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> Belletristik > Angst zeigt Gesicht
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Angst zeigt Gesicht, Dorthe Ahlers
Dorthe Ahlers

Angst zeigt Gesicht


Ein Leben unter asozialer Gewalt

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Wir feierten Heiligabend immer mit der ganzen Familie und unsere Großeltern waren auch dabei. Wir hatten eine sehr große Wohnung und somit auch Platz für einen riesig großen Tannenbaum. Unser Großvater spielte Mundharmonika und zusammen sangen wir Weihnachtslieder und tanzten um den Baum herum. Diese Erinnerungen sind uns bis heute als äußerst positiv geblieben. In der Vorweihnachtszeit durften wir auch als Lucia-Kinder mitgehen. Wir waren in weiße lange Gewänder gekleidet und hatten einen Kranz mit Kerzen auf dem Kopf, den wir mit aller Freude und Stolz trugen. Monate vorher übten wir mit anderen Kindern, wie man richtig als Lucia geht. Es hat immer sehr viel Spaß gemacht, auch die anderen Kinder waren mit Begeisterung dabei. Es gab immer viel zu lachen.


 


Dann näherte sich das nächste Fest, es ging auf Silvester zu. Auch Silvester wurde bei uns kein Alkohol getrunken und wir feierten fröhlich und ausgelassen ohne Angst. Wir wünschten uns, es würde immer so sein.


Es waren einige Wochen ins Land gegangen, und ich wurde nachts wach. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was los war, nur dass es bei meinen Eltern wieder losging. Ich hörte nur, wie Mama weinte und sagte: „Sei doch leise, die Kleine wird wach." Danach hörte ich noch das Wort „Ficken" - sorry für den Ausdruck, aber dieses Wort fiel und ich verstand nicht, was es bedeutete. Ich hielt mir die Ohren zu und weinte leise in mein Kissen, als es furchtbar laut wurde.


Mein Vater schrie und brüllte und es klatschte nur so. „Du Hure, du Sau, ich werde dir helfen, mit anderen Männern zu ficken und mich nicht ran lassen." Meine Mutter sprang aus dem Bett und flüchtete weinend auf den Flur. Die Jungs waren auch wachgeworden und holten mich aus dem Bett in ihr Zimmer.


 


Erst Jahre später erfuhr ich, was in dieser Nacht geschah. Mein Vater wollte mit aller Gewalt mit meiner Mutter schlafen, doch sie wollte nicht, aus Angst, wieder schwanger zu werden, denn sie musste ja mit arbeiten und hätte kein weiteres Kind bekommen wollen, da die anderen Geburten auch nicht gerade leicht gewesen waren. Es war Winter und schweinekalt, da öffnete mein Vater das Schlafzimmerfenster und zwang unsere Mutter, nachdem er sie vom Flur an den Haaren dorthin gezogen hatte, sich nackt auf die Fensterbank zu setzen. Dann holte er Milch aus dem Kühlschrank und übergoss sie mit den Worten: „Wenn du keine Kinder mehr willst, dann brauche ich die Milch ja auch nicht aufzuheben." Meine Mutter saß zitternd vor Kälte und vor Angst da und rührte sich nicht. Sie weinte nur leise vor sich hin.


Ich bin meinen Brüdern sehr dankbar, dass ich das nicht mit ansehen musste. Nach einiger Zeit hatten meine Brüder unseren Vater endlich zur Vernunft gebracht und er ließ unsere Mutter wieder rein. Dieses sadistische Verhalten traute meinem Vater niemand zu. Ich war immer schwer verliebt und stolz auf meinen Vater gewesen, bis ich alt genug war, zu verstehen.


Meine Brüder bezogen oft Prügel, die nicht zu verstehen waren und der Hass auf unsere Eltern wuchs mit den Jahren. Wir haben so all die Jahre gelernt, dass Sex und Liebe etwas ganz Schreckliches sind und können heute zum Teil auch noch nicht damit umgehen. Sven ging damals noch zur Schule, wie auch Christopher, und beide hatten dadurch am Tag wenigstens andere Gedanken im Kopf - Gedanken, die einem Kind zustanden, nämlich kindliche und freundliche Gedanken.


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