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Vorwort
Ich bin ein Vampir.
Ich bin unsterblich.
Ich lebe unter euch Menschen, ohne dass ihr etwas
bemerkt.
Ich befolgte Gesetze und gewisse Regeln,
doch für eine Sterbliche habe ich sie gebrochen...
das ist nichts Neues meint ihr?
Wenn es nur so einfach gewesen wäre...
Prolog - Der kleine Engel
Ich ließ meinen Blick über die Lichter der Stadt
gleiten. London war ein Paradies für unseresgleichen,
dunkle, verwinkelte Gassen, die an belebte
Einkaufsstraßen und elegante Wohnviertel anknüpften.
Das pulsierende Leben war direkt unter
uns, zum Greifen nah, aber wir blieben im Verborgenen.
Peter stand abwartend neben mir, die Hände bereits
zu Fäusten geballt. Sein kastanienbraunes
Haar fiel ihm in die Stirn, doch ich konnte trotzdem
die Ungeduld in seinen Augen erkennen. Sein
Mund war geöffnet und die Spitzen seiner Eckzähne
blitzten mich kampfbereit an. Er war in Position
und lauerte begierig auf mein Signal zum
Angriff. Es war soweit.
Ich nickte ihm zu und lehnte mich dabei zurück.
Mit genug Schwung stieß ich mich kraftvoll ab
und Peter tat es mir gleich. Wir sprangen durch die
Luft, wie zwei Raubkatzen auf Beutefang und im
nächsten Moment landeten wir auch schon auf
dem Dach eines abrissreifen Bürogebäudes. Lautlos.
Selbst die Geschöpfe dort unten in der Gasse
konnten uns nicht hören, denn der schier übermächtige
Durst vernebelte ihre - sonst so präzisen
- Sinne.
Es war unsere Aufgabe sie aufzuhalten. Schon
viel zu oft hatten wir die Spuren der Verwüstung
rückgängig machen müssen, aber manchmal kamen
wir zu spät.
Es hatte Opfer gegeben. Unschuldige, die entweder
als Nahrung dienten oder verwandelt wurden,
ohne dass sie eine Wahl gehabt hätten. Heute
Nacht würde es zumindest für vier von ihnen zu
Ende gehen.
Es waren ausschließlich männliche Artgenossen.
Sie hatten eine Gruppe Schüler im Visier, drei Teenager,
ein Mädchen und zwei Jungen, gerade mal
elf oder zwölf Jahre alt. Ihr Blutgeruch stieg mir in
die Nase und für den Bruchteil einer Sekunde begriff
ich, warum die Vampire es auf sie abgesehen
hatten. Sie waren so rein und unschuldig. In meinem
Kiefer begann es zu pochen und ich ließ meinem
Instinkt freien Lauf. Messerscharfe Fänge
schoben sich aus meinem Zahnfleisch und vereinigten
sich in wenigen Augenblicken mit den
stumpfen Zähnen. Die menschlich aussehenden
Eckzähne wichen blitzschnell meiner tödlichsten
Waffe.
Ich atmete hastig die kalte Luft ein und sog sie
gierig in meine Lungen, auch wenn ich sie nicht
zum Leben benötigte, so half sie mir dennoch daran
zu denken, warum wir hier waren. Ich war
nicht so, wie diese Monster dort unten in der Gasse,
aber das durfte ich auch nicht vergessen.
Die Vampire trieben die ängstlichen Kinder eilig
zusammen. Sie saßen in der Falle, wie Lämmer auf
der Schlachtbank.
„Es wird nur ein bisschen weh tun, meine Kleine",
lachte einer.
Er hatte das dünne Mädchen im Arm und seine
scharfen Eckzähne blitzten im Licht einer altersschwachen
Straßenlaterne. Sie war starr vor
Angst, kein Laut kam über ihre blassen Lippen.
„Na, los Declan. Worauf wartest du?"
Einer von ihnen schien ungeduldig zu werden.
