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Ausgerechnet Soufflé


Cook &Chill

von Claudia Winter

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783941839274
Ausstattung:
Softcover
Preis:
9.95 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
AAVAA-Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
verlag@aavaa.de
Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Schokoladenseiten

2 Krähm Brülle

3 Marsala Salam

4 Mission Melone

5 Cook and Chill

6 Nudeldick

7 Eisgekühlt

8 Schwund im Mund

9 Mäusehäppchen

10 Und was ist mit Tee?

11 Beschwipstes Huhn

12 Blauer Sonntag

13 Messerscharf

14 Perlen vor die Säue

15 Weichgekocht

16 Kaffeeklatsch

17 Haarscharf

18 Fischgeködert

19 Ratatouille

20 Sushi original

21 Doppelt gemoppelt

22 Ein Bett aus Safran

23 Frühstück um acht?

24 Soufflé für Anfänger

25 Splitternackt

26 Flambiert

27 Ein Quantum Toast

28 Rechnung ohne Wirt

29 Erntezeit

30 Epilog

1. Schokoladenseiten

Rrroooah!! Diese unbändige Lust auf Schokolade. Das Verlangen

überfällt einen immer völlig unerwartet und vor allem

dann, wenn man es überhaupt nicht brauchen kann. Schokolade

steht nämlich definitiv nicht auf der Zutatenliste Ihrer Eiweißdiät.

Auch nicht beim zweiten Durchlesen. Möglicherweise

hat der Hund die kostbare Tafel vom Couchtisch geklaut, sie

im Garten verscharrt und weigert sich nun, Ihnen das Versteck

zu verraten. Im Supermarkt zieht der Kunde vor Ihnen die letzte

Packung Ihrer Lieblingssorte „Mandelcrisp" aus dem Regal,

weil Sie mal wieder zu lange zögernd vor den zahllosen Butterpackungen

in der Kühlabteilung standen. Sie finden im Vorstandsbüro

partout keine Ausrede, um mal eben die Powerpoint]

Präsentation zu unterbrechen und Ihnen liegt etwas an

ihrem Job. Schlimmstenfalls haben Sie eine Kakao]Allergie.

Schokoladengelüste sind leicht auszumachen. Man erkennt

sie an plötzlichem Zittern, Gedankenkreisen und diesem

merkwürdigen Zusammenziehen der inneren Gaumenwand,

meist gepaart mit pawlowschem Speicheln. Sie sind fiese, kleine

Geister, die unentwegt kichern. Meine fallen zu den unmöglichsten

Zeiten aus dem Dunkel auf das Bett und kriechen unter

die Decke. An den Füßen bin ich ziemlich kitzelig. Mitten in

der Nacht schlage ich also die Augen auf und mein erster Gedanke

ist, na? Richtig. Schokolade. Zur Bekräftigung malt das

Mondlicht den Weg zum Kühlschrank verführerisch auf den

Teppich. Es soll ja Menschen mit ausgesprochen eisernem Willen

geben. Die können sich grunzend umdrehen, das Ganze auf

den nächsten Morgen verschieben und einfach weiterschlafen.

Leider gehöre ich nicht dazu. Ich schleiche nachts um drei in

die Küche.

Eine richtig leckere Schokoladenmousse braucht wirklich keine

immense Kunstfertigkeit und nur wenige Zutaten. Vergessen

Sie komplizierte, klassische Zubereitungsmethoden, wie in

einschlägigen Kochbüchern beschrieben. Ich trenne vorsichtig

ein paar Eier, stelle das Eigelb für das Frühstücksrührei beiseite

und schlage aus dem Eiweiß einen schönen, fluffigen Eischnee.

Einen kurzen Moment bedauere ich die Nachbarn von nebenan,

als das Handrührgerät in die Masse taucht.

