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Abtrünnig


Chronik eines Vampirs

von Vanessa Dungs

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783862540136
Ausstattung:
Softcover
Preis:
9.95 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
AAVAA-Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
verlag@aavaa.de
Leseprobe

Vorwort

Ich bin ein Vampir.

Ich bin unsterblich.

Ich lebe unter euch Menschen, ohne dass ihr etwas

bemerkt.

Ich befolgte Gesetze und gewisse Regeln,

doch für eine Sterbliche habe ich sie gebrochen...

das ist nichts Neues meint ihr?

Wenn es nur so einfach gewesen wäre...

 

Prolog - Der kleine Engel

Ich ließ meinen Blick über die Lichter der Stadt

gleiten. London war ein Paradies für unseresgleichen,

dunkle, verwinkelte Gassen, die an belebte

Einkaufsstraßen und elegante Wohnviertel anknüpften.

Das pulsierende Leben war direkt unter

uns, zum Greifen nah, aber wir blieben im Verborgenen.

Peter stand abwartend neben mir, die Hände bereits

zu Fäusten geballt. Sein kastanienbraunes

Haar fiel ihm in die Stirn, doch ich konnte trotzdem

die Ungeduld in seinen Augen erkennen. Sein

Mund war geöffnet und die Spitzen seiner Eckzähne

blitzten mich kampfbereit an. Er war in Position

und lauerte begierig auf mein Signal zum

Angriff. Es war soweit.

Ich nickte ihm zu und lehnte mich dabei zurück.

Mit genug Schwung stieß ich mich kraftvoll ab

und Peter tat es mir gleich. Wir sprangen durch die

Luft, wie zwei Raubkatzen auf Beutefang und im

nächsten Moment landeten wir auch schon auf

dem Dach eines abrissreifen Bürogebäudes. Lautlos.

Selbst die Geschöpfe dort unten in der Gasse

konnten uns nicht hören, denn der schier übermächtige

Durst vernebelte ihre - sonst so präzisen

- Sinne.

 

Es war unsere Aufgabe sie aufzuhalten. Schon

viel zu oft hatten wir die Spuren der Verwüstung

rückgängig machen müssen, aber manchmal kamen

wir zu spät.

Es hatte Opfer gegeben. Unschuldige, die entweder

als Nahrung dienten oder verwandelt wurden,

ohne dass sie eine Wahl gehabt hätten. Heute

Nacht würde es zumindest für vier von ihnen zu

Ende gehen.

Es waren ausschließlich männliche Artgenossen.

Sie hatten eine Gruppe Schüler im Visier, drei Teenager,

ein Mädchen und zwei Jungen, gerade mal

elf oder zwölf Jahre alt. Ihr Blutgeruch stieg mir in

die Nase und für den Bruchteil einer Sekunde begriff

ich, warum die Vampire es auf sie abgesehen

hatten. Sie waren so rein und unschuldig. In meinem

Kiefer begann es zu pochen und ich ließ meinem

Instinkt freien Lauf. Messerscharfe Fänge

schoben sich aus meinem Zahnfleisch und vereinigten

sich in wenigen Augenblicken mit den

stumpfen Zähnen. Die menschlich aussehenden

Eckzähne wichen blitzschnell meiner tödlichsten

Waffe.

Ich atmete hastig die kalte Luft ein und sog sie

gierig in meine Lungen, auch wenn ich sie nicht

zum Leben benötigte, so half sie mir dennoch daran

zu denken, warum wir hier waren. Ich war

nicht so, wie diese Monster dort unten in der Gasse,

aber das durfte ich auch nicht vergessen.

Die Vampire trieben die ängstlichen Kinder eilig

zusammen. Sie saßen in der Falle, wie Lämmer auf

der Schlachtbank.

„Es wird nur ein bisschen weh tun, meine Kleine",

lachte einer.

Er hatte das dünne Mädchen im Arm und seine

scharfen Eckzähne blitzten im Licht einer altersschwachen

Straßenlaterne. Sie war starr vor

Angst, kein Laut kam über ihre blassen Lippen.

„Na, los Declan. Worauf wartest du?"

