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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Burt Lancaster hat nie mit mir getanzt, Ellen la Camp
Ellen la Camp

Burt Lancaster hat nie mit mir getanzt



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Prolog


Anfang der sechziger Jahre - es wohl 1963 - schrieb ich an eine Freundin:


„Ich stelle mir vor, dass ich eines Tages bei zärtlicher Musik mit BURT LANCASTER tanzend ins sanfte Dunkel gleiten könnte. Meine Freundin reagierte zunächst verlegen. Für uns, die Kinder der Fünfziger - war es nicht üblich - mit soviel Gefühl über die intimsten Gedanken zu schreiben oder zu reden.


Viele meiner Geschlechtsgenossinnen hofften schon damals und noch immer - dass Mr. Richtig kommt - und wenn möglich sie eines Tages befreit von allen Pflichten und der Verantwortung.


Glück erreichen wir nicht, indem wir uns befreien lassen. Schon gar nicht in dem wir hoffen - dass ein Prinz uns wach küsst - oder Prospekte, üppig illustriert, voll mit


bunten Bildern, voll mit den angeblich so schönen Männern die uns empfänglich machen sollen für, den Verkauf von Illusionen.


Wozu sonst ist der Markt da!


Ich habe mir immer Illusionen gemacht, was die Liebe und die Ehe betraf.


1953 war die Sternstunde des amerikanischen Melodrams „VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT"


Wer kennt sie nicht, die unvergessliche Kussszene am Strand, in der Deborah Kerr und Burt Lancaster in inniger Umarmung am Strand liegen. Spielerisch umspült von tosenden Wellen und ich - tränenreich im Kino sitzend. Ich war hingerissen - ich vergötterte ihn - ich war sein ergebener Fan.


Er war das Sinnbild aller Männlichkeit, der der Welt sein Lachen, sein bleckendes blitzweißes Gebiss zeigte. Es wird mich begleiten solange ich lebe.


Ich stellte mir weiter vor, dass ich meine letzten Pfennige nahm und nach Los Angeles fliege, um meinen Traum zu sehen. Etwas, dass ich mir sehnsüchtig wünschte, von dem ich überzeugt war, dass es mich für den Rest meines Lebens glücklich machen würde.


Dann tanze ich mit ihm in das verloren gegangene Paradies.


DANN IST ALLES GERITZT!


So dachte - so träumte ich.


Ich traf ihn NIE und habe auch NIE mit ihm getanzt.


[...]


Im Sommer des Jahres 2006 - nach Christi Geburt - wurde ich von einem Knistern in meiner Wohnung geweckt.


Ein Kabelbrand - in meiner Wohnung! Meine Küche stand sofort in Flammen.


Aber die Lage war nicht hoffnungslos.


Erst viele Monate später fing ich im Keller mit den Aufräumarbeiten an.


Ich fand einen demolierten Unzugskarton, in dem zusammengebündelt und längst vergessen Fotos, Briefe, Skizzen von über 50Jahren lagen.


Er war mein Silberstreif am Horizont. Mein Erbgut - sozusagen. Eines Lebens, das mehrere Umzüge, Einlagerungen und letztendlich den Brand überdauert hatte.


Viele Menschen glauben, daß es befreiend ist, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Wer glaubt, dass die Wörter oder Anekdoten schlafwandlerisch auf dem Papier landen, der kann sich nicht vorstellen wieviel schlaflose Nächte damit verbunden sind. Dabei geriet ich immer häufiger in eine psychische Schieflage.


Den größten Teil meiner Kindheit meiner Jugend, mit den überwiegend von Angst und Einsamkeit besetzten Jahren durchlebte ich erneut. Die Zeit der unbeholfenen Erotik die nur aus wilden Phantasien bestanden lässt mir heute noch gelegentlich die Schamesröte ins Gesicht steigen. Zumindest von Peinlichkeiten begleitet so dass sexuelle Träume zu Alpträumen und das leidenschaftliche Stöhnen, das aus dem Bett meiner Eltern kam, bei mir eher Panik auslöste.


Ich hatte solche Geräusche noch nie gehört.


Später kam dann die sexuelle Emanzipation, die ich irgendwie auch nicht richtig in den Griff bekam. Ich glaube sogar, dass ich sie verpasste und gab mich der Sehnsucht hin eine andere zu werden. Aber die Sehnsucht blieb von der alles umfassenden Liebe zu der nun mal notgedrungen der Sex gehörte. So dachte ich.


Mir wurde das Lexikon der schönen Worte nicht in die Wiege gelegt. Mühsam musste ich um Worte ringen. Verändern und Verbessern. Wie kann ich alles ins Lot kriegen, fragte ich mich und sah es auch nicht.


Es wird Mumpitz oder Humbug - und löschte zunächst - um von vorn zu beginnen.


Eine meiner Sternstunden - sie ereignen sich selten - war der Titel dieses Buches.


Ich war fasziniert von „Meinem Titel" ebenso von der Idee das Schreiben zu versuchen.


Ich fand es herrlich!