Wenn ich den Becher umdrehe und sich der weiße Schnee beharrlich

oben festhält, ist er perfekt. Dasselbe widerfährt der

Sahne. Auf dem Herd schmilzt Zartbitterschokolade dahin und

flüstert unzüchtige Dinge mit dem Wasserbad. Ich zeige den

beiden einen mahnenden Finger und kann nicht anders, ich

tunke ihn in die heiße, schwarzbraun glänzende Flüssigkeit.

Was Schokolade angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie das

universelle Mittel gegen allerlei seelische Leiden ist. Ich

huldige dem räuberischen Columbus, der in einem Anfall von

Habgier ein Handelskanu der Mayas vor der Küste von

Honduras kaperte, welches sich unter der Fracht von

Kakaobohnen bog. Nicht umsonst nannte man Schokolade früher

das braune Gold und benutzte es sogar als Zahlungsmittel.

Kakao galt bei den Azteken als Quelle der Weisheit und gesteigerter

sexueller Potenz. Und so ist es ] der süße, sinnliche

Geschmack auf der Zunge lässt einen so ziemlich alles

vergessen, was schlecht ist und so ziemlich an alles denken,

was schön und unanständig ist.

Verboten simples Mousse au Chocolat

Man nehme:

10 (Bio]) Eier,

1 Becher Schlagsahne,

1 Zartbitterschokolade bester Qualität.

Zuerst die Schokolade in einer hochwandigen Tasse im Wasserbad

schmelzen. Wer mehr Erotik möchte, bevorzugt gleich

eine Chili]Schokolade, oder gibt eine scharfe Schote hinzu.

Währenddessen die Eier trennen und aus dem Eiweiß einen

stichfesten Schnee schlagen. In einem zweiten Gefäß die Sahne

steif schlagen. Die flüssige Kostbarkeit gemächlich unter Rühren

in den Eischnee geben. Am Schluss die Sahne vorsichtig unterheben.

Das Ganze zirka zwei Stunden kaltstellen, um eine optimale

Konsistenz zu erhalten. Wem es jedoch eilt, dem reichen auch

30 Minuten im Gefrierfach.

Mein Küchenstuhl wippt leicht nach hinten, während meine

Füße auf der Heizung liegen. Ich wackle mit dem großen Zeh.

Noch brennt Licht in einigen gegenüberliegenden Häusern und

ich denke mir mit jedem Löffel, den ich mir in den Mund

schiebe, ein anderes Dasein.

Glauben Sie nicht, dass ich mir eines ausmalen müsste, weil

meines etwa gähnend langweilig wäre. Oder gar freudlos und

anstrengend. Das ist es durchaus nicht. Es ist eben nur unspektakulär

normal.

Als 28]jährige Singlefrau lebe ich in einer Großstadt. Allein

aufgrund dieser Tatsache bin ich ein statistischer Durchschnittswert

in Person. Ebenso mittelmäßig sind mein Job samt

Einkommen und demnach auch der Inhalt meines Kleiderschranks.

Aus rein existenziellen Beweggründen arbeite ich

tagsüber in einer Rechtsanwaltskanzlei. Und damit ich Grund

habe, mich am Montagmorgen wieder auf das Wochenende zu

freuen.

Abends shoppe ich in der wunderbaren bunten Welt des

World Wide Web nach einem neuen Kleid. Manchmal fahnde

ich mittels Kontaktseiten nach meinem Mr. Mac Dreamy, der

nur entfernt etwas mit Eiscreme zu tun haben sollte. Allerdings

hätte ich nichts dagegen, wenn er so schmecken würde.

Ich sehe leidenschaftlich gerne fern. Leistet mir meine Freundin

Britta Gesellschaft dabei, so bereichert mich ihr Besuch um

eine Tüte Kartoffelchips sowie einen guten Rotwein, immerhin

zirka tausend Kilokalorien. Grob geschätzt. Sie geht sodann ihre

ausladenden Hüften schwenkend mit einer leeren Flasche

heim und lässt mir das schlechte Gewissen da.

