Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Belletristik > Ausgerechnet Soufflé
Belletristik Bücher
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Ausgerechnet Soufflé, Claudia Winter
Claudia Winter

Ausgerechnet Soufflé


Cook &Chill

Bewertung:
(19)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1220
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
www.aavaa.de, als ebook bei www.beam-ebooks.de
Drucken Empfehlen


Inhaltsverzeichnis



1 Schokoladenseiten


2 Krähm Brülle


3 Marsala Salam


4 Mission Melone


5 Cook and Chill


6 Nudeldick


7 Eisgekühlt


8 Schwund im Mund


9 Mäusehäppchen


10 Und was ist mit Tee?


11 Beschwipstes Huhn


12 Blauer Sonntag


13 Messerscharf


14 Perlen vor die Säue


15 Weichgekocht


16 Kaffeeklatsch


17 Haarscharf


18 Fischgeködert


19 Ratatouille


20 Sushi original


21 Doppelt gemoppelt


22 Ein Bett aus Safran


23 Frühstück um acht?


24 Soufflé für Anfänger


25 Splitternackt


26 Flambiert


27 Ein Quantum Toast


28 Rechnung ohne Wirt


29 Erntezeit


30 Epilog


1. Schokoladenseiten


Rrroooah!! Diese unbändige Lust auf Schokolade. Das Verlangen


überfällt einen immer völlig unerwartet und vor allem


dann, wenn man es überhaupt nicht brauchen kann. Schokolade


steht nämlich definitiv nicht auf der Zutatenliste Ihrer Eiweißdiät.


Auch nicht beim zweiten Durchlesen. Möglicherweise


hat der Hund die kostbare Tafel vom Couchtisch geklaut, sie


im Garten verscharrt und weigert sich nun, Ihnen das Versteck


zu verraten. Im Supermarkt zieht der Kunde vor Ihnen die letzte


Packung Ihrer Lieblingssorte „Mandelcrisp" aus dem Regal,


weil Sie mal wieder zu lange zögernd vor den zahllosen Butterpackungen


in der Kühlabteilung standen. Sie finden im Vorstandsbüro


partout keine Ausrede, um mal eben die Powerpoint]


Präsentation zu unterbrechen und Ihnen liegt etwas an


ihrem Job. Schlimmstenfalls haben Sie eine Kakao]Allergie.


Schokoladengelüste sind leicht auszumachen. Man erkennt


sie an plötzlichem Zittern, Gedankenkreisen und diesem


merkwürdigen Zusammenziehen der inneren Gaumenwand,


meist gepaart mit pawlowschem Speicheln. Sie sind fiese, kleine


Geister, die unentwegt kichern. Meine fallen zu den unmöglichsten


Zeiten aus dem Dunkel auf das Bett und kriechen unter


die Decke. An den Füßen bin ich ziemlich kitzelig. Mitten in


der Nacht schlage ich also die Augen auf und mein erster Gedanke


ist, na? Richtig. Schokolade. Zur Bekräftigung malt das


Mondlicht den Weg zum Kühlschrank verführerisch auf den


Teppich. Es soll ja Menschen mit ausgesprochen eisernem Willen


geben. Die können sich grunzend umdrehen, das Ganze auf


den nächsten Morgen verschieben und einfach weiterschlafen.


Leider gehöre ich nicht dazu. Ich schleiche nachts um drei in


die Küche.


Eine richtig leckere Schokoladenmousse braucht wirklich keine


immense Kunstfertigkeit und nur wenige Zutaten. Vergessen


Sie komplizierte, klassische Zubereitungsmethoden, wie in


einschlägigen Kochbüchern beschrieben. Ich trenne vorsichtig


ein paar Eier, stelle das Eigelb für das Frühstücksrührei beiseite


und schlage aus dem Eiweiß einen schönen, fluffigen Eischnee.


Einen kurzen Moment bedauere ich die Nachbarn von nebenan,


als das Handrührgerät in die Masse taucht.


Wenn ich den Becher umdrehe und sich der weiße Schnee beharrlich


oben festhält, ist er perfekt. Dasselbe widerfährt der


Sahne. Auf dem Herd schmilzt Zartbitterschokolade dahin und


flüstert unzüchtige Dinge mit dem Wasserbad. Ich zeige den


beiden einen mahnenden Finger und kann nicht anders, ich


tunke ihn in die heiße, schwarzbraun glänzende Flüssigkeit.


