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Inhaltsverzeichnis
1 Schokoladenseiten
2 Krähm Brülle
3 Marsala Salam
4 Mission Melone
5 Cook and Chill
6 Nudeldick
7 Eisgekühlt
8 Schwund im Mund
9 Mäusehäppchen
10 Und was ist mit Tee?
11 Beschwipstes Huhn
12 Blauer Sonntag
13 Messerscharf
14 Perlen vor die Säue
15 Weichgekocht
16 Kaffeeklatsch
17 Haarscharf
18 Fischgeködert
19 Ratatouille
20 Sushi original
21 Doppelt gemoppelt
22 Ein Bett aus Safran
23 Frühstück um acht?
24 Soufflé für Anfänger
25 Splitternackt
26 Flambiert
27 Ein Quantum Toast
28 Rechnung ohne Wirt
29 Erntezeit
30 Epilog
1. Schokoladenseiten
Rrroooah!! Diese unbändige Lust auf Schokolade. Das Verlangen
überfällt einen immer völlig unerwartet und vor allem
dann, wenn man es überhaupt nicht brauchen kann. Schokolade
steht nämlich definitiv nicht auf der Zutatenliste Ihrer Eiweißdiät.
Auch nicht beim zweiten Durchlesen. Möglicherweise
hat der Hund die kostbare Tafel vom Couchtisch geklaut, sie
im Garten verscharrt und weigert sich nun, Ihnen das Versteck
zu verraten. Im Supermarkt zieht der Kunde vor Ihnen die letzte
Packung Ihrer Lieblingssorte „Mandelcrisp" aus dem Regal,
weil Sie mal wieder zu lange zögernd vor den zahllosen Butterpackungen
in der Kühlabteilung standen. Sie finden im Vorstandsbüro
partout keine Ausrede, um mal eben die Powerpoint]
Präsentation zu unterbrechen und Ihnen liegt etwas an
ihrem Job. Schlimmstenfalls haben Sie eine Kakao]Allergie.
Schokoladengelüste sind leicht auszumachen. Man erkennt
sie an plötzlichem Zittern, Gedankenkreisen und diesem
merkwürdigen Zusammenziehen der inneren Gaumenwand,
meist gepaart mit pawlowschem Speicheln. Sie sind fiese, kleine
Geister, die unentwegt kichern. Meine fallen zu den unmöglichsten
Zeiten aus dem Dunkel auf das Bett und kriechen unter
die Decke. An den Füßen bin ich ziemlich kitzelig. Mitten in
der Nacht schlage ich also die Augen auf und mein erster Gedanke
ist, na? Richtig. Schokolade. Zur Bekräftigung malt das
Mondlicht den Weg zum Kühlschrank verführerisch auf den
Teppich. Es soll ja Menschen mit ausgesprochen eisernem Willen
geben. Die können sich grunzend umdrehen, das Ganze auf
den nächsten Morgen verschieben und einfach weiterschlafen.
Leider gehöre ich nicht dazu. Ich schleiche nachts um drei in
die Küche.
Eine richtig leckere Schokoladenmousse braucht wirklich keine
immense Kunstfertigkeit und nur wenige Zutaten. Vergessen
Sie komplizierte, klassische Zubereitungsmethoden, wie in
einschlägigen Kochbüchern beschrieben. Ich trenne vorsichtig
ein paar Eier, stelle das Eigelb für das Frühstücksrührei beiseite
und schlage aus dem Eiweiß einen schönen, fluffigen Eischnee.
Einen kurzen Moment bedauere ich die Nachbarn von nebenan,
als das Handrührgerät in die Masse taucht.
Wenn ich den Becher umdrehe und sich der weiße Schnee beharrlich
oben festhält, ist er perfekt. Dasselbe widerfährt der
Sahne. Auf dem Herd schmilzt Zartbitterschokolade dahin und
flüstert unzüchtige Dinge mit dem Wasserbad. Ich zeige den
beiden einen mahnenden Finger und kann nicht anders, ich
tunke ihn in die heiße, schwarzbraun glänzende Flüssigkeit.