Einer von ihnen schien ungeduldig zu werden.

Der andere Vampir fuhr wütend zu ihm herum.

„Halt deine verdammte Klappe!"

„Ist ja gut."

Mit erhobenen Händen wich er vor seinem größeren

Artgenossen zurück.

„Ich werde es genießen, kapiert?"

Der Vampir, der anscheinend das Sagen hatte,

drehte sich wieder um. In seinen Mundwinkeln

zuckte ein dämonisches Grinsen, als er sich wieder

seiner potenziellen Beute widmete.

Ich gab meinem Verbündeten ein Zeichen und im

gleichen Augenblick sprangen wir in die Tiefe. Der

Verräter kam nicht dazu, sein auserwähltes Opfer

zu beißen, denn ich war blitzschnell bei ihm. Ohne

zu zögern, riss ich seinen linken Arm herum, mit

dem er das Mädchen festhielt. Die Kleine fiel zu

Boden, doch noch immer gab sie keinen Laut von

sich. Der Vampir dagegen schrie vor Schmerz; ich

hatte sein Handgelenk gebrochen. Unnachgiebig

zwang ich ihn in die Knie, meine Kraft ging weit

über seine hinaus, er hatte keine Chance meinem

Griff zu entkommen. Ich hatte allerdings auch

nichts anderes erwartet. Er war noch nicht lange

einer von uns und er würde auch niemals so werden

wie Peter oder ich, für ihn würde es jetzt enden.

Bevor ich diesem Abtrünnigen seine gerechte

Strafe zufügen würde, wandte ich mich zu dem

Mädchen. Sie lag zitternd neben mir auf dem Asphalt

und ihre großen blauen Augen starrten mich

voller Panik an. In dieser Sekunde überkam mich

ein völlig unerwartetes Gefühl. - Nein, es war

mehr ein Verlangen! Ich wollte ihr diese Furcht

nehmen und mehr noch, ich wollte nicht, dass sie

das alles mit ansehen musste. Eigentlich durfte es

überhaupt keine Rolle spielen, es hatte bisher keine

Rolle gespielt, aber das tat es jetzt plötzlich. Warum

auch immer.

Ich beugte mich zu ihr hinunter, ohne dabei meinen

Griff vom Verräter zu lösen, dadurch musste

er auf seinen Knien bleiben, und genau deshalb

versuchte er sich nicht mehr zu bewegen. Jede

noch so kleine Veränderung seiner Haltung, würde

ihm mehr Schmerzen zufügen.

„Sieh nicht hin. Du brauchst keine Angst mehr zu

haben. Schließ deine Augen, dann ist gleich alles

vorbei."

Ich ließ meine Worte beruhigend klingen und sie

hatten die erhoffte Wirkung. Ihre zarten Lider

senkten sich. Sie winkelte ihre Beine an und zog sie

bis unters Kinn. Ihre dünnen Arme legten sich

schützend um die schmalen Knie.

Das Mädchen hielt ihre Augen fest geschlossen,

während ich dem zappelnden Vampir das bisschen

Leben nahm, das noch durch seine kalten

Adern floss.

Peter hatte sich parallel auf die Gruppe der drei

anderen Verräter gestürzt. Sie hatten die beiden

Jungen zuvor eingekreist und sich halbherzig um

ihre Beute gestritten. Bevor die Schreie der Verräter

auch nur durch die Luft hallen konnten, war es

bereits um sie geschehen. Ich kannte keinen Vampir,

der so geschickt und präzise mit einer Klinge

umgehen konnte wie Peter. Seine bevorzugte Waffe

war ein japanisches Kurzschwert, ein Kodachi.

Leicht zu transportieren und dennoch äußerst effektiv,

wenn es richtig geführt wurde. Die scharfe

Schneide hatte keine Mühe sich durchs Fleisch zu

fressen. Eine spezielle Legierung sorgte dafür, dass

die Haut verätzt wurde und durch die tiefen

Schnitte, wurde der gesamte Blutkreislauf in Sekundenbruchteilen

verseucht. Es blieb nie sehr viel

von den Abtrünnigen übrig. Ein wenig Asche und

Flüssigkeit, die niemand mehr so recht zuordnen

konnte. Das war mehr als effektiv, doch ich hatte

nicht sonderlich viel für Waffen übrig. Meistens

trug ich nichts dergleichen bei mir. Wozu auch?