Was Schokolade angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie das


universelle Mittel gegen allerlei seelische Leiden ist. Ich


huldige dem räuberischen Columbus, der in einem Anfall von


Habgier ein Handelskanu der Mayas vor der Küste von


Honduras kaperte, welches sich unter der Fracht von


Kakaobohnen bog. Nicht umsonst nannte man Schokolade früher


das braune Gold und benutzte es sogar als Zahlungsmittel.


Kakao galt bei den Azteken als Quelle der Weisheit und gesteigerter


sexueller Potenz. Und so ist es ] der süße, sinnliche


Geschmack auf der Zunge lässt einen so ziemlich alles


vergessen, was schlecht ist und so ziemlich an alles denken,


was schön und unanständig ist.



Verboten simples Mousse au Chocolat


Man nehme:


10 (Bio]) Eier,


1 Becher Schlagsahne,


1 Zartbitterschokolade bester Qualität.


Zuerst die Schokolade in einer hochwandigen Tasse im Wasserbad


schmelzen. Wer mehr Erotik möchte, bevorzugt gleich


eine Chili]Schokolade, oder gibt eine scharfe Schote hinzu.


Währenddessen die Eier trennen und aus dem Eiweiß einen


stichfesten Schnee schlagen. In einem zweiten Gefäß die Sahne


steif schlagen. Die flüssige Kostbarkeit gemächlich unter Rühren


in den Eischnee geben. Am Schluss die Sahne vorsichtig unterheben.


Das Ganze zirka zwei Stunden kaltstellen, um eine optimale


Konsistenz zu erhalten. Wem es jedoch eilt, dem reichen auch


30 Minuten im Gefrierfach.




Mein Küchenstuhl wippt leicht nach hinten, während meine


Füße auf der Heizung liegen. Ich wackle mit dem großen Zeh.


Noch brennt Licht in einigen gegenüberliegenden Häusern und


ich denke mir mit jedem Löffel, den ich mir in den Mund


schiebe, ein anderes Dasein.


Glauben Sie nicht, dass ich mir eines ausmalen müsste, weil


meines etwa gähnend langweilig wäre. Oder gar freudlos und


anstrengend. Das ist es durchaus nicht. Es ist eben nur unspektakulär


normal.


Als 28]jährige Singlefrau lebe ich in einer Großstadt. Allein


aufgrund dieser Tatsache bin ich ein statistischer Durchschnittswert


in Person. Ebenso mittelmäßig sind mein Job samt


Einkommen und demnach auch der Inhalt meines Kleiderschranks.


Aus rein existenziellen Beweggründen arbeite ich


tagsüber in einer Rechtsanwaltskanzlei. Und damit ich Grund


habe, mich am Montagmorgen wieder auf das Wochenende zu


freuen.


Abends shoppe ich in der wunderbaren bunten Welt des


World Wide Web nach einem neuen Kleid. Manchmal fahnde


ich mittels Kontaktseiten nach meinem Mr. Mac Dreamy, der


nur entfernt etwas mit Eiscreme zu tun haben sollte. Allerdings


hätte ich nichts dagegen, wenn er so schmecken würde.


Ich sehe leidenschaftlich gerne fern. Leistet mir meine Freundin


Britta Gesellschaft dabei, so bereichert mich ihr Besuch um


eine Tüte Kartoffelchips sowie einen guten Rotwein, immerhin


zirka tausend Kilokalorien. Grob geschätzt. Sie geht sodann ihre


ausladenden Hüften schwenkend mit einer leeren Flasche


heim und lässt mir das schlechte Gewissen da.


Samstags gehe ich aus. Wie jeder Single in Köln. Dabei habe


ich Unmengen Spaß. Meistens. Mal mit und mal ohne Kerl. Mit


den Männern verhält es sich wie mit Schokolade. Man verspürt


erst unheimlich Lust darauf, verspeist dann leichtsinnigerweise


zu viel davon und danach ist einem übel.


