1.Quod non est in actis, non est in mundo Christians Erzählungen und die Lehrer
»Moin, moin«, rief Claas. Der alte Christian drehte sich um, nickte, und grüßte zurück, indem er die Pfeife ein wenig aus dem Mund nahm, den gerade eingesogenen Rauch vorsichtig ausstieß und seine Lippen nur ganz gering entspannte, als wollte er lächeln: »Moin«. »Darf ich zu dir kommen?«, fragte Claas. »Aber du musst doch in die Schule.« - »Ist heute Sonnabend, da ist keine Schule«, antwortete der Junge und stand fragend da. »Also, dann komm!« Christian wandte sich um, ging hinter seine kleine niedrige Reetdachkate und setzte sich auf die Bank. Claas folgte ihm und setzte sich rechts neben ihn. So saßen sie eine geraume Weile schweigend nebeneinander, Christian, der im August 75 Jahre alt geworden war, in seiner blauen Arbeitsjacke und in der dunkelbraunen Cordhose, die ein breiter Gürtel aus Leder zusammen hielt, der zwölfjährige Claas in seinem rot karierten kurzen Hemd und in seiner Lederhose, die gar nicht hier in die Gegend um die Ostsee passte. Christian stützte seinen rechten Ellenbogen aufs Knie, schaute erst auf seine klobigen Arbeitsschuhe und dann zu Claas. Der blonde Junge lachte über die Schulter offen und fröhlich zurück: »Erzählst du mir eine Geschichte? - Bitte!« - »Ich bin doch schon dabei«, nickte Christian. »Also die Kastanie da drüben beim Gutshof, die wurde genau vor 250 Jahren gepflanzt ....« --- » «Claas! Claas, komm frühstücken!« Die Eltern von Claas, Jan Hinrik und Meta Brodersen, mochten nicht, dass der Junge zu dem alten Christian ging. Er stammte nicht von hier oben, sondern war nach dem Krieg hier hängen geblieben. Nach dem Tod von Christians Frau Irmgard vor zwei Jahren war der Alte für die meisten Anwohner des kleinen Städtchens, das nur in den wenigen Wochen der Sommersaison von Touristen überquoll, aber immerhin eine Realschule mit gymnasialem Zweig und zwei kleine Verlagsdruckereien besaß, wunderlich geworden. Denn er hörte die Bäume reden. Sie erzählten ihm Geschichten. Christian behauptete, er höre, wie die Bäume wachsen, Jahresringe ansetzen, und wenn der Wind durch ihre Äste strich und dann ihre Astgabeln knarrten, dann behauptete er, die Bäume erzählten von früher. Wahre Begebenheiten sollten das sein! »Na, wenn der nicht spinnt, wer denn sonst?«, pflegte Olav Stöfs, der Dorfarzt, am Stammtisch zu sagen. »Der hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Ich habe immerhin Humanmedizin studiert, aber so etwas ist mir weder im Studium noch in meinen 27 Jahren Berufspraxis vorgekommen. Das kann es gar nicht geben.« Aber da Christian ein gutmütiger Mensch war, ließ man ihn so, wie er war, auch dass er den Kindern Milch warm machte oder etwas schnitzte. Christians Holzfiguren waren wunderschöne, kleine, eigenwillige ausdrucksstarke Kunstwerke. Er war auch sehr sauber gekleidet und roch nicht, wie sonst manchmal alte Leute, die alleine leben. Wenn er den Kindern einmal über die Haare strich, schaute er sie ganz liebevoll an, und keines von ihnen hatte Angst vor ihm. Denn er war zufrieden und gelassen. Christian hatte wohl auch einen Sohn, aber der lebte nicht hier, sondern in Süddeutschland, wo er als Zimmermann arbeitete. Mehr wusste man nicht. Aber diese Geschichten! Was sollte denn aus den Kindern werden, wenn sie ihm diese Narreteien abkauften?
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Wie bekommt man Bäume überhaupt dazu, Geschichten zu erzählen - Mit dieser Kernfrage begann es. Ich fand, oder besser erfand, eine Person, die verstand, was Bäume reden bzw. die hörte und sah, was sie erlebt hatten. Und das war Christian. Es interessierte mich selbst, wie er diese Gabe erlangt hatte. Als ich mich näher mit ihm beschäftigte, gab er mir sein Geheimnis preis. Der historische Rahmen stimmt jedenfalls. Denn dazu bin ich von Beruf ausgebildeter Historiker und Archivar. Das Buch enthält zusätzlich zwei Illustrationen des Autors. Diese Bilder sind in der eBook-Ausgabe in Farbe. Ausserdem belegen 32 Anmerkungen am Schluss der Buches, dass der Autor exzellent zu diesem Thema recherchiert hat.
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Ulrich Simon
Geboren 1954 in Frankfurt am Main, 1973 Abitur am humanistischen Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, Studium an der Johann Wolfgang-Goethe-Univ., Frankfurt in den Fächern Geschichte, Germanistik und Hilfswissenschaften der Altertumskunde; 1985
promoviert zum Dr. phil. Im Fachbereich Geschichtswissenschaften mit der Dissertation „Das Zisterzienserinnenkloster Thron bei Wehrheim im Taunus (Wiesbaden 1986). 1980-1982 Mitarbeit an der Redaktion wissenschaftlicher Zeitschriften in der Römisch-
Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts, Frankfurt am Main; seit 1983 tätig in verschiedenen Archiven in Hessen und Nordrhein-Westfalen, seit 1992 in Lübeck, jeweils mit zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
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| Ausstattung: |
| 224 Seiten, 2 Abbildungen, Paperback | | Preis: |
| 14.80 € | | Mehr Infos zum Buch: |
| Website | | Verlag: |
| readbox publishing, Herausgeber Michael Fritzsche | | Kontakt zum Autor oder Verlag: |
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