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> Belletristik > Angst um Melanie
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Angst um Melanie, Raimund Eich
Raimund Eich

Angst um Melanie



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Vorwort


 


„Warum hast du denn eigentlich dieses Buch geschrieben und ... warum erst nach so langer Zeit?" Derartigen Fragen muss ich mich zuweilen stellen.


Eine klare und eindeutige Antwort darauf zu geben fällt mir nicht leicht. Spontan fallen mir eher Gründe ein, warum ich es nicht geschrieben habe. Schriftstellerische Ambitionen haben mich jedenfalls nicht dazu getrieben.


Ein entscheidender Grund für die Entstehung dieses Buches mag gewesen sein, dass die hier geschilderten Ereignisse mein ganzes Leben nachhaltig beeinflusst und verändert haben. Ich habe gelernt, was Angst bedeutet und wie sie einen quälen kann. Ich habe gelernt, Wechselbäder von Gefühlen zu ertragen, angefangen von Freude, Zuversicht und Hoffnung bis hin zu Zweifeln, Kummer und seelischem Schmerz. Ich habe gelernt, dass Behörden und Institutionen, die doch von Menschen repräsentiert werden, zuweilen unmenschlich agieren. Ich habe gelernt, nicht aufgeben zu dürfen, wenn man für das Wohl anderer verantwortlich ist oder sich zumindest dafür verantwortlich fühlt.


Ich habe mich bemüht, meine Empfindungen möglichst anschaulich und objektiv darzustellen. Erst jetzt, nach langen Jahren und mit entsprechendem Abstand zu den damaligen Ereignissen, habe ich mich dazu in der Lage gesehen. Beim Schreiben dieses Buches habe ich festgestellt, dass Gefühle und Empfindungen in mir wesentlich intensiver abgespeichert waren als einzelne Fakten. Aber diesbezüglich waren mir die umfangreichen Aufzeichnungen meiner Frau in Tagebuchform eine sehr wertvolle Hilfe. Ich hoffe, dass es mir mit diesem Buch gelungen ist, mir über Jahre aufgestaute Emotionen endgültig von der Seele zu schreiben.


Entscheidend für die Entstehung des Buches war sicherlich auch, dass ich dem Menschen, um den es hier geht, der die hier geschilderten Ereignisse als kleines Kind erlebt und allenfalls in dunklen Fragmenten in Erinnerung hat, die Möglichkeit geben wollte, mit meinen Augen auf die wohl entscheidendsten Phasen seines bisherigen Lebens zurückzublicken. Und dieses Buch hat - nach einem ersten Anlauf vor vielen Jahren - letztlich doch noch Vollendung gefunden, weil mich die Hauptperson in dieser Geschichte immer wieder mit Nachdruck darum gebeten hat.


 


 


Es war etwa Viertel nach neun, als mich Rosi im Büro anrief.


„Du, Frau Holzmann vom Jugendamt hat sich eben bei mir gemeldet“, sagte sie. „Sie haben ein Kind für uns.“


„Was, jetzt schon? So schnell, Rosi?“ Ich war ganz erstaunt. „So rasch hätte ich eigentlich noch nicht damit gerechnet. Wir haben doch erst vor ein paar Wochen den Antrag beim Jugendamt abgegeben.“


„Na ja, knapp zwei Monate ist das schon her, Raimund. Ich war aber genau so überrascht wie du“, pflichtete sie mir bei. „Du weißt ja, ich hatte ohnehin nicht damit gerechnet, dass sich das Jugendamt in diesem Jahr schon bei uns melden wird.“


„Was ist es denn?“ fragte ich. „Ich meine, ein Junge oder ein Mädchen?“


„Das weiß ich noch nicht. Sie hat nur gesagt, dass das Kind etwa ein halbes Jahr alt sei und gefragt, ob wir es aufnehmen wollen.“


„Ja, ... ab wann denn?“ fragte ich zurück.


„... gleich.“ Rosis Stimme klang auf einmal merkwürdig leise.


„Was heißt das, gleich?“


„Na, sofort eben. Ich meine, heute noch. Um es ganz genau zu sagen, noch heute Vormittag.“


Rosi ahnte wohl schon, wie ich darauf reagieren würde.