Ich liebe meine Stadt. Und ich hasse meinen Job. Echt. Das


Anwaltsbüro liegt auf der angesagten Mittelstraße. Das ist jene


Straße, die man beim Shopping garantiert meidet, wenn man


an dem kargen Inhalt seines Portemonnaies hängt. Aber die


Anwälte und Notare Dr. Hennemann, Frentzen & Partner legten


Wert auf eine angemessene Adresse für ihren beeindruckenden


Briefkopf. Selbstredend. Freilich haben sie Räume im


obersten Stock gemietet. Wegen des Doms. Den sieht man


nämlich nur von da oben, genauer gesagt aus dem Panoramafenster


in Dr. Hennemanns Büro. Das Vorzimmer eröffnet nur


den Blick auf die hässliche Seitenfassade von Starbucks nebenan.


Dort stehe ich übrigens täglich, um Schlag zehn vor acht,


mit der Order von einem „decof light vanilla flavoured latte".


Natürlich habe ich die fett] und koffeinfreie Variante nicht


im Mindesten nötig. Ich mag sie nicht mal sonderlich. Es klingt


nur so ungemein amerikanisch, seinen Kaffee so zu bestellen.


Manchmal gönne ich mir auch einen Frühstückssnack. Ein belegtes


Brötchen mit einem Loch darin. Also, eigentlich ist so ein


Bagel nichts als Betrug. Die Amis wollen einen glauben lassen,


man kaufe was ganz Tolles. Um einem dann zu einem überzogenen


Preis ein ausgehöhltes Teigbällchen anzudrehen, das ein


bisschen wie Pappe schmeckt.


Aber bleiben wir bei Dr. Johannes Hennemann. Der Boss. Der


Blödmann. Der, der sich jeden Tag aufführt, als sei Köln New


York und er der Staranwalt Ed Fagan. Für normal Sterbliche


erübrigt er morgens ein Nicken und abends ein erstauntes Zucken


seiner Augenbraue, wagt man es, Feierabend zu machen.


Der Typ diktiert täglich fünfundzwanzig Bänder und spricht


nebenbei auf zwei Leitungen gleichzeitig. Er hat im wahrsten


Sinn des Wortes immer alle Hände voll zu tun. In der Rechten


hält er einen Telefonhörer, in der Linken meist einen Becher


lauwarmen Kaffee. Ich habe es in den sechs Jahren meiner


Laufbahn kein einziges Mal geschafft, vor ihm zu kommen oder


nach ihm zu gehen. Er ist grob geschätzt Anfang vierzig


mit beginnender Halbglatze auf dem kantigen Gesicht. Rasiert,


natürlich. Seine eisblauen Augen werfen ebensolche Blicke über


den Rand seiner metallenen Designerbrille. Immer wieder


bewundere ich seine absolute Temperaturresistenz. Er trägt


stets ein langärmliges Hemd mit Haifischkragen und eine korrekt


gebundene Krawatte. Der aus feinstem Garn gewebte Anzug


stammt von einem namhaften Textilhersteller, dessen


Website ich mich nicht mal traue, zu besuchen. Und er besitzt


mindestens zwanzig davon. Sein Outfit trotzt Minusgraden


sowie Hitzewellen gleichermaßen und stellt quasi eine Art


Ganzjahresbereifung dar. Lediglich die geschmackvollen, wenn


auch gedeckten Farben variieren. Ich gebe beschämt zu, dass


ich Buch führe. Bisher habe ich vierhundertsechsundvierzig


verschiedene Kombinationen notiert.


Für sein Alter sieht er blendend aus. Dr. Johannes Hennemann


wäre mit Sicherheit ein Frauentyp, hätte er neben seiner


Arbeit noch andere Hobbys. Wie seine unsichtbare Gattin das


wohl findet? Frau Hennemann habe ich tatsächlich nie gesehen.


Gehört allerdings des Öfteren. Es ist erstaunlich, auf wie


viele unterschiedliche Arten ich sagen kann:


„Tut mir leid, Dr. Hennemann ist derzeit in einer Besprechung,


soll er Sie zurückrufen?"