Der andere Vampir fuhr wütend zu ihm herum.
„Halt deine verdammte Klappe!"
„Ist ja gut."
Mit erhobenen Händen wich er vor seinem größeren
Artgenossen zurück.
„Ich werde es genießen, kapiert?"
Der Vampir, der anscheinend das Sagen hatte,
drehte sich wieder um. In seinen Mundwinkeln
zuckte ein dämonisches Grinsen, als er sich wieder
seiner potenziellen Beute widmete.
Ich gab meinem Verbündeten ein Zeichen und im
gleichen Augenblick sprangen wir in die Tiefe. Der
Verräter kam nicht dazu, sein auserwähltes Opfer
zu beißen, denn ich war blitzschnell bei ihm. Ohne
zu zögern, riss ich seinen linken Arm herum, mit
dem er das Mädchen festhielt. Die Kleine fiel zu
Boden, doch noch immer gab sie keinen Laut von
sich. Der Vampir dagegen schrie vor Schmerz; ich
hatte sein Handgelenk gebrochen. Unnachgiebig
zwang ich ihn in die Knie, meine Kraft ging weit
über seine hinaus, er hatte keine Chance meinem
Griff zu entkommen. Ich hatte allerdings auch
nichts anderes erwartet. Er war noch nicht lange
einer von uns und er würde auch niemals so werden
wie Peter oder ich, für ihn würde es jetzt enden.
Bevor ich diesem Abtrünnigen seine gerechte
Strafe zufügen würde, wandte ich mich zu dem
Mädchen. Sie lag zitternd neben mir auf dem Asphalt
und ihre großen blauen Augen starrten mich
voller Panik an. In dieser Sekunde überkam mich
ein völlig unerwartetes Gefühl. - Nein, es war
mehr ein Verlangen! Ich wollte ihr diese Furcht
nehmen und mehr noch, ich wollte nicht, dass sie
das alles mit ansehen musste. Eigentlich durfte es
überhaupt keine Rolle spielen, es hatte bisher keine
Rolle gespielt, aber das tat es jetzt plötzlich. Warum
auch immer.
Ich beugte mich zu ihr hinunter, ohne dabei meinen
Griff vom Verräter zu lösen, dadurch musste
er auf seinen Knien bleiben, und genau deshalb
versuchte er sich nicht mehr zu bewegen. Jede
noch so kleine Veränderung seiner Haltung, würde
ihm mehr Schmerzen zufügen.
„Sieh nicht hin. Du brauchst keine Angst mehr zu
haben. Schließ deine Augen, dann ist gleich alles
vorbei."
Ich ließ meine Worte beruhigend klingen und sie
hatten die erhoffte Wirkung. Ihre zarten Lider
senkten sich. Sie winkelte ihre Beine an und zog sie
bis unters Kinn. Ihre dünnen Arme legten sich
schützend um die schmalen Knie.
Das Mädchen hielt ihre Augen fest geschlossen,
während ich dem zappelnden Vampir das bisschen
Leben nahm, das noch durch seine kalten
Adern floss.
Peter hatte sich parallel auf die Gruppe der drei
anderen Verräter gestürzt. Sie hatten die beiden
Jungen zuvor eingekreist und sich halbherzig um
ihre Beute gestritten. Bevor die Schreie der Verräter
auch nur durch die Luft hallen konnten, war es
bereits um sie geschehen. Ich kannte keinen Vampir,
der so geschickt und präzise mit einer Klinge
umgehen konnte wie Peter. Seine bevorzugte Waffe
war ein japanisches Kurzschwert, ein Kodachi.
Leicht zu transportieren und dennoch äußerst effektiv,
wenn es richtig geführt wurde. Die scharfe
Schneide hatte keine Mühe sich durchs Fleisch zu
fressen. Eine spezielle Legierung sorgte dafür, dass
die Haut verätzt wurde und durch die tiefen
Schnitte, wurde der gesamte Blutkreislauf in Sekundenbruchteilen
verseucht. Es blieb nie sehr viel
von den Abtrünnigen übrig. Ein wenig Asche und
Flüssigkeit, die niemand mehr so recht zuordnen
konnte. Das war mehr als effektiv, doch ich hatte
nicht sonderlich viel für Waffen übrig. Meistens
trug ich nichts dergleichen bei mir. Wozu auch?