Samstags gehe ich aus. Wie jeder Single in Köln. Dabei habe

ich Unmengen Spaß. Meistens. Mal mit und mal ohne Kerl. Mit

den Männern verhält es sich wie mit Schokolade. Man verspürt

erst unheimlich Lust darauf, verspeist dann leichtsinnigerweise

zu viel davon und danach ist einem übel.

Ich liebe meine Stadt. Und ich hasse meinen Job. Echt. Das

Anwaltsbüro liegt auf der angesagten Mittelstraße. Das ist jene

Straße, die man beim Shopping garantiert meidet, wenn man

an dem kargen Inhalt seines Portemonnaies hängt. Aber die

Anwälte und Notare Dr. Hennemann, Frentzen & Partner legten

Wert auf eine angemessene Adresse für ihren beeindruckenden

Briefkopf. Selbstredend. Freilich haben sie Räume im

obersten Stock gemietet. Wegen des Doms. Den sieht man

nämlich nur von da oben, genauer gesagt aus dem Panoramafenster

in Dr. Hennemanns Büro. Das Vorzimmer eröffnet nur

den Blick auf die hässliche Seitenfassade von Starbucks nebenan.

Dort stehe ich übrigens täglich, um Schlag zehn vor acht,

mit der Order von einem „decof light vanilla flavoured latte".

Natürlich habe ich die fett] und koffeinfreie Variante nicht

im Mindesten nötig. Ich mag sie nicht mal sonderlich. Es klingt

nur so ungemein amerikanisch, seinen Kaffee so zu bestellen.

Manchmal gönne ich mir auch einen Frühstückssnack. Ein belegtes

Brötchen mit einem Loch darin. Also, eigentlich ist so ein

Bagel nichts als Betrug. Die Amis wollen einen glauben lassen,

man kaufe was ganz Tolles. Um einem dann zu einem überzogenen

Preis ein ausgehöhltes Teigbällchen anzudrehen, das ein

bisschen wie Pappe schmeckt.

Aber bleiben wir bei Dr. Johannes Hennemann. Der Boss. Der

Blödmann. Der, der sich jeden Tag aufführt, als sei Köln New

York und er der Staranwalt Ed Fagan. Für normal Sterbliche

erübrigt er morgens ein Nicken und abends ein erstauntes Zucken

seiner Augenbraue, wagt man es, Feierabend zu machen.

Der Typ diktiert täglich fünfundzwanzig Bänder und spricht

nebenbei auf zwei Leitungen gleichzeitig. Er hat im wahrsten

Sinn des Wortes immer alle Hände voll zu tun. In der Rechten

hält er einen Telefonhörer, in der Linken meist einen Becher

lauwarmen Kaffee. Ich habe es in den sechs Jahren meiner

Laufbahn kein einziges Mal geschafft, vor ihm zu kommen oder

nach ihm zu gehen. Er ist grob geschätzt Anfang vierzig

mit beginnender Halbglatze auf dem kantigen Gesicht. Rasiert,

natürlich. Seine eisblauen Augen werfen ebensolche Blicke über

den Rand seiner metallenen Designerbrille. Immer wieder

bewundere ich seine absolute Temperaturresistenz. Er trägt

stets ein langärmliges Hemd mit Haifischkragen und eine korrekt

gebundene Krawatte. Der aus feinstem Garn gewebte Anzug

stammt von einem namhaften Textilhersteller, dessen

Website ich mich nicht mal traue, zu besuchen. Und er besitzt

mindestens zwanzig davon. Sein Outfit trotzt Minusgraden

sowie Hitzewellen gleichermaßen und stellt quasi eine Art

Ganzjahresbereifung dar. Lediglich die geschmackvollen, wenn

auch gedeckten Farben variieren. Ich gebe beschämt zu, dass

ich Buch führe. Bisher habe ich vierhundertsechsundvierzig

verschiedene Kombinationen notiert.