Falls er gerade nicht diktiert, telefoniert oder sich in einer


Konferenz mit Schnittchen am Leben erhält (er hat grundsätzlich


keine Zeit zum Mittagessen), geht mein Chef seiner Hauptleidenschaft


nach. Mir den Büroalltag so schwer wie möglich


zu machen. Nicht nur, dass er mir jeden Morgen einen nicht zu


bewältigenden Berg an Schreibkram beschert. Das ginge ja


noch. Nein, dazu besitzt er die anstrengende Angewohnheit,


mich etwa alle zehn Minuten zu sich ins Zimmer zu rufen. Ich


muss Blumen gießen, Kaffee brühen, eine Akte suchen, den


Tisch wischen, ein Hemd aus der Reinigung holen ... Kurz, er


betrachtet mich als Putzfrau, Praktikantin, Butler, Chauffeur ...


und nur sekundär als Sekretärin. Dabei ist er noch nicht mal


freundlich. Seine Anweisungen klingen wie militärische Befehle


und niemals ziert der Hauch eines Lächelns seinen schmalen


Mund. Inzwischen notiere ich auch seine Höflichkeitsbekundungen.


Bislang komme ich auf sechs Mal Danke. Meinen Geburtstag


vergaß er ebenso oft. Der Boss würde mich bei einer


zufälligen Begegnung auf der Straße vermutlich gar nicht erkennen.


Und ich bin mir nicht sicher, ob mich das freut oder


frustriert.


Meine Kollegin Elfi traf es da bedeutend besser. Die arbeitet


hauptsächlich für den Frentzen. Der Junganwalt besitzt keinen


Doktor vor seinem Namen und darf nur die Bußgeldsachen


bearbeiten, weswegen er sich nicht traut, unfreundlich zum


Bodenpersonal zu sein. Objektiv betrachtet ist er ein arroganter


Schnösel mit Profilneurose, der dem Chef in den Hintern


kriecht. Aber seitdem ich ihn beim Klebstoffschnüffeln im Lagerraum


erwischte, ist er immerhin berechenbar geworden.


Darüber hinaus fällt der junge Mann auf jedes strahlende Frauenlächeln


herein. Was man vom Hennemann nicht behaupten


kann. An dem prallt mein weiblicher Charme ab wie ein Regentropfen


an einer frisch polierten Kühlschranktür.


Ich bin ungeduldig. Ich gebe es unumwunden zu. Warteschlangen


aller Art machen mich rasend. Oder sobald jemand


nicht sofort versteht, was ich will, obwohl ich mich mehr als


deutlich ausgedrückt habe. Langsame, bedächtige Menschen


bringen mich zur Weißglut. Beruflich ist das im Grunde mein


Tod. Wer hat jemals von einer Behörde gehört, die ein Anliegen


prompt bearbeitet? Haben Sie einmal versucht, eine direkte


Auskunft von einer städtischen Stelle zu bekommen? Genau


das meine ich. Die enervierende Warteschleife im Ohr ] und


dann den Hennemann im Nacken, der mich gestern fragt, ob


ich die Aufgabe von morgen schon erledigt habe.


Es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich besonders unter


meinem Job leide. Schließlich habe ich ihn mir ja ausgesucht.


Ich zweifle allerdings in letzter Zeit immer öfter daran, so recht


an diesen Schreibtisch zu passen, auf dem sich unzählige graue


Akten türmen. Ehrlicherweise hat eine Elfi trotz geringerer


Schulbildung, doppelter Masse und wesentlich gemächlicherer


Arbeitsweise im Vergleich die Nase vorn: Sie sieht einen Sinn


in dem, was sie tut.


Ich betrachte meinen wackelnden Zeh und genehmige mir ein


letztes Häppchen Mousse. Der zarte Schmelz zerfließt auf meiner


Zunge und ich muss lächeln. Schokolade macht eben


glücklich.


Und da ist es plötzlich.


Kennen Sie das? Dieses: Warum tu ich nicht einfach was ganz


anderes? Ein in losgelösten Momenten spontan Verrücktes:


„Ich wandere aus, ich mach ´ne Kneipe auf" oder „ich geh


nochmal zur Uni"? Dieses Verzweifelte: „Was zum Teufel soll


ich hier?!"


Der Stuhl wackelt gefährlich, als ich mich noch weiter zurücklehne


und an die Decke starre. Was macht mir eigentlich Spaß?


Ich schiele auf die leere Schale mit dem einsamen Löffel darin.