Ich war die gefährlichste Waffe, die ich einsetzen
konnte und mehr benötigte ich auch nicht.
Wir machten es schnell und sauber, so wie immer.
Als ich mich umdrehte, saß das Mädchen noch
immer auf dem Boden, die Augen geschlossen und
die Arme fest um den kleinen Körper geschlungen.
Bevor ich sie ansprach, zwang ich den Vampir in
mir zurück, ich drängte ihn wieder ins Verborgene.
Meine Fangzähne verformten sich erneut und
ein scheinbar menschliches Gebiss kam zum Vorschein.
„Du kannst die Augen jetzt wieder aufmachen,
meine Kleine."
Ich beugte mich vorsichtig zu dem Mädchen hinunter,
um es nicht noch mehr zu verängstigen.
Es traf mich jedoch völlig unvorbereitet, wie ein
Blitzschlag in meinem Kopf, der meinen Schädel in
zwei Hälften zu zerbrechen drohte. Der Duft dieses
Mädchens war so verlockend, dass er mir beinahe
die Sinne raubte. Vanille, überlegte ich
schnell, sie roch ähnlich wie Vanille, aber nicht nur
der Körper, sondern auch ihr Blut. Unerträglich
und so unbeschreiblich süß, dass ich keine andere
Wahl hatte, als mich wieder von ihr ein Stück zu
entfernen. Meine Bewegungen glichen allerdings
wohl mehr einem Taumeln.
Peter schien meine Verwirrtheit zu bemerken.
„Alles klar bei dir, Nicholas?"
Es klang überrascht.
Ich benötigte einen kurzen Moment, ehe ich meinen
Blick auf ihn richten konnte.
„Ja, es ist nichts."
Er kam langsam auf mich zu und wirkte dabei
wie ein Kreuzritter - besudelt mit dem Schmutz
der Ungläubigen.
„Soll ich mich zuerst um das Mädchen kümmern?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Fang mit den Jungen an."
„Wie du meinst."
Er drehte sich achselzuckend zu den beiden anderen
Kindern um. Ihre Todesangst war überdeutlich
zu spüren. Verständlich, wie konnten sie auch
entscheiden, wer gut und wer böse war? Was bedeuteten diese Worte überhaupt? War ich der Gute,
weil ich sie vor den blutrünstigen Vampiren beschützt
hatte? Ich wusste zwar, dass ihre Furcht
bald vorbei sein würde, aber der Preis dafür war
zu hoch als das ich behaupten konnte, besser zu
sein als diese Verräter. Peter besaß eine gefährliche
Gabe, die in seinen Händen allerdings äußerst hilfreich
war. Seine Aufgabe bestand darin, dass Gedächtnis
der involvierten Sterblichen zu löschen,
wir konnten schließlich keinen Menschen zurück
ins Leben schicken, der über uns Bescheid wusste.
Wahrscheinlich würde man keinem dieser Kinder
Glauben schenken, die Polizei und die Medien
würden es einfach als psychischen Schock abtun,
der durch eine Entführung ausgelöst werden
konnte, doch wir verließen uns nicht auf Vermutungen.
Kein wirklicher Trost.
Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln und
starrte erneut das junge Mädchen vor mir an. Ihre
tiefblauen Augen musterten mich und in ihnen lag
soviel Wissen und Verstand. Abermals bückte ich
mich, aber dieses Mal blieb ich etwas auf Abstand.
„Wie heißt du?"
Sie zögerte. Ihre Angst vor mir war regelrecht
greifbar. Natürlich, ich war ein Vampir und sah in
diesem Moment auch noch so aus. Meine Zähne
wirkten vielleicht wieder normal, aber die Iris
meiner Augen glühte noch immer in einer unmenschlichen
Schattierung.
