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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Bonzentochter , Michaela Martin
Michaela Martin

Bonzentochter



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Viele, viele Stunden ihres Lebens hatte sie schon auf dem harten


Küchenstuhl zugebracht. Zum Fenster hinaus gestarrt, Kaffee


getrunken und geraucht, viel geraucht. Aber sie hatte kaum Zeit


zu verschnaufen und sich von den Ereignissen der vergangenen


Stunden zu erholen. Sie hatte ihre erste Zigarette noch nicht zu


Ende geraucht, als sie geblendet von einem hellen Lichtkegel


erschrocken zusammenzuckte.


Der Garten war plötzlich taghell beleuchtet. Kurz darauf hörte


sie ein immer lauter werdendes Surren. Sie stand auf und


sah aus dem Fenster. Schon bald erkannte sie die Umrisse


eines Flugzeuges. Der von Kommissar Burger angekündigte


Helikopter war eingetroffen. Die Scheinwerfer fraßen sich in den


Rasen. Die Blumen und Sträucher wurden durch den Windsog


der Rotationsblätter des Helikopters hin- und hergeweht. Es war


gespenstisch. Der Helikopter drehte immer größere Kreise und


überfl og schon nach wenigen Minuten auch die anliegenden


Grundstücke. Die Häuser der Nachbarn wurden in das Licht der


Scheinwerfer getaucht. Ein paar Minuten später standen alle in


ihren Gärten und verfolgten das Schauspiel, das sich ihnen am


Himmel bot.


Mutter beobachtete, wie einer nach dem anderen aus dem Haus


gerannt kam und aufgeregt gen Himmel zeigte. Alle schrien, um


das Geräusch des Helikopters zu übertönen. Mutter konnte die


Menschen nicht verstehen, aber sie wusste, auch ohne dass sie


ein Wort verstand, worüber ihre Nachbarn in diesem Moment


sprachen: „Was ist denn bei Schneiders los?!"


Als der Helikopter über unserem Grundstück zu kreisen


anfi ng, war Sylvies Verschwinden öffentlich geworden. Die


Familiendevise, alle Angelegenheiten familienintern zu lösen,


galt ab diesem Tag nicht mehr. Die Familienereignisse waren


öffentliches Gesprächsthema, daran konnte sie nichts mehr


ändern.


„Weißt du schon, Schneiders Jüngste ist spurlos verschwunden!"


„Was, wirklich? Na wer hätte das gedacht? Da kannste mal


sehen, bei denen läuft auch nicht alles so, wie es nach außen hin


aussieht!"


Eine Flut von klugen Ratschlägen, Mitleidsbekundungen und


Durchhalteparolen war zu erwarten. Da war es fast tröstlich, dass


Häme und Schadenfreude so gut wie nie öffentlich ausgetragen


werden, sodass einem eine Reaktion darauf erspart bleibt.


Beim Gedanken, was sie in den nächsten Tagen zu erwarten


hatte, kam endlich der lange bekämpfte Nervenzusammenbruch.


Mutters Körper wurde von einem Weinkrampf geschüttelt.


Minutenlang. Sie wehrte sich nicht mehr dagegen, sondern


ließ es einfach geschehen. Kopfüber über den Küchentisch


gebeugt, weinte sie laut und verzweifelt. Die Tränen schossen


ihr aus den Augen, Rotz lief ihr aus der Nase. Sie merkte es gar


nicht. Jahrelang hatte sie nicht weinen können. Doch an diesem


schrecklichen Tag brachen die zurückgehaltenen Tränen von


vielen Jahren aus ihr heraus.


Vater war von dem Helikoptergeräusch wach geworden. Als er


das Schluchzen seiner Frau hörte, ging er in die Küche, um zu


sehen, was passiert war. In dieser Verfassung hatte er seine Frau


noch nie erlebt. Es erschreckte ihn, sie so unglücklich zu sehen.


Was sollte er tun? Sie in die Arme nehmen und trösten? Still


abwarten, bis sie sich wieder beruhigt hatte, oder unbemerkt


wieder zurück in sein Bett gehen und weiterschlafen? Mutter


bemerkte nicht, dass sie von ihrem Mann beobachtet wurde.


Sie wurde immer noch von Weinkrämpfen geschüttelt. Vater


sah eine Zigarettenpackung auf dem Küchentisch und tat etwas


sehr Richtiges. Er nahm zwei Zigaretten aus der Packung und


zündete beide an. Danach ging er auf Mutter zu und stellte


sich wortlos vor sie. Als sie zu ihm aufblickte, nahm er eine


der beiden Zigaretten und reichte sie ihr, an der anderen zog er


selber. Keiner von beiden sagte ein Wort. Als die Zigaretten zu


Ende geraucht waren, standen sie gleichzeitig auf und gingen


ins Bett. Der schreckliche Tag hatte ein Ende, aber die Nacht


wurde noch immer von den Suchscheinwerfern des Helikopters


erleuchtet.


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