Ich war die gefährlichste Waffe, die ich einsetzen

konnte und mehr benötigte ich auch nicht.

Wir machten es schnell und sauber, so wie immer.

Als ich mich umdrehte, saß das Mädchen noch

immer auf dem Boden, die Augen geschlossen und

die Arme fest um den kleinen Körper geschlungen.

Bevor ich sie ansprach, zwang ich den Vampir in

mir zurück, ich drängte ihn wieder ins Verborgene.

Meine Fangzähne verformten sich erneut und

ein scheinbar menschliches Gebiss kam zum Vorschein.

„Du kannst die Augen jetzt wieder aufmachen,

meine Kleine."

Ich beugte mich vorsichtig zu dem Mädchen hinunter,

um es nicht noch mehr zu verängstigen.

Es traf mich jedoch völlig unvorbereitet, wie ein

Blitzschlag in meinem Kopf, der meinen Schädel in

zwei Hälften zu zerbrechen drohte. Der Duft dieses

Mädchens war so verlockend, dass er mir beinahe

die Sinne raubte. Vanille, überlegte ich

schnell, sie roch ähnlich wie Vanille, aber nicht nur

der Körper, sondern auch ihr Blut. Unerträglich

und so unbeschreiblich süß, dass ich keine andere

Wahl hatte, als mich wieder von ihr ein Stück zu

entfernen. Meine Bewegungen glichen allerdings

wohl mehr einem Taumeln.

Peter schien meine Verwirrtheit zu bemerken.

„Alles klar bei dir, Nicholas?"

Es klang überrascht.

Ich benötigte einen kurzen Moment, ehe ich meinen

Blick auf ihn richten konnte.

„Ja, es ist nichts."

Er kam langsam auf mich zu und wirkte dabei

wie ein Kreuzritter - besudelt mit dem Schmutz

der Ungläubigen.

„Soll ich mich zuerst um das Mädchen kümmern?"

Ich schüttelte den Kopf.

„Fang mit den Jungen an."

„Wie du meinst."

Er drehte sich achselzuckend zu den beiden anderen

Kindern um. Ihre Todesangst war überdeutlich

zu spüren. Verständlich, wie konnten sie auch

entscheiden, wer gut und wer böse war? Was bedeuteten diese Worte überhaupt? War ich der Gute,

weil ich sie vor den blutrünstigen Vampiren beschützt

hatte? Ich wusste zwar, dass ihre Furcht

bald vorbei sein würde, aber der Preis dafür war

zu hoch als das ich behaupten konnte, besser zu

sein als diese Verräter. Peter besaß eine gefährliche

Gabe, die in seinen Händen allerdings äußerst hilfreich

war. Seine Aufgabe bestand darin, dass Gedächtnis

der involvierten Sterblichen zu löschen,

wir konnten schließlich keinen Menschen zurück

ins Leben schicken, der über uns Bescheid wusste.

Wahrscheinlich würde man keinem dieser Kinder

Glauben schenken, die Polizei und die Medien

würden es einfach als psychischen Schock abtun,

der durch eine Entführung ausgelöst werden

konnte, doch wir verließen uns nicht auf Vermutungen.

Kein wirklicher Trost.

Ich versuchte meine Gedanken zu sammeln und

starrte erneut das junge Mädchen vor mir an. Ihre

tiefblauen Augen musterten mich und in ihnen lag

soviel Wissen und Verstand. Abermals bückte ich

mich, aber dieses Mal blieb ich etwas auf Abstand.

„Wie heißt du?"

Sie zögerte. Ihre Angst vor mir war regelrecht

greifbar. Natürlich, ich war ein Vampir und sah in

diesem Moment auch noch so aus. Meine Zähne

wirkten vielleicht wieder normal, aber die Iris

meiner Augen glühte noch immer in einer unmenschlichen

Schattierung.

„Lesley."