„Lesley."
Ihre Antwort war eigentlich nur ein Flüstern,
aber es vibrierte in meinen Adern. Sie musste ein
Engel sein! Ihre langen, dunklen Locken umrahmten
das bildschöne, wenn auch äußerst bleiche Gesicht.
Sie wirkte wie eine Figur aus einem Gemälde,
detailgetreu auf Leinwand gebannt, wie aus
vergangenen Zeiten. Dichte Wimpern zierten ihre
ohnehin schon großen Augen und ihre vollen Lippen
wirkten geradezu verführerisch. Ich konnte
gar nicht glauben, dass sie erst elf oder zwölf Jahre
alt sein sollte. Sie würde zweifellos unzähligen
Männern das Herz brechen, wenn sie erst einmal
erwachsen war.
Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, um
endlich wieder aufzustehen. In meinem Kopf brachen
urplötzlich so viele Bilder auf mich ein, dass
ich Mühe hatte, sie wieder zurück zu drängen.
Peter nahm den beiden anderen Teenagern ihr
Gedächtnis. So wie jedes Mal und er würde bei ihr
das Gleiche tun. Wieso verursachte mir dieser Gedanke
auf einmal solches Unbehagen? Es war
schließlich immer dieselbe Prozedur und eine bessere
Alternative als diesen unschuldigen Kindern
das Leben zu nehmen.
Lesley streckte auf einmal ihre kleine Hand nach
mir aus, sie musste ein wenig nach vorne rücken,
um mich zu erreichen. Ich ließ es einfach geschehen.
Sie berührte ganz vorsichtig meine rechte
Hand, die ihr am nächsten war. Ihre warme Haut
traf auf meine und schlagartig durchfuhr mich ein
eigenartiges Gefühl. So etwas hatte ich noch niemals
zuvor empfunden. Es war wie eine Art
Stromschlag, ein kurzes Prickeln auf meinen Fingern,
das sich bis zu meinem Unterarm hinaufzog.
Ich weiß nicht, ob sie etwas Ähnliches empfand,
aber ihre Finger zogen sich augenblicklich wieder
von mir zurück. Ihre leuchtenden Augen fixierten
mich mit einer Mischung aus Faszination und
Furcht. Was passierte hier?
„Das wäre erledigt. Jetzt nur noch sie, dann können
wir von diesem Ort verschwinden."
Peter stand plötzlich neben mir. Ich hatte ihn anscheinend
gar nicht bemerkt. War ich so abgelenkt
gewesen? Was hatte dieses dünne Mädchen bloß
an sich, das mich so faszinieren konnte?
„Nicholas?"
Ich schüttelte meinen Kopf und drehte mich zu
Peter.
„Nicht nötig", hörte ich mich auf einmal selbst
sagen. „Sie wird sich ohnehin nicht mehr daran erinnern."
„Wie bitte?"
Er sah mich mit hochgezogenen Brauen an.
„Du brauchst ihr nicht das Gedächtnis zu nehmen."
„Das ist gegen die Regeln, Nicholas!"
„Ich weiß", sagte ich knapp und setzte mich in
Bewegung.
„Das kann ich nicht tun. Du weißt was passiert,
wenn die Ältesten davon erfahren."
Ich fuhr zu ihm herum.
„Ich sagte, du lässt es bleiben! Sie werden nichts
davon erfahren. Wir gehen - jetzt!"
Ich war derjenige, der entschied, was wir taten.
Er presste seine Zähne hörbar aufeinander.
„Wieso?", fragte er und deutete mit seinem
Schwert auf das Mädchen. Die Kleine saß noch
immer zu unseren Füßen.
Wieder sog ich die kühle Luft ein.
„Ich weiß es nicht, aber irgendetwas sagt mir,
dass es das Richtige ist."