Mein Blick wandert durch das Zimmer und bleibt an dem aufgeschlagenen


Kochbuch auf dem Küchentisch hängen. Eine Vision!


Bevor ich nach dem Geistesblitz fassen kann, ertönt ein


unschönes Knacken und ich verliere das Gleichgewicht. Mit


rudernden Armen und einem erschrockenen Quieken gehe ich


zu Boden.


2. Krähm Brülle


Ich bin fest davon überzeugt, dass gutes Essen uns zu besseren


Menschen macht. Ein wirklich hervorragendes Mahl zuzubereiten


und zu genießen, bedarf der ganzen Person. Es erfordert


alle Sinne, Gewürze passenden Speisen zuzuordnen und


die Ingredienzien fein aufeinander abzustimmen. Manchmal


entscheiden nur winzige Nuancen über Erfolg oder Misslingen.


Der sensible Tastsinn der Finger dosiert empfindliche Kräuter


und ermöglicht kunstvolles Zubereiten und Anrichten. Wer


versucht, das Rezept eines Gourmetkochs zu lesen, sollte klaren


Verstandes sein und Konzentration und Geduld mitbringen.


Körperliche Fitness und motorisches Geschick sind die Basis


von Schneiden, Kneten, Rühren und dem flinken Hantieren


mit mehreren Gegenständen gleichzeitig. Und bitte vergessen


Sie vorläufig die Küchenmaschine und unbedingt Fertigprodukte,


wenn Sie in das wahre Nirvana dieser Kunst eintreten


wollen. Ferner spielen Gefühle eine erhebliche Rolle. Der Vorgang


des Kochens lässt uns nicht losgelöst von den alltäglichen


Sorgen, sie fließen vielmehr in unser Tun ein und nötigen uns


dazu, uns hinterfragen zu lernen. Das kommt manchem nicht


gelegen. Im besten Fall jedoch verspürt man angesichts eines


gelungenen Soufflés so etwas wie Demut.


Das perfekte Gericht möchte den Menschen ganz, mit seiner


Lebensgeschichte und seinen Erfahrungen. Es bringt uns immer


wieder an persönliche Grenzen, bereitet uns unvergleichliche


Freude oder unsäglichen Kummer. Ein gutes Essen braucht


aber vor allem Herz und Seele. Nur die Liebe bietet jenen einzigartigen


Geschmack, der vollkommen ist.


Meine Putzfrau hat auch jede Menge Liebe. Sie singt. Olga


nimmt sich einmal in der Woche meines Refugiums an. Dabei


singt sie, wie gesagt. Immer und unablässig. Ich kenne sonst


niemanden, der so begeistert Staub wischt. Es macht nichts,


wenn ich ihre Lieder nicht verstehe. Olgas schräge Melodien


trieben vermutlich jeden Musikexperten in den Freitod, doch in


meinen Ohren klingen sie heimelig nach Schnee, Bollerofen


und reichlich Wodka.


Ich liege unter meinem Federbett vergraben. Der Wecker hat


noch nicht geklingelt, und als ich mich aus meiner Bauchlage


auf den Rücken drehen will, fährt ein stechender Schmerz in


mein Kreuz. Dunkel erinnere ich mich an den nächtlichen


Sturz vom Stuhl und muss trotzdem grinsen. Gefallenes Schokomädchen


um Mitternacht. Wie blöd auch. Die Schallwellen


von Olgas Gesang durchbrechen die Schlafzimmertür, als rase


die Transsibirische Eisenbahn durch die Wohnung. Wie jeden


Freitag frage ich mich, ob ich sie dafür hassen soll, weil sie um


Punkt sieben mit der Arbeit anfängt und dabei „Korobeiniki"


röhrt, oder sie vergöttere, da sie großartigen Kaffee brüht. Olga


intoniert nicht nur russisch, sie spricht es natürlich auch. Ausschließlich.


Wirklich, von meiner Putzfee habe ich nie ein einziges


deutsches Wort vernommen. Sie kommuniziert äußerst


erfinderisch mit Händen und Füssen und strahlt fortwährend.


Manchmal nickt sie oder schüttelt den Kopf. Letzteres tut sie


häufig, wenn sie meine Wäsche sortiert. Warum, kann ich bis


heute nur erahnen.