Was Schokolade angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie das
universelle Mittel gegen allerlei seelische Leiden ist. Ich
huldige dem räuberischen Columbus, der in einem Anfall von
Habgier ein Handelskanu der Mayas vor der Küste von
Honduras kaperte, welches sich unter der Fracht von
Kakaobohnen bog. Nicht umsonst nannte man Schokolade früher
das braune Gold und benutzte es sogar als Zahlungsmittel.
Kakao galt bei den Azteken als Quelle der Weisheit und gesteigerter
sexueller Potenz. Und so ist es ] der süße, sinnliche
Geschmack auf der Zunge lässt einen so ziemlich alles
vergessen, was schlecht ist und so ziemlich an alles denken,
was schön und unanständig ist.
Verboten simples Mousse au Chocolat
Man nehme:
10 (Bio]) Eier,
1 Becher Schlagsahne,
1 Zartbitterschokolade bester Qualität.
Zuerst die Schokolade in einer hochwandigen Tasse im Wasserbad
schmelzen. Wer mehr Erotik möchte, bevorzugt gleich
eine Chili]Schokolade, oder gibt eine scharfe Schote hinzu.
Währenddessen die Eier trennen und aus dem Eiweiß einen
stichfesten Schnee schlagen. In einem zweiten Gefäß die Sahne
steif schlagen. Die flüssige Kostbarkeit gemächlich unter Rühren
in den Eischnee geben. Am Schluss die Sahne vorsichtig unterheben.
Das Ganze zirka zwei Stunden kaltstellen, um eine optimale
Konsistenz zu erhalten. Wem es jedoch eilt, dem reichen auch
30 Minuten im Gefrierfach.
Mein Küchenstuhl wippt leicht nach hinten, während meine
Füße auf der Heizung liegen. Ich wackle mit dem großen Zeh.
Noch brennt Licht in einigen gegenüberliegenden Häusern und
ich denke mir mit jedem Löffel, den ich mir in den Mund
schiebe, ein anderes Dasein.
Glauben Sie nicht, dass ich mir eines ausmalen müsste, weil
meines etwa gähnend langweilig wäre. Oder gar freudlos und
anstrengend. Das ist es durchaus nicht. Es ist eben nur unspektakulär
normal.
Als 28]jährige Singlefrau lebe ich in einer Großstadt. Allein
aufgrund dieser Tatsache bin ich ein statistischer Durchschnittswert
in Person. Ebenso mittelmäßig sind mein Job samt
Einkommen und demnach auch der Inhalt meines Kleiderschranks.
Aus rein existenziellen Beweggründen arbeite ich
tagsüber in einer Rechtsanwaltskanzlei. Und damit ich Grund
habe, mich am Montagmorgen wieder auf das Wochenende zu
freuen.
Abends shoppe ich in der wunderbaren bunten Welt des
World Wide Web nach einem neuen Kleid. Manchmal fahnde
ich mittels Kontaktseiten nach meinem Mr. Mac Dreamy, der
nur entfernt etwas mit Eiscreme zu tun haben sollte. Allerdings
hätte ich nichts dagegen, wenn er so schmecken würde.
Ich sehe leidenschaftlich gerne fern. Leistet mir meine Freundin
Britta Gesellschaft dabei, so bereichert mich ihr Besuch um
eine Tüte Kartoffelchips sowie einen guten Rotwein, immerhin
zirka tausend Kilokalorien. Grob geschätzt. Sie geht sodann ihre
ausladenden Hüften schwenkend mit einer leeren Flasche
heim und lässt mir das schlechte Gewissen da.
Samstags gehe ich aus. Wie jeder Single in Köln. Dabei habe
ich Unmengen Spaß. Meistens. Mal mit und mal ohne Kerl. Mit
den Männern verhält es sich wie mit Schokolade. Man verspürt
erst unheimlich Lust darauf, verspeist dann leichtsinnigerweise
zu viel davon und danach ist einem übel.