„Na, die haben vielleicht Nerven. Man kann sich doch nicht von einer Minute auf die andere entscheiden, ob man so ein Kind bei sich aufnimmt. Die müssen uns doch wenigstens über die näheren Umstände informieren und uns schon etwas Zeit zum Nachdenken lassen, wenigstens ein paar Tage, meine ich", sprudelte es nur so aus mir heraus.


„Es geht aber nur unter der Bedingung, dass wir uns sofort entscheiden, hat mir Frau Holzmann erklärt. Sie haben das Kind aus einer Wohnung herausholen müssen. Falls wir es nicht aufnehmen, müssen noch heute andere Pflegeeltern gefunden werden“, sagte sie. „Ich habe mit Frau Holzmann um zehn Uhr einen Termin im Jugendamt vereinbart. Kannst du dazukommen?“


„So ein Mist, das geht leider nicht. Ausgerechnet um diese Zeit habe ich einen Außentermin und heute Nachmittag noch einen.“


„Ja, aber was soll ich Frau Holzmann denn sagen? Sie erwartet doch eine Entscheidung von uns“, sagte Rosi. Man merkte ihr an, wie enttäuscht sie war, dass ich nicht mitkommen konnte. „Kannst du es nicht doch einrichten, es ist doch so wichtig für uns, Raimund?“


Ich überlegte ein paar Sekunden.


„Es geht wirklich nicht", sagte ich dann. „Ich kann es leider nicht mehr ändern. Aber hör mir jetzt bitte mal zu. Wir beide haben uns doch oft genug über dieses Thema unterhalten. Du wirst die Sache wohl alleine in die Hand nehmen müssen. Lass dich zuerst vom Jugendamt genau über die näheren Umstände informieren. Lass dir das Kind zeigen und, ... falls du es für richtig halten solltest ...", wieder begann ich zu stocken, „... dann sag dem Jugendamt meinetwegen zu und nimm das Kind mit nach Hause", beendete ich mein Gestammel. Ich spürte, wie mir auf einmal die Hände zitterten. Es kam mir so hässlich vor, in diesem Stil über die Annahme eines Kindes wie über den Erwerb einer Ware zu reden. Aber passendere Worte fielen mir einfach nicht ein. Der Druck, der plötzlich auf mir lastete, war zu groß.


„Wenn du meinst ...", hörte ich Rosi schließlich sagen, „... dann machen wir es so."


Ich spürte die Erleichterung in ihrer Stimme. Offenbar hatte sie der Gedanke, ich könnte vielleicht nein sagen, beunruhigt.


Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie sich in ihrem Inneren schon für dieses unbekannte Kind entschieden hatte. Das machte mir einerseits zwar Angst, andererseits erging es mir aber genau so. Zu groß war diese Chance, die sich uns so schnell und unerwartet bot. Ein Kind unter einem Jahr war eigentlich der Idealfall, mit dem wir kaum zu hoffen gewagt hätten. Nein! Eine derartige Gelegenheit durften wir uns eigentlich nicht entgehen lassen. Es gelang mir nur mühsam, meine Gedanken zu ordnen.


„Du, ich muss jetzt leider gleich weg. Wenn ich wieder zurückkomme, rufe ich dich sofort zu Hause an“, sagte ich. „Du brauchst keine Angst zu haben. Wie du dich auch immer entscheiden wirst, das geht von meiner Seite aus in Ordnung. Verlass dich einfach auf deine Gefühle, mein Schatz, ich vertraue dir.“


„Na ja, Raimund. Mir ist aber dabei schon ganz schön flau im Magen. Das ist eine sehr große Verantwortung, die du mir da überlässt. Aber jammern hilft uns jetzt auch nicht weiter. Ich gehe dann gleich los ins Jugendamt." Dann legte sie den Hörer auf.


 


Als ich nachmittags ins Büro zurückkam, rief ich sofort zu Hause an. Mama war am Apparat.


„Ist Rosi da?" fragte ich sie.


„Nein! Sie ist in die Stadt gegangen, um ein paar Sachen für das Kind zu kaufen. Ihr habt ja gar nichts für so ein kleines Kind zu Hause. Ein Mädchen ist es“, sagte sie und nahm mir die Frage aus dem Mund. Sie lachte kurz und schob ein: „Ihr seid vielleicht verrückt!“ hinterher.