Meine Begeisterung hielt lange vor. Auch dann noch, als mir allmählich klar wurde - das fertige Manuskript ist nicht mal die halbe Miete ist. Ich feilte erneut an den letzten Feinheiten, froh darüber, dass ich Interessierte fand um Probelesen zu lassen um mir deren Beurteilung und auch Kritiken anzuhören. Ich war auf alles gefasst. Nur nicht darauf, dass Probeseiten meines Manuskriptes bei eben diesen Interessierten spurlos verschwanden.


Das war nicht die erste Überraschung.


Ein Grafik-Designer wollte sich der Sache annehmen - der nach eigenem Bekunden mehrere Bücher und Familienchroniken erfolgreich begleitet hatte. Doch zunächst wollte ich eine Probe seines Könnens. Was ich dann zu lesen bekam entsprach keineswegs meinen Vorstellungen.


Es war absurd.


„Vielleicht entdecken Sie sich selbst", empfahl er dem geneigten Leser. „Ziehen Sie Schlüsse die für Sie hilfreich sind um den eigenen Lebensweg wieder in den Griff zu bekommen und neu zu gestalten".


Meine bewegende Lebensgeschichte sollte der Leitfaden für den eigenen Lebensweg sein.


Weder war es originell noch bereichernd. Das war ihm noch nicht bewusst geworden. Talent, um eine Kummerkastentante zu werden, habe ich nicht. Jeder der mich kennt weiß, dass das so ist. Dieser - sich selbsternannte Biograph - hatte einen


Einstieg für Klassiker bei Soap-Operas und Kurzgeschichten der Yellow-Press über Herz-Schmerz-Geschichten gewählt.


Das wies ich gleich komplett zurück. Ebenso den geforderten Vorschuss von 2000 €.


Die Trennung ging reibungslos vonstatten.


In aller Unschuld sage ich jetzt, ich hielt mich inzwischen für erfahrener und fand, dass ich mein Projekt BUCH systematischer angehen müsse. Jedoch, mit einem nahe gelegenen Regionalverlag lief es nicht besser.


Was für einen Aufwand die betrieben für ein noch mickerigeres Resultat.


Du lieber Himmel! Das kann ja heiter werden!


Ich habe mir da gedacht - zunächst abwarten.


Dann betrat die Biographin, Lektorin, ehemalige Studienrätin G. F. - was auch immer gerade von ihr verlangt wurde - den Olymp meines selbsternannten Manuskripthimmels.


Es sollte eine Premiere werden, bei der alle Darsteller, wirklich alle, mich eingeschlossen, nach Abschluss der Arbeit und auch der Veröffentlichung, zu einer großartigen Party eingeladen waren.


Jedoch diese Premiere fiel ins Wasser. Sie ahnen es schon.


G.F. hatte das Format einer gemeinen Steinlaus.


Dies sollte als Erklärung genügen.


Da war Schweigen angesagt in meinem OVAL-OFFICE und mein süffisantes Lächeln, was mir noch übrig blieb, war bühnenreif und reichte gerade noch für eine Schurkenrolle.


Es gibt Tiefpunkte im Leben, da muss man stark sein, sagte ich mir und schrieb weiter - schrieb weiter an meinem komplizierten Gebilde von Tatsachen, spleenigen Mitmenschen Tragödien und bizarr heiteren Anekdoten.


„Wo geht's denn hier nach Ankara? fragte ich einmal aus meinem Autofenster heraus, eine Fußgängerin (das war meine spleenige Zeit)


„Immer gerade aus, dann müssen Sie rechts abbiegen, dann sind Sie in Ankara" war die schlagfertige Antwort.


Ich habe mich königlich amüsiert.


Schreiben ist Arbeit und wie eine Wünschelrute.


Ich tauchte ein in meine Vergangenheit und stieß auf vergangene Einzelheiten, die mir gerade einfielen und dann schrieb ich, an jeder Stelle, an jedem Ort. Bisweilen war ich außerstande mir mehr als betrübliche Erinnerungen wach zu rufen. Ich erinnerte mich an ein Gefühl, dass mein Leben auf irgendeine Weise befleckt war. Größtenteils erinnere ich mich einen gemeinen Pflegevater gehabt und in einer hässlichen Wohnung gelebt zu haben und niemand in der Schule schien mich zu mögen.


Meine Lebenserinnerungen und die Geschichte wie ich zu Geld und Armut kam, liest sich wie ein Melodram, wie eine Komödie und gelegentlich wie ein Schmierentheater mit den bekannten Slapstickeinlagen. Ich bin der Meinung, dass alle wahren Geschichten sich als melodramatisch entpuppen - oder als Spektakel.


Eine interessante Tatsache wäre, dass ich Westfälin von Geburt an bin und wie ich herausgefunden habe, auch von Natur aus. Die Bodenständigkeit, die Treue, die Loyalität der Westfalen ist bis heute geblieben. Viel mehr ist es - glaube ich - nicht.


Ich glaube nicht, dass ich die Verzweiflung, die viele Städte und Orte in mir hervorriefen, erklären kann. Durch die Winkelzüge des Schicksals, lebte ich in vielen Städten Deutschlands und selbst meinen Aufenthalt in Paris verließ ich mit einem Unglücklichsein.


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