Möchte ich Olga etwas Wichtiges mitteilen, so muss ich ihren


Mann anrufen. Reichlich kurz angebunden sagt dieser meistens


nur ja oder nein. Danach reiche ich Olga den Hörer und nach


wenigen Minuten, in denen ein regelrechter Wortwasserfall


aus ihrem Mund sprudelt, legt sie auf. Üblicherweise lächelt sie


mich dann an und nickt. Manchmal schüttelt sie auch den


Kopf. Wir verstehen uns einfach prima.


Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was sie in den Kaffee


tut. Sie kocht ihn mit dem gleichen Wasser und mit demselben


Espressopulver, welches ich ebenfalls benutze. Es ist mir


schlichtweg ein Rätsel, wieso dieses duftende Getränk viel besser


schmeckt, als das, was ich zuzubereiten vermag.


Irgendwann im Laufe der Zeit werde ich ihr Geheimnis lüften.


Sie macht ihn „orientalisch", das heißt, sie schüttet heißes


Wasser in das mit Zucker vermischte Kaffeepulver. Wenn der


Satz sich unten ablagert, seiht sie die oben liegende Flüssigkeit


vorsichtig ab. Es ist übrigens Nonsens, dass die Russen alkoholische


Getränke in ihren Kaffee kippen. Nur am Rande bemerkt:


Wodka trinkt man da pur zum Essen, nicht gepanscht


und schon gar nicht in Heißgetränken.


Das Innere eines Individuums offenbart sich in seiner Wohnungseinrichtung.


Da ist was dran. Ich betrachte das eher differenziert.


Den von Holzwürmern zerfressenen Kleiderschrank


der bayerischen Oma sollte man nur so ideell sehen, wie ihm


sein Inhalt gleichkommt. Dasselbe gilt für Hi]Fi]Schränke und


CD]Regale. Kaum entspricht der äußere Schein dem tatsächlichen


Blick hinein. Mit Menschen verhält es sich genauso. Ich


hingegen finde, der wahre Eindruck von einer Wohnung wird


durch etwas völlig anderes geprägt. Nämlich lange vorher.


Haustüren werden gnadenlos unterschätzt. Meine Haustür


beispielsweise ist rot. De facto war diese Tür der ausschlaggebende


Grund dafür, die Mansarde überhaupt zu kaufen. Sie ist


aus Holz und sehr alt. Es stört nicht, wenn die Farbe schon ein


wenig abblättert. Im Gegenteil. Gerade das macht diese Tür


mir so ähnlich.


Katharina Lehner steht auf dem Klingelschild.


Dieser Name auf dem messingfarbenen Rechteck sagt, dass


die rote Tür und ich unwiderruflich miteinander verbunden


sind.


Der Mensch ist von Natur aus faul. Logisch, dass mein zugegebenermaßen


hochtrabend klingender Vorname im Laufe


meiner Kindheit und Jugend bis hin ins Erwachsenenalter


sämtliche Verunglimpfungen über sich ergehen lassen musste.


Man glaubt gar nicht, wie viele Abkürzungen und Koseformen


es von „Katharina" gibt. Erstaunlicherweise schrumpften die


Buchstaben mit zunehmendem Lebensalter dahin. Wie bei den


zehn kleinen Negerlein. Katharinchen, Kathrinlein, Katjuscha,


Kätchen, Katinka, Karina, Kathi, Kitty, Katta, Kat. Sollte mich


irgendwann jemand K. nennen, werde ich mein Testament verfassen.


Mir blieb aktuell und hoffentlich letztendlich „Katta".


So als hätte man aus einer Crème brulée einen schlichten Vanilleflan


gemacht. Ich habe mich damit abgefunden.


Besagte Süßspeise gelangte reichlich unspektakulär zu ihrem


Titel. Tatsächlich ist ihr Französisch jedoch reine Protzerei. Ihr


Herkunftsland ist nicht Frankreich, sondern England. Nach einigen


Quellen stammt die Speise aus Cambridge, wo sie angeblich


im 17. Jahrhundert am Trinity College erfunden wurde


und unprätentiös „burnt cream" oder „trinity cream" hieß. Irgendein


Professor ließ seinen Nachtisch versehentlich anbrennen.