So banal es klang, es war die Wahrheit, auch
wenn die Stimme in meinem Kopf fassungslos
war.
Peter schüttelte den Kopf und ein tiefer Seufzer
kam aus seiner Kehle.
„Ich habe bisher nicht ein einziges Mal deine Entscheidungen
in Frage gestellt."
Das Kodachi verschwand wieder unter seinem
Mantel.
„In diesem Fall glaube ich allerdings, dass es ein
Fehler sein wird, mein Freund."
„Dann werde ich dafür die Konsequenzen tragen",
entschied ich düster.
„Wie du willst..."
Peter ging an mir vorbei ohne den Menschen oder
mir noch einmal einen Blick zu schenken.
Ein letztes Mal drehte ich mich um und musterte
das kleine Mädchen. Ihre großen Augen ruhten
noch immer auf mir. Ich lächelte kurz, obwohl mir
klar war, dass sie das nicht wirklich beruhigen
würde, doch es war wie eine Art Reflex.
Ich sah mich nicht mehr nach ihr um, als ich meinem
Verbündeten durch die dunkle Gasse folgte,
doch ich spürte ihren Blick, bis wir über die Dächer
der umliegenden Gebäude verschwunden
waren.
In den Nachrichten hieß es hinterher, dass die
Teenager auf einer Schulreise von Unbekannten
entführt worden waren. Die Lehrerin wurde ebenfalls
angeblich vermisst, so bezeichneten es zumindest
die Fernsehsender, aber ich wusste bereits,
dass sie längst tot war. Ich hatte sie begraben.
Wir waren zu spät gekommen, die Abtrünnigen
hatten sie vor uns erwischt.
Wenigstens war mir die Genugtuung geblieben,
dass wir den drei Kindern das Leben retten konnten.
Die Medien veröffentlichten die Information,
dass alle Kinder unter Schock standen. Die beiden
Jungen litten zudem noch unter einer besonders
schweren Form von Amnesie. Keiner der Teenager
wusste noch etwas aus dieser Nacht. Genauer gesagt,
wussten sie überhaupt nichts mehr, selbst ihre
Namen hatten sie vergessen. Peters Gabe war
gnadenlos, sie löschte einfach alles aus.
Nur eine hatte ihr Gedächtnis behalten dürfen
und ich wusste nicht, warum ich bei ihr eine Ausnahme
gemacht hatte. Sie war die Einzige, die sich
an alles erinnern konnte, aber sie hatte anscheinend
nichts verraten. Seltsamer kleiner Engel. Ich
konnte nur hoffen, dass sie mich vergessen würde
und alles, was geschehen war. Um ihretwillen.
Letztendlich sollte es mir egal sein. Es musste mir
egal sein. Ich würde ohnehin keinen der Sterblichen
jemals wieder sehen, das hatte ich zumindest
gedacht.
Zehn Jahre sollten vergehen, bis ich eines Besseren
belehrt wurde.
Auf den zweiten Blick
Es war ein kühler und wolkenverhangener Oktobermorgen,
als ich mir meinen Weg durch die unentwegt
plappernden Studentenmassen bahnte.
Letzte Nacht war lang gewesen, aber wenigstens
hatte es sich gelohnt. Ich hatte zwei Neuankömmlinge
zur Strecke gebracht, die eine Blutspur durch
das Universitätsviertel von Cambridge geplant
hatten. Bis zum Sonnenaufgang war ich unterwegs
gewesen. Als Mensch hätte mir der massive
Schlafentzug sicherlich schwer zu schaffen gemacht,
aber ich war kein Sterblicher mehr. Als
Vampir brauchte ich in der Regel keine Ruhe um
mich zu regenerieren, dafür sorgte einzig und allein
die Nahrungsaufnahme. Die Abtrünnigen hatten
mir in der letzten Nacht - wie so oft - auch als
Energiequelle gedient.