Ihre Antwort war eigentlich nur ein Flüstern,

aber es vibrierte in meinen Adern. Sie musste ein

Engel sein! Ihre langen, dunklen Locken umrahmten

das bildschöne, wenn auch äußerst bleiche Gesicht.

Sie wirkte wie eine Figur aus einem Gemälde,

detailgetreu auf Leinwand gebannt, wie aus

vergangenen Zeiten. Dichte Wimpern zierten ihre

ohnehin schon großen Augen und ihre vollen Lippen

wirkten geradezu verführerisch. Ich konnte

gar nicht glauben, dass sie erst elf oder zwölf Jahre

alt sein sollte. Sie würde zweifellos unzähligen

Männern das Herz brechen, wenn sie erst einmal

erwachsen war.

Ich musste mich regelrecht dazu zwingen, um

endlich wieder aufzustehen. In meinem Kopf brachen

urplötzlich so viele Bilder auf mich ein, dass

ich Mühe hatte, sie wieder zurück zu drängen.

Peter nahm den beiden anderen Teenagern ihr

Gedächtnis. So wie jedes Mal und er würde bei ihr

das Gleiche tun. Wieso verursachte mir dieser Gedanke

auf einmal solches Unbehagen? Es war

schließlich immer dieselbe Prozedur und eine bessere

Alternative als diesen unschuldigen Kindern

das Leben zu nehmen.

Lesley streckte auf einmal ihre kleine Hand nach

mir aus, sie musste ein wenig nach vorne rücken,

um mich zu erreichen. Ich ließ es einfach geschehen.

Sie berührte ganz vorsichtig meine rechte

Hand, die ihr am nächsten war. Ihre warme Haut

traf auf meine und schlagartig durchfuhr mich ein

eigenartiges Gefühl. So etwas hatte ich noch niemals

zuvor empfunden. Es war wie eine Art

Stromschlag, ein kurzes Prickeln auf meinen Fingern,

das sich bis zu meinem Unterarm hinaufzog.

Ich weiß nicht, ob sie etwas Ähnliches empfand,

aber ihre Finger zogen sich augenblicklich wieder

von mir zurück. Ihre leuchtenden Augen fixierten

mich mit einer Mischung aus Faszination und

Furcht. Was passierte hier?

„Das wäre erledigt. Jetzt nur noch sie, dann können

wir von diesem Ort verschwinden."

Peter stand plötzlich neben mir. Ich hatte ihn anscheinend

gar nicht bemerkt. War ich so abgelenkt

gewesen? Was hatte dieses dünne Mädchen bloß

an sich, das mich so faszinieren konnte?

„Nicholas?"

Ich schüttelte meinen Kopf und drehte mich zu

Peter.

„Nicht nötig", hörte ich mich auf einmal selbst

sagen. „Sie wird sich ohnehin nicht mehr daran erinnern."

„Wie bitte?"

Er sah mich mit hochgezogenen Brauen an.

„Du brauchst ihr nicht das Gedächtnis zu nehmen."

„Das ist gegen die Regeln, Nicholas!"

„Ich weiß", sagte ich knapp und setzte mich in

Bewegung.

„Das kann ich nicht tun. Du weißt was passiert,

wenn die Ältesten davon erfahren."

Ich fuhr zu ihm herum.

„Ich sagte, du lässt es bleiben! Sie werden nichts

davon erfahren. Wir gehen - jetzt!"

Ich war derjenige, der entschied, was wir taten.

Er presste seine Zähne hörbar aufeinander.

„Wieso?", fragte er und deutete mit seinem

Schwert auf das Mädchen. Die Kleine saß noch

immer zu unseren Füßen.

Wieder sog ich die kühle Luft ein.

„Ich weiß es nicht, aber irgendetwas sagt mir,

dass es das Richtige ist."

So banal es klang, es war die Wahrheit, auch

wenn die Stimme in meinem Kopf fassungslos

war.

Peter schüttelte den Kopf und ein tiefer Seufzer

kam aus seiner Kehle.

„Ich habe bisher nicht ein einziges Mal deine Entscheidungen

in Frage gestellt."

Das Kodachi verschwand wieder unter seinem

Mantel.