Das ist auch schon alles.


Ich persönlich assoziiere mit Crème brulée wenig Schmackhaftes.


Ich meine, für ein deutsches Ohr klingt das Ganze nach


einem gepeinigten Pudding, der mit einem Bunsenbrenner gefoltert


wird. So wie Haustüren unterschätzt werden, wird dieses


Dessert eindeutig überschätzt.


Äußerst amüsant stellte sich folgendes Erlebnis in einem meiner


Lieblingsrestaurants dar: Ich dinierte dort mit einem jungen


Mann, der in meinem Leben so bedeutend war, dass ich


seinen Namen vergessen habe. Ich erinnere mich lediglich daran,


dass er recht annehmbar aussah. Der erste Eindruck überdauerte


exakt fünf Minuten. Er redete unablässig. Von sich.


Ausschließlich. Von seinem Job, seinem Auto, seinem Meistertitel


im Karate sowie seinen Urlauben auf Sylt. Ich hätte mir eine


Papiertüte über den Kopf stülpen können, vermutlich wäre


ihm das nicht einmal aufgefallen. Mit gewichtiger Miene bestellte


er den teuersten Wein auf der Karte, ohne mich um meine


Meinung zu fragen. Zu meiner Fassungslosigkeit beraubte


er mich weiterhin des einzigen Vergnügens des Abends ] mir


mein Essen selbst auszusuchen. Nach einem geistigen Haken


hinter seiner Person begann ich jedoch, das Ganze lustig zu


finden. Zuerst sah ich gebannt auf seine beginnende Halbglatze.


Dann eine Weile scharf rechts an ihm vorbei. Da ich nicht


die geringste Reaktion erhielt, senkte ich betont langsam den


Blick und starrte auf seinen Schritt. Er palaverte ungerührt weiter.


Schließlich betrachtete ich das Paar am Nebentisch und


rührte demonstrativ gelangweilt in meinem Milchkaffee. Noch


immer erklärte er mir die Welt. Ich überlegte gerade, ob ich


laut schnarchend mit dem Kopf auf die Tischplatte knallen


sollte, als mich der Kellner erlöste. Dieser fragte freundlich


nach der Bestellung für das Dessert.


„Ich möchte einen Nachtisch mit zwei Löffeln bitte", sagte


mein Begleiter nebst einem süffisanten Lächeln in meine Richtung,


noch während ich Luft holte, um ein Tiramisu zu ordern,


„meine zauberhafte Gesellschaft achtet mit Sicherheit auf ihre


Figur."


Fassungslos sah ich den Kerl an. Spinnt der?! Der Kellner verzog


keine Miene.


„Wir hätten also gerne einmal die Krähm Brülle."


Jetzt brüllte ich. Vor Lachen. Und das ganze Restaurant


schreckte auf. Es liegt wohl auf der Hand, dass aus einem Date


gleich zwei wurden: das Erste und auch das Letzte.



Creme brulée


Man nehme:


250 ml. Sahne,


250 ml. Milch,


125 gr. Zucker,


eine halbe Vanilleschote,


6 Eigelbe.


Den Ofen auf 125 Grad vorheizen.


Die Milch mit der Sahne vermischen und zum Kochen bringen,


die Vanilleschote auskratzen und hinzugeben. Die Eigelbe mit


Zucker vermischen, dann unter Rühren in den Topf geben. Die


Vanille]Crème in eine feuerfeste Form füllen und im Wasserbad


etwa eine halbe Stunde im Ofen lassen - bis die Oberschicht


leicht fest geworden ist. Die Crème abkühlen lassen und mit


Zucker bestreuen.


Das Ganze noch mal kurz im Backofen bei Oberhitze


karamellisieren oder mit einem kleinen Bunsenbrenner


überkrusten.




Nochmals zur Erinnerung: Bei Crème brulée brüllt keiner.


Außer, der Koch hat nicht raus, wie der Bunsenbrenner


funktioniert ...


Bis jetzt war es noch harmlos. So richtig prekär wurde es erst,


als ich meinen Job verlor .....


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



Sponsoren

© 2008 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!
suchbuch.de wird unterstützt von loadplanet.de


ExecutionTime: 1 secs