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> Belletristik > Aus dem Nest gerissen
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Aus dem Nest gerissen, Marianne C. Kruse
Marianne C. Kruse

Aus dem Nest gerissen


... ein steiniger Weg zum Glück

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Die Ferien beginnen und im Internat ist es ruhig geworden. Die Plätze im Essenraum waren heute Mittag nicht mal bis zur Hälfte besetzt. Am Abend sind es voraussichtlich nur noch Kay, Paolo und zwei Internatsschüler aus dem anderen Block, die zum Essen erscheinen werden. Die meisten der Schüler wurden in den letzten Tagen schon von den Eltern nach Hause geholt. Auch vom Lehrpersonal ist kaum noch jemand anwesend. Kay und Paolo sitzen in ihrem Zimmer über Landkarten gebeugt. Es ist trotz des geöffneten Fensters warm und stickig im Raum. Lange wird es sicher nicht mehr dauern und es wird ein Gewitter geben. In den letzten Tagen war sogar hier oben in der Höhe von 1000 Metern eine richtige Hitzewelle, das ist selten der Fall. Eigentlich ist hier in den Bergen immer eine angenehme Temperatur, sogar im Hochsommer. Die beiden Schüler aus dem anderen Block kommen zu Kay und Paolo, um zu fragen, ob sie mit hinunter ins Tal in die Stadt kommen wollen. Sie haben ein Taxi bestellt, um sich in der Stadt noch für ein paar Stunden die Zeit zu vertreiben, ein Eis zu essen oder einen Kinobesuch zu unternehmen. Kay und Paolo sind aber heute dafür nicht in der richtigen Stimmung und nicht daran interessiert. Viel zu sehr sind sie mit ihren Reisevorbereitungen beschäftigt, denn morgen wollen auch sie das Internat verlassen. Kay war bis vor einem Jahr noch allein in seinem Zimmer, er weigerte sich, mit jemand zusammen einen Raum zu teilen. Auch während der Ferien hatte er nicht das Internat verlassen. Seine Mutter verweilt schon einige Jahre in Amerika. Sie ist eine bekannte Schauspielerin und kommt selten nach Europa. Kay lebte bis er ins Internat in die Schweiz kam in London in der Wohnung seiner Mutter bei einer Erzieherin. In London besuchte er eine Privatschule für Diplomatenkinder, und so wurde er zum Einzelgänger. Er fühlte sich nirgends zu Hause. Geboren wurde er in Italien mit einem Zwillingsbruder. Die Mutter war zu der Zeit mit einem italienischen Diplomaten verheiratet. Kurz nachdem die Kinder das Licht der Welt erblickt hatten, nahm die Mutter ein Engagement in den USA an und verließ Mann und Kinder. Die beiden Kinder wurden von der Nonna, der Oma, bis zum dritten Lebensjahr zusammen betreut. Das war eine wunderbare Zeit für die Kinder. Sie liebten ihre Nonna und den Nonno, ihren Opa. Nach drei Jahren war für Kay die schöne Zeit allerdings vorbei. Die Mutter ließ sich scheiden, und nahm ihren Kay mit nach London. Jeder der Eltern hatte nun ein Kind behalten und die Mutter hatte sich für Kay entschieden, weil er ihre blonden Haare und eine helle Haut wie sie hatte. Der andere Sohn erinnerte sie zu sehr an ihren Mann, er war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten und hatte auch seine schwarzen Haare. Auf ihn wollte sie gern verzichten. Um den Kummer der Kinder kümmerte sie sich nicht. Kay liebte seinen Bruder abgöttisch und konnte es Jahre nicht verschmerzen, ihn verloren zu haben. Der kleine Paolo blieb also allein in Italien bei seinem Vater und der Nonna und weinte sich oft vor Sehnsucht nach seinem Brüderchen in den Schlaf. Als er vier Jahre wurde, zog Paolos Vater mit einer deutschen Frau zusammen und nahm sein Söhnchen mit. Paolo kam aber nie mit der neuen Frau zurecht, er sprach italienisch, die Frau nur deutsch. Sie fanden einfach keinen Kontakt zueinander. Als dann der Vater als Diplomat nach Frankreich versetzt wurde, brachte man den kleinen Paolo in einer Privatschule unter. So kam er bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr jährlich von einer Privatschule in eine andere. Je nachdem, wo sein Vater sich gerade aufhielt. Er vermisste seine Großeltern sehr, hatte aber trotz vielem Bitten und Betteln nie wieder Kontakt zu ihnen bekommen können. Nun treffen sich die beiden Buben ausgerechnet in diesem Schweizer Internat wieder. Kay ist schon ein ganzes Jahr hier. Zu Beginn des neuen Schuljahres kommen neue Schützlinge dazu. Kay bewohnte bis jetzt ein Zimmer allein. Nun kann er aber keinen Zimmergenossen mehr abwehren, denn zurzeit sind alle anderen Zimmer belegt. Die neuen Eleven laufen lustig und geschwind hinter den Lehrkräften her, um sich auf ihre Zimmer bringen zu lassen. Nur Paolo bleibt wie verlassen und unschlüssig stehen und schaut traurig den Flur entlang. Kay fasst sich ein Herz, spricht Paolo an und fragt, ob er sich mit ihm ein Zimmer teilen möchte. Der schüchterne Paolo weiß nicht, wie ihm geschieht, es ist tatsächlich jemand da, der mit ihm zusammen wohnen möchte. Etwas irritiert, aber dankbar nimmt er die Einladung an. So führt ihn Kay zu seinem Zimmer