Wie recht sie doch hat, dachte ich mir im gleichen Moment. Die Situation kam mir irgendwie unwirklich vor. Ich war auch nicht in der Lage, mich jetzt mit ihr weiter zu unterhalten.


„Sag Rosi bitte, dass ich versuche, so bald wie möglich nach Hause zu kommen“, sagte ich noch und hängte ein.


Als ich nachmittags endlich nach Hause fahren konnte, fiel es mir nicht leicht, mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Ich fuhr daher viel langsamer als sonst. Ich brauchte einfach etwas Zeit, um mich auf die neue Situation einzustellen. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf. Der Mut schien mich auch verlassen zu haben.


Warum zum Teufel tust du dir das eigentlich an, fragte ich mich selbst. Du hast doch alles, um mit deinem Leben glücklich und zufrieden zu sein. Eine attraktive Frau, die dich liebt, zwei liebe Kinder, sogar ein Pärchen, einen sicheren und interessanten Job, keine finanziellen Sorgen, Haus und Grund ... Warum gibst du dich damit nicht einfach zufrieden? Andere würden dich darum beneiden.


Und wieder tauchte die Kernfrage in meinem Kopf auf, die wir uns wohl schon hundert Mal gestellt hatten, bevor wir den Adoptionsantrag beim Jugendamt stellten.


Warum eigentlich ein fremdes Kind annehmen?


Es gibt hierfür mehr als nur einen Grund. Wir beide lieben nun mal kleine Kinder, vielleicht deshalb, weil man ihnen seine Zuneigung und Liebe offen zeigen kann und sie diese auch uneingeschränkt erwidern. Beim Umgang mit Erwachsenen macht man oft andere Erfahrungen. Viele Menschen strahlen unserer Meinung nach im Umgang miteinander zu viel Kälte und zu wenig Wärme aus. Darum bemühen wir uns, unseren Kindern wenigstens innerhalb unserer Familie so etwas wie eine „heile Welt“ zu bieten. Wir wissen natürlich, dass wir damit an der Realität letztlich nicht viel ändern können. Aber wenigstens noch ein Kind hätten wir schon gerne in „unser Nest“ aufgenommen und ihm neben unserer Liebe auch Chancen im Leben gegeben, die es sonst vielleicht nie bekommen würde.


Gerade Rosi ist hierfür ein gutes Beispiel. Als kleines Kind wurde sie ihrer allein stehenden Mutter weggenommen, von ihren Geschwistern getrennt und musste über zwei Jahre im Waisenhaus verbringen. Zum Glück wurde sie dann von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen und adoptiert.


Ja, und dann war da auch noch die Sache mit Roland. Wegen einer Glutenunverträglichkeit kann er normales Brot oder Back- und Teigwaren nicht essen. Als kleines Kind hatten wir deshalb sehr große Sorgen und Ängste um ihn, bis seine Krankheit im Alter von ca. eineinhalb Jahren endlich von den Ärzten diagnostiziert wurde. Bis dahin wuchs er kaum, hatte ganz dünne Arme und Beine und einen dicken Bauch. Er war kreidebleich und knickte beim Laufen oft ein, weil er einfach keine Kraft in den Gelenken hatte. Man hätte ihn von den Symptomen und dem Aussehen her durchaus mit unterernährten Kindern aus der Dritten Welt vergleichen können. Zum Glück hat er sich dann dank einer Spezialdiät, die er strikt einhalten muss, völlig normal entwickelt. Wir hatten bis dahin allerdings so viel mitgemacht, dass wir einfach nicht mehr den Mut zu einem dritten eigenen Kind hatten, obwohl wir uns beide eigentlich noch eines gewünscht hätten.


So war dann allmählich in uns der Entschluss gereift, statt dessen ein Kind anzunehmen, das mit unseren beiden eigenen Kindern zusammen aufwachsen sollte. Rebecca mit ihren sieben und Roland mit seinen fünf Jahren sollten also ihr heiß ersehntes Brüderchen oder Schwesterchen bekommen. Nun war es viel schneller als erwartet da.


 


 



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