Für sein Alter sieht er blendend aus. Dr. Johannes Hennemann

wäre mit Sicherheit ein Frauentyp, hätte er neben seiner

Arbeit noch andere Hobbys. Wie seine unsichtbare Gattin das

wohl findet? Frau Hennemann habe ich tatsächlich nie gesehen.

Gehört allerdings des Öfteren. Es ist erstaunlich, auf wie

viele unterschiedliche Arten ich sagen kann:

„Tut mir leid, Dr. Hennemann ist derzeit in einer Besprechung,

soll er Sie zurückrufen?"

Falls er gerade nicht diktiert, telefoniert oder sich in einer

Konferenz mit Schnittchen am Leben erhält (er hat grundsätzlich

keine Zeit zum Mittagessen), geht mein Chef seiner Hauptleidenschaft

nach. Mir den Büroalltag so schwer wie möglich

zu machen. Nicht nur, dass er mir jeden Morgen einen nicht zu

bewältigenden Berg an Schreibkram beschert. Das ginge ja

noch. Nein, dazu besitzt er die anstrengende Angewohnheit,

mich etwa alle zehn Minuten zu sich ins Zimmer zu rufen. Ich

muss Blumen gießen, Kaffee brühen, eine Akte suchen, den

Tisch wischen, ein Hemd aus der Reinigung holen ... Kurz, er

betrachtet mich als Putzfrau, Praktikantin, Butler, Chauffeur ...

und nur sekundär als Sekretärin. Dabei ist er noch nicht mal

freundlich. Seine Anweisungen klingen wie militärische Befehle

und niemals ziert der Hauch eines Lächelns seinen schmalen

Mund. Inzwischen notiere ich auch seine Höflichkeitsbekundungen.

Bislang komme ich auf sechs Mal Danke. Meinen Geburtstag

vergaß er ebenso oft. Der Boss würde mich bei einer

zufälligen Begegnung auf der Straße vermutlich gar nicht erkennen.

Und ich bin mir nicht sicher, ob mich das freut oder

frustriert.

Meine Kollegin Elfi traf es da bedeutend besser. Die arbeitet

hauptsächlich für den Frentzen. Der Junganwalt besitzt keinen

Doktor vor seinem Namen und darf nur die Bußgeldsachen

bearbeiten, weswegen er sich nicht traut, unfreundlich zum

Bodenpersonal zu sein. Objektiv betrachtet ist er ein arroganter

Schnösel mit Profilneurose, der dem Chef in den Hintern

kriecht. Aber seitdem ich ihn beim Klebstoffschnüffeln im Lagerraum

erwischte, ist er immerhin berechenbar geworden.

Darüber hinaus fällt der junge Mann auf jedes strahlende Frauenlächeln

herein. Was man vom Hennemann nicht behaupten

kann. An dem prallt mein weiblicher Charme ab wie ein Regentropfen

an einer frisch polierten Kühlschranktür.

Ich bin ungeduldig. Ich gebe es unumwunden zu. Warteschlangen

aller Art machen mich rasend. Oder sobald jemand

nicht sofort versteht, was ich will, obwohl ich mich mehr als

deutlich ausgedrückt habe. Langsame, bedächtige Menschen

bringen mich zur Weißglut. Beruflich ist das im Grunde mein

Tod. Wer hat jemals von einer Behörde gehört, die ein Anliegen

prompt bearbeitet? Haben Sie einmal versucht, eine direkte

Auskunft von einer städtischen Stelle zu bekommen? Genau

das meine ich. Die enervierende Warteschleife im Ohr ] und

dann den Hennemann im Nacken, der mich gestern fragt, ob

ich die Aufgabe von morgen schon erledigt habe.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich besonders unter

meinem Job leide. Schließlich habe ich ihn mir ja ausgesucht.