Ich liebe meine Stadt. Und ich hasse meinen Job. Echt. Das
Anwaltsbüro liegt auf der angesagten Mittelstraße. Das ist jene
Straße, die man beim Shopping garantiert meidet, wenn man
an dem kargen Inhalt seines Portemonnaies hängt. Aber die
Anwälte und Notare Dr. Hennemann, Frentzen & Partner legten
Wert auf eine angemessene Adresse für ihren beeindruckenden
Briefkopf. Selbstredend. Freilich haben sie Räume im
obersten Stock gemietet. Wegen des Doms. Den sieht man
nämlich nur von da oben, genauer gesagt aus dem Panoramafenster
in Dr. Hennemanns Büro. Das Vorzimmer eröffnet nur
den Blick auf die hässliche Seitenfassade von Starbucks nebenan.
Dort stehe ich übrigens täglich, um Schlag zehn vor acht,
mit der Order von einem „decof light vanilla flavoured latte".
Natürlich habe ich die fett] und koffeinfreie Variante nicht
im Mindesten nötig. Ich mag sie nicht mal sonderlich. Es klingt
nur so ungemein amerikanisch, seinen Kaffee so zu bestellen.
Manchmal gönne ich mir auch einen Frühstückssnack. Ein belegtes
Brötchen mit einem Loch darin. Also, eigentlich ist so ein
Bagel nichts als Betrug. Die Amis wollen einen glauben lassen,
man kaufe was ganz Tolles. Um einem dann zu einem überzogenen
Preis ein ausgehöhltes Teigbällchen anzudrehen, das ein
bisschen wie Pappe schmeckt.
Aber bleiben wir bei Dr. Johannes Hennemann. Der Boss. Der
Blödmann. Der, der sich jeden Tag aufführt, als sei Köln New
York und er der Staranwalt Ed Fagan. Für normal Sterbliche
erübrigt er morgens ein Nicken und abends ein erstauntes Zucken
seiner Augenbraue, wagt man es, Feierabend zu machen.
Der Typ diktiert täglich fünfundzwanzig Bänder und spricht
nebenbei auf zwei Leitungen gleichzeitig. Er hat im wahrsten
Sinn des Wortes immer alle Hände voll zu tun. In der Rechten
hält er einen Telefonhörer, in der Linken meist einen Becher
lauwarmen Kaffee. Ich habe es in den sechs Jahren meiner
Laufbahn kein einziges Mal geschafft, vor ihm zu kommen oder
nach ihm zu gehen. Er ist grob geschätzt Anfang vierzig
mit beginnender Halbglatze auf dem kantigen Gesicht. Rasiert,
natürlich. Seine eisblauen Augen werfen ebensolche Blicke über
den Rand seiner metallenen Designerbrille. Immer wieder
bewundere ich seine absolute Temperaturresistenz. Er trägt
stets ein langärmliges Hemd mit Haifischkragen und eine korrekt
gebundene Krawatte. Der aus feinstem Garn gewebte Anzug
stammt von einem namhaften Textilhersteller, dessen
Website ich mich nicht mal traue, zu besuchen. Und er besitzt
mindestens zwanzig davon. Sein Outfit trotzt Minusgraden
sowie Hitzewellen gleichermaßen und stellt quasi eine Art
Ganzjahresbereifung dar. Lediglich die geschmackvollen, wenn
auch gedeckten Farben variieren. Ich gebe beschämt zu, dass
ich Buch führe. Bisher habe ich vierhundertsechsundvierzig
verschiedene Kombinationen notiert.
Für sein Alter sieht er blendend aus. Dr. Johannes Hennemann
wäre mit Sicherheit ein Frauentyp, hätte er neben seiner
Arbeit noch andere Hobbys. Wie seine unsichtbare Gattin das
wohl findet? Frau Hennemann habe ich tatsächlich nie gesehen.
Gehört allerdings des Öfteren. Es ist erstaunlich, auf wie
viele unterschiedliche Arten ich sagen kann:
„Tut mir leid, Dr. Hennemann ist derzeit in einer Besprechung,
soll er Sie zurückrufen?"