„In diesem Fall glaube ich allerdings, dass es ein

Fehler sein wird, mein Freund."

„Dann werde ich dafür die Konsequenzen tragen",

entschied ich düster.

„Wie du willst..."

Peter ging an mir vorbei ohne den Menschen oder

mir noch einmal einen Blick zu schenken.

Ein letztes Mal drehte ich mich um und musterte

das kleine Mädchen. Ihre großen Augen ruhten

noch immer auf mir. Ich lächelte kurz, obwohl mir

klar war, dass sie das nicht wirklich beruhigen

würde, doch es war wie eine Art Reflex.

Ich sah mich nicht mehr nach ihr um, als ich meinem

Verbündeten durch die dunkle Gasse folgte,

doch ich spürte ihren Blick, bis wir über die Dächer

der umliegenden Gebäude verschwunden

waren.

In den Nachrichten hieß es hinterher, dass die

Teenager auf einer Schulreise von Unbekannten

entführt worden waren. Die Lehrerin wurde ebenfalls

angeblich vermisst, so bezeichneten es zumindest

die Fernsehsender, aber ich wusste bereits,

dass sie längst tot war. Ich hatte sie begraben.

Wir waren zu spät gekommen, die Abtrünnigen

hatten sie vor uns erwischt.

Wenigstens war mir die Genugtuung geblieben,

dass wir den drei Kindern das Leben retten konnten.

Die Medien veröffentlichten die Information,

dass alle Kinder unter Schock standen. Die beiden

Jungen litten zudem noch unter einer besonders

schweren Form von Amnesie. Keiner der Teenager

wusste noch etwas aus dieser Nacht. Genauer gesagt,

wussten sie überhaupt nichts mehr, selbst ihre

Namen hatten sie vergessen. Peters Gabe war

gnadenlos, sie löschte einfach alles aus.

Nur eine hatte ihr Gedächtnis behalten dürfen

und ich wusste nicht, warum ich bei ihr eine Ausnahme

gemacht hatte. Sie war die Einzige, die sich

an alles erinnern konnte, aber sie hatte anscheinend

nichts verraten. Seltsamer kleiner Engel. Ich

konnte nur hoffen, dass sie mich vergessen würde

und alles, was geschehen war. Um ihretwillen.

Letztendlich sollte es mir egal sein. Es musste mir

egal sein. Ich würde ohnehin keinen der Sterblichen

jemals wieder sehen, das hatte ich zumindest

gedacht.

Zehn Jahre sollten vergehen, bis ich eines Besseren

belehrt wurde.

 

Auf den zweiten Blick

Es war ein kühler und wolkenverhangener Oktobermorgen,

als ich mir meinen Weg durch die unentwegt

plappernden Studentenmassen bahnte.

Letzte Nacht war lang gewesen, aber wenigstens

hatte es sich gelohnt. Ich hatte zwei Neuankömmlinge

zur Strecke gebracht, die eine Blutspur durch

das Universitätsviertel von Cambridge geplant

hatten. Bis zum Sonnenaufgang war ich unterwegs

gewesen. Als Mensch hätte mir der massive

Schlafentzug sicherlich schwer zu schaffen gemacht,

aber ich war kein Sterblicher mehr. Als

Vampir brauchte ich in der Regel keine Ruhe um

mich zu regenerieren, dafür sorgte einzig und allein

die Nahrungsaufnahme. Die Abtrünnigen hatten

mir in der letzten Nacht - wie so oft - auch als

Energiequelle gedient.

Ich fühlte mich blendend und war sogar motiviert

ein paar Vorlesungen wahrzunehmen, wenn

ich diese Wahl gehabt hätte, doch ich war nun

einmal kein Student dieser Uni. Das Claire College

stand erst seit kurzer Zeit unter meiner Obhut. Ich

blieb vor dem Haupttrakt stehen und betrachtete

die edle Fassade im Renaissance]Stil, die das vordere

Gebäude zierte. Sie allein ließ bereits erahnen,

wie privilegiert diejenigen sein mussten, die hier

tatsächlich einen Studienplatz ergattert hatten.