Ich zweifle allerdings in letzter Zeit immer öfter daran, so recht

an diesen Schreibtisch zu passen, auf dem sich unzählige graue

Akten türmen. Ehrlicherweise hat eine Elfi trotz geringerer

Schulbildung, doppelter Masse und wesentlich gemächlicherer

Arbeitsweise im Vergleich die Nase vorn: Sie sieht einen Sinn

in dem, was sie tut.

Ich betrachte meinen wackelnden Zeh und genehmige mir ein

letztes Häppchen Mousse. Der zarte Schmelz zerfließt auf meiner

Zunge und ich muss lächeln. Schokolade macht eben

glücklich.

Und da ist es plötzlich.

Kennen Sie das? Dieses: Warum tu ich nicht einfach was ganz

anderes? Ein in losgelösten Momenten spontan Verrücktes:

„Ich wandere aus, ich mach ´ne Kneipe auf" oder „ich geh

nochmal zur Uni"? Dieses Verzweifelte: „Was zum Teufel soll

ich hier?!"

Der Stuhl wackelt gefährlich, als ich mich noch weiter zurücklehne

und an die Decke starre. Was macht mir eigentlich Spaß?

Ich schiele auf die leere Schale mit dem einsamen Löffel darin.

Mein Blick wandert durch das Zimmer und bleibt an dem aufgeschlagenen

Kochbuch auf dem Küchentisch hängen. Eine Vision!

Bevor ich nach dem Geistesblitz fassen kann, ertönt ein

unschönes Knacken und ich verliere das Gleichgewicht. Mit

rudernden Armen und einem erschrockenen Quieken gehe ich

zu Boden.

2. Krähm Brülle

Ich bin fest davon überzeugt, dass gutes Essen uns zu besseren

Menschen macht. Ein wirklich hervorragendes Mahl zuzubereiten

und zu genießen, bedarf der ganzen Person. Es erfordert

alle Sinne, Gewürze passenden Speisen zuzuordnen und

die Ingredienzien fein aufeinander abzustimmen. Manchmal

entscheiden nur winzige Nuancen über Erfolg oder Misslingen.

Der sensible Tastsinn der Finger dosiert empfindliche Kräuter

und ermöglicht kunstvolles Zubereiten und Anrichten. Wer

versucht, das Rezept eines Gourmetkochs zu lesen, sollte klaren

Verstandes sein und Konzentration und Geduld mitbringen.

Körperliche Fitness und motorisches Geschick sind die Basis

von Schneiden, Kneten, Rühren und dem flinken Hantieren

mit mehreren Gegenständen gleichzeitig. Und bitte vergessen

Sie vorläufig die Küchenmaschine und unbedingt Fertigprodukte,

wenn Sie in das wahre Nirvana dieser Kunst eintreten

wollen. Ferner spielen Gefühle eine erhebliche Rolle. Der Vorgang

des Kochens lässt uns nicht losgelöst von den alltäglichen

Sorgen, sie fließen vielmehr in unser Tun ein und nötigen uns

dazu, uns hinterfragen zu lernen. Das kommt manchem nicht

gelegen. Im besten Fall jedoch verspürt man angesichts eines

gelungenen Soufflés so etwas wie Demut.

Das perfekte Gericht möchte den Menschen ganz, mit seiner

Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen. Es bringt uns immer

wieder an persönliche Grenzen, bereitet uns unvergleichliche

Freude oder unsäglichen Kummer. Ein gutes Essen braucht

aber vor allem Herz und Seele. Nur die Liebe bietet jenen einzigartigen

Geschmack, der vollkommen ist.

Meine Putzfrau hat auch jede Menge Liebe. Sie singt. Olga

nimmt sich einmal in der Woche meines Refugiums an. Dabei

singt sie, wie gesagt. Immer und unablässig. Ich kenne sonst

niemanden, der so begeistert Staub wischt. Es macht nichts,

wenn ich ihre Lieder nicht verstehe. Olgas schräge Melodien

trieben vermutlich jeden Musikexperten in den Freitod, doch in

meinen Ohren klingen sie heimelig nach Schnee, Bollerofen

und reichlich Wodka.