Falls er gerade nicht diktiert, telefoniert oder sich in einer
Konferenz mit Schnittchen am Leben erhält (er hat grundsätzlich
keine Zeit zum Mittagessen), geht mein Chef seiner Hauptleidenschaft
nach. Mir den Büroalltag so schwer wie möglich
zu machen. Nicht nur, dass er mir jeden Morgen einen nicht zu
bewältigenden Berg an Schreibkram beschert. Das ginge ja
noch. Nein, dazu besitzt er die anstrengende Angewohnheit,
mich etwa alle zehn Minuten zu sich ins Zimmer zu rufen. Ich
muss Blumen gießen, Kaffee brühen, eine Akte suchen, den
Tisch wischen, ein Hemd aus der Reinigung holen ... Kurz, er
betrachtet mich als Putzfrau, Praktikantin, Butler, Chauffeur ...
und nur sekundär als Sekretärin. Dabei ist er noch nicht mal
freundlich. Seine Anweisungen klingen wie militärische Befehle
und niemals ziert der Hauch eines Lächelns seinen schmalen
Mund. Inzwischen notiere ich auch seine Höflichkeitsbekundungen.
Bislang komme ich auf sechs Mal Danke. Meinen Geburtstag
vergaß er ebenso oft. Der Boss würde mich bei einer
zufälligen Begegnung auf der Straße vermutlich gar nicht erkennen.
Und ich bin mir nicht sicher, ob mich das freut oder
frustriert.
Meine Kollegin Elfi traf es da bedeutend besser. Die arbeitet
hauptsächlich für den Frentzen. Der Junganwalt besitzt keinen
Doktor vor seinem Namen und darf nur die Bußgeldsachen
bearbeiten, weswegen er sich nicht traut, unfreundlich zum
Bodenpersonal zu sein. Objektiv betrachtet ist er ein arroganter
Schnösel mit Profilneurose, der dem Chef in den Hintern
kriecht. Aber seitdem ich ihn beim Klebstoffschnüffeln im Lagerraum
erwischte, ist er immerhin berechenbar geworden.
Darüber hinaus fällt der junge Mann auf jedes strahlende Frauenlächeln
herein. Was man vom Hennemann nicht behaupten
kann. An dem prallt mein weiblicher Charme ab wie ein Regentropfen
an einer frisch polierten Kühlschranktür.
Ich bin ungeduldig. Ich gebe es unumwunden zu. Warteschlangen
aller Art machen mich rasend. Oder sobald jemand
nicht sofort versteht, was ich will, obwohl ich mich mehr als
deutlich ausgedrückt habe. Langsame, bedächtige Menschen
bringen mich zur Weißglut. Beruflich ist das im Grunde mein
Tod. Wer hat jemals von einer Behörde gehört, die ein Anliegen
prompt bearbeitet? Haben Sie einmal versucht, eine direkte
Auskunft von einer städtischen Stelle zu bekommen? Genau
das meine ich. Die enervierende Warteschleife im Ohr ] und
dann den Hennemann im Nacken, der mich gestern fragt, ob
ich die Aufgabe von morgen schon erledigt habe.
Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich besonders unter
meinem Job leide. Schließlich habe ich ihn mir ja ausgesucht.
Ich zweifle allerdings in letzter Zeit immer öfter daran, so recht
an diesen Schreibtisch zu passen, auf dem sich unzählige graue
Akten türmen. Ehrlicherweise hat eine Elfi trotz geringerer
Schulbildung, doppelter Masse und wesentlich gemächlicherer
Arbeitsweise im Vergleich die Nase vorn: Sie sieht einen Sinn
in dem, was sie tut.
Ich betrachte meinen wackelnden Zeh und genehmige mir ein
letztes Häppchen Mousse. Der zarte Schmelz zerfließt auf meiner
Zunge und ich muss lächeln. Schokolade macht eben
glücklich.
Und da ist es plötzlich.
Kennen Sie das? Dieses: Warum tu ich nicht einfach was ganz
anderes? Ein in losgelösten Momenten spontan Verrücktes:
„Ich wandere aus, ich mach ´ne Kneipe auf" oder „ich geh
nochmal zur Uni"? Dieses Verzweifelte: „Was zum Teufel soll
ich hier?!"
Der Stuhl wackelt gefährlich, als ich mich noch weiter zurücklehne
und an die Decke starre. Was macht mir eigentlich Spaß?
Ich schiele auf die leere Schale mit dem einsamen Löffel darin.
