenn ich nach Hause komme, fängt der Krieg zwischen uns an. Gestern hätte ich ihr fast in die Fresse geschlagen. Sie hat sich die Ohren zugehalten und mich beleidigt, als wir über unsere Pleite und ihre Unfähigkeit gestritten haben. Sie meint, ich lasse sie nicht in Frieden und sie findet ihre Ruhe erst im Grab. Ich quäle sie mit Absicht und würde sie später nicht mal mehr mit dem Arsch angucken. Sie will einfach die komplette Kontrolle über mein Leben, verstehst du? Das belastet mich total … Wow, alles ist auf einmal so klar. Darf ich dir das alles erzählen?“


„Klar, Süße. Alles kann raus.“


Niklas fühlte sich voller Energie, empfand ihr Zusammensein intensiv wie nie zuvor. Sie legte den Kopf auf seine Brust und er streichelte ihre Mähne.


„Ich könnte kotzen, wenn ich daran denke, mein Leben nur noch vom Geld und dieser frustrierten Alten bestimmen zu lassen. Wer will denn in so einer kaputten Welt leben? Manchmal verlässt mich echt die Kraft zum Weitermachen. Dann will ich alles nur noch beenden. Ich hab so die Schnauze voll von Streit, Hass, Frust und Dreck.“


Die Gedanken sprudelten aus Lydia heraus, kristallklar und frisch. Irgendetwas an ihrem Körper war immer in Aktion. Die Energie musste sich entladen. Ihre Hände nestelten an seinem Shirt, streichelten ihn intensiv. Sie schaute sich ihre Finger an, als hätte sie sie noch nie gesehen, tat dasselbe mit ihren Haaren. Ihre Füße wippten hin und her. Alles im Rush.


„Natürlich hat ihr dieser Arsch von Weller den Rest gegeben – mein sogenannter Stiefvater. Der hat sogar so ein beschissenes Sextagebuch geführt.“


„Sextagebuch? Grundgütiger!“


Trotz der Dinge, die Lydia ihm erzählte, ließ das Crystal Niklas alles mit der Unvoreingenommenheit eines Kleinkindes betrachten, er hörte einfach zu, frei von Vorurteilen, sorglos. Als hätte eine imaginäre Hand seinen Kopf von allen belastenden Gedanken leergefegt.


„Eines Abends hatte er zu viel getrunken und fiel angezogen auf dem Bett ins Koma. Als meine Mutter von der Spätschicht nach Hause kam, stand sein Laptop offen rum. Da fand sie das Tagebuch, in dem er exakt über seine Sexsucht Buch führte: Bordellbesuche, Saunaclubs auf Dienstreisen, Escorts, wie viele Mädchen und wie alt, das ausgegebene Geld – siebenhundert Euro monatlich! Meine Mutter ist komplett ausgerastet. Ich dachte, die bringt das Schwein um. Das war’s dann mit der Ehe. Ich kann dem Mann seitdem keinen Respekt mehr entgegenbringen. Nicht mal mehr mit dem beschissenen Nachnamen kann ich noch was anfangen: Weller! Ich wünschte, ich hieße noch Kramer, so wie mein richtiger Vater in Köln.“


Wie ein Kind übermannte Niklas ein plötzlicher Rededrang, begleitet von einem hämmernden Puls und ultimativer Wachheit. Glücksgefühle überstürzten sich. Er schüttete sein Herz aus, redete auf Lydia ein: Von seinen Eltern, die ihn immer mit seiner Schwester allein ließen, mit denen er nie sprechen konnte, die ihm nie die Schulter zum Anlehnen boten, von Einsamkeit und Verlorenheit, von Fabian, den er hasste, von den Problemen in der Schule. Lydia hörte voller Wissbegierde zu. Sie verstand.


Im Hintergrund lief Bitches Brew mit pulsierenden Vibes; funkig und komplex rhythmisch. Plötzlich interessierte Lydia sich für die Musik, spielte Instrumente in der Luft mit Füßen und Händen und spürte den Drang, die geheime Konstruktion der Klänge zu erforschen.


„Faszinierend, die Atmosphäre“, sagte sie kennerisch. „Wie ein düsterer, ungewisser Dunst des Geheimnisvollen.“


„Ja, man muss sich öffnen, um diese Mischung aus meditativen Momenten und Dissonanzen aufzunehmen. Klingt wie ein Fiebertraum. Erst fast Stillstand, dann eine Form völliger erotischer Ekstase. Faszinierend!“


Der Rush nahm kein Ende. Hoher Pegel, nicht die Spur eines Abflachens. Ein Verlangen überkam Niklas, das er so intensiv bislang noch nie erlebt hatte. Und er kannte seine ausgeprägte Libido, die ihn fast täglich um den Verstand brachte. Er drückte Lydia an sich, schmiegte sein Gesicht an ihren Hals, sog ihren Duft ein; dabei glitten seine Hände unter ihr T-Shirt, streichelten ihren Rücken, die schlanken Hüften, den süßen Hintern, die Schenkel.


Niklas spürte, wie Lydia seine Berührungen genoss und unter seinem Griff erschauerte. Das war in den vergangenen Monaten nicht immer so gewesen. Gewöhnlich brauchte sie geduldige Zärtlichkeiten und facettenreiche Tricks, bis sie sich öffnete. Die beiden kannten ihre Körper mittlerweile in- und auswendig, jeden Winkel, jede Reaktion des anderen. Doch es fehlten ihnen das Überraschungsmoment und der Mut, auch einmal gewagtere Praktiken auszuprobieren.


Sie begannen, sich ungestüm zu küssen …


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Anzeige

Anzeige

© 2008 - 2017 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 1 secs