Ich liege unter meinem Federbett vergraben. Der Wecker hat

noch nicht geklingelt, und als ich mich aus meiner Bauchlage

auf den Rücken drehen will, fährt ein stechender Schmerz in

mein Kreuz. Dunkel erinnere ich mich an den nächtlichen

Sturz vom Stuhl und muss trotzdem grinsen. Gefallenes Schokomädchen

um Mitternacht. Wie blöd auch. Die Schallwellen

von Olgas Gesang durchbrechen die Schlafzimmertür, als rase

die Transsibirische Eisenbahn durch die Wohnung. Wie jeden

Freitag frage ich mich, ob ich sie dafür hassen soll, weil sie um

Punkt sieben mit der Arbeit anfängt und dabei „Korobeiniki"

röhrt, oder sie vergöttere, da sie großartigen Kaffee brüht. Olga

intoniert nicht nur russisch, sie spricht es natürlich auch. Ausschließlich.

Wirklich, von meiner Putzfee habe ich nie ein einziges

deutsches Wort vernommen. Sie kommuniziert äußerst

erfinderisch mit Händen und Füssen und strahlt fortwährend.

Manchmal nickt sie oder schüttelt den Kopf. Letzteres tut sie

häufig, wenn sie meine Wäsche sortiert. Warum, kann ich bis

heute nur erahnen.

Möchte ich Olga etwas Wichtiges mitteilen, so muss ich ihren

Mann anrufen. Reichlich kurz angebunden sagt dieser meistens

nur ja oder nein. Danach reiche ich Olga den Hörer und nach

wenigen Minuten, in denen ein regelrechter Wortwasserfall

aus ihrem Mund sprudelt, legt sie auf. Üblicherweise lächelt sie

mich dann an und nickt. Manchmal schüttelt sie auch den

Kopf. Wir verstehen uns einfach prima.

Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was sie in den Kaffee

tut. Sie kocht ihn mit dem gleichen Wasser und mit demselben

Espressopulver, welches ich ebenfalls benutze. Es ist mir

schlichtweg ein Rätsel, wieso dieses duftende Getränk viel besser

schmeckt, als das, was ich zuzubereiten vermag.

Irgendwann im Laufe der Zeit werde ich ihr Geheimnis lüften.

Sie macht ihn „orientalisch", das heißt, sie schüttet heißes

Wasser in das mit Zucker vermischte Kaffeepulver. Wenn der

Satz sich unten ablagert, seiht sie die oben liegende Flüssigkeit

vorsichtig ab. Es ist übrigens Nonsens, dass die Russen alkoholische

Getränke in ihren Kaffee kippen. Nur am Rande bemerkt:

Wodka trinkt man da pur zum Essen, nicht gepanscht

und schon gar nicht in Heißgetränken.

Das Innere eines Individuums offenbart sich in seiner Wohnungseinrichtung.

Da ist was dran. Ich betrachte das eher differenziert.

Den von Holzwürmern zerfressenen Kleiderschrank

der bayerischen Oma sollte man nur so ideell sehen, wie ihm

sein Inhalt gleichkommt. Dasselbe gilt für Hi]Fi]Schränke und

CD]Regale. Kaum entspricht der äußere Schein dem tatsächlichen

Blick hinein. Mit Menschen verhält es sich genauso. Ich

hingegen finde, der wahre Eindruck von einer Wohnung wird

durch etwas völlig anderes geprägt. Nämlich lange vorher.

Haustüren werden gnadenlos unterschätzt. Meine Haustür

beispielsweise ist rot. De facto war diese Tür der ausschlaggebende

Grund dafür, die Mansarde überhaupt zu kaufen. Sie ist

aus Holz und sehr alt. Es stört nicht, wenn die Farbe schon ein

wenig abblättert. Im Gegenteil. Gerade das macht diese Tür

mir so ähnlich.