und weist ihm Schrank und Bett zu. Kay stellt sich nun bei Paolo mit Namen vor, dann auch Paolo bei Kay. Beide stutzten, als sie die Vornamen voneinander hören. Allerdings sind die Nachnamen doch sehr verschieden, denn Kay trägt den Nachnamen seiner Mutter und Paolo den des Vaters. Paolo und Kay verstehen sich vom ersten Augenblick an prächtig. Zum ersten Mal bekommt Kay einen Freund in seinem Leben und Paolo geht es nicht anders. Schon nach einer Woche sind die beiden unzertrennlich, und sie haben keine Geheimnisse voreinander. Beide hatten bis jetzt so ziemlich das gleiche Los zu teilen. Nachdem Paolo aber immer mehr italienische Worte gebraucht und immer wieder von seiner Nonna spricht, wird nun Kay doch neugierig und erzählt bereitwillig von seiner Nonna, bei der er bis zu seinem dritten Lebensjahr mit seinem Bruder Paolo in Verona lebte. Das kann doch nicht sein, ist denn das die Möglichkeit? Beide hatten zur selben Zeit bei ihrer Nonna in Verona gelebt. Nun brauchen sie sich nicht mehr über die bekannten Vornamen zu wundern. Sie haben sich hier im Internat wieder gefunden. Sie sind die Zwillingsbrüder, die man auf so grausame Weise auseinander gerissen hat, und die sich all die Jahre gegenseitig so sehr vermissten. Dies alles bleibt jetzt aber ihr Geheimnis. Niemand im ganzen Internat soll und darf jemals davon erfahren. Nun haben die Zwillinge für den nächsten Sommerurlaub einen Plan, sie wollen in den Ferien nach ihrer geliebte Nonna suchen und sie besuchen. Das ganze kommende Jahr wird schon darauf hingearbeitet. Nun vor den Ferien müssen sie nur noch eine glaubhafte Geschichte für ihren Direktor erfinden, wie und wo sie ihren Urlaub verbringen werden. Kay erzählt dem Direktor, er wird von seiner Mutter in London in diesem Jahr in den Ferien erwartet. Sie hätte ihn alle Zugverbindungen und die Fahrkarte schon zugeschickt. Paolo meldet sich beim Rektor für die Ferien mit der Aussage ab, er werde am Flughafen erwartet und fliege von dort aus nach Spanien zu seinem Vater. Paolos Vater hatte allerdings keine Ahnung von der Verschwörung seines Sohnes und deshalb sogar seiner Bitte gerne zugestimmt, ihn für die Sommerferien in der Schweiz im Internat zu lassen. Dann bittet Paolo seinen Vater noch, ihm doch ein Ferientaschengeld zukommen zu lassen, da die Schweiz teuer ist, und er wolle sie in den nächsten Wochen bereisen, um seine neue Heimat gut kennen zu lernen. Das findet der Vater sehr vernünftig und ist mit allem einverstanden. Kays Mutter dreht gerade wieder einen neuen Film und ist froh, als sie von Kay hört, er wolle wieder seine Ferien im Internat verbringen. Jetzt haben die Brüder soweit alles geregelt, niemand würde sie vermissen oder nach ihnen suchen. Am nächsten Morgen erscheinen sie schon beizeiten gestiefelt und gespornt zum Essen. Die Köchin hat für jeden ein dickes Lunchpaket gerichtet und stellt noch ein gutes reichhaltiges Frühstück auf ihren Platz. Kay und Paolo lassen sich alles gut schmecken, verabschieden sich in der Küche und verlassen so gestärkt und guter Dinge das Internat. Vorsichtshalber haben sie sich ein Taxi bestellt, es soll ja so aussehen, als wenn sie zum Bahnhof wollen. Sie lassen sich allerdings nur bis zur Autobahn bringen, von dort aus wollen sie nach Italien trampen. Gestern haben sie sich noch ein Pappschild mit der Aufschrift Verona gemalt. Immer wenn ein Auto vorbei fährt, halten sie das Schild in die Höhe. Einige Zeit und Kilometer sind sie nun schon neben der Autobahn marschiert. Bisher hat noch kein Wagen gehalten. Allmählich nimmt ihre gute Stimmung und der Tatendrang ab. Paolo meint: „Wir sehen doch nicht wie Vagabunden aus, dass die Leute vor uns Angst haben müssen“. Kay sagt tröstend: „Warte nur bis die Urlauber kommen. Bis jetzt so am Morgen sind es fast alles Geschäftsleute, die zur Arbeit fahren. Die haben keine Zeit“. Endlich hält doch noch ein Wagen an, ein großer Laster. Der LKW-Fahrer will sie wenigstens ein Stück mitnehmen. Bis Verona fährt er nicht, aber 100 Kilometer weiter ist doch auch schon was. „Aber klar“, meinen die Buben wie aus einem Munde. Endlich kommen sie voran. Der Lastwagenfahrer ist noch ein junger Mann und erzählt, er sei als junger Bursche schon durch halb Deutschland getrampt. So konnte er mit wenig Geld viel erleben und sehen. Es hatte ihm immer Spaß gemacht, etwas Neues zu entdecken. Deshalb entschloss er sich auch, Fernfahrer zu werden, da sieht und erfährt man viel von der Welt. Mit vielen guten Wünschen lässt sie der Fernfahrer an der Grenze wieder aussteigen. Nun müssen sie über den Pass. Die Brüder legen erst einmal eine Pause ein. Sie suchen sich ein schönes ruhiges Plätzchen und wickeln ihr Lunchpaket von der Köchin aus. „Wow, die hat es aber gut mit uns gemeint. Lauter gute leckere Sachen, da haben wir aber noch ein paar Mal zu Essen davon. Das ist toll“.


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