Ich fühlte mich blendend und war sogar motiviert
ein paar Vorlesungen wahrzunehmen, wenn
ich diese Wahl gehabt hätte, doch ich war nun
einmal kein Student dieser Uni. Das Claire College
stand erst seit kurzer Zeit unter meiner Obhut. Ich
blieb vor dem Haupttrakt stehen und betrachtete
die edle Fassade im Renaissance]Stil, die das vordere
Gebäude zierte. Sie allein ließ bereits erahnen,
wie privilegiert diejenigen sein mussten, die hier
tatsächlich einen Studienplatz ergattert hatten.
Diesen Luxus hätte ich mir durchaus leisten können,
aber ich gehörte nicht zu den Menschen hier,
auch wenn ich unter ihnen wandelte, so hielt ich
mich stets im Hintergrund. Als Vampir durfte ich
nicht auffallen. In den meisten Fällen beachteten
uns die Leute auch nicht wirklich und wenn wir es
wollten, waren wir regelrecht unsichtbar. Ein unabdingbarer
Vorteil, denn den vielen Sagen und
Ammenmärchen zum Trotz: nicht jeder Vampir
war mit Schönheit gesegnet. Zu damaligen Zeiten
galt ein blasses Erscheinungsbild vielleicht als vornehm,
heute wurde man entweder als Gothicfreak
betitelt oder als Stubenhocker abgetan. Es traf weder
das eine, noch das andere auf mich zu, deswegen
war ich froh, in England zu sein. Es herrschten
fast ideale Bedingungen für unsereins. Zugegeben
es regnete nicht so häufig, wie man durch die weit
verbreiteten Gerüchte hätte erwarten können, aber
an den meisten Tagen war es bewölkt, und das
reichte schon aus, damit wir uns unerkannt unter
den Menschen aufhalten konnten. Die meisten
Sterblichen hier waren also nicht bedeutend gebräunter
als unsereins.
Meine Sinne waren auch heute wieder bis aufs
äußerste geschärft, als ich die Treppen des Hauptgebäudes
betrat. Eine Gruppe von fünf tuscheln
den Mädchen kam mir entgegen und sie warfen
mir ein paar verstohlene Blicke zu. Sie gingen
wohl davon aus, dass ich einer von ihnen war.
Durch die Unsterblichkeit hatte sich mein Äußeres
tatsächlich kaum verändert. Mein dunkelbraunes
Haar war noch immer voll und ungebändigt, es
reichte mir bis zum Kinn und ich ließ es meistens
locker in meine Stirn fallen. Ich wollte dadurch
meine Augen weitestgehend verbergen, weil mein
Blick mich verraten konnte. Für mein junges Aussehen
lag einfach zuviel Wissen darin, denn ich
wirkte noch immer wie ein zweiundzwanzigjähriger
Mann; das war mein Alter, als ich verwandelt
wurde. Die jungen Frauen würden mich allerdings
schnell wieder vergessen, das war gut so. Genauso
musste es nun einmal sein.
Ich erreichte den großen Zugang der Eingangshalle.
Die Tür war nur halb geöffnet, doch mir
stieg augenblicklich ein Geruch in die Nase, der
mir irgendwie bekannt vorkam. Meine gesamte
Aufmerksamkeit wurde sofort nur auf eine einzige
Person gelenkt: es war eine junge Frau und sie war
so atemberaubend schön, dass ich sicherlich erstickt
wäre, wenn ich Luft benötigt hätte. Ich hatte
tatsächlich aufgehört, Sauerstoff in meine Lungen
zu pumpen, was wir in der Regel aber sowieso nur
zu Tarnungszwecken taten.
Ihr Duft trieb mir wellenartig entgegen und ich
sog ihn gierig ein. Sie roch nicht wie die anderen
Menschen um mich herum. Vanille, schoss es mir
durch den Kopf. Diese Nuance war aber noch mit
etwas anderem vermischt, was ich in diesem Moment
jedoch nicht deuten konnte, aber ich wusste,
dass ich dieses Aroma bereits kannte. Es musste allerdings
schon eine ganze Weile her sein...
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