Katharina Lehner steht auf dem Klingelschild.

Dieser Name auf dem messingfarbenen Rechteck sagt, dass

die rote Tür und ich unwiderruflich miteinander verbunden

sind.

Der Mensch ist von Natur aus faul. Logisch, dass mein zugegebenermaßen

hochtrabend klingender Vorname im Laufe

meiner Kindheit und Jugend bis hin ins Erwachsenenalter

sämtliche Verunglimpfungen über sich ergehen lassen musste.

Man glaubt gar nicht, wie viele Abkürzungen und Koseformen

es von „Katharina" gibt. Erstaunlicherweise schrumpften die

Buchstaben mit zunehmendem Lebensalter dahin. Wie bei den

zehn kleinen Negerlein. Katharinchen, Kathrinlein, Katjuscha,

Kätchen, Katinka, Karina, Kathi, Kitty, Katta, Kat. Sollte mich

irgendwann jemand K. nennen, werde ich mein Testament verfassen.

Mir blieb aktuell und hoffentlich letztendlich „Katta".

So als hätte man aus einer Crème brulée einen schlichten Vanilleflan

gemacht. Ich habe mich damit abgefunden.

Besagte Süßspeise gelangte reichlich unspektakulär zu ihrem

Titel. Tatsächlich ist ihr Französisch jedoch reine Protzerei. Ihr

Herkunftsland ist nicht Frankreich, sondern England. Nach einigen

Quellen stammt die Speise aus Cambridge, wo sie angeblich

im 17. Jahrhundert am Trinity College erfunden wurde

und unprätentiös „burnt cream" oder „trinity cream" hieß. Irgendein

Professor ließ seinen Nachtisch versehentlich anbrennen.

Das ist auch schon alles.

Ich persönlich assoziiere mit Crème brulée wenig Schmackhaftes.

Ich meine, für ein deutsches Ohr klingt das Ganze nach

einem gepeinigten Pudding, der mit einem Bunsenbrenner gefoltert

wird. So wie Haustüren unterschätzt werden, wird dieses

Dessert eindeutig überschätzt.

Äußerst amüsant stellte sich folgendes Erlebnis in einem meiner

Lieblingsrestaurants dar: Ich dinierte dort mit einem jungen

Mann, der in meinem Leben so bedeutend war, dass ich

seinen Namen vergessen habe. Ich erinnere mich lediglich daran,

dass er recht annehmbar aussah. Der erste Eindruck überdauerte

exakt fünf Minuten. Er redete unablässig. Von sich.

Ausschließlich. Von seinem Job, seinem Auto, seinem Meistertitel

im Karate sowie seinen Urlauben auf Sylt. Ich hätte mir eine

Papiertüte über den Kopf stülpen können, vermutlich wäre

ihm das nicht einmal aufgefallen. Mit gewichtiger Miene bestellte

er den teuersten Wein auf der Karte, ohne mich um meine

Meinung zu fragen. Zu meiner Fassungslosigkeit beraubte

er mich weiterhin des einzigen Vergnügens des Abends ] mir

mein Essen selbst auszusuchen. Nach einem geistigen Haken

hinter seiner Person begann ich jedoch, das Ganze lustig zu

finden. Zuerst sah ich gebannt auf seine beginnende Halbglatze.

Dann eine Weile scharf rechts an ihm vorbei. Da ich nicht

die geringste Reaktion erhielt, senkte ich betont langsam den

Blick und starrte auf seinen Schritt. Er palaverte ungerührt weiter.

Schließlich betrachtete ich das Paar am Nebentisch und

rührte demonstrativ gelangweilt in meinem Milchkaffee. Noch

immer erklärte er mir die Welt. Ich überlegte gerade, ob ich

laut schnarchend mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen

sollte, als mich der Kellner erlöste. Dieser fragte freundlich

nach der Bestellung für das Dessert.