Mein Blick wandert durch das Zimmer und bleibt an dem aufgeschlagenen
Kochbuch auf dem Küchentisch hängen. Eine Vision!
Bevor ich nach dem Geistesblitz fassen kann, ertönt ein
unschönes Knacken und ich verliere das Gleichgewicht. Mit
rudernden Armen und einem erschrockenen Quieken gehe ich
zu Boden.
2. Krähm Brülle
Ich bin fest davon überzeugt, dass gutes Essen uns zu besseren
Menschen macht. Ein wirklich hervorragendes Mahl zuzubereiten
und zu genießen, bedarf der ganzen Person. Es erfordert
alle Sinne, Gewürze passenden Speisen zuzuordnen und
die Ingredienzien fein aufeinander abzustimmen. Manchmal
entscheiden nur winzige Nuancen über Erfolg oder Misslingen.
Der sensible Tastsinn der Finger dosiert empfindliche Kräuter
und ermöglicht kunstvolles Zubereiten und Anrichten. Wer
versucht, das Rezept eines Gourmetkochs zu lesen, sollte klaren
Verstandes sein und Konzentration und Geduld mitbringen.
Körperliche Fitness und motorisches Geschick sind die Basis
von Schneiden, Kneten, Rühren und dem flinken Hantieren
mit mehreren Gegenständen gleichzeitig. Und bitte vergessen
Sie vorläufig die Küchenmaschine und unbedingt Fertigprodukte,
wenn Sie in das wahre Nirvana dieser Kunst eintreten
wollen. Ferner spielen Gefühle eine erhebliche Rolle. Der Vorgang
des Kochens lässt uns nicht losgelöst von den alltäglichen
Sorgen, sie fließen vielmehr in unser Tun ein und nötigen uns
dazu, uns hinterfragen zu lernen. Das kommt manchem nicht
gelegen. Im besten Fall jedoch verspürt man angesichts eines
gelungenen Soufflés so etwas wie Demut.
Das perfekte Gericht möchte den Menschen ganz, mit seiner
Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen. Es bringt uns immer
wieder an persönliche Grenzen, bereitet uns unvergleichliche
Freude oder unsäglichen Kummer. Ein gutes Essen braucht
aber vor allem Herz und Seele. Nur die Liebe bietet jenen einzigartigen
Geschmack, der vollkommen ist.
Meine Putzfrau hat auch jede Menge Liebe. Sie singt. Olga
nimmt sich einmal in der Woche meines Refugiums an. Dabei
singt sie, wie gesagt. Immer und unablässig. Ich kenne sonst
niemanden, der so begeistert Staub wischt. Es macht nichts,
wenn ich ihre Lieder nicht verstehe. Olgas schräge Melodien
trieben vermutlich jeden Musikexperten in den Freitod, doch in
meinen Ohren klingen sie heimelig nach Schnee, Bollerofen
und reichlich Wodka.
Ich liege unter meinem Federbett vergraben. Der Wecker hat
noch nicht geklingelt, und als ich mich aus meiner Bauchlage
auf den Rücken drehen will, fährt ein stechender Schmerz in
mein Kreuz. Dunkel erinnere ich mich an den nächtlichen
Sturz vom Stuhl und muss trotzdem grinsen. Gefallenes Schokomädchen
um Mitternacht. Wie blöd auch. Die Schallwellen
von Olgas Gesang durchbrechen die Schlafzimmertür, als rase
die Transsibirische Eisenbahn durch die Wohnung. Wie jeden
Freitag frage ich mich, ob ich sie dafür hassen soll, weil sie um
Punkt sieben mit der Arbeit anfängt und dabei „Korobeiniki"
röhrt, oder sie vergöttere, da sie großartigen Kaffee brüht. Olga
intoniert nicht nur russisch, sie spricht es natürlich auch. Ausschließlich.
Wirklich, von meiner Putzfee habe ich nie ein einziges
deutsches Wort vernommen. Sie kommuniziert äußerst
erfinderisch mit Händen und Füssen und strahlt fortwährend.
Manchmal nickt sie oder schüttelt den Kopf. Letzteres tut sie
häufig, wenn sie meine Wäsche sortiert. Warum, kann ich bis
heute nur erahnen.
