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> Belletristik > ... Spuren im Sand ...
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Belletristik Bücher
Buch Leseprobe ... Spuren im Sand ..., Michaela Sale
Michaela Sale

... Spuren im Sand ...


Tagebuch einer Krankheit

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Verlag Shaker Media, Aachen
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10.04.97


Ich habe immer einen Grund gesucht, dieses Tagebuch zu beginnen. Jetzt habe ich ihn gefunden, und leider aus einem traurigen Anlaß. Am Montag, dem 07.04.97 stand ich auf, ging zum Arzt, und die Welt war nicht mehr dieselbe für mich. Diagnose: Verdacht auf Brustkrebs! Ich schreibe dieses Wort und denke, es betrifft mich nicht. Damit ist eine andere gemeint. Aber man meint, mich, mich, die ich bisher so viel Glück mit Krankheiten gehabt habe.


 


Ich dachte, ich bin tapfer, aber ich bin nicht tapfer. Ich muss immerzu weinen; Weinen um das bisschen Leben, das man hat. Noch habe ich Hoffnung. Heute wurde eine Gewebeprobe entnommen, und am Montag weiß ich, ob ich Glück habe oder nicht. So oder so, ich muss ins Krankenhaus. Uli ist so unglücklich. Ich glaube, er büßt jetzt alles ab, was er mir je Böses getan und gesagt hat. Ich habe Angst, es Ela zu sagen. Sie soll es erst erfahren, wenn ich ins Krankenhaus muss. Sie ist so furchtbar sensibel. Als ihre Ehe mit Jens in die Brüche ging, war ich sehr unglücklich. Langsam gewinne ich davon Abstand, aber ich habe trotzdem große Sorgen um sie.


Ich liebe sie von ganzem Herzen und denke immer noch, ich muss sie beschützen. Aber das will sie wohl gar nicht mehr. Es gibt für alles Unglück immer noch eine Steigerung, wie man sieht. Und wenn es wirklich Krebs ist, hoffe ich, dass man ihn ganz entfernen kann. Trotzdem wird mir die Angst jahrelang im Nacken sitzen, und nicht nur mir.


 


Vielleicht lache ich eines Tages, wenn ich diese Zeilen lese. Aber im Augenblick habe ich eine Scheißangst. Es tut mir so leid, dass ich das meiner Familie antun muss, und ich stelle mir die Frage, die wohl alle Betroffenen stellen: „Warum gerade ich? War ich ein so schlechter Mensch, dass ich nichts anderes verdient habe?"


Aber wie gesagt, ich habe noch ein bisschen Hoffnung, dass alles gut ausgeht.


 


Samstag, 13. April 1997


Ich war mit Rosi und Gudrun zusammen. Sie versuchen mich abzulenken und beten für mich. Komisch, keiner hat je zugegeben, dass er abends betet. Aber wir tun es alle. Irgendjemanden muss man ja um Hilfe bitten können, wenn nichts mehr geht. Wie sollte man sonst weiterleben? Noch bin ich ein Mensch mit Hoffnung, aber morgen ...


Ich hoffe, ich bin stark, damit meine Familie nicht noch mehr leiden muss.


Gestern war Jens bei uns und hat angedeutet, dass Ela bereut, ihn verlassen zu haben. Ich habe schon lange gespürt, dass sie nicht glücklich ist. Für mich wäre es das Schönste, wenn die beiden sich wieder finden. Wenn mir etwas passiert, weiß ich sie bei einem guten, treuen, zuverlässigen Mann, der sie trösten wird. Vielleicht ist Jens stark genug, ihr zu verzeihen. Warum müssen sich Menschen immer so wehtun? Ich weiß, wenn dieser Kelch an mir vorüber geht, will ich ein besserer Mensch werden.


Uli ist mir so gar keine Hilfe. Aber er ist so verzweifelt, weil er mich liebt. Ich liebe ihn auch, und ich bin so froh, dass ich ihn habe. Das ist schon Hilfe genug - Menschen zu haben, die mit mir fühlen. Ela kann ich noch nichts sagen. Sie ist unglücklich genug, und sie ist auch ein schwacher Mensch. Bitte, lieber Gott, lass die beiden wieder glücklich werden!


Alles ist wieder gut zu machen, wenn man sich noch liebt.


 


Dienstag, 15. April 1997


Seit gestern weiß ich, dass alle Hoffnung umsonst war.


Ich habe KREBS!


Jetzt geht es nur noch ums Überleben. Und ich will leben! Mein armer Uli, meine arme kleine Ela, arme Rosi und mein armer süßer Kater Chico!


Ich halte mich nur mit Beruhigungstabletten auf den Beinen, denn wenn ich weine, weint Uli auch sofort.


Es Ela zu sagen wird noch ein schwerer Gang. Wenn sie selber glücklich wäre, würde sie es besser packen. Heute trifft sie sich mit Jens. Und wir haben heute Besprechung, wie die Operation gemacht wird. Lieber Gott, gib mir Kraft, damit ich für die anderen stark bin. Ich habe Angst vor dem "Danach". Immer werde ich Angst haben, es kommt wieder. Das Wort "Angst" wird für die nächste Zeit mein ständiger Wegbegleiter sein.


 


 Mittwoch, 16. April 1997


Es gibt für alles noch eine Steigerung, und diese Erfahrung habe ich gestern gemacht. Ich hatte mich schon damit abgefunden, ein Stück Busen zu verlieren. Nun muss ich die ganze linke Brust opfern, um zu überleben. Es war wie ein Schlag mit dem Holzhammer, und wenn ich mich nicht mit Tabletten über die Runden bringen würde, würde ich nur heulen. Wie schrecklich!


Heute bin ich ins Solarium gegangen, um für alle Zeiten noch ein bisschen Farbe zu tanken. Meine arme Brust hat noch einmal Wärme gespürt, ehe sie in die Mülltonne wandert. Der Arzt war sehr nett gestern, und ich vertraue ihm auch. Ich weiß noch nicht, ob ich mir eine neue Brust machen lasse. Ich weiß nicht, wie groß die Schmerzen sind, und ich weiß nicht, wie schrecklich ich "oben ohne" aussehe!


Am Sonnabend wollen wir es Ela sagen. Jens hat gesagt, er würde sie wieder zurück nehmen. Es wäre eine große Beruhigung für mich. Lieber Gott, hilf mir, über die Runden zu kommen!


 


 


Donnerstag, 17. April 1997


Der Countdown läuft!


Ich führe noch das Leben "davor", und bald kommt das Leben "danach". In einer Woche habe ich längst die Operation überstanden. Das heißt: Ich lebe! Es wird ein ganz anderes Leben. Ich kann nicht mehr bei Frau Heinrich arbeiten, ich muss bei schweren Arbeiten um Hilfe bitten, ich darf nie mehr ins Solarium. Ich bin einfach nutzlos, ein Klotz am Bein. Vielleicht kann ich noch auf den Flohmarkt gehen. Lieber hätte ich Unterleibskrebs, aber man hat mich ja nicht gefragt.


Gestern habe ich Karin Wegert, meine alte Klassenkameradin, auf dem Teltower Damm getroffen. Wir sprachen erst so belangloses Zeug, und dann fragte sie mich: "Wie geht's Dir eigentlich?" Und ich antwortete: "Beschissen" und weinte. Und dann saßen wir auf einer Bank mitten in Zehlendorf und weinten zusammen.


Wie schrecklich! Was bin ich für eine Pfeife!!


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