„Ich möchte einen Nachtisch mit zwei Löffeln bitte", sagte

mein Begleiter nebst einem süffisanten Lächeln in meine Richtung,

noch während ich Luft holte, um ein Tiramisu zu ordern,

„meine zauberhafte Gesellschaft achtet mit Sicherheit auf ihre

Figur."

Fassungslos sah ich den Kerl an. Spinnt der?! Der Kellner verzog

keine Miene.

„Wir hätten also gerne einmal die Krähm Brülle."

Jetzt brüllte ich. Vor Lachen. Und das ganze Restaurant

schreckte auf. Es liegt wohl auf der Hand, dass aus einem Date

gleich zwei wurden: das Erste und auch das Letzte.

Creme brulée

Man nehme:

250 ml. Sahne,

250 ml. Milch,

125 gr. Zucker,

eine halbe Vanilleschote,

6 Eigelbe.

Den Ofen auf 125 Grad vorheizen.

Die Milch mit der Sahne vermischen und zum Kochen bringen,

die Vanilleschote auskratzen und hinzugeben. Die Eigelbe mit

Zucker vermischen, dann unter Rühren in den Topf geben. Die

Vanille]Crème in eine feuerfeste Form füllen und im Wasserbad

etwa eine halbe Stunde im Ofen lassen - bis die Oberschicht

leicht fest geworden ist. Die Crème abkühlen lassen und mit

Zucker bestreuen.

Das Ganze noch mal kurz im Backofen bei Oberhitze

karamellisieren oder mit einem kleinen Bunsenbrenner

überkrusten.

Nochmals zur Erinnerung: Bei Crème brulée brüllt keiner.

Außer, der Koch hat nicht raus, wie der Bunsenbrenner

funktioniert ...

Bis jetzt war es noch harmlos. So richtig prekär wurde es erst,

als ich meinen Job verlor .....

Klappentext

"Ich führe das ganz und gar durchschnittliche Leben einer Singlefrau in Köln. Mit dem Gros meiner Leidensgefährtinnen habe ich vor allem eines gemein: Ich habe mein langweiliges Dasein ordentlich satt. Tagein, tagaus ertrage ich in einer renommierten Anwaltskanzlei einen übellaunigen Boss, lecke Klebestreifen von Briefumschlägen an, koche sagenhaft schlechten Kaffee und vertröste die Gattin des Chefs am Telefon auf nirgend wann. Die Höhepunkte des Tages bestehen im Feierabendstempeln und in haltlosen Bollywood-Kochgelagen mit meiner Freundin Britta. Beides tue ich täglich.

Irgendwann geht die Sache schief. Eigentlich geht nur eine Akte schief. Doch das ist sauteuer und sozusagen wegweisend. Ich halte die Türklinke des Büros in der Hand. Und zwar von außen. Da stehe ich nun, Katharina Lehner. Ohne Job, ohne Mann, ohne Plan. Mein unwiderstehlicher Nachbar zählt nicht - den traue ich mich nicht mal anzusprechen.

Aber ich habe ja das, was ich manchem nicht unbedingt vorbehaltlos wünschen würde: Ein Rezept für jede Lebenslage, ein paar Flaschen sündhaft teuren Wein und eine durchgeknallte Busenfreundin. Wir ertränken meinen Kummer gemeinsam und hecken einen genialen Plan aus: Wir eröffnen einen Kochbuchladen nebst Bistro und Kochstudio."

„Himmelherrgott nochmal! Hätte mich nicht mal jemand vorwarnen können?!"

Rezension

Claudia Winters Schreibstil sprüht vor Lebendigkeit. Ihr Humor ist  einzigartig.

 

Rainer Wekwerth (alias David Kenlock, alias Jonathan Abendrot), Schriftsteller