Möchte ich Olga etwas Wichtiges mitteilen, so muss ich ihren
Mann anrufen. Reichlich kurz angebunden sagt dieser meistens
nur ja oder nein. Danach reiche ich Olga den Hörer und nach
wenigen Minuten, in denen ein regelrechter Wortwasserfall
aus ihrem Mund sprudelt, legt sie auf. Üblicherweise lächelt sie
mich dann an und nickt. Manchmal schüttelt sie auch den
Kopf. Wir verstehen uns einfach prima.
Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was sie in den Kaffee
tut. Sie kocht ihn mit dem gleichen Wasser und mit demselben
Espressopulver, welches ich ebenfalls benutze. Es ist mir
schlichtweg ein Rätsel, wieso dieses duftende Getränk viel besser
schmeckt, als das, was ich zuzubereiten vermag.
Irgendwann im Laufe der Zeit werde ich ihr Geheimnis lüften.
Sie macht ihn „orientalisch", das heißt, sie schüttet heißes
Wasser in das mit Zucker vermischte Kaffeepulver. Wenn der
Satz sich unten ablagert, seiht sie die oben liegende Flüssigkeit
vorsichtig ab. Es ist übrigens Nonsens, dass die Russen alkoholische
Getränke in ihren Kaffee kippen. Nur am Rande bemerkt:
Wodka trinkt man da pur zum Essen, nicht gepanscht
und schon gar nicht in Heißgetränken.
Das Innere eines Individuums offenbart sich in seiner Wohnungseinrichtung.
Da ist was dran. Ich betrachte das eher differenziert.
Den von Holzwürmern zerfressenen Kleiderschrank
der bayerischen Oma sollte man nur so ideell sehen, wie ihm
sein Inhalt gleichkommt. Dasselbe gilt für Hi]Fi]Schränke und
CD]Regale. Kaum entspricht der äußere Schein dem tatsächlichen
Blick hinein. Mit Menschen verhält es sich genauso. Ich
hingegen finde, der wahre Eindruck von einer Wohnung wird
durch etwas völlig anderes geprägt. Nämlich lange vorher.
Haustüren werden gnadenlos unterschätzt. Meine Haustür
beispielsweise ist rot. De facto war diese Tür der ausschlaggebende
Grund dafür, die Mansarde überhaupt zu kaufen. Sie ist
aus Holz und sehr alt. Es stört nicht, wenn die Farbe schon ein
wenig abblättert. Im Gegenteil. Gerade das macht diese Tür
mir so ähnlich.
Katharina Lehner steht auf dem Klingelschild.
Dieser Name auf dem messingfarbenen Rechteck sagt, dass
die rote Tür und ich unwiderruflich miteinander verbunden
sind.
Der Mensch ist von Natur aus faul. Logisch, dass mein zugegebenermaßen
hochtrabend klingender Vorname im Laufe
meiner Kindheit und Jugend bis hin ins Erwachsenenalter
sämtliche Verunglimpfungen über sich ergehen lassen musste.
Man glaubt gar nicht, wie viele Abkürzungen und Koseformen
es von „Katharina" gibt. Erstaunlicherweise schrumpften die
Buchstaben mit zunehmendem Lebensalter dahin. Wie bei den
zehn kleinen Negerlein. Katharinchen, Kathrinlein, Katjuscha,
Kätchen, Katinka, Karina, Kathi, Kitty, Katta, Kat. Sollte mich
irgendwann jemand K. nennen, werde ich mein Testament verfassen.
Mir blieb aktuell und hoffentlich letztendlich „Katta".
So als hätte man aus einer Crème brulée einen schlichten Vanilleflan
gemacht. Ich habe mich damit abgefunden.
Besagte Süßspeise gelangte reichlich unspektakulär zu ihrem
Titel. Tatsächlich ist ihr Französisch jedoch reine Protzerei. Ihr
Herkunftsland ist nicht Frankreich, sondern England. Nach einigen
Quellen stammt die Speise aus Cambridge, wo sie angeblich
im 17. Jahrhundert am Trinity College erfunden wurde
und unprätentiös „burnt cream" oder „trinity cream" hieß. Irgendein
Professor ließ seinen Nachtisch versehentlich anbrennen.