Diesen Luxus hätte ich mir durchaus leisten können,

aber ich gehörte nicht zu den Menschen hier,

auch wenn ich unter ihnen wandelte, so hielt ich

mich stets im Hintergrund. Als Vampir durfte ich

nicht auffallen. In den meisten Fällen beachteten

uns die Leute auch nicht wirklich und wenn wir es

wollten, waren wir regelrecht unsichtbar. Ein unabdingbarer

Vorteil, denn den vielen Sagen und

Ammenmärchen zum Trotz: nicht jeder Vampir

war mit Schönheit gesegnet. Zu damaligen Zeiten

galt ein blasses Erscheinungsbild vielleicht als vornehm,

heute wurde man entweder als Gothicfreak

betitelt oder als Stubenhocker abgetan. Es traf weder

das eine, noch das andere auf mich zu, deswegen

war ich froh, in England zu sein. Es herrschten

fast ideale Bedingungen für unsereins. Zugegeben

es regnete nicht so häufig, wie man durch die weit

verbreiteten Gerüchte hätte erwarten können, aber

an den meisten Tagen war es bewölkt, und das

reichte schon aus, damit wir uns unerkannt unter

den Menschen aufhalten konnten. Die meisten

Sterblichen hier waren also nicht bedeutend gebräunter

als unsereins.

Meine Sinne waren auch heute wieder bis aufs

äußerste geschärft, als ich die Treppen des Hauptgebäudes

betrat. Eine Gruppe von fünf tuscheln

den Mädchen kam mir entgegen und sie warfen

mir ein paar verstohlene Blicke zu. Sie gingen

wohl davon aus, dass ich einer von ihnen war.

Durch die Unsterblichkeit hatte sich mein Äußeres

tatsächlich kaum verändert. Mein dunkelbraunes

Haar war noch immer voll und ungebändigt, es

reichte mir bis zum Kinn und ich ließ es meistens

locker in meine Stirn fallen. Ich wollte dadurch

meine Augen weitestgehend verbergen, weil mein

Blick mich verraten konnte. Für mein junges Aussehen

lag einfach zuviel Wissen darin, denn ich

wirkte noch immer wie ein zweiundzwanzigjähriger

Mann; das war mein Alter, als ich verwandelt

wurde. Die jungen Frauen würden mich allerdings

schnell wieder vergessen, das war gut so. Genauso

musste es nun einmal sein.

Ich erreichte den großen Zugang der Eingangshalle.

Die Tür war nur halb geöffnet, doch mir

stieg augenblicklich ein Geruch in die Nase, der

mir irgendwie bekannt vorkam. Meine gesamte

Aufmerksamkeit wurde sofort nur auf eine einzige

Person gelenkt: es war eine junge Frau und sie war

so atemberaubend schön, dass ich sicherlich erstickt

wäre, wenn ich Luft benötigt hätte. Ich hatte

tatsächlich aufgehört, Sauerstoff in meine Lungen

zu pumpen, was wir in der Regel aber sowieso nur

zu Tarnungszwecken taten.

Ihr Duft trieb mir wellenartig entgegen und ich

sog ihn gierig ein. Sie roch nicht wie die anderen

Menschen um mich herum. Vanille, schoss es mir

durch den Kopf. Diese Nuance war aber noch mit

etwas anderem vermischt, was ich in diesem Moment

jedoch nicht deuten konnte, aber ich wusste,

dass ich dieses Aroma bereits kannte. Es musste allerdings

schon eine ganze Weile her sein...

 

Klappentext

Nicholas De Winter befolgte immer die Gesetze seiner Art. Er hielt sich im Verborgenen und vermied unnötigen Kontakt mit den Menschen. Bis zu jenem Tag, an dem er ohne ersichtlichen Grund bereit ist, alles aufzugeben, für das er sonst immer gekämpft hatte.  Aber die Verbindung zwischen einer Sterblichen und einem Vampir ist verboten. Zu groß ist die Gefahr, entdeckt zu werden. Nicholas wird vor die Wahl gestellt und bringt mit seiner Entscheidung nicht nur sich selbst in große Gefahr. Doch wie kann er einer Frau widerstehen, die sein erstarrtes Herz bereits in den Händen hält...