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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe AUSZEIT, Gaby Trippen
Gaby Trippen

AUSZEIT


Roman

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Leseprobe aus "AUSZEIT"


Lange saß ich wie versteinert auf meinem Stuhl, bis ich dann auch einmal diese Nummer anwählte. Mit meinem Handy, aber nicht ohne vorher die Rufnummernunterdrückung einzustellen. Es ging niemand dran, ich wollte gerade aufl egen, als sich ein Anrufbeantworter meldete mit einer Frauenstimme, die klarmachte, dass „Ich, die Claudia," leider zurzeit nicht da sei, aber gerne zurückrufen würde. Eine sehr sexy klingende Frauenstimme. Wer um Himmels willen war das? Noch konnte ja alles eine ganz harmlose Erklärung haben. Nur, warum wusste ich dann nichts davon? War es eine Professionelle? Ging Richard zu Nutten? Oder war es eine Freundin? Hatte mein Richard, der Junge, mit dem ich seit so vielen Jahren zusammen war, mit dem ich gemeinsam unsere Existenz aufgebaut hatte, dem ich mein Jawort gegeben hatte, eine Geliebte, war er gerade dabei, mich zu betrügen? Mit jener „Claudia"? Was hatte ich falsch gemacht? Ich weiß gar nicht mehr so viel über jenen grausamen Tag. Bis zu diesem schicksalshaften Moment war es ein ganz normaler Bürotag gewesen. Mir war es, als bekäme ich keine Luft mehr. Deshalb schnappte ich mir Fräulein Meier, die wie immer in ihrer Ecke in meinem Büro lag, und lief mit ihr los, ziellos eigentlich, einfach nur die Straßen entlang, die unser Bürogebäude umgeben. Das mache ich immer so, wenn ich Probleme habe oder mir über etwas klar werden muss, nehme ich mir meinen Hund und laufe los. Die frische Luft und niemand um mich herum als den Hund, der mmer zuhört, keine Widerworte gibt, und mir die Möglichkeit gibt, das Für und Wider einer Situation so gegeneinander abzuwägen, als würde ich sie jemand anderem erzählen. An diesem Tag habe ich nicht viel erzählt, ich war viel zu geschockt von meiner Entdeckung. Mich nur immer wieder gefragt, warum denn bloß? Was habe ich falsch gemacht? Wo bin ich ihm nicht genug gewesen? Und wie konnte er unsere Zweisamkeit so mit Füßen treten, es war immer etwas Besonderes gewesen, was uns verband, keine Nullachtfuffzehn-Ehe, wie ich sie bei vielen meiner Freundinnen und Bekannten gesehen hatte und auch heute noch sehe, und jetzt sollte dieser unserer Ehe das gleiche banale Schicksal widerfahren wie unzähligen anderen, nicht so besonderen Ehen auch? Ok, ich muss es zugeben. Es gab einen Bereich, den ich in den letzen Jahren, also damals, zu Claudia-Zeiten und davor, sehr stark vernachlässigt hatte. Den zwischenmenschlichen Bereich, und vor allem, alles, was mit Sexualität zusammenhing. Weil er mir nicht wichtig war. Zum einen. Und zum anderen, weil ich das Gefühl hatte, ich verdiene keine Ablenkung, keine Belohnung für die Situation, in der sich unsere Firma, unser Kind also gewissermaßen, gerade befand. Wir hatten einige wichtige Kunden verloren, und für einige bereits abgewickelte Aufträge sollten wir kein Geld bekommen, weil unser damaliger Partner, der diese Aufträge für uns an Land gezogen hatte, leider mit dem Geld, das ihm die Kunden gegeben hatte, und von dem uns die Hälfte zustand, abgehauen war. Er musste einen alten Konkurs verarbeiten außerdem neben Frau und Kind auch noch die nächste Frau, ebenfalls mit sofort produziertem Nachwuchs versorgen. Leider war er nicht ehrlich uns gegenüber, was seine Situation anbetraf, sondern ließ uns im Dunkeln und hielt uns immer wieder hin, wenn wir nach der Bezahlung fragten. Das fi el ihm auch nicht schwer, er war ein Blender, ein exzellenter Verkäufer, der sowohl über profundes Fachwissen als auch über die notwendige Überzeugungskraft verfügte. Vor allem Damen konnten ihm nur selten widerstehen, in mehrerer Hinsicht, aber er war generell einer dieser Verkäufer, denen man einen Rasenmäher abkauft, auch wenn man im vierten Stock ohne Gartenzugang wohnt, es könnte ja doch eine lohnende Investition sein.


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