Das ist auch schon alles.
Ich persönlich assoziiere mit Crème brulée wenig Schmackhaftes.
Ich meine, für ein deutsches Ohr klingt das Ganze nach
einem gepeinigten Pudding, der mit einem Bunsenbrenner gefoltert
wird. So wie Haustüren unterschätzt werden, wird dieses
Dessert eindeutig überschätzt.
Äußerst amüsant stellte sich folgendes Erlebnis in einem meiner
Lieblingsrestaurants dar: Ich dinierte dort mit einem jungen
Mann, der in meinem Leben so bedeutend war, dass ich
seinen Namen vergessen habe. Ich erinnere mich lediglich daran,
dass er recht annehmbar aussah. Der erste Eindruck überdauerte
exakt fünf Minuten. Er redete unablässig. Von sich.
Ausschließlich. Von seinem Job, seinem Auto, seinem Meistertitel
im Karate sowie seinen Urlauben auf Sylt. Ich hätte mir eine
Papiertüte über den Kopf stülpen können, vermutlich wäre
ihm das nicht einmal aufgefallen. Mit gewichtiger Miene bestellte
er den teuersten Wein auf der Karte, ohne mich um meine
Meinung zu fragen. Zu meiner Fassungslosigkeit beraubte
er mich weiterhin des einzigen Vergnügens des Abends ] mir
mein Essen selbst auszusuchen. Nach einem geistigen Haken
hinter seiner Person begann ich jedoch, das Ganze lustig zu
finden. Zuerst sah ich gebannt auf seine beginnende Halbglatze.
Dann eine Weile scharf rechts an ihm vorbei. Da ich nicht
die geringste Reaktion erhielt, senkte ich betont langsam den
Blick und starrte auf seinen Schritt. Er palaverte ungerührt weiter.
Schließlich betrachtete ich das Paar am Nebentisch und
rührte demonstrativ gelangweilt in meinem Milchkaffee. Noch
immer erklärte er mir die Welt. Ich überlegte gerade, ob ich
laut schnarchend mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen
sollte, als mich der Kellner erlöste. Dieser fragte freundlich
nach der Bestellung für das Dessert.
„Ich möchte einen Nachtisch mit zwei Löffeln bitte", sagte
mein Begleiter nebst einem süffisanten Lächeln in meine Richtung,
noch während ich Luft holte, um ein Tiramisu zu ordern,
„meine zauberhafte Gesellschaft achtet mit Sicherheit auf ihre
Figur."
Fassungslos sah ich den Kerl an. Spinnt der?! Der Kellner verzog
keine Miene.
„Wir hätten also gerne einmal die Krähm Brülle."
Jetzt brüllte ich. Vor Lachen. Und das ganze Restaurant
schreckte auf. Es liegt wohl auf der Hand, dass aus einem Date
gleich zwei wurden: das Erste und auch das Letzte.
Creme brulée
Man nehme:
250 ml. Sahne,
250 ml. Milch,
125 gr. Zucker,
eine halbe Vanilleschote,
6 Eigelbe.
Den Ofen auf 125 Grad vorheizen.
Die Milch mit der Sahne vermischen und zum Kochen bringen,
die Vanilleschote auskratzen und hinzugeben. Die Eigelbe mit
Zucker vermischen, dann unter Rühren in den Topf geben. Die
Vanille]Crème in eine feuerfeste Form füllen und im Wasserbad
etwa eine halbe Stunde im Ofen lassen - bis die Oberschicht
leicht fest geworden ist. Die Crème abkühlen lassen und mit
Zucker bestreuen.
Das Ganze noch mal kurz im Backofen bei Oberhitze
karamellisieren oder mit einem kleinen Bunsenbrenner
überkrusten.
Nochmals zur Erinnerung: Bei Crème brulée brüllt keiner.
Außer, der Koch hat nicht raus, wie der Bunsenbrenner
funktioniert ...
Bis jetzt war es noch harmlos. So richtig prekär wurde es erst,
als ich meinen Job verlor .....
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