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> Belletristik > Am Abgrund ist die Aussicht schöner
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe Am Abgrund ist die Aussicht schöner, Heike Wulf
Heike Wulf

Am Abgrund ist die Aussicht schöner


Erzählungen

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 Dajana


 


Scheiße, ist das tief! Wie bin ich nur auf die bescheuerte Idee gekommen, hier runter zu springen, um dann zermatscht auf dem Bahnhofsvorplatz zu landen zwischen der ganzen Taubenscheiße.


                                                                 * * *


Dajana nimmt noch einen Schluck des billigen Rotweins. Die Aussicht hier am Abgrund ist schön. Überall die erleuchteten Fenster und all die Sterne, die zum Greifen nah scheinen. Letztens - an einem Sonntag - hatte sie das Planetarium besucht. Das Thema des Vortrags war: „Großer Bär und gefiederte Schlange“. Es war echt cool mit diesen ganzen Sternenbildern. Welche erkennt sie heute noch wieder? Sie legt sich hin, stopft ihre Tasche unter den Kopf und schaut in den Himmel. Sie findet den kleinen Wagen und den großen. Das weiß sie noch, der ist im Bären.


Sie macht ihren MP3 Player an und genießt die Musik und die Wärme. Es ist Sommer, es ist mild. Nur hier oben geht ein kühler Wind. Eine Brise, die sie spüren lässt, dass sie lebt, und dass ein Teil von ihr weiter leben will. Trotz allem. Der andere Teil aber verlangt: „Spring! Nun spring endlich, dein Leben hat keinen Wert. Niemand will dich. Du bist ein Nichts. Eine Hure, die ihren Körper verkauft und Schwänze lutscht.“


Sie denkt an ihre Flucht zurück in die vermeintliche Heimat Rumänien. Der verächtliche Blick des Vaters, als sie ins Zimmer tritt. Seine Antwort auf ihr Flehen, bleiben zu dürfen, weil sie krank sei.


„Hau ab! Geh mir aus den Augen. Du bist eine Schande.“


Widerstand gegen den Vater hatte es früher nie gegeben. Aber diese Welt gab es nicht mehr und sie schrie ihn an: „Du warst es doch, der mich nach Deutschland geschickt hat. Du hast mich an deinen Bruder verschachert. Für euch hab ich das verdammte Geld verdient.“


Statt einer Antwort bekam Dajana die Faust zu spüren: Zuerst ins Gesicht, dann in den Magen. Danach hatte er das Zimmer verlassen. Ihre Mutter stand mit auf den Boden gerichtetem Blick in der Ecke.


„Mama“, hatte sie gesagt. Aber ihre Mutter schaute weiter auf den Boden. Ganz so, als existiere sie nicht.


Und da wusste sie: Hier bekam sie keine Hilfe.


 


Niemand würde sie in den Arm nehmen und trösten. Ihr Vater war mit ihrem Bruder zurückgekommen, ihrem kleinen Bruder Doran, um den sie sich immer gekümmert und den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.


Sie wollte ihn umarmen, aber ihr Vater stieß sie weg.


„Bring sie dahin, wo sie hingehört!“


Doran zögerte nicht einen Moment und zerrte sie zum Wagen. Schubste sie hinein, setzte sich selbst und startete den Motor. „Bitte, Doran. Bitte, hilf mir! Ich will nicht zurück. Ich kann das nicht mehr.“


Aber er hatte sie angesehen, als wäre sie ein verwestes Stück Fleisch und kein Wort war über seine Lippen gekommen.


Da schwieg auch sie.


Er hatte seine Anlage laut gedreht und die ganze Zeit Madonna- CDs gehört. Sie hasste Madonna. Sie hasste ihren Bruder, ihren Vater, ihre Mutter.


Sie wusste nicht, wer von ihnen drei ihr am meisten wehgetan hatte. Auf halber Strecke nach Deutschland übernahm ihr Onkel sie. Genau wie damals.


 


Wenn sie daran zurück dachte... Wie glücklich sie zuerst gewesen war, wie sehr sie sich darauf gefreut hatte nach Deutschland zu kommen. Sie war 14 Jahre. alt, wollte sich chic anziehen und in die Disko gehen, vielleicht einen netten deutschen Mann kennen lernen, heiraten, die Familie nachholen. Ach, was hatte sie sich damals alles ausgemalt.


Angekommen in Deutschland sperrte ihr Onkel sie in ein Zimmer und ließ die Männer rein. Einen nach dem anderen. Einen nach dem anderen. Als sie nicht aufhörte zu schreien, flöste er ihr Drogen ein, die sie benommen machten und wehrlos. Sie bekam etwas Essen ins Zimmer gestellt, wusch sich an dem kleinen Waschbecken, und wenn sie zur Toilette musste, ging ihr Onkel mit.


Immer, wenn ihm danach war, vergewaltigte auch er sie. In die Disko kam sie nie.


 


So vergingen Monate und Jahre. Irgendwann hatte sie sich mit allem abgefunden. Später schickte der Onkel sie auf den Straßenstrich. Einmal war sie abgehauen, untergetaucht bei einer befreundeten Nutte. Aber ihr Onkel fand sie schnell, schlug sie zusammen und drohte ihr, sie umzubringen, wenn sie das noch mal versuchen würde. Damals hatte sie noch Angst.


 


Heute nicht mehr. Sie steht auf und geht wieder zur Dachkante des Hochhauses. Sieht hinunter. Aber nein. Nicht so! Nicht so …


 


Sie öffnet die schwere Metalltür, nimmt noch einen Schluck aus der Weinflasche und geht wieder hinunter. Dann wird sie von der Großstadt verschluckt. Viele Menschen sind noch am Bahnhof. Rennen in alle möglichen Richtungen. Haben Ziele.


 


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